Sind wir „folkish“?

von Tim Peters

Man begegnet im Zusammenhang mit Asatru gelegentlich dem Adjektiv „folkish“ oder seiner – wohl etwas heiklen – deutschen Übersetzung „völkisch“. Etwas seltener hört oder liest man auch das als Gegenbegriff gemeinte „universalist(isch)“. Der Eldaring macht sich diese Begrifflichkeiten nicht zu eigen. Da sie aber immer wieder auftauchen und regelmäßig für Diskussionsstoff und in nicht unerheblichen Maße für Irritation sorgen, sei hier einmal kurz auf sie eingegangen – allerdings weniger auf ihre Bedeutung sondern vielmehr auf die Gründe, warum wir sie eben nicht für sinnvoll erachten und deshalb nicht verwenden wollen.

„Folkish“ ist eine Selbstbezeichnung einzelner Heiden und heidnischer Gruppierungen (ursprünglich vor allem im englischsprachigen Raum), die damit eine Lesart ihrer Religion kennzeichnen möchten, die besonderen Wert auf die ethnische Komponente der Tradition legt. Das Spektrum reicht dabei von durchaus gemäßigten, toleranten Personen bis hin zu ausgesprochenen Rassisten.

Ist nun der Begriff des „folkish“ schon problematisch genug, so erweist sich das „universalist“ bei näherer Betrachtung als Schimäre, die in der Konsequenz auch das „folkish“ in einem äußerst fragwürdigen Licht erscheinen läßt. Die radikaleren Vertreter der „folkish“-Richtung haben den Begriff „universalist“ geprägt, um einen Gegenbegriff zu ihrem „folkish“ zu haben – offenbar gefangen in einem Dualismus-Bedürfnis, dem unsere „westliche“ Kultur seit Etablierung des Christentums so verhaftet scheint, das aber ganz und gar nicht heidnischer Weltsicht entspricht.

Tatsächlich dürfte man aber vergeblich nach einem Heiden suchen, der sich selbst als „universalistisch“ bezeichnen würde. Der Begriff ist auch schon deshalb unsinnig, weil er eine Allgemeingültigkeit behauptet, die so niemand im Heidentum vertritt. Eine „universalistische“ Religion begegnet uns zum Beispiel im missionsbeflissenen Christentum. Kein noch so eifriger Heide würde aber von seiner Religion behaupten, sie sei die allein seligmachende Lehre für alle Menschen dieser Erde. Ganz im Gegenteil – Heiden kennen und respektieren eine Vielzahl verschiedenster religiöser Traditionen mit jeweils ganz eigenen Mythen und Gottheiten.

Es gibt faktisch kein „universalist Asatru“. Das ist vielmehr ein rein hypothetisches Konstrukt, das auf einer gedachten „Asatru-Skala“ an demjenigen Ende zu finden wäre, das der rassistischen Form des „folkish“ gegenüber läge. Man könnte dagegen vielleicht davon sprechen, daß es eine exklusive und eine tolerante Auffassung von Heidentum gibt. Die exklusive Richtung beschränkt normativ (d.h. vorschreibend) die Möglichkeit der Teilhabe an der Religion auf eine bestimmte Gruppe (die verschieden definiert sein mag). Die tolerante Richtung akzeptiert prinzipiell jeden als legitimes „Mitglied“ dieser Religion. Allerdings werden auch die Vertreter der letzteren Richtung, zu der wohl auch der Eldaring zu rechnen wäre, in individuell verschiedenem Grade einen ethnischen Fokus anerkennen. Denn dass einzelne heidnische Religionen jeweils Produkte bestimmter Kulturen und Völker sind, wird niemand leugnen können oder wollen.

Wie und warum aber sollte sich aus der Tatsache, dass heidnische Religionen ethnischen Ursprungs sind, eine ethnische „Zulassungsbeschränkung“ ableiten lassen? Gegen wen wollte man sich denn damit abgrenzen und vor allem, zu welchem Zweck? Kultur ist keine Frage der Hautpigmentierung, Religion ist nicht in den Genen kodiert. Ein Mensch, der in einer von der unseren gänzlich verschiedenen Kultur geboren und aufgewachsen ist, wird kaum den brennenden Wunsch verspüren, sich ausgerechnet uns anzuschließen. Wenn doch, so würde uns das zwar wahrscheinlich wundern – aber wenn jemand sich von den Asen gerufen fühlt, soll uns das Grund genug sein, ihn aufzunehmen. Wer auch immer sich zu uns gesellt, wird dafür seine ganz persönlichen Gründe haben. Solange die betreffende Person unsere Grundsätze und Ziele teilt und respektiert, ist sie herzlich willkommen.

Dass von all dem abgesehen, die eigene „Ethnizität“ in genetischer Hinsicht gerade für einen modernen Mitteleuropäer nahezu unmöglich festzustellen oder auch nur klar zu definieren ist, bedarf eigentlich kaum noch der Erwähnung. Genausowenig wie die Tatsache, dass unsere Vorfahren in solchen Kategorien überhaupt nicht gedacht haben.

Der Eldaring vermeidet den Begriff „folkish“, selbst in seiner gemäßigten Auffassung. Nicht nur, weil seine wörtliche deutsche Übersetzung ihn in die Nähe unguter Verwendungen in der jüngeren deutschen Vergangenheit rückt. Zwar ist „völkisch“ natürlich kein „Nazi-Wort“ per se. Aber es wäre nur schwer vermittelbar, dass man „völkisch“ nicht in dieser Bedeutung gebraucht, da dieses Adjektiv ansonsten in unserer Sprache kaum je Verwendung findet. Viel wichtiger: Der Begriff „folkish“ ist vollkommen überflüssig. In seiner gemäßigten, nicht-rassistischen Form bedeutet er nichts anderes, als dass Asatru eine ethnische Religion ist. Aber das ist Asatru per definitionem. Warum also dafür einen eigenen Begriff prägen? Und vor allem: Macht es Sinn, selbst wenn man zu dieser gemäßigten Richtung neigt, sich in eine Schublade zu begeben, die unter anderem auch Rassisten enthält? Das führt lediglich zu Erklärungsnöten, schlimmstenfalls zu eigentlich völlig unnötigen Auseinandersetzungen und Anfeindungen.

Neue begriffliche Unterscheidungen oder Kategorien einzuführen macht ganz allgemein nur dann Sinn, wenn sie helfen Klarheit zu schaffen. Das Gegenteil aber ist hier der Fall – es wird nicht nur mehr Verwirrung erzeugt, es werden auch Grenzen geschaffen, wo keine sein müssten; Missverständnisse und Feindseligkeiten sind vorprogrammiert.

Der Eldaring spricht niemandem das Recht ab, sich als „folkish“, „universalistisch“ oder wie auch immer zu betiteln. Auch wollen wir niemanden in die „rechte“ oder sonst eine Ecke stellen, bloß weil er diese oder jene Bezeichnung für sich verwendet. Niemand ist gleich ein Neonazi, nur weil er sich „folkish“ nennt. Aber die ganze „folkish/universalist“-Debatte ist im Sinne unserer Sache nur kontraproduktiv. Wir brauchen sie nicht!

Erschienen 2003 in Herdfeuer 1

Ostara – eine germanische Göttin?

von Kurt Oertel

Gegen die Existenz dieser Göttin werden in regelmäßigen Abständen (meistens pünktlich zu Ostern) auch in populären Medien heftige Zweifel vorgebracht. Hier eine Bestandsaufnahme der Fakten und Argumente. Gegen die Existenz einer germanischen Göttin mit dem Namen Ostara, die mit einem Frühlingsfest verbunden gewesen sein soll und auf deren Namen das heutige Osterfest zurückgeht, sind sehr viele Bedenken vorgebracht worden. Die Skepsis ist auch nicht ganz unberechtigt.

Andererseits sind die Indizien aber doch nicht so schlecht, wie vielfach behauptet. Vor allem die oft und völlig kritiklos nachgebetete Behauptung, Jacob Grimm habe diese Göttin erst nachträglich aus dem Namen des Osterfestes erschlossen, verrät grundlegende Unkenntnis der Quellen und stellt die Tatsachen auf den Kopf. Denn Grimm bezog sich ja gerade auf eine alte Quelle, die die Existenz der Gottheit behauptet:

 „Eostur-monath, qui nunc paschalis mensis interpretatur, quondam a dea illorum, quae Eostrae vocabatur, et cui in illo festa celebrabant, nomen habuit; a cuius nomine nunc paschale tempus cognominant, consueto antiquae observationis vocabulo gaudia novae solemnitatis vocantes“.

   „Der Ostermonat, der heutzutage als Passah-Monat übersetzt wird, hatte früher seinen Namen von einer Göttin jener [Leute], welche Eostra genannt wurde, und der sie in jenem [Monat] Feste feiern; von ihrem Namen geben sie der Osterzeit einen Beinamen, indem sie mit der gewohnten Bezeichnung für einen alten Gottesdienst die Freuden einer neuen Feierlichkeit benennen“.

So steht es bei Beda Venerabilis (De Temporum Ratione, cap. 15), einem englischen Kleriker, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts die heute maßgeblichen Quellen über die Bekehrung der Angelsachsen und die frühe Kirchengeschichte Britanniens verfasste. Und mit einer gewissen Beruhigung scheint der geistliche Chronist zu vermerken, dass der fragliche Zeitraum ja nun „Passah-Monat“ (paschalis mensis) heißt, und nicht mehr den heidnischen Namen trägt.

Grimm hat aus dieser Stelle nun auf eine auch im weiteren germanischen Raum bekannte Göttin geschlossen, deren Namen er für den Kontinent als „Ostara“ ansetzt. Diese Form hat er aus dem althochdeutschen Monatsnamen „ostarun“ abgeleitet, wobei es erwiesen ist, dass das heutige Osterfest nach diesem – auch im deutschen Raum – heidnischen (!) Monatsnamen benannt ist und nicht etwa umgekehrt.

Um es gleich zu sagen:

Die von Grimm erschlossene Form „Ostara“ ist allerdings schon deshalb sehr zweifelhaft, weil niemand weiß, ob sie zu der Zeit, als sich die althochdeutsche Form des Monatsnamens „ostarun“ entwickelt hatte, überhaupt noch verehrt wurde. Denn vom heutigen Norddeutschland abgesehen war der größte Teil des Landes da schon christlich. Durch die sprachliche Rückführung der verschiedenen Formen lässt sich aber problemlos die altgermanische Form „Austro“ erschließen, was sich einfach mit „die Östliche“ übersetzen lässt. Und das wäre dann der alte und korrekte Name der Göttin … wenn es sie denn wirklich gegeben hat.

Im indoeuropäischen Kontext ist die Göttin außerordentlich gut belegt. Im Altindischen lautet das Wort „usastara“, die entsprechende Göttin Usas, und sie ist die meistgenannte Göttin des Rig-Veda. Ihr entspricht die litauische Ausrine, die Göttin der Morgendämmerung, die mit zahlreichen Mythen bezeugt ist. Sie wird auch als „dughtar dievo“ (Tochter des Himmels) bezeichnet. Die griechische Eos dürfte hinreichend bekannt sein, ebenso die römische Aurora, deren Mythologie aber auf die mater matura (Die Mutter des Morgens) übergegangen ist, der eigene Tempel geweiht waren. Die Existenz einer allgemein verbreiteten indoeuropäischen Göttin der Morgenröte und des Sonnenaufgangs, vielleicht des Lichts schlechthin, deren Name auch sprachlich überall eng mit unserer hypothetischen Austro verwandt ist, ist damit zweifelsfrei belegt.

All das ist zwar noch kein Beweis dafür, dass es sie deshalb bei den Germanen auch gegeben haben muss, denn die individuelle Entwicklung der einzelnen Gottheiten dürfte in den indoeuropäischen Kulturen nach Trennung der ursprünglichen Sprachfamilien noch erhebliche Sonderwege durchlaufen haben. Auf einfache Weise widerlegt wird dadurch aber schon mal die unsinnige Behauptung, dass es außer dem deutschen Wort „Ostern“ überhaupt keinen weiteren Anhaltspunkt für die Existenz einer solchen Göttin gebe.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft nun das Originalzitat von Beda selbst. Es wurde nämlich auch ihm unterstellt, er habe diese Göttin namens Eostra erfunden. So noch am schärfsten Wolfgang Golther in seinem „Handbuch der Germanischen Mythologie“. Golthers Argument ist, dass die germanischen Monate auch sonst nicht nach Gottheiten benannt waren. Er stellt (zu Recht) die Existenz tatsächlicher Gottheiten hinter den altnordischen Monatsnamen Gói und þorri in Frage. Allerdings ist das kein schlagkräftiges Argument, denn altnordische Eigenheiten taugen generell schlecht dazu, Fragen zu viel älteren kontinentalen Verhältnissen beweisen oder widerlegen zu wollen. Immerhin muss auch er zugeben, dass die germanische Existenz einer Göttin der Morgenröte durchaus möglich, wenn auch (damals!) durch kein über Beda hinausgehendes Zeugnis erwiesen war. Auch Simrock hält den Namen der Göttin für eine Erfindung Bedas, leugnet aber ebenfalls nicht generell deren mögliche Existenz.

Beide Meinungen stammen aus den gefährlichsten Tiefen des 19. Jahrhunderts, und ausgerechnet darauf berufen sich immer eben jene, die sonst nicht genug Gift auf die stets unermüdlich angeprangerten Irrwege der „Germanenforschung“ genau dieser Zeit spritzen können. Alle neueren Veröffentlichungen zum Thema stehen der Existenz der Eostra denn auch zunehmend positiver gegenüber. Philippson billigt Bedas Nachricht absolute Glaubwürdigkeit zumindest für den angelsächsischen Bereich zu, ist aber skeptisch, ob es sich um eine im gesamten westgermanischen Gebiet bekannte Gottheit gehandelt habe. De Vries, Simek und andere neuere Arbeiten sehen dagegen kaum Hindernisse für solch eine Annahme.

Bereits Grimm hat die sehr berechtigte Frage gestellt, warum Beda eine heidnische Göttin hätte erfinden sollen. Kirchliche Chronisten pflegten die alten Gottheiten mit christlichem Abscheu zu betrachten und nannten Namen durchweg nur in den Fällen, wo es sich absolut nicht vermeiden ließ oder wenn es der Bekehrungspraxis des „teuflischen Blendwerks“ dienstbar gemacht werden konnte. Die Vermutung, Beda habe hier eine Ätiologie (d.h. Ursprungserklärung des Namens) geben wollen, ist zwar theoretisch denkbar, angesichts der sonstigen Praxis christlicher Chronisten aber eher unwahrscheinlich und müsste zunächst einmal überzeugend begründet werden, was bezeichnenderweise nie erfolgt ist. Gerade Beda gilt in seinen Nachrichten nämlich als sehr zuverlässig.

Wie steht es nun mit der Annahme, dass die Göttin zwar bei Angeln und Sachsen bekannt, darüber hinaus aber nicht allgemein verbreitet war? Dafür könnte sprechen, dass uns Personennamen mit dem Namensteil nur aus angelsächsischen Quellen überliefert sind: Easterbeald, Easterhild, Easterwine, Easterwulf usw. Gleichzeitig ist deren Vorkommen aber wieder ein starker Hinweis auf die tatsächliche Existenz der Gottheit, denn Personennamen, die vom Namen eines Monats oder einer Jahreszeit abgeleitet sind, gibt es im germanischen Bereich überhaupt nicht. Und die Bedeutung „Ost-“ als Namensbestandteil würde ebenfalls wenig Sinn ergeben und hätte keinerlei gemeingermanischen Parallelen. Die Existenz dieser belegten Personennamen wird in der Diskussion denn auch regelmäßig unterschlagen (wohl eher aus Unkenntnis über die altenglischen Quellen insgesamt, und nicht aus Ignoranz).

Es gibt eine weitere Seltsamkeit zu klären: der Name Ostern für das Fest war außer in England (wo er sich dann entgegen der frommen Hoffnung Bedas doch gehalten hat) ursprünglich nur noch in Süddeutschland bekannt. Von dort ist er erst in vergleichsweise neuerer Zeit wieder ins allgemeine Hochdeutsch übernommen worden. In Norddeutschland hieß Ostern nämlich über Jahrhunderte „Paschen“, auch Skandinavien kennt nur diese Form (norw.: påske ; isl.: páska), die natürlich über das Kirchenlateinische vom hebräischen „Passah“ abgleitet ist.

Diese rätselhafte geographische Verteilung des Wortes ist zwar nicht ohne Erklärungsversuche geblieben. Beide Erklärungsansätze aber können nicht befriedigen.

Einerseits wurde vermutet, dass sich die alte norddeutsche Form „Paschen“ durch den starken Einfluss der Kölner Kirchenprovinz über den nördlichen Teil Deutschlands bis nach Skandinavien verbreitet hat und dass dadurch die „Ostern-Gebiete“ Süddeutschlands und Englands als Randreliktgebiete stehen geblieben sind. Das wäre dann ein starkes Argument dafür, dass Süddeutschland auch eine vorchristliche Ostara/Eostre/Austro-Tradition besaß.

Die andere Erklärung behauptet, der süddeutsche Name sei auf die angelsächsische Herkunft der dort tätigen Missionare zurückzuführen. Genau diese Möglichkeit aber bietet zwei Schwierigkeiten: zum einen waren die Missionare eher irischer und nicht angelsächsischer Herkunft. Zum anderen hätten gerade sie doch (wie auch Beda) das biblische „Passah“ dem heidnischen Namen des Festes vorgezogen. Dass ausgerechnet sie ohne Not einen heidnischen Namen für ein christliches Fest in Deutschland erst eingeführt haben sollen, ist doch sehr unwahrscheinlich.

Nun gibt es noch eine neue und recht spitzfindige Erklärung für das Wort Ostern. Die beruht auf der Tatsache, dass das altnordische Wort „austr“ (Osten, östlich) in einer einzigen Nebenbedeutung auch „Wasser“ heißen kann, von der dann auch die Verbform „ausa“ (schöpfen/gießen/besprengen) gebildet wurde. Und die Bezeichnung „ausa vatni“ (mit Wasser besprengen) ist uns aus den skandinavischen Quellen tatsächlich für die Wasserweihe bei der Namensgebung eines Kindes bekannt. Diese sei nun angeblich eine rein literarische Übernahme der christlichen Taufe und keineswegs ein heidnischer Ritus. Das Wort Ostern soll also davon abgeleitet sein und somit nichts anderes als „Wasserfest“ (= Tauffest) bedeutet haben.

Diese Erklärung ist einigermaßen bizarr, und zwar aus folgenden Gründen: die Nebenbedeutung „Wasser“ ist im Westgermanischen unbekannt. Man müsste also von einer Übernahme des Wortes frühestens erst ab dem 13. Jahrhundert aus dem bereits christlichen Skandinavien nach Deutschland ausgehen, was extrem unwahrscheinlich ist. Der Name ist für den deutschen Bereich aber schon viel früher belegt und reicht hierzulande ganz klar in vorchristliche Zeit zurück.

Sehr viel entscheidender aber ist, dass in den altnordischen Quellen durchweg und sehr deutlich zwischen heidnischer Wasserweihe und christlicher Taufe differenziert wird: erstere wird mit „ausa vatni“ (mit Wasser besprengen) bezeichnet, während letztere immer mit „skí­ra“ (reinigen) bezeichnet wird. „Mit Wasser besprengen“ kann sich schon allein deshalb nicht auf die christliche Taufe beziehen, weil die damals immer im Untertauchen des ganzen Körpers bestand und nicht in der heutigen Form praktiziert wurde, die paradoxerweise wieder der heidnischen Wasserweihe entspricht.

Dass die Wasserweihe bei Neugeborenen ein heidnisches Ritual ist, wird zunächst am indoeuropäischen Vergleichsmaterial klar, zweitens an den komplizierten Rechtsfolgen des Ritus, die in skandinavischen Quellen des 13. Jh. ausführlich belegt sind (und die sich schwerlich in nur so kurzer christlicher Zeit konstituiert haben können), und drittens haben wir eine sehr unverdächtige Quelle in einem Brief Papst Gregors d. Gr. an Bonifatius, in dem über das Faktum einer bei den germanischen Heiden praktizierten „Taufe“ lamentiert wird.

Was in der Diskussion stets (wohl wiederum eher aus Unkenntnis als aus Ignoranz, diesmal allerdings weit schwerer zu rechtfertigen!) unterschlagen wird, ist ein weithin bekannter archäologischer Befund.

1958 hat man in Morken-Harff am Niederrhein über 150 Weihesteine aus der Zeit um 200 n.d.Z. entdeckt, die alle einer Göttin namens Austriahenae geweiht sind, so dass hier ein bedeutendes Kultzentrum dieser Gottheit nachweisbar ist. Der Name ist eindeutig germanischen Ursprungs und der Namensteil „Austr-“ wird übereinstimmend als „Osten-“ übersetzt. Seltsamerweise wird dieser Name trotz völliger sprachlicher Übereinstimmung nie mit dem der erschlossenen „Austro“ in Verbindung gesetzt. Sie war zu dieser Zeit und in dieser Region allerdings bereits mit dem Matronenkult verschmolzen. Die Matronis Austriahenis sind damit aber der am häufigsten belegte Matronenname überhaupt. Und es wäre möglich, dass wir hier den über 150mal in Stein gehauenen Beweis für die Existenz der erschlossenen Austro vorliegen haben.

Fazit:

Die Existenz der fraglichen Gottheit ist zwar mit etlichen Unsicherheiten behaftet. Im Gegensatz zu vielen anderslautenden Behauptungen ist aber jeder Versuch eines Gegenbeweises mangels überzeugender Argumente (und vor allem mangels Kenntis der harten Fakten!) bisher noch kläglicher gescheitert.

Bei all dem erstaunt vor allem die Hartnäckigkeit der entsprechenden Versuche, deren Motive und Stoßrichtungen nicht ganz ersichtlich sind. Denn fast alle in den antiken lateinischen Quellen genannten Gottheitsnamen der Germanen sind mit weit größerer Unsicherheit behaftet (nur einmal erwähnt, keine Entsprechung in den altnordischen Quellen, keine theophoren Orts- oder Personennamen, keine archäologischen Befunde), ohne dass man hier mit vergleichbarem Eifer agitieren würde. Könnte es sein, dass die Kritiker einem (schon lange relativierten) Bild des 19. Jahrhunderts verhaftet sind, das in romantischem Überschwang ein aus literarischer Erwähnung und heutigem Osterbrauchtum verklärtes Konstrukt einer Hochgöttin postulierte, die auf einem von Hasen gezogenen Wagen – gefüllt mit bunten Eiern – den Frühling brachte?

Die Rückführung heutigen Osterbrauchtums auf eine solche Göttin steht in der Tat auf schwachen Füßen und lässt sich durch nichts belegen. Irgendwelche Formen von Frühlingsfeiern, auf die sich vieles noch heute praktiziertes Brauchtum (vor allem Osterfeuer und Maifeierlichkeiten) zurückführen lassen dürfte, sind zwar gut belegt. Auch bemalte Eier als Fruchtbarkeitssymbol sind in vielen Kulturen nachweisbar. Dennoch kann man daraus nicht schließen, dass diese Kombinationen des heutigen Brauchtums uralt sind. Das Lehrstück des zwar uralt wirkenden, aber völlig neumodischen „Weihnachtsbaumes“ sollte in dieser Hinsicht eine gute Lehre sein.

Der Name Ostara ist nicht sehr verlässlich. Denn niemand weiß, ob die Namensform der möglichen Gottheit den sprachlichen Wechsel des Monatsnamens zum Althochdeutschen noch mitgemacht hat. Mit der Form „Austro“ ist man auf alle Fälle auf der sichereren Seite.

In jedem Fall dürfte es sich um eine sehr untergeordnete Gottheit gehandelt haben, die sich weder im Kult noch in der Mythologie, sondern bestenfalls im jahreszeitlichen Brauchtum niedergeschlagen hat. Ihre Stellung dürfte eher der der Idisen oder Matronen entsprochen haben. Möglich ist, dass es sich wirklich nur um eine Personifizierung des Frühlings gehandelt hat. Die Indizien sprechen insgesamt aber eher für als gegen ihre Existenz. Den teilweise erbitterten Streit, der sich an der Frage ihrer Existenz entzündet hat, hat sie jedenfalls nicht verdient.

Erschienen 2005 in Herdfeuer 8

Was ist Heidentum?

von Kurt Oertel

Da vielen Menschen überhaupt nicht klar ist, was der Begriff Heidentum ursprünglich und in heutigem Selbstverständnis genau bezeichnet, wird das hier einmal sehr allgemeinverständlich aufgezeigt.

Der Begriff Heidentum löst oft große Missverständnisse aus, die meist aus Nichtwissen resultieren. Deshalb soll hier einmal allgemeinverständlich dargelegt werden, was der Begriff eigentlich bedeutet. Über lange Zeit wurde er gerade kirchlicherseits und auch in allgemeinem Sprachverständnis mit Atheismus, also dem Leugnen von Religion schlechthin, gleichgesetzt oder aber generell auf alle nichtchristlichen Religionen angewandt. Heidentum ist aber nichts weiter als die Selbstbezeichnung jener Religionen, die in Europa vor Einführung des Christentums herrschten. Dazu gehörten nicht nur die bekannteren Religionen der Griechen und Römer, sondern auch die der Nordeuropäer, also die der Slawen, Kelten, Balten, Germanen, Finnen usw.

Die vorchristlichen Religionen Nord-Europas werden auch oft als „Naturreligionen“ bezeichnet, so wie viele ähnliche Religionen in anderen Teilen der Welt auch. Aber dieser Begriff ist sehr missverständlich, denn viele Leute stellen sich dabei vor, dass Anhänger von Naturreligionen Tiere, Felsen oder Bäume anbeten würden. Das ist natürlich völliger Unsinn. Zwar wird die Natur sehr viel mehr als gleichberechtigte Schöpfung angesehen, angebetet aber wird sie nie. Solche Vorstellungen gehen ausschließlich auf das Unverständnis früher Missionare zurück, die nicht-christliche Frömmigkeit nur als „Geisterfurcht“ und deren Gebete und Riten nur als „primitive Magie“ ansehen konnten. Die Anhänger solcher Religionen wurden als unreife Kinder angesehen, die nicht zu einem Gott, sondern zu „Götzen“ beteten, die dann im schlimmsten Fall als „Dämonen“ oder gar gleich als der Teufel selbst bezeichnet wurden. Deshalb soll auf ein weitverbreitetes Missverständnis gleich an dieser Stelle hingewiesen werden: Heiden sind keine Satanisten. Das können sie gar nicht sein, denn um an die Existenz eines Satan überhaupt zu glauben, muss man zunächst einmal 150prozentiger Christ sein, und genau das sind Heiden eben nicht. Das Heidentum kennt keinen Teufel und keine Hölle. Genausowenig hat das Heidentum etwas mit Esoterik oder Okkultimus zu tun, denn diese Begriffe bezeichnen sogenannte Geheimlehren, die nur ausgewählten Personen zugänglich gemacht werden. Bei den heidnischen Religionen gibt es aber keine Geheimnisse oder Geheimlehren, genausowenig wie bei den meisten anderen Religionen, sondern es war schlicht und einfach die allgemeine Volksreligion unserer Vorfahren.

Leider wird auch heute noch der Begriff „Heidentum“ oft mit der Vorstellung barbarischer Wilder verbunden, die irgendwelche finsteren und grausamen Rituale vollführten. Dieses Klischee zieht sich durch Bücher und Filme und wurde früher tatsächlich sogar auch in der Schule gelehrt (wobei dann natürlich geflissentlich verschwiegen wurde, dass z.B. auch Goethe und Schiller bekennende und überzeugte Heiden waren). Viele Menschen sind im Religionsunterricht noch mit solchen Vorstellungen gefüttert worden, als diese schon längst überholt waren. Vorurteile sind oft schwer auszurotten, aber leicht weiterzugeben, auch (oder gerade!) wenn sie auffällig kindisch sind. Aber dem Christentum war es über Jahrhunderte zur Gewohnheit geworden, alle anderen Religionen als minderwertig anzusehen, und Naturreligionen wurden als geradezu „primitiv“ angesehen. Diese Auffassung liegt nicht nur an der langen Verteufelung der alten Religionen durch das Christentum, sondern auch an einer naiven Fortschrittsgläubigkeit, die es als selbstverständlich ansieht, dass der moderne Mensch wegen der rasanten Fortschritte in Wissenschaft und Technik den Menschen früherer Zeiten auch sittlich überlegen sei. Und genau das ist ein sehr großer Irrtum.

Besonders ärgerlich aus heidnischer Sichtweise sind viele Filme und Romane, die Welten aus einer uralten Zeit entstehen lassen, und in denen es von Magiern, Priesterinnen und geheimnisvollen Gottheiten wimmelt. All das soll „Heidnisches“ darstellen, es basiert aber fast immer völlig auf dem christlichen Konzept eines ewigen Kampfes des Guten gegen das Böse, wobei das Böse immer die Welt versklaven will. Das ist eine ausschließlich christliche Sichtweise der Welt, die nichts mit einem heidnischen Weltbild zu tun hat, denn einen solch christlichen Dualismus zwischen absolut gut und absolut böse gibt es im Heidentum nicht. Gerade diese christliche Vorstellung der Dualität, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, ist auch noch in den Köpfen von Menschen vorherrschend, die sich überhaupt nicht für christlich beeinflusst oder sogar für atheistisch halten, ohne dass sie merken würden, wie sehr ihr natürliches Denken dadurch zerstört worden ist, dass sie nicht mehr abwägen, die Dinge nicht mehr aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können und von einem Extrem ins andere fallen. Auch im Heidentum gilt es, eine Balance zwischen guten und eher schädlichen Strömungen und Kräften zu halten, aber das funktioniert auf sehr viel harmonischere Weise und kommt ohne die Vorstellung des absolut Bösen aus. Die Erklärung menschlicher Dummheit, allzu verständlicher Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten reicht in der Regel aus, um hinreichend zu erklären, warum es mit der Welt nicht gerade zum Besten bestellt ist.

Der Begriff „Naturreligion“ wird vor allem dazu benutzt, um ihn von dem der „Offenbarungsreligion“ zu unterscheiden. Unter Offenbarungsreligion versteht man eine Religion, die auf einen einzelnen Gründer zurückgeht und die er selbst (oder seine direkten Anhänger) in schriftlicher Form niedergelegt hat. Eine solche Schrift gilt dann als „heilig“ und unveränderbar. Der Religionsgründer behauptet, diese Schrift selbst von Gott „empfangen“ zu haben. Alle Anhänger dieser Religion sind somit gezwungen, jedes Wort dieser Verkündigung für bare Münze zu nehmen. Eigene religiöse Erfahrungen sind nicht erwünscht, da sie ja der offiziellen Lehre widersprechen könnten. Als „Vermittler“ zwischen den Menschen und dem Göttlichen gibt es vielmehr eine Priesterschaft, die den göttlichen Willen und die Worte der Schrift nach eigenem Gutdünken oder jeweiliger Notwendigkeit „auslegt“.

Naturreligionen dagegen besitzen weder einen Gründer, der sich das alles ausgedacht hat, noch „heilige Schriften“. Solche Schriften, die in bestimmten historischen Zusammenhängen entstanden sind und für diese Zeiten vielleicht gültig waren, müssen im Lauf von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden natürlich unverständlich werden. Es bedarf dann großer Spitzfindigkeit und Manipulation, einen Text, der z.B. für ein vergleichsweise winziges nomadisches Volk aus dem Alten Orient vor 3000 Jahren seine Gültigkeit gehabt haben mag, für heutige nordeuropäische Gegebenheiten als „Wahrheit“ auszulegen bzw. überhaupt noch auf völlig veränderte gesellschaftliche Realitäten anwenden zu können.

Auf religiöser Autorität basieren Naturreligionen zwar auch, doch bei ihnen entspringt sie einer anderen Quelle. Was man glauben und tun soll, das sagt den Christen ihre Kirche, die sich dabei auf Konzile, Synoden und Bekenntnistexte beruft. Deren Antworten lauten einheitlich und grenzen zugleich eine Konfession gegen die andere streng ab. Das sucht man in Naturreligionen vergeblich. Dort beruht religiöse Autorität auf Erfahrung. Weil jeder Mensch neue und andere Erfahrungen macht, lehrt und handelt er auch anders als andere, vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Weltsicht versteht sich. Doch würde niemand aus Unterschieden in Lehre oder Praxis eine Abgrenzung von „wahrem“ oder „falschem“ Glauben folgern, wie es sich im religiösen Verständnis unserer Gesellschaft eingebürgert hat.

Naturreligionen beruhen also insgesamt weniger auf reinem „Glauben“, sondern auf konkreter und für alle nachprüfbarer Erfahrung. Dort werden Weisheiten nicht schriftlich fixiert, sondern mündlich weitergegeben. Mündliche Überlieferung aber passt sich stets den notwendigen Gegebenheiten an, ohne dass deswegen die symbolischen Bilder selbst verändert werden müssen. Dazu kommt, dass Naturreligionen Techniken kennen, die jedem Menschen helfen können, einen Kontakt mit höheren Mächten selbst herzustellen, selbst Antworten zu finden und Wahrheiten konkret überprüfen zu können und sich nicht auf letztlich unüberprüfbare Aussagen irgendwelcher Gurus, Priester oder angeblich „heiliger“ Schriften zu verlassen. Wenn z.B. ein junger Indianer seine Vision sucht und sich dazu unter Fasten und anderen Techniken lange in die Einsamkeit zurückzieht, kommt er danach mit Antworten zurück, nicht mit vagen Vermutungen. Dass auch Jesus genau dieselbe Technik anwandte, die auch zu denselben Ergebnissen führte, als er vierzig Tage in die Wüste ging und dort seine Vision hatte, scheint dabei kaum einem Christen bewusst zu sein. Und er sagte nicht „Betet mich an“ sondern „Folget mir nach“ (d.h. geht denselben Weg, den auch ich gegangen bin, um zu ähnlichen Erkenntnisen zu gelangen). Auch die katholische und die griechisch/russisch-orthodoxe Kirche kannte in früherer Zeit noch diese Techniken. Sie kennt sie immer noch, vermittelt sie aber bezeichnenderweise nicht mehr bzw. nur noch in klösterlichem Umfeld.

Die christliche Vorstellung eines „Heils“, das bereits von Gott selbst ein für allemal erwirkt ist, gibt es im Heidentum nicht. Dort bleibt es Aufgabe der menschlichen Gemeinschaft, im Zusammenhang mit göttlichen und natürlichen Kräften, dieses „Heil“ zu erwirken. Diese Aufgabe wird als Verantwortung für den Fortbestand einer harmonisch funktionierenden Welt gesehen, auf Gleichgewicht und soziale Ausgewogenheit, und das lenkt die religiöse Aufmerksamkeit und Hinwendung notwendigerweise auf das Hier und Jetzt der Gegenwart. Deshalb sind Heiden auch keine frömmelnden „Jenseits-Apostel“, sondern Menschen, die mit beiden Beinen fest im täglichen Leben stehen und für die das Handeln mehr zählt, als fromme Gedanken und Worte. Natürlich kennt man auch im Heidentum eine göttliche Kraft, die in allem wirkt und erkennbar ist. Diese erfahrbare Kraft ist aber gerade für die schwer fassbar, die sie nie erlebt haben, denn hier geht es nicht um Aussagen einer Lehre oder Theorie, sondern um konkrete eigene Erfahrungen, die dem religiös entfremdeten Durchschnittseuropäer oft fremd und unbegreiflich bleiben. Und weil diese Gabe die gesamte Schöpfung umfasst, fühlt man sich auch mehr mit Tieren, Pflanzen, Flüssen verbunden. Diese Haltung wurde früher als „Animismus“ bezeichnet und überlegen belächelt. Dieser Begriff ist in der seriösen Religionswissenschaft aber glücklicherweise schon lange eingemottet und in einem Zeitalter ökologischer Bewusstseinwerdung durch die realistischere Erkenntnis ersetzt worden, dass sich der Mensch in Naturreligionen eben nicht zum Herrn der Geschöpfe macht, sondern sich eher als Bruder unter Brüdern versteht.

In Naturreligionen kennt man keine radikale Trennung von Gott und Welt, keinen strengen Unterschied zwischen religiös und weltlich. Dort bildet Religion den ganzheitlichen Untergrund für das gesamte Leben, sie lässt sich nicht „ablösen“ und als eigene isolierte Rubrik betrachten. Es ist ja bezeichnend, dass im Heidentum, z.B. bei indianischen oder afrikanischen Kulturen, Arzt, Psychotherapeut und Priester oft noch immer eine Person sind, und das meistens sehr erfolgreich.

Aus all dem folgt natürlich auch, dass Naturreligionen nicht werben und keinerlei Mission betreiben, während die sogenannten „Weltreligionen“ alle Welt bekehren wollen. Naturreligionen halten sich auch in keiner Weise für „besser“ als andere Religionen, sondern sind zutiefst einem Weltbild verpflichtet, bei dem sich religiöse Unterschiede aus unterschiedlichen ethnischen Traditionen ergeben, die in jeder Hinsicht als natürlich, normal und vor allem gleichwertig akzeptiert werden. Begriffe wie „falscher“ oder „Irr-“ oder gar „Aberglaube“ kennen sie nicht, woraus sich eine Toleranz ergibt, die den Offenbarungsreligionen unbekannt ist, da diese sich notgedrungen zu der Behauptung erdreisten müssen, es gäbe nur eine einzige Wahrheit und Sichtweise, und sie hätten diese als einzige erkannt. Daraus folgt vor allem auch, dass das Heidentum keine „Sekte“ ist. Dieser Begriff reizt Heiden sehr zum Lachen, weil es „Sekten“ ja per Definition nur in zentral normierten Religionen geben kann, die gerade dem Heidentum fremd sind. „Sekte“ bedeutet immer „Abspaltung (von einem Hauptstrom)“. Das Heidentum aber ist keine Abspaltung von irgendetwas, sondern selbst der Hauptstrom der eigenen Religion, und zwar einer mit jahrtausendealter Tradition. Schließlich kommt auch niemand auf die Idee, die Römer und Griechen der Antike als „Sekte“ zu bezeichnen, nur weil sie ihre eigene heidnische Religion ausübten. Das heutige Heidentum wirbt nicht um Anhänger, sondern lediglich um Verständnis und Toleranz.

Einer der größten Unterschiede zwischen konventionellem Christentum und Heidentum liegt in der Beziehung zwischen Menschen und Gottheiten. Die meisten Menschen lernen schon in ihrer Kindheit, dass es nur einen einzigen männlichen Gott gibt, der allmächtig und allwissend ist und dessen Willen sie sich unterwerfen müssen, um religiöse und weltliche Erfüllung zu finden. Diese Lehre ist über Jahrhunderte dazu benutzt worden, um die Unterwerfung der Frauen, soziale Unterschiede und die Unterdrückung individuellen Denkens zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu ist im Heidentum Unterwerfung das letzte, was die Gottheiten fordern würden. Diese Gottheiten sprechen keine Gebote für die aus, die an sie glauben. Stattdessen bieten sie Herausforderungen, um Mut im Unglück und Stärke gegenüber Schwierigkeiten zu zeigen. Sie wollen, dass man selbständig als freier Mensch dasteht, um auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, die Gaben des Lebens und die Talente des eigenen Geistes zu nutzen, die eben diese Gottheiten einem verliehen haben, damit man den Lebensweg, den man gewählt hat, auch erfolgreich gestalten kann. Und daraus folgt nun eine der Einschränkungen, warum der alte heidnische Weg nicht für jeden Menschen geeignet ist: Menschen, die darauf angewiesen sind, dass andere oder irgendwelchen „heiligen“ Schriften ihnen dauernd sagen, was sie zu tun haben, Menschen, die nicht willens sind, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, Menschen, die zu schwach sind, eine überzeugte Ethik und einen individuellen Charakter aus sich selbst heraus zu entwickeln, Menschen, die z.B. in Form der biblischen Zehn Gebote erst ein göttliches Verbotssystem benötigen, um Selbstverständlichkeiten zu begreifen, für die ist der alte heidnische Weg in der Tat die falsche Alternative.

Einer der nachhaltigsten Schäden des Ein-Gott-Glaubens liegt in der Zerstörung der natürlichen Beziehung zwischen Männern und Frauen. Der christliche Gott wurde stets als männlich angesehen, die weiblichen Aspekte wurden über lange Jahrhunderte vom Christentum verteufelt und unterdrückt. Das geschah so nachhaltig, dass es gesellschaftlich bis heute nachwirkt. In den alten heidnischen Gesellschaften wurde das Weibliche hoch geachtet. So zeigt uns die nordeuropäische heidnische Mythologie, dass das Weibliche der Schlüssel zu verborgener Weisheit sein kann, und die Göttinnen sind sehr starke und eigenständige Kräfte. Der Gott der Bibel schuf den Mann nach seinem Bild und danach aus Adams Rippe eine Frau. In der nordischen Mythologie dagegen wurden der erste Mann und die erste Frau gleichzeitig aus zwei Bäumen geschaffen, einer Esche und einer Ulme. Wenn wir die heidnischen Mysterien verstehen, können wir auch die Männer und Frauen wieder besser verstehen. Wir können unsere Unterschiede sehen und damit beginnen, eine Einheit zu bilden. Dabei ist es sehr wichtig, die Ansichten der patriarchalischen Religionen aufzugeben. Eine Gesellschaft, an der die Frauen nicht gleichberechtigt teilnehmen können, kann niemals eine wirkliche Gesellschaft sein.

Ein weiterer großer Unterschied besteht darin, dass das Heidentum den Begriff der „Sünde“ nicht kennt. Natürlich gibt es auch dort eine Ethik, die sehr genau zwischen gutem und schlechten, zwischen ehrenhaftem und unehrenhaftem Tun unterscheidet. Die Vorstellung einer „Erbsünde“ aber (also die Vorstellung, man werde automatisch mit einem schweren seelischen Makel geboren) würde im Heidentum nicht den geringsten Sinn ergeben, genauso wenig wie die Vorstellung, kein Mensch könne selbst einen Zustand des Heils oder der „Erlösung“ erreichen, sondern der könne nur durch Priester als Mittler Gottes garantiert werden. Einerseits wachen die heidnischen Gottheiten also nicht kleinlich über Sünde und Tugendhaftigkeit, andererseits aber bieten sie auch keine Möglichkeit an, moralische Verfehlungen durch ein Reuebekenntnis vor ihrem Angesicht zu „vergeben“. Sie haben allerdings sehr viel mehr Verständnis für allzu menschliche Fehler, Schwächen und Bedürfnisse, als es der Gott der Bibel hat. Aber in heidnischer Tradition ist jeder Mensch für seine Taten und deren Konsequenzen voll und ganz selbst verantwortlich.

Bei den teilweise bizarren Aussagen und vor allem inneren Widersprüchen der Offenbarungsreligionen sollte es sehr zum Nachdenken anregen, dass die heidnischen Naturreligionen, die alle Jahrtausende älter als z.B. das Christentum sind, überall auf der Welt und unabhängig voneinander zu weitgehend identischen Ergebnissen gekommen sind. Wenn wir uns einmal ein Treffen zwischen einem indianischen Medizinmann, einem keltischen Druiden, einem afrikanischen Heiler, einer germanischen Seherin und einem sibirischen Schamanen vorstellen, dürfen wir sicher sein, dass diese Personen nicht annähernd mit solchen Verständigungsproblemen zu kämpfen hätten, wie es z.B. zwischen einem katholischen Theologen, einem jüdischen Rabbiner und einem muslimischen Imam der Fall wäre. Denn die erste Gruppe teilt konkrete eigene und identische Erfahrungen, während im zweiten Fall über abstrakte Aussagen von Schriften diskutiert würde. Wenn man in religiösem Zusammenhang überhaupt den Begriff „objekiver Wahrheit“ verwenden darf, dürfte er im Fall der heidnischen Gruppe also zumindest sehr viel überzeugender ausfallen.

Nun ist all das in einem Fall bereits von breiten Kreisen der Öffentlichkeit begriffen worden, nämlich im Fall der indianischen Religionen. Indianische Spiritualität erfreut sich im Westen hoher Wertschätzung. Kein Mensch würde diese Spiritualität heute noch als „primitives Heidentum“ bezeichnen, wie es noch vor 50 Jahren der Fall war, sondern viele Menschen haben verstanden, dass diese Form der Spiritualität vieles von dem heilen kann, an dem die Entwurzelung unserer Zeit so oft krankt.

Aber die indianischen Religionen sind nicht unsere eigenen Wurzeln. Und wenn wir etwas von ihnen lernen können, dann das, unser eigenes spirituelle Erbe wiederzuentdecken. Leider wissen die meisten Menschen einfach nicht, dass auch hierzulande genau die religiösen Traditionen existieren, die wir an exotischen Kulturen so gerne bewundern. Die vorchristlichen Religionen des alten Europa sind von ähnlich komplexem Zuschnitt, von einem solchen Reichtum an altem Wissen und Verständnis für die menschliche Natur und Zusammenhänge mit dem Göttlichen, wie die hochstehendsten Religionen aus anderen Teilen der Welt auch.

Oft hört man den Vorwurf, heidnische Religionen seien heutzutage lediglich ein Schmelztiegel verschiedener Traditionen und Philosophien aus aller Welt. Das mag auf große Teile der sogenannten Esoterik-Szene zutreffen, wo in der Tat Elemente völlig verschiedener Herkunft wahllos vermischt werden. Auf das Heidentum trifft das nicht zu, denn Heiden legen im Allgemeinen großen Wert auf die Kenntnis historischer Quellen und bemühen sich, ihre Religion so authentisch wie möglich zu leben. Außerdem wird behauptet, dass die heutigen Heiden gar keine richtige Vorstellung von den alten Traditionen haben und sie deshalb nicht so praktizieren können, wie ihre Vorfahren es taten. Es stimmt zwar, dass eine Menge Wissen zerstört wurde, aber sehr viel Wissen ist glücklicherweise auch überliefert worden, vor allem bei den baltischen und germanischen Religionen. Düster sieht es allerdings im Fall der Kelten aus, vom originalen keltischen Heidentum wissen wir in der Tat sehr wenig. Sicher sind unsere Rituale modernisiert worden, aber das müssen sie auch sein, denn wir leben im Hier und Jetzt. Die heidnischen Traditionen aber sind immer noch lebendig. Sie sind kein verkrustetes Gebilde, das in der Vergangenheit verhaftet ist. Die Zeiten haben sich geändert und wir mit ihnen. Was sich aber nicht geändert hat ist die menschliche Natur, und es ist heute noch genauso wichtig wie früher, uns und die geistigen Kräfte, die uns umgeben, zu verstehen.

Das alte Wissen ist nicht verschüttet. Es hat sich nicht nur in unzähligen Volksbräuchen erhalten, die bis heute sehr lebendig sind, in Märchen und Sagen, sondern in entlegenen Gegenden Skandinaviens und des Baltikums haben sich auch die alten Mythen und Techniken bis in moderne Zeit noch teilweise ungebrochen erhalten. Zudem hat die historische und religionswissenschaftliche Forschung hier in jahrzehntelanger stiller Arbeit sehr viel geleistet und viele der verloren geglaubten Details und Zusammenhänge ans Licht gebracht.

Kritik am Heidentum ist gerne erlaubt, sie macht genauso viel Sinn, wie Kritik an jeder anderen Religion auch. Sie sollte dann aber von Menschen kommen, die auch wissen, wovon sie reden. Kritik von Menschen, bei denen sich bei näherer Nachfrage dann herausstellt, dass sie kaum etwas Näheres über ihre eigene Religion wissen, geschweige denn über das Heidentum, bleibt in der Regel sehr unglaubwürdig. Wenn z.B. Christen nicht einmal wissen (oder nicht wissen wollen), welcher Religionszugehörigkeit Jesus war, ist die Grenze des Erträglichen wahrlich erreicht.

Besonders gewöhnungsbedürftig scheint vielen die Vorstellung des Glaubens an mehrere Gottheiten zu sein. Es ist aber ein grundlegender Irrtum, der bis heute von christlicher Seite besteht, die Wesensart der heidnischen Götter mit der ihres einzigen Gottes gleichzusetzen und darin einen unauflöslichen Gegensatz zu sehen. Schließlich haben auch Christen, Juden und Muslime genaue Entsprechungen zu den heidnischen Gottheiten: die große Zahl von Engeln, Erzengeln und anderen himmlischen Heerscharen mit genauer Abstufung ihrer Kompetenzen. Im Katholizismus kommt noch die gewichtige Schar der Schutzheiligen hinzu. Und deren Funktionen entspricht auch sehr viel mehr z.B. denen der heidnischen Götter. Die heidnischen Gottheiten sind nicht allmächtig oder allwissend, sie unterstehen einem höheren Prinzip, das allerdings nicht persönlich, sondern als ein ewiges Weltgesetz gedacht wird, dem alles unterworfen ist.

Was aber gerade von bibelgläubigen Christen dagegen eingewandt wird, lässt sich am leichtesten durch die Bibel selbst widerlegen. Aus zahlreichen Bibelstellen ergibt sich nämlich mit Sicherheit die Existenz zahlreicher Gottheiten. Man sollte mit Ps. 82 beginnen, wo schon am Beginn gesagt wird, dass Jahwe „inmitten der Versammlung der Götter“ steht. Dass die Israeliten auch weibliche Gottheiten (die „Himmelskönigin“) verehrten, geht ganz klar aus Jeremias 7, 18 und 44, 16 f. hervor. Gleichzeitig machen diese Stellen deutlich, dass es sich bei dieser Verehrung weiblicher Kräfte nicht um eine exotische Sonderform göttlicher Verehrung handelte. Im Buch der Richter 11,24 wird klar gesagt, dass andere Länder und Völker auch andere Götter haben, in I Sam. 26,9 klagt David darüber, dass er außerhalb seines Landes auch zu anderen Göttern beten müsse, in Jon. 1,3 will sich der Prophet Jonas dem Machtbereich Jahwes durch Flucht nach Tarsis entziehen. In 5 Mose 4,19 wird Jahwe „Gott der Götter“ genannt, in 5 Mose 4,19 und 29,25 ist anderen Völkern auch die Verehrung anderer Götter zugeteilt. Auch Jes.Sirach 17,14 nimmt an, dass über andere Völker auch andere Götter herrschen. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Gerade die Bibel geht also von der Existenz zahlreicher Gottheiten aus. Der dort verehrte Jahwe war lediglich der für die Gegend „zuständige“ Gott, und immer wieder wird gerade in der Bibel gesagt, dass er ausschließlich der Gott des Volkes Israel und keines anderen Volkes sei. Insofern stößt gerade biblisch orientierte christliche Kritik am Heidentum oft ins Leere. Sie ist in der Regel meistens ziemlich peinlich, weil sich dadurch regelmäßig offenbart, dass die meisten Christen das Alte Testament nicht einmal ansatzweise kennen.

Natürlich begegnet man oft der grundsätzlichen Frage, wozu eigentlich überhaupt noch Religion? Aber diese Frage klingt, als könne man Religion einfach abschaffen und ist in etwa so sinnvoll, wie die Frage, warum man noch denken sollte. Religiöse Fragen stellen sich von selbst. Die marxistische Theorie, nach der das Phänomen Religion nur die Kompensation menschlichen Leids und Elends sei und Religion von selbst verschwinden würde, wenn man eben dieses Leid und Elend abschafft, hat sich nicht nur als historisch völlig falsch erwiesen, sondern ging vor allem von einem für das 19. Jahrhundert typischen völlig eurozentrischen Weltbild aus. Schließlich ist Religion ja kein Produkt der westlichen Industriegesellschaft, sondern gerade „glückliche“ Naturvölker hatten stets die weitentwickelsten und blühendsten Religionen. Natürlich kann man die Frage nach der eigenen Endlichkeit und nach dem Sinn des Lebens verdrängen, sich ablenken und versuchen, nur in der Gegenwart zu leben (eine ganze Unterhaltungsindustrie lebt davon), aber keinem Menschen wird es gelingen, die wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu verdrängen. Sie werden ihn einholen und am Ende mit umso größerer Wucht zurückkommen. Aus dem geradezu panischen Zwang, das eigene Glück in der begrenzten Lebenszeit selbst herstellen zu müssen, koste es was es wolle, und dieses Glück vor allem in materiellen und nicht in eigenen geistigen Fortschritten zu suchen, entsteht das meiste Unheil in dieser Welt. Wer aber nicht alle äußerlichen Glückserwartungen in den wenigen Jahren seiner Lebenszeit unterbringen muss, der lebt einfach gelassener – und vor allem glücklicher.

Natürlich muss man nicht dem Heidentum anhängen, um ein glückliches und erfülltes Leben führen zu können. Das gründet sich viel mehr auf die Fähigkeit, mit der Freiheit, die unsere Gesellschaft uns bietet, auch umgehen zu können und Verantwortung für das eigene Tun zu zeigen. Das erfordert eine gewisse Stärke, die nicht alle Menschen in gleicher Weise besitzen. Gerade die heidnischen Religionen aber können unsere geistigen Möglichkeiten stärken, uns mehr Chancen bieten und unser Denken erweitern – nicht einengen. Denn der heidnische Glaube ist frei von jeglichen festgeschriebenen Dogmen, und Einzelne können ihre Veranlagungen frei entwickeln. Er lehrt uns vor allem auch, für unser eigenes Leben die Verantwortung zu übernehmen. Die Freiheit, die uns glücklicherweise auch in religiösen Fragen zu Gebote steht, sollten wir nutzen, um den Weg zu wählen, der unserem Leben die beste Selbstverwirklichung zuteil werden lässt.

Die heidnische Bewegung in heutiger Zeit ging von den skandinavischen Ländern aus, in denen die alten Traditionen ja am längsten überlebt hatten. Das heutige Heidentum ist nicht zentral organisiert. Es gibt keinerlei heidnische „Kirche“, es gibt keine zentrale Führung und erst recht keinen „Guru“ oder ähnliche Figuren, die irgendeine Lehre vorgeben, der man zu folgen hat. Solche Tendenzen sind dem Heidentum völlig fremd, wie aus dem bisher Gesagten hoffentlich deutlich genug hervorgehen sollte. Die Szene besteht aus zahlreichen kleinen Gruppen und Einzelpersonen in vielen Ländern, die zwar auf lokaler Ebene oftmals Kontakt haben und mehr oder weniger zusammenarbeiten, die im allgemeinen aber höchst individuelle Meinungen haben. Genau dieser letzte Umstand steht einer zentralen Bewegung auch sehr entgegen, und sehr viele Heiden sind genau darüber auch sehr froh. Auch der Eldaring versucht diesen Zustand nicht zu ändern. Der Verein bemüht sich lediglich darum, Interessierten durch Mitgliedschaft mit Informationen, Kontakten usw. weiterhelfen zu können, woran bei vielen Menschen tatsächlich großes Interesse besteht. Und wenn es mit diesen Zeilen gelingen würde, auch in der breiten Öffentlichkeit ein paar der dümmsten Vorurteile abbauen zu können, wäre das einer der schönsten Erfolge.

Erschienen 2003 in Herdfeuer 1