Thors Böcke oder was?

(Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt – Februar bis Juni 2017)
Gedanken über einen Glücksbringer
(mit Nachzeichnung der Böcke von Tissø)

Ein kleiner Fund aus dem Grabungsschatz am dänischen See Tissø lässt mich gedanklich nicht mehr los. Es geht um Thors Böcke. An dem Ritualort hat vor ca. 1.300 Jahren jemand einen kleinen bronzenen Glücksbringer geopfert. Es ist eine Fibel.

Fibel: Thors Böcke
Bronzefibel in Form zweier Böcke

Die kleine Fibel des 8. Jahrhunderts aus Tissø zeigt zwei männliche Huftiere im Profil. Wegen der gewundenen „Hörner“ und des kurzen Stummelschwanzes hat man sie für die beiden Böcke Tanngrísnir und Tanngnjóstr gehalten, die Thors Wagen zogen.

Zitat von der Ausstellungswebseite des Archäologischen Museums

Vielleicht wurden die gefundenen Fibeln und Anhänger speziell für die Opferung hergestellt. Für eine Gewandnadel wirkt dieses Exemplar doch sehr filigran und zerbrechlich. Die Basis hat eine Länge von 6 cm. Für eine Mantelschließe eignet sie sich meiner Meinung nicht. Wenn überhaupt hat diese Fibel den Hemd-Ausschnitt am Hals verschlossen. Der halbe Hausrat, wie es bei den Frauen im Frühmittelalter üblich war, kann an dieser Fibel nicht befestigt gewesen sein. Dafür ist sie zu zart. Davon abgesehen sind keine Abnutzungsspuren zu erkennen.

Auch die anderen Funde scheinen für Schmuck liebende Nordleute etwas klein geraten zu sein. Ich vermute, von seinen wertvollen Lieblingsstücken trennt sich niemand gern. Aber für eine germanische Vertragsbindung mit den Göttern muss ein passendes und vor allem den Hohen schmeichelndes Opfer dargebracht werden. Abbilder von Göttinnen, Göttern, Walküren und „heiligen“ Tieren sind daher vermutlich ein gern gewähltes Pfand. Mir kommt dabei ein lukrativer Devotionalienhandel oder eine Sakramentalien-Herstellung an so einem Ort in den Sinn. Wer weiß schon, wer diese Ideen als erstes hatte. Geschäftstüchtige Händler und Handwerker waren die alten „Wikinger“ allemal. Und wenn der Herrscher dieses Landkreises und Eigentümer des Ritualhauses seinen Anteil bekam, vielleicht sogar selber herstellen und verkaufen ließ, waren die Einnahmen gesichert. Zu diesem Ort sind die Menschen von weither gereist.

Zurück zu den beiden Huftieren. Welche Tiere ziehen Thors Wagen? Ziegen? Schafe? Die Bilder, die im weltweiten Netz zu finden sind, alle neuzeitlich und kraftstrotzend, gab es vor 1.300 Jahren noch nicht. Auf wikingerzeitlichen Steinen habe ich noch keinen Thor mit Wagen gesehen. Wahrscheinlich habe ich nicht lange genug gesucht. Und auch die EDDA ist für mich zu neu um sie als Quelle allen Wissens zu benutzen. In 500 Jahren – zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert – kann so viel passieren.

Doch diese beiden Viecher sind da: archäologisch bewertet und ins 8. Jahrhundert datiert; nicht in einem Grab, sondern an einem Ritualplatz, in der Nähe von zwei möglichen Pfahl-Göttern. (Es wurden Verfärbungen in der Erde gefunden, die nicht als vergangene Gebäudestützen, sondern als Götter-Statuen gedeutet werden – in Anlehnung an die Aufzeichnungen von Adam von Bremen.)

Aber sind das wirklich Ziegen? Für mich sind diese Kopfaufsätze keine gekrümmten Ziegenhörner, sondern mit zwei entgegengesetzt stehenden Streben eindeutig Geweihe. Jeweils ein Geweihende zeigt nach vorn auf das gegenüber stehende Tier und eins macht eine elegante, verletzungsfreie Biegung nach hinten – ein stilisiertes Hirschgeweih. Wenn es mehr Enden hätte und natürlicher dargestellt wäre, würden die nach hinten stehenden Spitzen wahrscheinlich nicht mehr aufzufinden gewesen sein, und falls die Fibel doch am Körper getragen wurde, hätte die Trägerin oder der Träger keinen Spaß damit gehabt.

In dem Buch zur Ausstellung wird sogar vermutet, es könnte sich um Pferdchen handeln, weil auch Pferde-Fibeln gefunden worden sind. Doch denen sieht man wirklich an, dass es Pferde sein sollen. Der Hals ist gebogen, der Schweif lang, manche haben sogar Zaumzeug und keines der Pferdchen hat Kopfschmuck oder ein anderes Pferd gegenüber. Also eindeutig: Diese Fibel stellt keine Pferde dar.

Ich will eigentlich nicht darüber nachdenken, ob Thor einen Wagen hatte, der von Böcken oder Hirschen oder Pferden gezogen worden ist. Mich beschäftigt vielmehr die Frage: Ist der Donnergott überall im heidnischen Nordeuropa gleich? Ist Donar auch mit einem Wagen gefahren? Wie ist die Vorstellung in den Alpen? Wir kennen nur die EDDA. Also fährt Thor mit Ziegen. Aber wirklich überall? Und warum Ziegen? Hängt das mit dem schwedischen Brauch zusammen, einen Julbock in den Rauhnächten aufzustellen? Also denke ich doch darüber nach.

Die Fauna des hochmittelalterlichen Islands ist mir nicht vertraut. Ich vermute, Land-Säugetiere, die nicht von Menschen dort hingebracht worden sind, gab es nicht. Also muss Thor eigentlich Zugtiere haben, die in Norwegen vorhanden sind bzw. zur EDDA-Zeit verwendet wurden.

Ach ja, die beiden Huftiere, über die ich nachdenke, sind in Dänemark gefunden worden. Also: Welche Hirsche können Thor in Dänemark zugeordnet werden? Rothirsche und Rehe. Möglicherweise sind auch schwedische, norwegische und finnische Hirsche bekannt gewesen. Dann kämen Elche und Rentiere dazu. Ich will jetzt keinen Haken schlagen zu Rentierschlitten und Weihnachtsmann – oder doch?

Aber diese spezielle Fibel zeigt für mich eindeutig zwei kämpfende, männliche Rentiere. Schließlich können die Besucher und Handwerker der Stadt mit Ritualhaus am See Tissø auch aus Norwegen oder Schweden oder Finnland gekommen sein. Bleiben also die Fragen: Sind das göttliche Tiere? Sind das Zugtiere? Wessen Zugtiere?

Für mich ist es schwierig, über Vorstellungen nachzudenken, wenn ich den dazugehörigen Ort nicht kenne. Nehmen wir beispielsweise die Fortbewegungsart Odins. Er reitet auf Pferden. Macht er das überall? Benutzt er vielleicht zur Jagd in den Rauhnächten Rentiere? In Finnlands Norden würde er. Da gibt es nichts anderes. Oh verflixt, da ist wieder der Weihnachtsmann…

Thor hat Böcke. Die meisten denken an Ziegenböcke. Er lenkt einen Kampfwagen. Er futtert seine Ziegen auch auf. Er weiß, dass sie wieder fleischlich werden – meistens. Doch tut er das überall? Wäre ein Rentierwagen im Norden Norwegens nicht sinnvoller? Bei männlichen Rehen wird übrigens auch von Böcken gesprochen – also kleine Hirschart gleich Bock, Ziege gleich Bock. Hat Thor einen kleinen Wagen? Warum?

Also gut, mit Tier und Größe komme ich nicht weiter. Götter, die mit Kampf und Krach zu tun haben, müssten in meiner Vorstellung auch riesig und gewaltig sein. Doch scheint es weder bei Ziegen noch bei Rentieren um Größe und Kraft zu gehen. Es wird wohl nur um das Geräusch oder das Symbol aufeinanderprallender Geweihe bzw. Hörner gehen. Ist die Fibel mit zwei geweihtragenden Huftieren ausreichend um ein Attribut für einen bestimmten Gott zu sein?

Es geht vermutlich um Donner. Gewitter mit Blitzen und Donner sind die Befruchter der Erde. Das Wachstum der Pflanzen wird nach Gewittern, besonders mit anschließenden Regengüssen, beschleunigt. Kein Wunder, dass Donnergrollen mit himmlischem Segen und Fruchtbarkeit verbunden wurde. Entsprechend sehen wir in Thor bzw. Donar bzw. dem Donnerer den ursprünglichen Wetter- und Fruchtbarkeitsgott.

Die Tiere, die den Krach, besser das Geräusch des fernen Donnergrollens machen, sind männliche Kopfschmuckträger unterschiedlicher Arten. Es können Ziegen, Schafe und Rinder bäuerlicher Haushalte sein, Rentiere in der Nähe des nördlichen Polarkreises, Steinböcke der alpinen Hochgebirge, Moschusochsen in Grönland, Hirsche, Wisente und Widder in ganz Europa. Wilde Horn- oder Geweihträger gibt (oder gab) es fast überall auf der Erde. Vielen von ihnen ist die Stirn-gegen-Stirn-Methode zum Einläuten der Fortpflanzungszeit ein Zwang. Wer ist der Stärkste, wer darf die Weibchen beglücken, wer muss den Platz räumen? Überlebt der Verlierer, versucht er es im nächsten Jahr noch einmal.

Wie stellt sich nun ein Landwirt oder Viehzüchter die Verbindung zwischen Donnergrollen und Fruchtbarkeit vor? Müssen wir eventuell zwischen Landwirten und Viehzüchtern unterscheiden? Der Landwirt kennt den Zusammenhang zwischen Gewitter und gutem Wachstum. Der Viehzüchter weiß, daß sich prügelnde Böcke gute Zuchterfolge bringen. Also ist die Schlussfolgerung von beiden, wenn es donnert wird alles gut?

Möglich wäre es. Auf jeden Fall will ich mir nicht ausmalen, wie die damalige Vorstellung der Befruchtung zwischen Donnergott und Erdgöttin ausgesehen haben mag. Wissenschaftlich belegt ist tatsächlich eine Art Kommunikation zwischen der Erde und der Atmosphäre, die durch wechselseitige Blitze – also in beide Richtungen – erfolgt. Ich glaube fest daran, dass dadurch die Fruchtbarkeit der Natur gefördert und unser Leben beschützt wird. Natürlich sollten sich menschliche Wesen währenddessen unter einem Dach mit Blitzableiter befinden. Und Eichenbäume meiden! Diese scheinen die bevorzugte Zwischen-Ablage für Gesprächsnotizen zu sein. Doch wenn es vorbei ist, wird alles auf wunderbare Weise klarer, reiner und frischer. Die Nebenkatastrophen wie Überflutungen und Erdrutsche sind übrigens von Menschen gemacht – also keine Absicht der Erdgöttin und des Donnergottes.

Für die meisten Stadtbewohner ist der echte Bezug zur Landwirtschaft jedoch eher diffus. Geschichten um Feinde und Kriege sind interessanter als die über den Kampf um die Ernte oder den Viehbestand. Der nächste Supermarkt hat immer Brot und Fleisch.

Wir wollen Spiele und brauchen Helden. Also ist es Kult, dass Thor einen Kriegswagen fährt und weibliche und männliche Riesen mit einem Hammer erschlägt. Klingt nach roher Gewalt und viel Spaß. Aus Sicht der Naturgewalten entspricht das dem Text „… und macht euch die Erde untertan …“. Doch müssen wir wirklich ausschließlich mit diesen isländischen Macho-Phantasien leben? Wer will eine gebändigte Erde? Wer will die Kinder der Erde in Ketten und als Leichen? Haben wir schon Ragnarök? Nur weil meine Vorfahren die Naturgewalten als bösartige Riesen gesehen haben, muß ich das nicht auch tun. Ich finde eine Vorstellung angenehmer, in der ein Landwirt weiß, dass ein Gewitter gut für die Saat ist, aber seinem Kind erklärt, dass es vor dem Donner keine Angst haben muss, weil nur unser Wettergott gerade einen reinigenden Ehekrach hat. Jeder streitet mal.

Ich will keine ununterbrochenen Kriegsgeschichten hören über einen Gott, der eigentlich für das Aufgehen der Saat sorgt. Die Riesen sind immer noch lebendig. Sie sind Teil dieser Welt und bewegen sie. Ich will nicht, dass sie ständig erschlagen werden. In meiner Vorstellung erschlägt Donar keine Riesen. Möglicherweise kämpft er mit ihnen – sportlich – zum Spaß. Möglich ist auch ein Wettstreit um die stärkste Puste oder den am weitesten gespuckten Kirschkern. Blöd für uns Menschen, wenn sich der Kirschkern als Meteorit entpuppt, der beim Eintritt in Donars Reich nicht verglüht. Ein Upps-Moment in höheren Dimensionen. Nennen wir es Schicksal und hoffen auf Veränderung und nicht Untergang.

Geschichten über Donar gibt es scheinbar keine. Dazu waren erst die Römer und anschließend die Kirche vor allem entlang des Rheins zu gründlich. Seit Grimm und Konsorten wird Donar mit Thor gleichgesetzt, und die Geschichten über Thor werden auf Donar übertragen. Doch ist der isländische Thor wirklich der Gleiche wie der kontinental-germanische Donar? Auf Island sind die Erdkräfte sichtbar und unablässig am hochkochen. Aktive Vulkane, Geysire, Erdspalten, Gletscher, Wetterphänomene, skurrile Felsgebilde, sich ständig verändernde Gesteinsformationen, alles das habe ich nicht vor meiner Haustür. Auch eine Tagesreise zu Fuß entfernt werde ich nicht mit solchen „Gewaltausbrüchen“ konfrontiert. In den hiesigen Hügeln leben Hirsche und Rehe. Gewitter sind selten und schnell vorüber. Donar ist hier ein sanfter, fröhlicher, beinahe etwas behäbiger Gott, wohlgenährt und über Weinbergen zu Hause.

In den Alpen könnte ich mir einen anderen Donnergott vorstellen. Hier sind es Steinböcke, die an seine Macht erinnern. Ein kleines Gewitter wird schnell zu einem tosenden Alptraum. Doch auch hier haben Riesinnen und Riesen ihren Platz und wollen nicht um ihr Leben fürchten. Auch hier wollen die Menschen einen Beschützer, der nicht zerstört. Und wenn eine Lawine runtergeht, sind dann die Riesen schuld? Wohl eher wieder der Mensch selbst. Brauchen wir noch mehr Skipisten?

Doch wieder zurück zu der Fibel mit den beiden kleinen Rentieren aus Dänemark. Sie stehen sich gegenüber. Sie sind nicht nebeneinander eingespannt in irgendein Gefährt. Es sind freilebende, männliche, brunftige „Böcke“, die in der Blüte ihrer Kraft für Nachwuchs sorgen wollen. Keine menschliche Figur in ihrer Nähe hat Besitzansprüche oder wirkt in irgendeiner Weise auf die beiden ein. Es geht also nur um Biologie, Behauptung und die ausgewogene Eleganz eines Schauspiels. Diese Brosche feiert die Schönheit und Kraft der Natur – und die männliche Fruchtbarkeit.

Wenn eine Frau diese Fibel an einem Ritualplatz niedergelegt hat, wünschte sie sich vielleicht einen Partner, der um oder für sie kämpft. Wenn ein Mann diese Fibel geopfert hat, könnte er sich Kraft gewünscht haben für den Kampf gegen einen Rivalen. Oder er wünschte sich die Potenz seiner Jugend zurück, als er noch ein buhlender Heißsporn war, der sich mit jedem „Platzhirschen“ angelegt hat. Oder ganz schlicht: Ein Rentierherdenbesitzer wollte Schutz und viele Kälber für seine Herde erbitten.

In Skandinavien und dem Baltikum war der Julbock der Geschenkebringer vor dem Weihnachtsmann. In den Jahrhunderten bevor es Geschenke in den Rauhnächten gab, war der freche Ziegenbock allerdings ein dämonischer Wald- und Berggeist, der mit Opfergaben besänftigt werden musste, weil er sonst in den Julnächten Unheil ins Dorf gebracht hätte. Doch mit jeder Menge Futter und einem symbolischen Tötungsakt des Ziegenbocks ist das alte Jahr zu Ende gegangen, und mit einem magischen Lied oder Zauberspruch ist das Huftier wieder neu zum Leben erweckt worden. So oder so ähnlich steht es im Netz. Die klassische Opferung und Wiederauferstehung zur Wintersonnenwende.

Wenn ich das richtig gelesen habe, wurde Thor selbst vor Urzeiten als Ziegenbock gesehen. Also fuhr Thor nicht mit einem Wagen, der von Böcken gezogen wurde durch die Wolken. Er selbst war der vor Fruchtbarkeit strotzende Donnerschädel! Christlich gesehen der gehörnte Teufel. Was mich wieder daran erinnert, dass das russische Wort für Gott Bog ist. Klinkt Bog nicht ähnlich wie Bock? Ihr fragt, wieso russisch? Die Rus-Wikinger haben jenem Land den Namen gegeben, mit Sicherheit auch Teile ihrer Sprache. Und so lebt Thor als Bog in der russischen Sprache fort. Ich finde es göttlich! Übrigens fährt der russische „Weihnachtsmann“ einen Pferdeschlitten. Damit ist dann wohl eher Odin der Besucher zur Wintersonnenwende. Das Wort Odin gibt es auch im Russischen. Übersetzt heißt es „eins“ oder „alleine“. Allerdings reist Odin als Väterchen Frost in Begleitung seiner Schneebringerin und ist somit weder der Einzige noch der All-Einige. Die Russen haben, so scheint es mir, Odin und Frau Holle verbunden. Aber das ist Neuzeit und nicht meine geographische Verortung.

Ob Pan in Griechenland, Thor/Donar in Germanien oder Cernunnos bei den Kelten – die männliche Potenz hat in Europa Geweih oder Hörner auf dem Kopf. Daher verstehe ich das Bild des „gehörnten Ehemannes“ nicht. Wieso setzt die Frau dem Ehemann Hörner auf wenn sie doch den Nebenbuhler zum Bock macht? Und wieso darf man den Bock nicht zum Gärtner machen? Er steht doch für Fruchtbarkeit!? Ach nein, ein Gedankenfehler! Der Bock ist ja der Vielfraß, der mit Leckerli vom Garten abgelenkt werden muss. Und der Hahnrei (gehörnter Ehemann bzw. kastrierter Gockel) hat mehr mit dem Pferdesport als mit einem Geweihträger zu tun. Die Sporen wurden dem kastrierten Hahn abgeschnitten und in den Kamm gesteckt. Sie wuchsen an und zeigten so den Unterschied zu einem nicht kastrierten Gockel.

Mir scheint bei Fruchtbarkeitssymbolen und göttlichen Zuordnungen geht es gar nicht um die Landwirtschaft. Es geht und ging schon immer nur um Sex. Und zwar nicht den Blümchen-und-Bienen-Kram sondern um den animalischen und lustvollen Geschlechtsakt. Natürlich hat man geglaubt, je besser es in der zwischentierischen und zwischenmenschlichen Beziehung klappt, umso besser wächst auch die Saat. Die Walpurgisnacht ist so ein Brauchtumsecho. Doch die Kirche hat im Verlauf des Mittelalters den lustvollen Bräuchen den Kampf angesagt. Zum Schluss wurde aus dem Bock der Teufel und aus der Erdgöttin die Hexe. Die Bilder, auf denen Hexen auf Ziegenböcken zum Blocksberg reiten und sich in der Nacht zum 1. Mai mit dem Gehörnten paaren, sind allgemein bekannt. Mich verwundert, dass der Stier (Jupiter/Zeus) der Göttin Europa nicht auch zum animalischen Antihelden geworden ist. Doch die griechischen Klassiker waren der Kirche wohl zu „heilig“. Schließlich war ein Rind sogar bei der Geburt Jesu zugegen. Ein Ziegenbock leider nicht.

Schon vor der Kirche haben die Adeligen und Herren das gemeine Volk erziehen und leiten wollen. Das unkontrollierbare Animalische sollte aus den Köpfen verschwinden. Die „Riesenkräfte“ der Menschen sollten gezügelt und gebremst werden. Sogar der Bock wurde zu einem Gott gemacht, der den Naturkräften Einhalt gebieten sollte. Und so wurde aus dem Tier ein Mann, der das Tier am Zügel hält. Ihm wurde eine Vaterfigur übergeordnet, der ihn wiederum in Schach halten sollte. Odin war genau der Richtige dafür: kopfgesteuert, klug bzw. verschlagen, gelehrt und spirituell. Der richtige Gott für die sich erhebenden Feudalherren. Der Bauer mit seiner landwirtschaftlichen Denke musste begreifen, dass ein höherer Herr, der über ihn entscheidet, eben der Klügere und Bessere ist. So ungefähr stelle ich mir die Entwicklung zwischen der Antike und den Anfängen der Christianisierung vor. Immerhin geht es dabei um mehr als 1.000 Jahre. Eine lange Zeit, um sich Geschichten für die Edda auszudenken und zurechtzubiegen. An den Höfen der Herren waren die Wettstreite um die besten Geschichten und Lieder berühmt. Von Konstantinopel bis zu den Nordleuten gab es nicht nur wirtschaftliche Verbindungen. Und im geschützten Tross der Höflinge waren oft irische oder römische Missionare dabei.

Ob am See Tissø das Ritualhaus schon christlich belastet war oder noch rein heidnisch, wer weiß das schon. Die Götterstatuen sind vergangen und ob das Geschreibsel von Adam von Bremen über einen anderen Ort hier wirklich anzuwenden ist, bleibt fraglich. Ich werde in den möglichen Pfahlgöttern auf keinen Fall, so wie es in dem Museumsbuch steht, Odin und Thor sehen. Ich werde mir immer eine Göttin und einen Gott in so einem Haus vorstellen. Welche Götter auch immer, sie wurden von einfachen Leuten verehrt. Den Reichtum aus so einem Ritualplatz schöpften allerdings die Herren ab und die waren zu dieser Zeit meistens schon christianisiert. Sie nutzten die starke religiöse Verbundenheit der Bevölkerung zu ihren Göttern genauso wie es die Kirchen noch heute tun. Allerdings war es damals am See Tissø scheinbar üblich den göttlichen Segen sowohl durch echte als auch durch symbolische Tieropfer zu erbitten.

Dass die vier Hirsche, die den Lebensbaum Yggdrasil laut EDDA anknabbern, mit dieser Fibel gemeint sind, glaube ich nicht. Die Fibel zeigt zwei kämpfende und keine am Baum äsenden Hirsche. Die Vorstellung des EDDA-Lebensbaums wird sich auch erst über Jahrhundert und durch Beeinflussung weitgereister und gebildeter Menschen entwickelt haben.

Ich kann mit Gewissheit nur sagen, dass am See Tissø eine Fibel aus dem 8. Jahrhundert in Form zweier kleiner Hirsche gefunden wurde. Meine dazu gemachten gedanklichen Auswüchse sollen die Komplexität von Bildern und ihren Interpretationen veranschaulichen. Ihr müsst mir nicht zustimmen. Aber denkt Euch Eure eigenen Geschichten und erzählt sie!

Erschienen 2018 in Herdfeuer 48

Freyja zu Besuch in Frankfurt am Main

(Ausstellung Februar bis Juni 2017)
Gedanken über die Abbildung der Göttin auf einer Fibel
(mit Nachzeichnungen der Freyja-Fibeln von Tissø)

Die Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt hieß zwar „Odin, Thor und Freyja“, doch für mich steht Freyja (die Herrin) an erster Stelle. Davon abgesehen ist sie – oder ihre „Vorgängerinnen“ – die älteste von den dreien. Also sollte sie auch als Erste genannt werden. Wenigstens wurde eine der Freyja-Fibeln als Werbeschild für diese Ausstellung verwendet – allerdings auch nur zwischen Odins Kopf und Thors Hammer.

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Arbogast – eine vergessene Heldengeschichte

Die Völkerwanderungszeit war ein Zeitalter, in dem herausragende und entschlossene Persönlichkeiten zu Legenden werden konnten. Praktisch alle großen Figuren der südgermanischen Heldensage haben ihren Ursprung in dieser unruhigen Zeit, aus der letztlich ein neues und völlig verändertes Europa hervorging. Wenn im heutigen Heidentum Namen der großen Volkskönige wie Theoderich der Große, Alarich, Geiserich usw. bewundernd genannt werden, scheint dabei jedoch gerne übersehen zu werden, dass all diese Herrscher und ihre Völker bereits Christen waren. Mit dem Namen Arbogast aber scheinen nur spezialisierte Historiker vertraut zu sein. Und doch ist gerade seine Geschichte des Erzählens wert, nicht nur, weil er Zeit seines Lebens den Göttern seiner Ahnen treu blieb, sondern mehr noch, weil er in Ereignisse verwickelt wurde, deren Kenntnis jedem heutigen Heiden gut anstehen würde und die in zusammenhängender und gemeinverständlicher Form so noch nie erzählt worden sind, sondern in fachwissenschaftlichen Gesamtdarstellungen bestenfalls nur in wenigen Sätzen abgehandelt werden. Dies also ist sie, die seltsame, großartige und (wie jede gute germanische Heldensage) tragische Geschichte Arbogasts.

Dazu müssen wir unseren Blick auf das Römische Reich im späten 4. Jahrhundert n.d.Z. richten. Wer sich in ein geschichtliches Überblickswerk über diese Periode der Spätantike vertieft, dem wird ohne solides Vorwissen für gewöhnlich nach ca. 20 Seiten schwindlig. Ganze Völker waren in Bewegung, kurzlebige Allianzen entstanden und zerbrachen wieder, überall flackerten Kriege auf, im Römischen Reich gab es eine rasche Folge von Kaisern, die auch noch in östliche und westliche zu unterscheiden sind, von denen sich jeder wieder mit illegitimen Usurpatoren (Thronräubern) herumzuschlagen hatte, und Politik bestand aus Machtkämpfen, in denen jede Fraktion gegen alle anderen intrigierte. Das war in der religiösen Welt nicht viel anders. Obwohl das Christentum schon recht verbreitet war, kann man von einer Kirche als machtvoller Institution aber noch nicht sprechen, sondern es befand sich in aufreibenden inneren Auseinandersetzungen, da es in etliche – sich gnadenlos bekämpfende – Strömungen zerfallen war, und zudem das Heidentum auch im Römischen Reich noch ungebrochen war. In Folge dessen wird der Leser eines solchen Buches auf jeder Seite mit so vielen neuen Namen und komplizierten Entwicklungen konfrontiert, dass er spätestens nach einer halben Stunde völlig den Überblick verloren hat und das Buch mit resignierendem Seufzen wieder aus der Hand legt. Deshalb wurde in dieser Darstellung auf alles Überflüssige verzichtet, auch wenn der Preis dafür zwangsläufig eine Vereinfachung oftmals sehr viel komplizierterer Zusammenhänge ist. Der Leser muss sich lediglich die sechs Hauptpersonen merken, die hiermit kurz vorgestellt seien:

Arbogast (ca. 360-394): Ein germanischer Heide vom Stamm der Franken mit ungewöhnlicher Karriere. Der Held unserer Geschichte.

Theodosius (347-395): Römischer Kaiser für den östlichen Reichsteil und katholischer Christ. Eigentlich kein übler Bursche, aber … na ja, man wird sehen.

Valentinian II. (371-392): Römischer Kaiser für den westlichen Reichsteil und arianischer Christ, von Theodosius ernannt, aber zu jung, um eine wirkliche Rolle zu spielen.

Ambrosius (339-397): Katholischer Bischof von Mailand, ein trickreicher Demagoge und gewiefter Populist. Christlicher Widersacher in unserer Geschichte (wurde später natürlich auch noch heilig gesprochen!).

Flavianus (335-394): Höchster Politiker Italiens, römischer Aristokrat und Wortführer des Senats, Ehrenmann und überzeugter Heide.

Eugenius (ca. 360-394): Ein Lehrer für Rhetorik und Beamter am Hof Valentinians, dessen Leben in unserer Geschichte eine erstaunliche Wendung nimmt. Nominell zwar ein Christ, aber als Philosoph mit großer Sympathie für das Heidentum.

Das Römische Reich hatte zu dieser Zeit eine ungeheure Ausdehnung erreicht, es erstreckte sich von Portugal bis zum Vorderen Orient, einschließlich Nordafrikas und Ägyptens. Die einzigen nichtrömischen Gebiete Europas waren Deutschland nordöstlich der Rhein-Main-Grenze, Irland, Schottland, Skandinavien und das heutige Polen und Russland. Der Begriff „Römer“ bezeichnete schon länger nicht mehr lediglich die Bürger der Stadt Rom oder die Bewohner Italiens, sondern war seit der Constitutio Antoniniana im Jahr 212 im modernsten Sinn eine reine Bezeichnung für Staatsbürgerschaft aller freien Einwohner des Reiches ohne jeden ethnischen Beigeschmack (und selbstverständlich konnte man insofern gleichzeitig Germane und Römer sein, wie man auch heute gleichzeitig Schwabe und Deutscher sein kann. Bereits Arminius war schon Jahrhunderte zuvor römischer Bürger im Rang eines Ritters gewesen). Die Stadt Rom selbst war auch nicht mehr Hauptstadt des Reiches, sondern der Kaiser residierte in Konstantinopel (das spätere Byzanz und heutige Istanbul), das der erste christliche Kaiser Konstantin als bewusst christliches Gegenstück („Nova Roma“) zum heidnischen Rom 330 als neue Hauptstadt eingeweiht hatte. Der altehrwürdige Senat in Rom aber war immer noch eine politisch ungemein machtvolle Körperschaft, und bei dem alten römischen Adel Italiens, aus dessen Reihen sich auch der Senat zusammensetzte, liefen nach wie vor alle Fäden wirtschaftlicher Macht zusammen. Ein Kaiser allein konnte ein so riesiges Reich jedoch kaum noch wirkungsvoll regieren, deshalb hatte es sich eingebürgert, dass er einen gleichberechtigten Mitkaiser für den jeweils anderen Reichsteil einsetzte. Starb einer der beiden, ernannte der Überlebende einen neuen Mitregenten. Auch der Kaiser im Westen residierte üblicherweise nicht mehr in Rom, sondern abwechselnd in Trier, Mailand oder Vienne (Südfrankreich), um bei möglichen Grenzkonflikten im Norden schneller und militärisch wirkungsvoller eingreifen zu können.

Kaiser in Konstantinopel war seit 381 Theodosius, ernannt von seinem westlichen Kollegen Gratian. Theodosius’ Vorgänger, der oströmische Kaiser Valens, war kurz zuvor an der Spitze seiner Truppen gefallen, als er sich in der folgenschweren Schlacht von Adrianopolis den Westgoten entgegenstellte – folgenschwer deshalb, weil die Westgoten siegten und nicht nur der Kaiser selbst, sondern auch mehr als zwei Drittel des gesamten oströmischen Heeres dabei den Tod fanden. Die Westgoten waren in den Jahren zuvor ungebremst durch Griechenland gezogen und hatten nicht nur Städte, sondern vor allem die mit reichen Schatzkammern bestückten heidnischen Tempel und Heiligtümer geplündert und zerstört – nicht etwa, weil sie „germanische Barbaren“, sondern weil sie bereits „gute Christen“ waren. 382 aber gelang Theodosius ein Vertragsabschluss mit ihnen: Er gab ihnen Siedlungsland im Reich, wonach sie seit ihrer Flucht vor den Hunnen gesucht hatten, und dafür bildeten die Westgoten ab nun genau den strategisch zentralen Teil des oströmischen Heeres, den sie kurz zuvor noch selbst so hingebungsvoll niedergemetzelt hatten.

Für das Jahr 381 findet sich auch die erste Erwähnung Arbogasts als Offizier der weströmischen Armee. Zwar kennen wir sein Geburtsjahr nicht, dürfen aufgrund vergleichbarer Lebensläufe aber annehmen, dass er damals um die 20 Jahre alt gewesen sein muss. Die originale Form seines Namens muss Arbogastiz gelautet haben, und selbst einige lateinische Quellen nennen ihn Arbogastes. Sein Name bedeutet wörtlich „Erb-Fremdling“, also jemand, der als Fremder ein Erbe bzw. ein Erbe in der Fremde antritt, und die Frage, in wie weit sich diese Namensgebung in seiner Biographie erfüllt hat, mag ein reizvolles Gedankenspiel sein. Er war Franke und hatte aus seiner niederrheinischen Heimat fliehen müssen. Die genauen Hintergründe dessen sind nicht ganz klar, aber er kann eigentlich nur mit Sunno und Marcomer aneinandergeraten sein, den zwei berüchtigten fränkischen Stammesfürsten seiner Tage. Wäre er in eine anderweitige Fehde geraten, hätten gerade die beiden ihn wohl zu schützen vermocht – und bei einem so hoffnungsvollen jungen Mann aus eigenem Interesse auch gut daran getan. So aber suchte Arbogast eine bessere Zukunft im römischen Heer, wie es schätzungsweise jeder zehnte germanische Krieger seiner Zeit tat, denn Mitgliedschaft in der römischen Armee war wegen der auch aus heutiger Sicht erstaunlich modernen Versorgungs- und Sozialleistungen bei allen Germanen extrem beliebt.

Oberbefehlshaber des weströmischen Heeres war damals Bauto, ebenfalls ein heidnischer Franke und von bedeutendem Einfluss. Sein niveauvoller Briefwechsel mit dem Politiker Symmachus, dem berühmtesten Redner seiner Zeit, ist überliefert, und Bautos Tochter Eudoxia wurde die Frau von Theodosius’ Sohn Arcadius und somit spätere Kaiserin. Bauto scheint sich seines jungen Landsmannes angenommen und ihn gefördert zu haben, denn in den folgenden Jahren trat Arbogast zunehmend an Bautos Seite in Erscheinung und machte eine rasante Karriere als Offizier (was einige frühere Historiker sogar vermuten ließ, er sei Bautos Sohn gewesen). So verwundert es auch nicht, dass er plötzlich im Generalsrang am kaiserlichen Hof Gratians in Mailand erwähnt wird, wo er in den folgenden Jahren zudem alles gelernt zu haben scheint, was Verwaltungs- und Regierungsgeschäfte betrifft. Arbogast muss die Fähigkeiten eines hervorragenden Kriegers, eines brillianten Strategen, wie auch menschliche Vorbildhaftigkeit und die psychologische Fähigkeit der Menschenführung in sich vereinigt haben – eine wahrlich seltene Kombination von Tugenden. Die römischen Truppen jedenfalls vergötterten ihn, wozu auch die Tatsache beigetragen haben mag, dass er nachweislich – anders als manche seiner Kollegen – nicht korrupt oder bestechlich war.

Nach Gratians Tod 383 ernannte Theodosius von Konstantinopel aus Valentinian II. als Mitkaiser für den Westen. Der winzige Schönheitsfehler dabei war allerdings der, dass Valentinian damals gerade erst 12 Jahre alt war. Kaiser Theodosius wird uns in allen Quellen als warmherziger, gefühlvoller Mensch und liebender Familienvater beschrieben, der allerdings auch für seine Launenhaftigkeit bekannt war, was sich leider zu oft direkt auf seine politischen Entscheidungen auswirkte. Er öffnete sich auch zu leicht dominierenden Einflüssen seiner Umgebung und hatte nicht den Ehrgeiz, alles im Reich persönlich überwachen und kontrollieren zu wollen. Im Vergleich zur gesamten römischen Kaisergeschichte also bestimmt keine abschreckende Gestalt, andererseits aber auch kein wirklich machtvoller Herrscher – auch wenn ihm später der Titel „der Große“ verliehen wurde (natürlich auf Betreiben kirchlicher Kreise, und wir werden die Gründe dafür bald erfahren). Aber warum hatte er ein Kind als Kaiser des Westreiches eingesetzt, wo doch gerade im Norden der stetigen germanischen Vertrags- und Eidbrüche und der darauf verlässlich folgenden Raubzüge wegen ein militärisches Genie benötigt wurde? Diese Frage stellten sich anlässlich der langen und unseligen Geschichte ehemaliger Kindkaiser, die von Ratgebern dominiert worden waren, schon die damaligen Zeitgenossen. Und darauf gibt es zwei Antworten: Erstens war Valentinian der jüngste Bruder des verstorbenen Kaisers Gratian, und ein sentimentales Gefühl von Dankbarkeit gegenüber Gratian, der ihn selbst zum Kaiser ernannt hatte, mag Theodosius bewogen haben, sich an dessen Familie zu halten. Zweitens hatte diese Entscheidung den Vorteil, kein Risiko darzustellen, denn wie alle Herrscher hatte gerade der Familienmensch Theodosius den Wunsch, die dynastische Nachfolge für seine eigenen Söhne Arcadius und Honorius zu sichern. Der junge Valentinian jedenfalls sollte eindeutig nur rein nomineller Herrscher im Westen sein, während Theodosius Alleinherrscher über das Reich sein wollte, weshalb die Generäle Bauto und Maximus zu „Beschützern“ Valentinians ernannt wurden, die offenbar auch die nötigen Regierungsgeschäfte im Westen erledigten.

Aber 387 rebellierte Maximus von England aus, ließ sich von seinen britischen Truppen selbst zum Kaiser des Westens ausrufen und marschierte gegen das Reich. Valentinian floh verängstigt nach Konstantinopel zu Theodosius, und es war Arbogast, der mit seinen Truppen loyal den Aufstand des Maximus niederkämpfte, wobei er dessen Sohn, der eine der Armeen seines Vaters führte, in der Schlacht eigenhändig erschlug. Maximus selbst wurde auf Befehl des Kaisers wegen Hochverrats hingerichtet. Kurz darauf starb auch Arbogasts väterlicher Freund Bauto, der Oberkommandierende des Heeres, und auf der Stelle wählte das weströmische Heer Arbogast zu seinem neuen Oberbefehlshaber. Zwar hatte das Heer schon oft zuvor einen Kaiser auf den Schild gehoben, aber noch nie zuvor seinen Oberbefehlshaber selbst gewählt, sondern der war immer nur vom Kaiser ernannt worden. Insofern war dies ein wahrlich revolutionärer Akt. Theodosius muss sich dabei in einem Zwiespalt befunden haben, denn eigentlich hätte er den Truppen eine derartige Eigenmächtigkeit nicht durchgehen lassen dürfen. Andererseits aber war Arbogast natürlich auch sein eigener Wunschkandidat, da er sich keine bessere und loyalere Besetzung des Amtes hätte wünschen können, was ihm eine ideale Perspektive bot: Auch wenn Theodosius kaum eine andere Wahl blieb, als dem Heer nachzugeben, tat er das in diesem Fall aber nur zu gerne, konnte er der Armee des Westreiches seine Haltung doch als „huldvolles Zugeständnis“ darstellen, während seine eigene Wahl ganz genauso ausgefallen wäre.

Theodosius fand es aber nun nötig, nach Mailand zu reisen (in seinem Gefolge auch der junge Valentinian, der wieder in seine kaiserliche Position eingesetzt wurde), und er residierte dort fast drei Jahre lang, um alles im Westreich in seinem Sinne zu regeln. Valentinians zusätzliche Anwesenheit in Mailand wurde deshalb jedoch als überflüssig betrachtet, weshalb Theodosius anordnete, dass Valentinian und sein Hofstaat ab jetzt abwechselnd in Trier und Vienne zu residieren hätten. Der Unmündigkeit des Knaben wegen ordnete der Kaiser weiterhin an, dass ihm abermals ein Berater zur Seite stehen sollte, und das war natürlich niemand anderes als der treue Arbogast. Das war ein kluger Schachzug von Theodosius, da diese Regelung zudem auch noch unerwünschte Einflüsse auf den Knaben ausschloss. Arbogast, Valentinian und dessen kaiserlicher Hof begaben sich also auf die lange Reise nach Trier, wo sie im Wechsel mit Vienne auch verblieben, nachdem Theodosius nach Konstantinopel zurückgereist war.

Arbogasts regulärer Titel war nun der des Magister militium in praesenti, d.h. Oberbefehlshaber des Heeres und nur dem Kaiser selbst unterstellt. Anders als im Ostreich, wo dieser Rang auf fünf Generäle verteilt war (einschließlich des Wandalen Stilicho, der später noch eine wichtige Rolle für das Reich spielen sollte), hatte Arbogast keinerlei Instanz, die ihn irgendwie hätte kontrollieren können, nicht einmal in Italien, denn auch der Senat von Rom pries ihn als Schützer des Reiches, und er war einer der beliebtesten Helden Roms – geradezu eine Lichtgestalt des gesamten Reiches – und zweifellos von makelloser Loyalität den beiden Herrscherhäusern gegenüber. Kein Wunder also, dass er bald sehr viel mehr wurde, als ein reiner Ratgeber Valentinians. Schnell beherrschte er die Situation völlig, und er vergab nicht nur die höchsten Offiziersränge an seine fränkischen Freunde im Heer (wodurch er sich eine verlässliche germanische Gefolgschaft aufbaute), sondern besetzte auch alle politischen Schlüsselstellungen im weströmischen Reich mit seinen Vertrauten. Mittlerweile war er es, der nicht nur den Beamten Valentinians Anweisungen erteilte, sondern auch Druck auf zivile Behörden ausüben konnte, während alle militärischen Kräfte Westeuropas sowieso schon seinem Kommando unterstanden. Tatsächlich war er nun alleiniger Herrscher über das gesamte römische Westreich, also über Spanien, Gallien, England und teilweise Italien und Germanien, offiziell zwar im Namen Valentinians, in Wirklichkeit aber nur Theodosius gegenüber verantwortlich. Arbogast hatte diese Position nicht etwa machtgierig an sich gerissen, sondern sie entsprach genau abgesprochener Befugnis und Bewilligung durch Theodosius, der sein Vertrauen nicht auf den falschen Mann gesetzt hatte, denn Arbogast erwies sich im Folgenden als in jeder Hinsicht vertrauenswürdig, verlässlich und brilliant.

Wir sollten hier einmal kurz innehalten, um uns klarzumachen, was für ein einzigartiger und atemberaubender Aufstieg das für einen Mann war, der noch wenige Jahre zuvor nichts anderes als ein einfacher, aus seiner Heimat vertriebener, germanischer Stammeskrieger gewesen war. Als gebürtiger Nicht-Römer konnte er allerdings nie darauf hoffen, auf legale Weise selbst Kaiser zu werden. Aber das war ihm völlig klar, und er scheint nie auch nur daran gedacht zu haben, sondern war mehr als zufrieden damit, die tatsächliche Macht in Händen zu halten. Er war somit der erste jener germanischen Oberbefehlshaber Roms (wie später Stilicho, Ricimer und andere nach ihm), die das Römische Reich tatsächlich regierten, während die eigentlichen Kaiser lediglich reine Vorzeigefiguren waren (bis Odoaker 476 dieser Farce ein Ende machte und sich selbst zum König Italiens ausrief). Das war die Situation die folgenden Jahre hindurch bis 391, und alles schien bestens – sowohl für Theodosius wie auch für Arbogast, der allen Grund hatte, den Göttern zu danken.

Wir müssen uns nun kurz von Arbogast abwenden, denn zum Verständnis der weiteren Geschehnisse gilt es, das Augenmerk auf die religiösen Verhältnisse der Zeit zu richten. Das 4. Jahrhundert. war in Rom sehr von der Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum geprägt. 312 hatte Konstantin sein berühmtes Toleranzedikt erlassen. 341 ordnete sein Sohn Konstans die Abschaffung der heidnischen Staatsopfer an. Doch der Erlass erwies sich als höchst voreilig und musste aufgrund heftigen und machtvollen gesellschaftlichen Widerstandes schon im Jahr darauf eiligst zurückgenommen werden. Dennoch standen die Zeichen der Zeit insgesamt nicht gut für das Heidentum, das aufgrund der aggressiven Intoleranz des Christentums anderen Religionen gegenüber zunehmend in die Defensive zu geraten drohte. Zwar versuchte Kaiser Julian, der letzte wirkliche Heide auf dem Kaiserthron, in seiner kurzen Regierungszeit (361-363) das Steuer noch einmal grundsätzlich herumzureißen, in seinen Aktionen und gesetzlichen Verordnungen zur Zurückdrängung des Christentums agierte er aber trotz philosophisch brillianter eigener Schriften diplomatisch so ungeschickt und „unheidnisch“ intolerant, dass selbst viele Heiden ihm darin nicht zu folgen vermochten. Konstantin hatte das Christentum 312 zwar keineswegs zur Staatsreligion erklärt, wie zuweilen immer noch fälschlich behauptet wird, sondern hatte ihm lediglich dieselben Rechte wie jeder anderen Religion auch zugestanden. Aber seine naive Hoffnung war in der Tat die gewesen, dass diese neue, diszipliniert organisierte Religion sein geeinigtes Reich auch mit einem geeinigten Glauben stützen könnte. Darin wurde er natürlich enttäuscht:

„Die Führer jeder erfolgreichen Revolution spalten sich danach erfahrungsgemäß in Lager auf, von denen jedes allein überzeugt ist, die Ideale und den wahren Geist all dessen, wofür man gekämpft hat, in einzig reiner Form zu vertreten, während man den ehemaligen Weggefährten Verrat an der Sache vorwirft. Bischöfe, die eher Kerker, Folter und Tod erduldet hatten, als dem Genius des Kaisers als rein konventionelles Zeichen der Anerkennung ein Stück Räucherwerk darzubringen, waren jetzt nicht bereit, interne Glaubensstreitigkeiten zu begraben, nur weil der Kaiser das so wünschte. Konstantin sah genau das als Verbündeten an, was Diokletian vor ihm als größten Feind bekämpft hatte: die außerordentliche Starrköpfigkeit des Christentums, das Dogma und Reinheit der Lehre über alle Belange von Politik und gesellschaftlichem Gemeinwohl stellte. Er selbst hatte kaum begriffen, wie radikal sich diese Religion von allen anderen unterschied. Das traditionelle Heidentum wies zwar etliche Gemeinsamkeiten mit dem aufkommenden Christentum auf, das Konzept der Häresie, also der ‚Abweichung vom rechten Glauben‘, aber war etwas völlig Neues. Eine genaue Formulierung von Glaubenslehren war dem Heidentum gänzlich fremd, und dergleichen wäre mit Unverständnis aufgenommen worden. Was zählte, waren Traditionen, Mythen und Riten als symbolischer Ausdruck zutiefst menschlicher und gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Die zahlreichen Gottheiten erfüllten diese Bedürfnisse, und jeder durfte diese Gottheiten auf seine Art sehen, ohne dass das jemanden gestört hätte. Selbst die neueren Mysterienkulte, die einem synkretistischen Monotheismus zuneigten, wie z.B. der Kult des Sol Invictus, sahen die Vielzahl der Gottheiten völlig locker und betrachteten sie lediglich als für das Volk leichter verständliche Aspekte des einen göttlichen Urgrundes, der hinter allem liegt. Eine solche Sichtweise aber war dem Christentum unmöglich. Dessen Wurzeln lagen nicht im Hellenismus, sondern im Judentum, und von diesem hatte es nicht nur den eifernden und militanten Monotheismus des Buches Exodus, sondern auch die für das Judentum immense Bedeutung des ‚Gesetzes‘ geerbt. Alle anderen Götter waren nur böse Dämonen – wenn es sie denn überhaupt gab. Nur ein einziges Mal hatte das Göttliche menschliche Form angenommen, nämlich in dem erhabenen Mysterium von Christi Fleischwerdung. Wenn Wesen und Botschaft Christi diskutierbar wären, dann wären alle Vorraussetzungen und Autorität von Glauben, Kirche und Priestertum auf Sand gebaut. Ohne priesterliche Autorität keine eindeutige Endgültigkeit. Ohne eindeutige Endgültigkeit keine ‚heilige‘ Schrift. Ohne ‚heilige‘ Schrift kein Christus.“

(Williams, S. 47, deutsche Übers. vom Verf.).

In den Tagen Arbogasts war der prominenteste Vertreter dieses Ausschließlichkeitsanspruches Ambrosius, Bischof von Mailand. Ambrosius war als Sohn eines der höchsten Verwaltungsbeamten für den Nordwesten des Reiches in Trier geboren worden, hatte in Rom eine seiner senatorischen Herkunft entsprechende sorgfältige Ausbildung erhalten und selbst eine Karriere in der Reichsverwaltung begonnen. Als Statthalter Norditaliens mit Amtssitz in Mailand hatte er 374 im Streit um die Nachfolge des Mailänder Bischofs Auxentius lediglich vermitteln wollen – und war in den turbulenten Wirren dabei überraschend selbst zum Bischof ausgerufen worden. Und nun setzte er all seine äußerst scharfen Geistesgaben ein, um die Sache der Kirche zu fördern. Zu einer ersten Peinlichkeit war es allerdings bereits bei seinem Antritt des Bischofsamtes gekommen, als sich nämlich herausstellte, dass er nicht einmal getauft war, was danach hektisch und in aller Heimlichkeit nachgeholt wurde, um einen möglichen Skandal zu verhindern. Zwar war es damals auch unter gläubigen Christen üblich, sich erst auf dem Sterbebett taufen zu lassen (um nach der Taufe nicht mehr sündigen zu können), für einen Priester oder gar Bischof galt das aber natürlich nicht.

In einem seit Jahrzehnten zwischen den Kaisern in Mailand und dem römischen Senat schwelenden Streit, bei dem es um die Wiederaufstellung des einst von Augustus gestifteten heidnischen Victoria-Altars in der Kurie Roms ging (dem bis heute noch vollständig erhaltenen Senatsgebäude auf dem Forum Romanum), hatte gerade Ambrosius die Anträge des Senats natürlich immer wieder erfolgreich sabotiert, was in Rom zu einer zunehmenden Verbitterung geführt hatte, die noch Wirkung zeigen sollte. Bei den konstanten Gegenversuchen des heidnischen Roms, Ambrosius eine antichristliche Bombe vor den Bug zu setzen, kam es dann aber zu einer so peinlichen Panne, dass die im Nachhinein als einer der übelsten Treppenwitze der Religionsgeschichte erscheinen muss. Der Senat hatte nämlich einen jungen und hochbegabten Gelehrten aus Nordafrika aufgetan und ihm listig die wichtige Stellung des kaiserlichen Rhetorikers am Hof zu Mailand verschafft. Nun war man in Rom guter Hoffnung, dass dieser brilliante junge Mann nach entsprechender Instruktion Ambrosius in Schach halten und dessen christlichen Einfluss in Mailand zumindest gehörig zurückdrängen würde. Und der war auch mehr als bereit zu dieser Aufgabe. Dieser junge Afrikaner war nämlich Manichäer, und damit Angehöriger einer spätantiken Religion, die ebenfalls auf massivem Kriegsfuß mit dem Christentum stand, denn gerade der Manichäismus stand unter heftigsten Angriffen christlicher Bischöfe – eben weil er viele Ähnlichkeiten zum Christentum aufwies und sich dadurch zu einer höchst unliebsamen Konkurrenz entwickelt hatte. Leider kam es dann aber ganz anders: Der hoffnungsvolle Nachwuchs geriet unter den Bann des charismatischen Ambrosius, ließ sich nicht nur von ihm bekehren, sondern wurde unter dem Namen Augustinus auch noch zu einem der einflussreichsten Kirchenväter der Geschichte überhaupt (so wie auch Ambrosius).

Auch Kaiser Theodosius war Christ, wenn auch nicht durch Geburt, sondern erst 380 im Alter von 33 Jahren bekehrt, doch er hatte sich bisher durch eine sehr tolerante Politik gegenüber dem Heidentum hervorgetan. Bei ihrer Begegnung in Mailand aber war es Ambrosius gelungen, den Kaiser schwer zu beeindrucken, und nun suchte er nach Möglichkeiten, Theodosius gänzlich unter seinen geistlichen Einfluss zu bekommen. Ambrosius kühner Plan war es immer schon gewesen, den Angriff gegen das Heidentum auf dessen eigentliches Herz zu richten, nämlich auf die elementaren Traditionen und Symbole des Römischen Reiches. Vor allem wollte er deshalb den über ein Jahrtausend alten offiziellen Staatskult und dessen Opferfeiern abschaffen und – wenn möglich – verbieten lassen, und er hoffte, in dem persönlich sehr frommen Kaiser darin ein willfähriges Instrument zu finden.

Die erste Möglichkeit dazu eröffnete sich, als in Callinicum am Euphrat eine Horde fanatischer Mönche – aufgestachelt durch ihren Bischof – eine Synagoge demoliert hatte, was eine eindeutig kriminelle Tat war, denn das Judentum stand unter ausdrücklichem Schutz des römischen Gesetzes. Im Gegensatz zum Mittelalter rekrutierten sich damalige Mönchsgemeinschaften aus den sozial untersten Schichten, die von ihren Bischöfen gezielt als fanatisierte Schlägerbanden eingesetzt wurden und die genauso menschenverachtend und ohne Rücksicht auf das eigene Leben vorgingen wie heutige Islamisten. So zerschlug eine derartige Horde 362 in der phrygischen Stadt Merus (in Kleinasien) die Statuen in einem von Kaiser Julian neu eröffneten heidnischen Tempel in der Hoffnung, dadurch zu Märtyrern zu werden, ein Ziel, das sie innerhalb weniger Minuten danach zuverlässig erreichten. Theodosius entschied somit nach den Ausschreitungen in Callinicum auch weise, dass der Bischof den Wiederaufbau der Synagoge aus eigener Tasche zu bezahlen hatte, was für den eine üble und gänzlich unerwartete Überraschung war. Als Ambrosius aber davon erfuhr, protestierte er beim Kaiser gegen dessen Entscheidung und forderte, dass das Judentum genausowenig durch das Gesetz geschützt sein sollte wie christliche Häretiker. Als Theodosius darauf mit einem langen Sündenregister gerade dieser Mönchsgemeinde konterte, bauschte Ambrosius die Geschichte öffentlich auf und verkündete theatralisch, dass er die Verabreichung aller Sakramente verweigern würde, bis Theodosius seine Entscheidung zurückgenommen hätte.

Das war gegenüber einem römischen Kaiser ein gefährliches Spiel, aber Ambrosius war ein gewiefter Demagoge, zudem umgeben von fanatischen Anhängern in seinem Mailand, die Theodosius als frommer Katholik nicht so einfach verdammen konnte. Dennoch verblüffte es die Öffentlichkeit, dass der Kaiser schließlich nachgab, denn dergleichen hatte es zuvor noch nie gegeben. Auch frühere Kaiser seit Konstantin mochten privat überzeugte Christen gewesen sein, aber sie hatten nie vergessen, dass sie an erster Stelle römische Kaiser waren. Auf Bischöfe hörten sie nicht mehr als auf ihre anderen Berater, und wenn sie sich von ihnen taufen ließen, dann für gewöhnlich erst auf dem Sterbebett. Aber noch nie hatte sich ein Kaiser von Bischöfen beherrschen lassen. Nun schien Theodosius die erste Ausnahme von dieser Regel darzustellen.

Zu einer weitaus schlimmeren Geschichte kam es im griechischen Saloniki im Vorfeld eines Wagenrennens, die man als Formel 1 der Antike bezeichnen kann: ein hochprofessionelles Business mit mächtigen Funktionären und Wagenlenkern, die umjubelte Superstars waren. So gilt z.B. der römische Wagenlenker Diocles (104-147 n.Chr.) bis heute als bestbezahlter Sportler aller Zeiten, der bei seinem Tod ein Vermögen von mehr als umgerechnet zehn Milliarden Euro besaß. Gingen Idole wie er an den Start, strömten bis zu 250.000 Fans in den Circus Maximus Roms (die heutigen Tribünen z.B. am Hockenheimring fassen nur halb so viele Zuschauer). Des Kaisers christliche Goten, die in den Stadtgarnisonen auch Polizeiaufgaben wahrnahmen, hatten nun den beliebtesten Wagenlenker der Stadt verhaftet, weil er eine homosexuelle Vergewaltigung begangen hatte. In Folge dessen konnte er nicht bei den extrem beliebten Wagenrennen am folgenden Tag auftreten. Ihres Idols beraubt, entlud sich der Ärger des Pöbels in wilden Randalen, die die ganze Stadt erfassten. Die gotische Garnison wurde gestürmt, der Verhaftete gewaltsam befreit und zahlreiche germanische Soldaten und Offiziere brutal ermordet und ihre verstümmelten Körper durch die Straßen geschleift. Als Theodosius davon erfuhr, explodierte er vor Zorn und ließ der neuen Besatzung der Stadt sofort einen Geheimbefehl übermitteln: Als die Wagenrennen einige Tage später erneut stattfanden, verbarrikadierten die Goten auf ein Zeichen hin von außen alle Tore und schlachteten gnadenlos 7000 schreiende Zuschauer ungeachtet ihres Alters und Geschlechts ab. Zwar muss man antiken Zahlenangaben gegenüber – vor allem, wenn es um feindliche Heere und erschlagene Feinde geht – immer eine gewisse Vorsicht walten lassen, aber angesichts der Tatsache, dass das Stadion mehr als 100.000 Menschen fasste, scheint die Zahl nicht sonderlich übertrieben.

Seit Menschengedenken hatte keine römische Stadt dergleichen erlebt. So etwas richteten höchstens brutale Eroberer in feindlichen Städten an, und gerade für die heidnischen Römer und Griechen setzte es die christlichen Germanen in genau dieses Licht, was im griechischen und später byzantinischen Kulturbereich auf Jahrhunderte für eine generell „antigermanische“ Stimmung sorgte, die diplomatisch erst durch Karl den Großen wieder behutsam entschärft werden konnte. Der moralische Schock im gesamten Reich über dieses Vorgehen war auch deshalb umso größer, weil Theodosius eigentlich als sehr humaner und milder Herrscher bekannt war. Zwar hatte sich sein Zornesausbrauch schnell wieder gelegt, und er hatte eiligst einen Widerruf seines Befehls nach Saloniki geschickt, der die Garnison jedoch nicht mehr rechtzeitig erreichte, aber nun konnte er die Toten nicht wieder zum Leben erwecken, wie er selbst reumütig bekannte. Theodosius wurde dabei aber nicht nur von moralischen Schuldgefühlen geplagt, sondern viel mehr noch von der Angst ewiger Verdammnis durch Gott.

Das war die große Stunde des Ambrosius, der genau wusste, wie er den Kaiser nun psychologisch in die Zange zu nehmen hatte, und diesmal war sein Vorgehen subtil und meisterlich. Zunächst drohte er ihm die Exkommunikation an. Theodosius hatte keine Wahl, als um Vergebung zu bitten und öffentlich Buße zu tun. Nachdem er sich entsprechend gedemütigt hatte, legte Ambrosius ihm in ausgeklügelter Taktik dar, dass es nur eine Möglichkeit gebe, seine Seele zu retten, und das sei der entschlossene Kampf gegen Ketzerei und Heidentum. Als Folge dessen beendete Theodosius seine bis dahin erfolgreiche und tolerante Religionspolitik und erließ im Frühjahr 391 ein radikales Gesetz, in dem nicht nur jede öffentliche und private Opferhandlung, sondern auch der Zugang zu allen heidnischen Tempeln und Heiligtümern verboten wurde. Dem folgten schnell drei weitere, noch drastischere Gesetze, die darauf abzielten, jeden Rest heidnischer Riten, Sitten und Gesten endgültig auszumerzen. In ihrem Generalangriff auf die gesamte römische Alltagskultur waren die Gesetze so weitreichend und vernichtend, als würde heute ein atheistisches und totalitäres Regime Ostereier, Geburtstagsfeiern, Weihnachtsgeschenke, Neujahrsgrußkarten und selbst so alltägliche Sitten wie Trinksprüche zu Verbrechen erklären.

„Wahrscheinlich ist es nicht unmöglich, aber bestimmt sehr schwierig, größere Beispiele für Intoleranz und Fanatismus zu finden, als den Geist, der aus diesen neuen Gesetzen sprach. Sie legen es nicht nur auf Abschaffung jeglicher heidnischer Symbolik an, sondern dämonisieren sie darüber hinaus auch noch, und zwar bis hin zu den einfachsten und häuslichsten Bräuchen. Das erste Gesetz z.B. bestimmt, ‚dass kein Mensch sich mehr den Heiligtümern nähern, die Tempel betreten oder Bildnisse verehren darf, die von menschlicher Hand geschaffen sind‘. Personen von Rang hatten bei Zuwiderhandlung 15 Pfund Gold Strafe zu zahlen. Das ist die staatliche Übernahme der Mosaischen Sichtweise der ‚Bilderverehrung‘, dass diese Abbilder nämlich Fetische seien, die um ihrer selbst willen angebetet würden. Dabei war jedem Gebildeten klar, auch intelligenten Christen wie Ausonius oder Petronius Probus, die ebenso oft die heidnischen Heiligtümer aufsuchten, dass Heiden nicht die Statuen selbst verehrten, sondern sie lediglich als Symbole der Gottheiten ansahen. Die edlen Traditionen und Mythen des hellenistischen Polytheismus, das gemeinsame Erbe der klassischen Antike, wurden nun gesetzlich von dem primitiveren hebräischen Rundumschlag gegen die ‚gotteslästerlichen Götzen‘ ihrer alten Stammesfeinde ausgelöscht. Dies war das Christentum der Mönche und des Pöbels, das nun seinen sprachlichen Ausdruck in einem Reichsgesetz gefunden hatte, das nicht von nüchterner Politik oder wünschenswerten religiösen Zielen, sondern ausschließlich von der Angst des Herrschers vor persönlicher Verdammnis bestimmt war“.

(Williams, S. 120, deutsche Übers. vom Verf.)

Diese Gesetzgebung zeichnete sich – abgesehen von ihrer Dreistigkeit – vor allem durch eine extreme Realitätsfremdheit aus. Zwar war das Christentum zur wichtigsten Einzelreligion des Reiches geworden, verglichen mit den Anhängern aller nichtchristlichen bzw. heidnischen Religionen im Reich insgesamt aber waren Christen immer noch erheblich in der Minderheit, wie man heute weiß. Die christlichen Gemeinden konzentrierten sich vor allem im Einzugsbereich der wenigen Großstädte Rom, Karthago, Konstantinopel, Athen und Alexandria sowie in ein paar kleinen Provinzstädten der südlichen Iberischen Halbinsel und des westlichen Kleinasiens. Größere Verbreitung auch abseits der Städte hatte das Christentum bisher lediglich in Syrien, Palästina und vor allem Ägypten gefunden. Im ländlichen Italien, in Nordafrika, weiten Teilen Griechenlands, dem Balkan und dem gesamten Norden des Reiches dürfte es – wenn überhaupt – nur sehr vereinzelt Christen gegeben haben. Insofern war dieses Signal aus Konstantinopel ein ungeheuerlicher Schock für ganz Italien und das römische Westeuropa, wo alle vornehmen Familien, die gesamte Aristokratie, die Politiker und die Landbevölkerung alle noch überzeugte Heiden und gänzlich unberührt vom Christentum des Stadtpöbels und dem der verschiedenen germanischen Völker waren, die Rom immer heftiger bedrängten. Vor allem aber brachte das alle Politiker in große Schwierigkeiten, denn sie mussten diese Gesetze, denen sie selbst völlig ablehnend gegenüberstanden, nun öffentlich verkünden und durchsetzen. Vor allem Flavianus, Vorsitzender des Senats von Rom, als Präfekt Italiens höchster Politiker des Landes und glühender Heide, war von diesen hasserfüllten Gesetzen in größtem Maße angeekelt, verletzt und aufs höchste alarmiert. Zu diesem religionspolitischen Schlag ins Gesicht kam zusätzlich noch die persönliche Demütigung, dass man ausgerechnet von ihm nun auch noch die Durchsetzung dieser Gesetze erwartete und er ein Handlanger bei nichts Geringerem sein sollte als der völligen Vernichtung seiner eigenen Religion und der seiner Ahnen.

Es ist unklar, wie konsequent die Gesetze in der Praxis durchgeführt und angewandt wurden – wohl je nach Gegend mehr oder weniger bis hin zu gar nicht, denn deren Durchsetzung oblag allein den örtlichen Präfekten und Magistraten, die durchweg selbst ausnahmslos stockheidnisch und somit dabei mehr als nur zögerlich waren. Allerdings dürften sie in einigen Gegenden von eifernden Bischöfen und deren fanatisierten Anhängern zum Handeln gezwungen worden sein. Und zumindest die offiziellen Staatskulte und Opferfeiern in Rom, die ein Jahrtausend lang die Sicherheit der Stadt gewährleistet hatten, mussten nun eingestellt werden. Das war ein bitterer Schlag für die Aristokratie Italiens, die kurz zuvor noch ihr ganzes Vertrauen auf die tolerante Religionspolitik des Kaisers gesetzt und zuversichtlich eine Wiedererstarkung des Heidentums angestrebt hatte. Aber der Schock blieb nicht auf Italien beschränkt. In den Teilen des Reiches, wo Christen einen nennenswerten Bevölkerungsanteil darstellten (also nur in Ägypten, Palästina und Syrien), entlud sich der Konflikt in Randalen und Schlägereien zwischen christlichen und heidnischen Parteien. Tempel wurden demoliert und zerstört, und es kam dabei nicht selten zu Blutvergießen. Vor allem die Zerstörung des Serapeums im ägyptischen Alexandria, eines der berühmtesten Heiligtümer der antiken Welt, wurde von blutigen Unruhen begleitet. Die allerdings wurden wiederum dadurch ausgelöst, dass sich eine heidnische Fraktion darin verschanzt hatte, die alle (auch zufällig) vorbeikommende Christen angriff und zusammenschlug.

Aber warum konnte das Heidentum darauf nicht mit einem ähnlich organisierten Widerstand antworten, wie es die Christen unter den drastischen Verfolgungen durch Diokletian getan hatten? Bereits eine solche Fragestellung verrät geistiges Befangensein in christlichen Denkmustern, da sie das Wesen des Heidentums völlig verkennt. Das Heidentum war kein organisiertes oder auch nur ansatzweise zusammenhängendes Gebilde. Darin unterschied es sich grundsätzlich vom Christentum. Zum einen bestand es aus einer Unzahl ganz verschiedener Kulte, aus denen durch Verschmelzung wiederum konstant neue hervorgingen, und deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass sie „nichtchristlich“ waren, die sonst aber wenig miteinander zu tun hatten. Zum anderen – und das ist entscheidender – war ihre innere Natur eine gänzlich andere (wobei es im Folgenden nur um das hellenistisch-römische Heidentum geht, nicht um die aus dem Orient importierten Religionen und Mysterienkulte). Das bezog sich vor allem auch auf das Wesen des Priestertums:

„Die Römer haben immer gewollt, dass dieselben Leute die Gottesverehrung wahrnehmen, die auch den Staat lenken, damit die angesehensten und berühmtesten Bürger einerseits durch gutes Regieren des Gemeinwesens die Gottesverehrung in all ihren Formen bewahren und andererseits durch weise Anwendung der Kultvorschriften das Gemeinwesen sichern.“

(Cicero: De domo sua 1)

Dieser republikanischen Formulierung liegt die alte Vorstellung zu Grunde, dass der König bzw. Stammesführer seines besonderen „Heils“ wegen als wirkmächtigstes Bindeglied zwischen oben und unten zu vermitteln hatte. Da Könige aber nicht dauernd und überall gleichzeitig im Lande die nötigen Zeremonien abhalten konnten, entstand das Priestertum ursprünglich als reine Stellvertreterfunktion. Im republikanischen Rom gab es keinen Herrscher. Da die Gottesverehrung aber staatstragend war, wurden auch hier die Priesterkollegien ausschließlich aus den Reihen hoher und verdienter Senatoren besetzt. Das änderte sich auch nicht, als mit Augustus ab 27 v.d.Z. Der Wechsel zum Prinzipat erfolgte. Zwar ging nun uralten Vorstellungen gemäß der Titel des Pontifex maximus (wörtlich: großer Brückenbauer) auf den Kaiser als obersten religiösen Repräsentanten über, das trotzdem immer noch notwendige Priesterkollegium war aber nach wie vor ausschließlich für religio zuständig – und wurde deshalb auch weiterhin ausschließlich mit Politikern besetzt. Dieser Begriff – religio – war nämlich strikt auf die offiziellen Staatskulte beschränkt, deren umfangreiche Durchführungsvorschriften aus erschreckend komplizierten und penibel einzuhaltenden Riten bestanden (zu denen später noch der Kaiserkult hinzukam), die auf die Sicherung göttlichen Wohlwollens für die Stadt Rom und das gesamte Gemeinwesen des Reiches zielten, wobei es theoretisch für deren Wirksamkeit unmaßgeblich war, ob sie von einem Gläubigen oder einem Atheisten vollzogen wurden. Dass Letzteres im Norden genauso war, lässt sich aus dem Beispiel des Freyrsgoden Hrafnkel in der gleichnamigen Saga ersehen, der nach seiner schmachvollen Entmachtung und seiner daraus resultierenden Hinwendung zum Atheismus später trotzdem in einem anderen Bezirk Islands wieder Gode wurde, worin weder er noch seine Umwelt ein Problem sahen, da es sich um ein rein politisches bzw. weltliches Amt handelte, zu dessen Pflichten gerade deshalb (!) u.a. eben auch der Vollzug der Opferhandlungen für das Gemeinwesen gehörte. Für das Kultpersonal der antiken Tempel, Heiligtümer und Orakel gab es eine genau differenzierende Reihe von Bezeichnungen, das genaue Gegenstück eines christlichen Priesters aber befand sich nicht darunter, und wenn in römischen Quellen vereinzelt „Priester“ bei den Germanen erwähnt werden, sollte man sehr gezielt hinschauen, welcher dieser Begriffe dafür im lateinischen Original verwendet wird und was dessen römische Entsprechung genau bedeutet. Der Begriff religio jedenfalls beschränkte sich ausschließlich auf die Staatskulte und auf die im gesamten indoeuropäischen Raum nachweisbare und als Notwendigkeit empfundene Identität zwischen Kultgemeinschaft und Bürgergemeinde, wobei diese Gottesverehrung als öffentliche Staatsbürgerpflicht, nicht aber als persönliche Hingabe des einzelnen angesehen wurde. Das soll nicht heißen, dass dahinter kein echter Glaube gestanden hätte, denn sonst hätte die notwendige Identifizierung mit dem Staatswesen nicht funktionieren können, aber der davon gänzlich abgetrennte Bereich der privaten Frömmigkeit wurde im Lateinischen mit zwei ganz anderen Ausdrücken bezeichnet, die in ihrer damaligen Bedeutung wenig mit ihren heutigen romanischen Entsprechungen zu tun hatten: pietas, was u.a. die so wichtige Verehrung der Ahnen, Hausgeister (Laren) usw. bezeichnete, sowie superstitio, was die individuelle „Religion“ im heutigen Wortsinn, also die private Kultzugehörigkeit definierte, die auf ganz andere Gottheiten gerichtet sein konnte als der Staatskult und nicht das Geringste mit diesem zu tun haben musste.

Eine solche Trennung musste dem Christentum unverständlich bleiben, und auch viele heutige Heiden sind unbewusst noch so christlich geprägt, dass sie diesen wichtigen Punkt verkennen oder völlig übersehen, denn Form, Funktion und Selbstverständnis gerade des Priestertums waren im Christentum ein gänzlich anderes. Kein Wunder, denn das war natürlich durch den Einfluss jener Gegenden und Kulturen geprägt, in denen das Christentum entstanden war und seine frühesten Wurzeln hatte: Palästina, Syrien und Ägypten, wo es tatsächlich eine alte Tradition machtvoller Priesterkasten mit Ausschließlichkeitsanspruch für Opfer, Gottesdienst und Zugang zum „Allerheiligsten“ des Tempels gab, die dem Christentum als Vorbild dienten. Ein christlicher Priester bzw. Bischof war somit der allein maßgebende und monarchische Leiter der Gemeinde, alleinberechtigter Mittler zwischen Gott und den Menschen, verantwortlich für die „richtige Lehre“, Ordnung, Einheit und Erziehung sowie betraut mit der Aufsicht über das bewegliche und unbewegliche Eigentum der Gemeinde. Im hellenistisch-römischen Heidentum dagegen gab es keinerlei kirchliche Organisation, keine priesterliche Autorität über die Gläubigen, keine dogmatischen Vorgaben oder gar „heilige Schriften“, keine Erörterung fundamentaler Glaubensfragen und keine mit den christlichen Gepflogenheiten vergleichbare Unterscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“ (was sich z.B. in den mit unterschiedlichen Inhalten frei erzählbaren Mythen äußerte). Im Grunde ist der Begriff „Religion“ nach heutigem Verständnis dafür wahrscheinlich sogar völlig verfehlt, denn Heidentum war eher mit Kulturverständnis schlechthin gleichzusetzen. Heiden dürften generell Schwierigkeiten gehabt haben, die christliche Sichtweise einer priesterlichen Autorität und Dogmatik, die über den reinen Staatskult hinausging, überhaupt zu begreifen. Heidentum war traditionelle Gesellschaftsauffassung, seine Wurzeln waren uralt, kultureller Art, betrafen Sitten und Umgangsformen, und seine Stärke lag in der Anpassungsfähigkeit, mit der neue Gottheiten – einschließlich Christus – gesellschaftlich und religiös problemlos integriert werden konnten. Hätte im Heidentum jemand katechetische Glaubensvorschriften verkündet, selbst wenn sie auf allseits bekannten Mythen basiert hätten, oder ein Abweichen davon als Irrlehre gebrandmarkt, hätte er sich zum allgemeinen Gespött gemacht.

Genau das aber hatte das Christentum bereits geschafft. Dort hatte man nämlich unter dem ätzenden Spott des Heidentums in Form der dauernd stattfindenden Konzilien/Synoden (beide Begriffe bedeuten „Zusammenkunft“) einen priesterlichen Bischofsrat eingerichtet (dem etliche Zeit später auch noch in Person des Papstes ein Vorsitzender auf Lebenszeit vorstehen sollte), ein Gremium, das auf eine für die monotheistischen Religionen so wichtige priesterliche Vorherrschaft über die Gläubigen aus war, denen die „heilige“ Schrift und Lehre natürlich „ausgelegt“ und „erklärt“ werden mussten, eine für heidnisches Verständnis ungeheuerliche Anmaßung.

Entscheidend für das Fehlen eines heidnischen Widerstandes war aber auch, dass die maßgeblichen heidnischen Kreise eben nicht so reagieren konnten, wie der christliche Pöbel, dem die Zugehörigkeit zu seinem christlichen Neuverständnis des Begriffs „Religion“ stets wichtiger als seine Staatsbürgerschaft und sein politisches Bekenntnis zum Staat gewesen waren, denn für Christen galt ab nun das Ambrosius-Wort: „Nichts ist wichtiger als die Religion, nichts steht höher als der Glaube“ (Brief 17,12). Für einen vornehmen Heiden war sein traditionelles Heidentum aber nicht von seinem gesellschaftlichen Selbstverständnis, seiner Familienehre und der seiner Vorfahren zu trennen. Und genau deshalb konnte er sich auch nicht guten Gewissens gegen konstitutionell erlassenes römisches Recht stellen, so wenig ihm das Gesetz selbst auch gefallen mochte. Dazu kam, dass auch Heiden in höchsten Staatsämtern auf lange Sicht machtlos gegen die christlichen Übergriffe auf heidnische Heiligtümer waren, da die Bischöfe, die ihre Mönche und das Volk aufhetzten, genau wussten, dass sie mit Theodosius’ Gesetzgebung im Rücken handelten. Dennoch: Diese neuen Gesetze waren eindeutig einen Schritt zu weit gegangen. Und während Ambrosius in Mailand im höchstem Himmel schwebte und seinen Gott und den Kaiser in ekstatischen Gedichten pries, brütete in Rom unter Leitung des ehrenwerten Flavianus der Senat finster vor sich hin, was man diesem Unheil entgegensetzen könnte.

Arbogast schien auf den ersten Blick weit weg von all diesen Geschehnissen zu sein und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nichts über seine künftige eigene Rolle in den kommenden Ereignissen. Zusammen mit dem jungen Kaiser Valentinian und dessen Hofstaat residierte er abwechselnd in Trier und Vienne und genoss im gesamten Reich höchste Wertschätzung als großartiger und vertrauenswürdiger Oberbefehlshaber des weströmischen Heeres. Von dort aus schützte er zuverlässig die Nordwestgrenze des Reiches gegen die konstanten Versuche germanischer Raubzüge, wobei vor allem die Franken unter Sunno und Marcomer durch Raubzüge in linksrheinisches Gebiet unangenehm auffielen. Die Franken waren damals bereits ein Verband verschiedener Stämme: Brukterer, Chamaven, Ampsivarier und Chatten werden als den Franken zugehörig erwähnt, was eine Ausdehnung ihres Gebietes vom Siegerland bis zur heutigen niederländischen Grenze nahelegt. Die beiden höchsten Militärs Arbogasts am Rhein – Charietto (dem Namen nach ebenfalls ein Germane) und Syrus – vermochten von Köln aus die Franken zwar halbwegs in Schach zu halten, zu einem entscheidenden Sieg aber reichte es nicht, so sehr auch Arbogast von Trier aus darauf drängte, sondern man begnügte sich immer wieder mit der Erneuerung lauwarmer Abmachungen, wobei man sich gleichzeitig keinen Illusionen darüber hingab, dass solche Vereinbarungen nur bis zur nächsten für die Franken günstigen Gelegenheit halten würden. Diese unbefriedigende Situation ließ Arbogast beschließen, die Sache nun selbst in die Hand zu nehmen. Er zog nach Köln, traf alle Vorbereitungen für einen Feldzug und ließ gleichzeitig auch die alten Festungsanlagen der Stadt sowie andere offizielle Gebäude wieder instandsetzen. Quelle für seine Bautätigkeit ist u.a. eine Inschrift, die dadurch überlebt hat, dass sie 1517 als Baumaterial am Chor von St. Peter in Köln mit eingemauert wurde (heute im Römisch-Germanischen Museum der Stadt).

Arbogast kannte nicht nur das Land selbst bestens (er war schließlich dort geboren und aufgewachsen), sondern ebenso die Kampf- und Denkweise seiner fränkischen Stammesgenossen. Deshalb tat er etwas für die Antike Unerhörtes, auf das kein anderer römischer Kommandant verfallen wäre: Er wartete mit seinem Feldzug, bis es tiefster Winter war. Erst als klirrender Frost eingesetzt hatte, überquerte er mit seinen Truppen auf dem frühesten Vorläufer der heutigen Deutzer Brücke den Rhein, besetzte als letzter römischer Kommandant der Geschichte das Ostufer und stieß dann flussabwärts in das Gebiet der Franken vor. Der Zeitpunkt war bewusst deshalb gewählt, weil nicht nur die Sümpfe und Moore, die wegen ihrer taktischen Einbeziehung durch Germanen im Kampf schon manch römischer Streitmacht zum Verhängnis geworden waren, nun gefroren und sicher begehbar waren, sondern vor allem, weil die zu dieser Jahreszeit laublosen und deshalb weithin durchsichtigen Waldgebiete den Franken kaum eine Möglichkeit für Verstecke und Hinterhalte größeren Ausmaßes boten. Die Quelle erwähnt hier ein seltsames Detail, dass Arbogast dieses Unternehmen nämlich mit „heidnischem Hass“ angegangen sei. Die Berichte über Arbogasts Auseinandersetung mit den Franken entstammen dem Historiker Alexander Sulpicius aus dem 5. Jahrhundert, dessen Werk uns aber leider nur in Zitaten durch Gregor von Tours (538-594) in dessen Historia Francorum überliefert ist. Möglicherweise ist diese Bemerkung also lediglich Zeichen religiöser Abschätzigkeit aus dem Mund eines Christen (obwohl wir nicht wissen, welcher Religion Sulpicius angehörte). Viel wahrscheinlicher aber ist, dass Arbogast hier tatsächlich aufgebrochen war, um grimmig eine alte Rechnung zu begleichen: Vor zehn Jahren hatten Sunno und Marcomir einen jungen und tapferen Krieger aus seiner Heimat vertrieben und ihn damit auf immer von seiner Familie, seiner Sippe, seinen Freunden und seinem Zuhause abgeschnitten. Nun war er auf einmal wieder da, und zwar als Oberbefehlshaber der größten und schlagkräftigsten Armee der Welt, und die dummen Gesichter von Sunno und Marcomer, als sie erstmals begriffen, wer ihnen da als Gegner gegenüberstand, dürften sehenswert gewesen sein. Aber die Franken waren klug genug, das einzig Richtige zu tun: Arbogast traf ausschließlich auf verlassene Siedlungen und entvölkerte Gegenden und bekam keinen einzigen Menschen zu Gesicht. Die fränkischen Stämme waren komplett mit Kind und Kegel geflohen und wichen ihm im Folgenden aus, wo immer sie konnten, was angesichts der auf den Höfen im Stich gelassenen Wintervorräte und der daraus resultierenden schwierigen Versorgungslage ebenfalls eine logistische Meisterleistung gewesen sein dürfte (wenn dieses von Arbogast sicherlich ebenfalls taktisch eingeplante Problem denn gelöst wurde, was wir nicht wissen). Lediglich auf den Kämmen weit entfernter Hügel zeigten sich zuweilen Marcomer und einige fränkische Reiter, die Arbogasts Truppen aus sicherer Entfernung nicht aus den Augen ließen. Arbogast kehrte schließlich entnervt und unverrichteter Dinge nach Köln zurück. Aber im Jahr darauf scheint sein Plan bei einem erneuten Versuch aufgegangen zu sein. Sulpicius’ Nachricht darüber ist äußerst spärlich, legt aber nahe, dass es Arbogast diesmal gelungen sein muss, die Franken so zu überraschen, dass er alle Bedingungen diktieren konnte. Es muss ein sehr persönlicher Triumph für Arbogast gewesen sein. Aber gleichzeitig scheint er vorausschauend genug gewesen zu sein, den Gegner nicht zu demütigen. Er erneuerte vielmehr mit Sunno und Marcomer – beide inzwischen wahrscheinlich ziemlich kleinlaut geworden – nicht nur ihre alten Bündnisversprechen dem Reich gegenüber, sondern scheint sie in germanischer Manier auch noch auf sich persönlich eingeschworen zu haben: Wenn Arbogast sie je benötigen sollte, hatten die beiden Franken und ihre Krieger ihm militärisch beizustehen. Und er dürfte keinen Zweifel daran gelassen haben, dass ab nun jeder weitere Bruch dieser Vereinbarungen im wörtlichsten Sinne vernichtende Folgen für die fränkischen Stämme haben würde. Der Ruf Arbogasts scheint ausgereicht zu haben, dass die Franken sich künftig buchstäblich daran hielten. Dennoch waren sie mit dieser Abmachung als einzigem Preis für die Geschichte erstaunlich gut weggekommen, und die späteren Ereignisse lassen vermuten, dass man sich dabei nicht nur in Frieden, sondern sogar in Freundschaft trennte. Und laut Sulpicius verfuhr Arbogast kurz darauf in genau derselben Weise mit den (damals noch sehr viel nördlicher lebenden) Alemannen.

Inzwischen hatte aber auch Arbogast sein ganz eigenes Problem, und das war der junge Kaiser Valentinian selbst. Der Knabe war inzwischen 20 Jahre alt und begierig auf eigenen Schlachtenruhm und Regierungsmacht. Arbogast wusste, dass das nur in einer Katastrophe enden konnte und hielt deshalb den jungen Kaiser nur noch umso kürzer. Als Valentinian auf Flehen des Ambrosius begeistert gegen in Pannonien (dem heutigen Ungarn) eingefallene heidnische Steppenkrieger ziehen wollte, verbot ihm Arbogast das schlichtweg und verkündete stattdessen öffentlich, er selbst werde das in die Hand nehmen, woraufhin sich die Invasoren sofort in Panik zurückzogen und um Frieden baten. Aber Valentinian hatte seine demütigende Rolle inzwischen begriffen und wurde in seinem goldenen Käfig zunehmend aufmüpfiger. Und dieses Problem scheint Arbogast falsch angegangen zu sein. Solche Prinzlein müssen konstant unterhalten werden, man muss ihnen schmeicheln und man muss sie irgend etwas machen lassen, wobei sie keinen Schaden anrichten können, wodurch sie sich aber bestätigt und wichtig fühlen. Um ein solch delikates und höfisches Problem elegant zu lösen, war Arbogast aber wohl zu sehr germanischer Krieger, und seine einzige Reaktion scheint gewesen zu sein, Valentinian noch mehr Beschränkungen aufzuerlegen, obwohl ihm klar gewesen sein muss, dass es in seinem eigenen Interesse gelegen hätte, den Jungen möglichst gutwillig zu stimmen, um mit ihm auskommen und ihn lenken zu können. Nun begann Valentinian, flehentliche und theatralische Briefe mit der Bitte um Hilfe an Ambrosius und Theodosius zu schicken. Keiner von beiden antwortete, Theodosius ganz klar deshalb nicht, weil er das alles schließlich genau so geplant hatte und Arbogasts Handeln genau seinem Auftrag entsprach.

Der folgende Vorfall mag ein bezeichnendes Licht auf Arbogasts Gesinnung bezüglich Korruption werfen: Als Harmonius, ein Mitglied des Hofes und enger Freund Valentinians, der Bestechlichkeit überführt war, zog Arbogast fassungslos vor Empörung sein Schwert, um kurzen Prozess mit ihm zu machen. Harmonius rannte, so schnell er konnte, und die gesamte Dienerschaft konnte erschreckt mitansehen, wie Arbogast ihn mit gezücktem Schwert einmal durch den gesamten Palast und zurück jagte, wo der völlig Verängstigte im Thronsaal nun hoffnungsvoll Schutz unter dem Mantel seines Kaisers suchte (eine Geste, die für heiliges Asyl stand). Das aber störte Arbogast wenig, und unter den Augen des entsetzten Valentinian und der übrigen Anwesenden zerrte er Harmonius hervor und hieb ihn offensichtlich so drastisch in Stücke, dass auch der junge Kaiser und alle Umstehenden danach völlig blutgetränkt waren.

Nach diesem unschönen Zwischenfall war jeder Rest von Vertrauen zwischen den beiden endgültig dahin, und damit auch die Möglichkeit einer Machtteilung, die es Valentinian erlaubt hätte, zumindest offiziell und in der Öffentlichkeit die Kaiserwürde zu repräsentieren, ohne gleich das gesamte Arrangement zu ruinieren. Wenige Tage später überreichte Valentinian vom Thron herab Arbogast sein Entlassungsschreiben. Arbogast las es in aller Ruhe, warf es dann achtlos zu Boden und sagte: „Du hast mir mein Amt nicht gegeben, also kannst du mich auch nicht entlassen“. Sprach’s und verließ unbewegt den Thronsaal. Dies war nicht lediglich die stolze Reaktion eines germanischen Kriegers, sondern das entsprach völlig den Tatsachen, denn de facto war Arbogast ausschließlich Theodosius gegenüber Gehorsam schuldig. Aber nicht einmal Theodosius hätte ihn so einfach entlassen können, da er vom Heer in sein Amt gewählt, nicht aber vom Kaiser ernannt worden war. Diese erneute Konfrontation in aller Öffentlichkeit aber war so demütigend für Valentinian und er fand Arbogasts Druck inzwischen so unerträglich, dass er daraufhin nachweislich in tiefe Depression verfiel. Er erkannte nun das ganze Ausmaß seiner Situation und muss sich wie ein Gefangener vorgekommen sein. Gegen Arbogasts Persönlichkeit kam er nicht an, er besaß keinerlei Macht und – schlimmer noch – auch keine politischen Freunde mehr. Das muss ihn zu einem verzweifelten Entschluss bewogen haben: Einige Tage später, im Mai 392, fand man ihn erhängt in seinen Gemächern.

Arbogast verkündete, es sei Selbstmord gewesen. Die öffentliche Meinung war gespalten. Entweder folgte man Arbogasts Version oder man verdächtigte ihn, Valentinian umgebracht zu haben. Und bis heute sind sich die Historiker in dieser Frage nicht völlig einig, was den Vorfall möglicherweise zu einem der ungeklärten Mordfälle der Geschichte macht. Die Quellen selbst sind zu widersprüchlich und beweisen lediglich, dass die genauen Umstände des Todes Valentinians auch schon für die damaligen Zeitgenossen undurchsichtig waren: Die zeitlich am nächsten liegende Quelle (Rufinus) gibt klar zu, dass niemand genau wusste, was an diesem schicksalhaften Tag in Vienne wirklich passiert war, und dass es auch keine Möglichkeit gab, die widersprüchlichen Gerüchte zu beweisen oder zu widerlegen. Alle anderen Berichte darüber wurden viel später geschrieben und sind schlichtweg wilde Räuberpistolen mit sensationslüsternen und eindeutig erfundenen Details. Sehr aufschlussreich aber ist, dass sogar Ambrosius die Mordtheorie ausschloss – und der hätte wenig Anlass gehabt, den heidnischen Franken Arbogast in Schutz zu nehmen. Das Hauptargument zu Gunsten Arbogasts ist aber, dass er einfach kein glaubwürdiges Motiv für einen Mord gehabt hätte. Er war nicht nur uneingeschränkter Herrscher des Westreiches, sondern sein Einflussbereich umfasste inzwischen auch Italien, und all das mit vollem Einverständnis Theodosius’. Als gebürtiger Nichtrömer konnte er selbst nie Kaiser werden, und das wusste er, und deshalb hätte selbst ein natürlicher Tod Valentinians niemals in Arbogasts Interesse sein können. Zwar war der junge Kaiser am Ende nur noch schwer oder gar nicht mehr lenkbar, aber dennoch lag alle Macht unangreifbar in Arbogasts Händen. Selbst wenn er Valentinian als Gefangenen gehalten hätte, wäre das immer noch besser als sein Tod gewesen, denn wie immer man sich ein neues Arrangement nach Valentinians Tod auch vorstellen könnte, es hätte in keinem Fall günstiger für Arbogast ausfallen können, als es zuvor gewesen war.

Es ist unklar, was Theodosius darüber dachte, als die Neuigkeiten Konstantinopel endlich erreichten. Er scheint skeptisch gewesen zu sein. Aber die Version der Ereignisse kann auf dem langen Weg nach Osten natürlich auch leicht verzerrt oder verändert worden sein. Tatsache jedenfalls ist, dass er fatalerweise über Monate keine Reaktion äußerte, möglicherweise, weil er zu unsicher war, was er davon halten sollte. Im Licht der folgenden Ereignisse ist dieses lange Schweigen aus Konstantinopel dennoch mehr als befremdlich. Eine andere mögliche Erklärung dafür könnte die Tatsache sein, dass der Kaiser sich genau zu diesem Zeitpunkt mit Intrigen und Machtkämpfen gefährlichsten Ausmaßes an seinem eigenen Hof konfrontiert sah (deren Details für unsere Geschichte ohne Belang sind), deren erfolgreiche Niederschlagung all seine Aufmerksamkeit, Kraft und politischen Fähigkeiten erforderte. Dennoch macht Theodosius’ fehlende Reaktion klar, dass er nicht übermäßig beunruhigt gewesen sein dürfte, Arbogast auch weiterhin völlig freie Hand zu lassen, denn wenn er der Mordtheorie geglaubt hätte, dann hätte er das zwangsläufig als Rebellion ansehen müssen und mit Sicherheit energischer reagiert.

Arbogast hingegen beteuerte weiterhin öffentlich seine Unschuld und Treue. Offenbar ging er davon aus, dass Theodosius nun seinen ältesten Sohn Arcadius zum neuen Kaiser des Westreiches krönen würde, denn Arbogast ließ auf Münzprägungen schon länger auch ihn ehren. Als jedoch trotz konstanter Anfragen nach Konstantinopel nach wie vor keine Reaktion von Theodosius kam, muss bei Arbogast der Eindruck entstanden sein, seine Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Kaiser seien blockiert oder abgeschnitten, was ihm völlig unerklärlich gewesen sein muss. Das aber brachte Arbogast in eine unhaltbare Situation: Als Herrscher des Westreiches und Oberkommandierender des Heeres musste er die Regierungsgeschäfte und das Funktionieren des Staatsapparates aufrechterhalten, durfte sich gleichzeitig aber nicht den geringsten Anschein geben, er würde sich selbst kaiserliche Autorität anmaßen. So konnte er z.B. keine Gesetze oder Anordnungen in seinem eigenen Namen erlassen, sondern nur im Namen des rechtmäßigen Kaisers. Aber Valentinian war tot, und trotz seiner dringenden Anfragen nach Konstantinopel kam von dort keinerlei Anordnung, ja nicht einmal das kleinste Signal. In klarer Erkenntnis dessen, dass er seine eigene Autorität nicht unbegrenzt ausdehnen konnte, entschloss sich Arbogast vier lange Monate später notgedrungen zu dem naheliegendsten Schritt: Ende August 392 krönte er in Lyon einen Mann namens Eugenius zum neuen Kaiser für das Westreich.

Dieser Eugenius erscheint auf den ersten Blick als völlig seltsame Wahl. Er war ein zweitrangiger Verwaltungsbeamter, der als Lehrer für Grammatik und Rhetorik zwar den Bildungshintergrund der klassischen Antike, aber nichts von der Konsuls- oder Präfektenwürde z.B. eines Senators besaß. Arbogast kannte ihn vom Hofe Valentinians, wo er Chefsekretär des jungen Kaisers gewesen war. Seine Ausrufung zum Kaiser sollte der Öffentlichkeit aber wahrscheinlich zwei Dinge signalisieren: erstens, dass Arbogast nach wie vor an den Schaltstellen der Macht saß, alles im Griff hatte und in Eugenius einen nichtmilitärischen Partner vorzuweisen hatte, und zweitens, dass diese neue Regierung kein Putsch eines größenwahnsinnigen germanischen Generals war, sondern rechtmäßig, römisch und zivilisiert, und somit die Unterstützung des Senats und der Aristokratie verdiente. Sein Vorgehen konnte auch nicht als Hochverrat gedeutet werden, da es im Westen ja keinen Kaiser mehr gab. Eugenius war zwar nominell Christ, aber anders als der alte Demagoge in Mailand von extrem moderater und toleranter Art, und deshalb gut geeignet, auch potentielle heidnische Unterstützer nicht zu verschrecken. Da Arbogast selbst bekanntermaßen kein Christ war, hatte er Eugenius wohl auch klug unter dem Aspekt ausgewählt, dass dessen Christentum als beruhigendes Signal an Theodosius und vor allem Ambrosius dienen sollte. Arbogast und Ambrosius kannten sich gut aus den gemeinsamen Tagen am Hof zu Mailand. Und Arbogast hatte ihn immer respektiert, denn als Heide hatte er kein Problem damit, Christus als weiteren Gott zu akzeptieren und dessen Priester als möglicherweise machtvolle Helfer, wenn es nötig sein sollte.

Eugenius sandte nun sofort eine Gesandtschaft mit friedlichen und brüderlichen Grüßen an Theodosius. Mindestens zwei weitere diplomatische Delegationen folgten, von denen eine sogar ausschließlich aus christlichen Geistlichen bestand. Sie alle sollten mögliche Missverständnisse und Irrtümer klären und um Anerkennung und Freundschaft bitten. Und alle waren im Namen des Eugenius, ohne dass Arbogast dabei erwähnt wurde. Keine dieser Delegationen erhielt eine klare Antwort. Sie wurden empfangen, Geschenke und höfliche Floskeln wurden ausgetauscht, und sie wurden wieder entlassen, ohne ihr eigentliches Ziel erreicht zu haben. Aber selbst jetzt noch erkannte man auf der Münzprägung im Westen, die nun offiziell von Eugenius ausgegeben wurde, Theodosius als Kaiser an, und in der westlichen Titulatur teilte Eugenius sich bereitwillig die Konsulschaft für das neue Jahr 393 mit Theodosius, von dem nach wie vor kein klares Wort oder gar eine Anweisung an Arbogast zu vernehmen war. Stattdessen tauchten nun aber plötzlich oströmische Münzen auf, auf denen Theodosius die Konsulschaft für das neue Jahr mit seinem General Abundatius teilte. Schon das war kein gutes Zeichen. Dann aber, im Januar 393, erfolgte endlich ein klares Signal, als Theodosius seinen jüngsten Sohn Honorius zum Kaiser des Westreiches ernannte. Dadurch wurde Eugenius zum unrechtmäßigen Usurpator und Rebellen gestempelt. Nun endlich war die Botschaft zumindest eindeutig, aber sie muss ein unerwarteter Schock für Arbogast und Eugenius gewesen sein.

Im Frühling 393 war der Bruch zwischen Trier und Konstantinopel endgültig, und im April zogen Arbogast und Eugenius in Italien ein. Von den wichtigeren politischen Gestalten fand es nur Ambrosius auf einmal klug, Mailand eiligst zu verlassen und sich auf dem Land in der Nähe von Bologna zu verstecken. Diese Flucht ist verschiedentlich als Angst vor dem neuen Regime oder gar vor dem Heidentum Arbogasts selbst gedeutet worden. Das aber ist völliger Unsinn. Schließlich kannten sich die beiden seit Jahren und niemand hätte Ambrosius behelligt, der zudem – das muss man ihm zubilligen – schon in ganz anderen Fällen entsprechende Zivilcourage bewiesen hatte. Sein Motiv scheint eher gewesen zu sein, jeden Kontakt mit dem neuen Regime zu vermeiden, um nicht zwischen die sich nun abzeichnenden politischen Fronten zu geraten.

Und ab dann nahmen die Ereignisse in Italien eine überraschende und gänzlich unerwartete Wendung: Obwohl Eugenius die heidnischen Staatskulte nicht wieder offiziell aus Mitteln der öffentlichen Hand finanzierte, ließ er das nötige Geld dafür doch sofort aus anderen Kanälen fließen, das er Flavianus, dem Senat und anderen prominenten Heiden direkt zukommen ließ, was nichts anderes als eine reine Geldwäsche war, die durch private Hände lief. Genauso wurde mit den konfiszierten Tempelschätzen verfahren. Sie gingen als „private Geschenke des Kaisers“ an die entsprechenden Senatoren, die sie sofort wieder ihrer alten Bestimmung zuführten, was verdächtig nach langer Planung und genauer Absprache riecht. Viele weitere Zugeständnisse an das Heidentum folgten umgehend. Ebenfalls umgehend erfolgte die Bestätigung des ehrenwerten Flavianus als Präfekt Italiens, und das war der letzte Auslöser dafür, dass das, was nach außen hin lediglich wie eine traditionelle Tolerierung des Heidentums durch Eugenius aussah, nun zu einer Wiedererweckung führte, die erstaunliche Ausmaße annahm. Als spiritueller Führer der heidnischen Sache war Flavianus’ Verhältnis zu Theodosius, dem er einige Jahre zuvor noch ein literarisches Werk gewidmet hatte, inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Obwohl das Heidentum seiner Natur nach nie militant oder politisch war, wurde es nun erstmals dazu getrieben, dem Kaiser aktiv zu trotzen und zum zentralen Thema eines Aufstandes zu werden, der seine Symbole aus der Welt der alten Götter entlehnte.

Unter der energischen Führung von Flavianus wurden nun mit dem gewaschenen Geld von Arbogast und Eugenius heidnische Projekte finanziert: Die Tempel wurden renoviert und neu geweiht, alle Feste wieder pünktlich gefeiert, alle Staatskulte und offizielle Opferfeiern korrekt durchgeführt und die Mysterienkulte neu ins Leben gerufen. Flavianus selbst war Initiant der Kulte von Vesta, Sol, Mithras, Hecate, Isis und Serapis. Zusätzlich rief er die Kulte Iuppiters, Saturns, Mercurs, Vulcans, Ceres’ und Proserpinas ins Leben zurück. Sein gleichnamiger Sohn wurde zum Präfekten Roms ernannt und wiedereröffnete den Tempel der Venus und den der Flora. In Ostia – der Hafenstadt Roms – wurde der Herkulestempel wiederaufgebaut, dessen Bau- und Weiheinschriften uns wertvolle Informationen über diese aufregenden Vorgänge liefern. Gebäude, in denen Säulen ehemaliger Tempel verbaut waren, wurden niedergerissen, um die heiligen Säulen zu „befreien“ und sie wieder an ihre alten heiligen Stätten zurückzuführen. Insgesamt aber – das muss betont werden – war die Politik die einer religiöser Toleranz in bester römischer Tradition, wenn auch mit starker Förderung des Heidentums. Dennoch reagierte das Stadtvolk wie gewohnt: „Wessen Brot ich ess’, dessen Lied ich sing“, und es kam zu einer einzigartigen Rückflutbewegung, in der nun auch viele Christen Roms zur Altgläubigkeit zurückkehrten. Die römische Tradition regelmäßiger Widmungs- und Zueignungsgeschenke besann sich nun wieder auf heidnische Inhalte: für sozial Gleichgestellte die sorgfältig gearbeiteten Elfenbein-Diptychons mit den Darstellungen der Götter, für größere Verbreitung, auch für die Besucher der Spiele, entstanden zahlreiche münzenähnliche Medaillons, auf denen heidnische Kaiser, Gottheiten, Helden und die klassische Mythologie allgemein gefeiert wurden, und die durch viele archäologische Funde bekannt sind (und diese in der Numismatik als Kontorniaten bekannten Medaillons waren den Fachleuten lange Zeit ein Rätsel – erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts erkannte man ihre historischen Zusammenhänge). Durch diese und weitere intensive Öffentlichkeitsarbeit wurde das neue Regime – also Arbogast und Eugenius – im Reich völlig mit der „senatorischen Sache“ identifiziert, die ihrerseits in der Öffentlichkeit wiederum ausschließlich mit dem Heidentum gleichgesetzt wurde.

Diese Neuigkeiten aus Rom müssen Theodosius nicht schlecht überrascht haben, und er dürfte seinen Ohren kaum getraut haben. Auch Ambrosius war fassungslos. So hatte er die Dinge nicht geplant, seine Taktik schien nach hinten loszugehen, und von seinem Aufenthaltsort bei Bologna aus begann er einen vorwurfsvollen Klagebrief an Eugenius zu verfassen, der uns im vollen Wortlaut überliefert ist. Was war überhaupt mit dem Papst? Nun, ein Papst existierte im 4. Jahrhundert überhaupt noch nicht. Zwar gab es bereits einen Bischof in Rom, nur hatte das Amt zu jener Zeit nicht einmal ansatzweise jene Machtfülle und Autorität, die ihm weit später einmal zukommen sollte. In den Tagen Arbogasts bekleidete ein Mann namens Siricius dieses Amt, aber wir haben keine Quelle dafür, dass er sich zu den Vorgängen in irgendeiner Form geäußert hätte. Siricius’ Vorgänger Damasius wiederum hatte erstmals dreist eine kirchliche Vorrangstellung Roms gefordert, aber nicht etwa der Bedeutung und altehrwürdigen Geschichte der Stadt wegen, sondern mit dem Argument, dass hier Petrus und Paulus den Märtyrertod erlitten hatten und mit Verweis auf Petrus als legendären „ersten Bischof“ Roms und auf Matth. 16,18 („Du bist Petrus, und auf diesem Fels will ich meine Kirche bauen“). So begann eine Theorie der bischöflichen Vorherrschaft Roms, die aber erst lange später Wirkung zeigen sollte und die auch unter dem Klerus des Westens nicht unumstritten blieb. Die Beschränkung auf die Anrede papa (Vater), die vorher allen Bischöfen zukam, und ihre Funktion als Titel für den Bischof von Rom setzte sich erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts durch. In den Tagen Arbogasts aber hatte die Kirche es nach langen inneren Kämpfen gerade erst geschafft, halbwegs zu einer Einheit zu finden, wofür außer Ambrosius vor allem der fanatische ägyptische Bischof Athanasius zweifelhaftes Verdienst beanspruchen konnte, den man praktisch den „Erfinder des Katholizismus“ nennen kann. Aber es gab z.B. noch keine verbindliche Liturgie, die Form des Gottesdienstes folgte völlig eigenem Gutdünken jedes Priesters oder Bischofs, und erst recht waren die großen „Häresien“ wie die der Arianer, Donatisten, Pelagianer, Priscillianer u.v.a. noch keineswegs besiegt und sollten es auf lange Zeit auch nicht werden. Zwar gab es also bereits ein gut organisiertes und zusammenhängendes kirchliches Netzwerk, aber die Kirche hatte noch alle Hände voll zu tun, das zu festigen und zu sichern, und die letzte Idee, die sie zu diesem Zeitpunkt gehabt haben könnte, wäre somit eine organisierte Mission außerhalb des Reiches gewesen.

Komisch nur, dass viele germanische Völker zu diesem Zeitpunkt schon lange Christen waren bzw. es in der unmittelbar darauf folgenden Zeit wurden (Ost- und Westgoten, Wandalen, Burgunder, Sueben usw.). So hatte bereits 325 am Konzil von Nicaea ein gotischer Bischof teilgenommen – lange vor dem Wirken des angeblich eigentlichen Gotenbekehrers Wulfila. Das sollte man bedenken, wenn man dauernd mit dem Zerrbild vom „bösen Rom, dem Papst und der Kirche, die gewaltsam die armen Germanen zum Christentum gezwungen hätten“ konfrontiert wird, eine antikatholische Propagandaerfindung der Reformation, die nicht die geringste Bestätigung in den Quellen findet. Genau das Gegenteil war der Fall, denn die germanischen Völker nahmen ja ausnahmslos das arianische Bekenntnis an, das von „Rom“ schon lange zuvor zur Ketzerei erklärt worden war und von der katholischen Kirche aufs heftigste bekämpft wurde (der Arianismus lehnte die Wesensgleichheit Jesu mit dem göttlichen Vater ab). „Rom“ und die katholische Kirche hatte mit dieser Bekehrung also nicht das Geringste zu tun. Keiner der antiken Kirchenschriftsteller weiß auch etwas darüber zu berichten, deshalb sind uns mangels eigener germanischer Schriftquellen Ursprung und Ausbreitungsprozess dieser Arianisierung der Germanen nach wie vor ein Rätsel, da es sich um ein rein innergermanisches (und wohl weitgehend friedliches) Phänomen gehandelt hat. Die erst mehr als 200 Jahre später nach Ende der Völkerwanderungszeit erneut beginnende Mission des heutigen Süddeutschlands ging ebenfalls nicht von „Rom“ aus, sondern erfolgte äußerst friedlich durch irische und britische Wandermönche, die ebenfalls nur wenig bis gar nichts mit „Rom“ und dem Papsttum zu tun hatten und hinter denen keinerlei weltliche Macht stand. Gewaltsame Bekehrung der Germanen hat es nur in zwei sehr viel späteren Fällen gegeben: durch Karl bei den Sachsen und durch die zwei Olafs in Norwegen, also nur durch germanische Könige, was forschungsgeschichtlich auch nie strittig war. Alles andere ist erneute Geschichtsverdrehung aus den dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte, die leider auch in vielen heutigen Köpfen immer noch willige Aufnahme und unkritische Weiterverbreitung findet. Da zu dieser Zeit aber die vielfach bereits christlichen germanischen Völker an allen Ecken und Enden gegen das Reich drängten, könnte man sogar überspitzt sagen, dass der Fall genau andersherum lag: Ihr Christentum war es, das nun das noch sein Heidentum verteidigendes Rom bedrohte, nicht umgekehrt.

Die heidnischen Feiern und Festlichkeiten in Rom erreichten ihren Höhepunkt im Frühling 394, aktiv geleitet von einem begeisterten und glücklichen Flavianus, der in diesen Tagen überall gleichzeitig anzutreffen war. Im März beging die Stadt ein rauschendes Fest zu Ehren des Attis, kurz darauf das der Cybele, deren heilige Statue auf einem von Löwen gezogenen Wagen in Rom einzog, auf dem Flavianus unter dem Jubel der Bevölkerung selbst die silbernen Zügel führte. Darauf folgten das Fest der Flora und die aufwändigen Megalensischen Spiele. Prozessionen zu Ehren der Magna Mater und der Isis wurden in den Straßen Roms wieder zu einem alltäglichen Anblick. Die goldenen Tage der Stadt schienen zurückgekehrt zu sein, und die Menschen waren darüber begeistert. Es war, als sei die gesamte Stadt von einem Rausch ergriffen. In der Tat war es lange Zeit her, seit Rom solch prächtige religiöse Spektakel gesehen hatte.

All das wirft natürlich unzählige Fragen zur Rolle Arbogasts dabei auf. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Eugenius nur sein kaiserliches Aushängeschild war und Arbogast selbst alle politischen Fäden zog – wie in all den Jahren zuvor auch. Wie bereitwillig Eugenius seine nicht ungefährliche Stellung angenommen hatte, wissen wir nicht. Zumindest eine Quelle (Zosimus) berichtet, er habe sich heftig dagegen gesträubt. Aber wahrscheinlich war das alles eine Nummer zu groß für ihn, und er hatte völlig den Boden unter den Füßen verloren. Möglicherweise hatte er überhaupt keine Wahl, aber Arbogast schützte ihn, vertraute ihm offenbar völlig, und somit waren die beiden nun in ein gemeinsames Schicksal eingebunden. Den Quellen nach scheinen sie nicht nur ein sehr gutes Team abgegeben zu haben, sondern auch enge Freunde gewesen zu sein. Das hat spätere Historiker der Antike den Verdacht äußern lassen, die beiden hätten sich noch zu Lebzeiten Valentinians verschworen, die kaiserliche Macht an sich zu reißen. Aber wenn Arbogast den Tod Valentinians im Voraus geplant hätte, dann hätte er mit Sicherheit auch einen passenden Kandidaten zur Hand gehabt, um ihn sofort zu ersetzen. Das aber war eben nicht der Fall. Man muss es nochmals betonen: Arbogast wartete vier Monate lang auf Anweisungen aus Konstantinopel, fragte immer wieder nach und bereitete nachweislich (durch seine Münzprägung) die Öffentlichkeit bereits auf die Erhebung von Theodosius’ Sohn Arcadius vor, und erst als seine eigene Situation des andauernden Schweigens aus Konstantinopel wegen immer unhaltbarer geworden war, ergriff er schließlich die Initiative. Das ergibt nur Sinn, wenn Valentinians Tod tatsächlich plötzlich und unerwartet kam und vor allem, wenn es Suizid war, und ist ein weiteres Argument dafür, dass Arbogast nicht in dessen Tod verwickelt war.

Natürlich gibt es bei all dem viele Details und Hintergründe, die sich auf immer unserer Kenntnis entziehen werden. Aber es scheint klar, dass Arbogast und Eugenius keine Rebellion planten oder sich als Usurpatoren fühlten – zumindest nicht zu Beginn. Liefen die Dinge an irgendeinem Punkt einfach aus dem Ruder? Die politischen Konstellationen, die hier zusammenflossen, sind klar erkennbar: In Rom brüteten Flavianus und der Senat immer noch finster über eine Rettung des Heidentums und einen möglichen Widerstand gegen Theodosius’ elende Religionsgesetze nach, die ihnen nichts von ihrem traditionellen Symbolismus, ihrem römischen Selbstverständnis und ihrer Identität ließen. Im klaren Bewusstsein, dass Arbogast germanischer Heide war und gleichzeitig als militärisch unbesiegbar galt, schien ihnen das Regime von Arbogast und Eugenius wie ein Geschenk der Götter und als Lösung ihrer Probleme. Kein Wunder, dass sie begierig nach diesem Geschenk griffen.

Auf der anderen Seite brauchten Arbogast und Eugenius die Unterstützung des Senats und gingen deshalb ihrerseits bereitwillig auf dessen Wünsche ein, wenn auch in der Öffentlichkeit mit Blick auf Konstantinopel zunächst eher vorsichtig. Ein Detail aber verdient dabei besondere Beachtung: Als sie mit ihrer Geldwäscherei und sofortigen Rückgabe alles Tempeleigentums den heidnischen Staatskult wiederbelebten und vor allem, als sie Flavianus als Präfekt Italiens bestätigten, der weithin als geistiger Führer der heidnischen Sache bekannt war, müssen sie genau gewusst haben, was sie taten. Spätestens in diesem Moment, als sie die heidenfeindlichen Gesetze des Kaisers öffentlich in den Dreck traten, machten sie sich endgültig zu Rebellen. Das eröffnet natürlich sofort die Frage, ob Arbogast selbst religiöse Motive bewegten. Gab es vielleicht schon lange zuvor eine heidnische Verschwörung zwischen Arbogast und Flavianus, und Eugenius diente als Vermittler zwischen ihnen? Jeglicher Hinweis darauf fehlt, aber als germanischer Heide war Arbogast schließlich selbst von diesen Gesetzen betroffen (auch wenn ihm in seiner Stellung niemand mit deren Anwendung hätte kommen dürfen), und er muss davon genauso angeekelt gewesen sein wie Flavianus und die Römer. Deshalb kann man nicht ausschließen, dass das zumindest ein Motiv unter vielen anderen für seine Entscheidung gewesen sein mag, nun sein und Eugenius’ Schicksal mit dem von Flavianus, des Senats und der heidnischen Sache Roms zu verschmelzen. Trotz des langen Schweigens aus Konstantinopel hätte Arbogast auf der sicheren Seite der Geschehnisse bleiben können – wenn das denn wirklich seine Hauptsorge gewesen wäre. Aber das tat er nicht. Und auch wenn wir die genauen Gründe dafür leider nie mehr erfahren werden, neigen doch etliche Historiker ebenfalls der Theorie zu, dass nur Abscheu gegenüber Theodosius’ christlicher Intoleranz der entscheidende Auslöser seiner Entscheidung gewesen sein kann, denn andere Erklärungen wären schwer zu finden.

In dieser unseligen Situation zwischen Ost und West, die immer mehr auf einen Krieg zusteuerte, ist es unmöglich zu übersehen, dass Theodosius’ Interesse für das Westreich wenig ausgeprägt gewesen sein muss, was auch deshalb erstaunt, weil er der (iberokeltischen) Aristokratie Spaniens entstammte und dort auch aufgewachsen war. Auch wenn es einige Indizien dafür gibt, dass am Hof in Konstantinopel die Version vom Mord an Valentinian verbreitet wurde, kann Theodosius unmöglich geglaubt haben, dass Arbogast, den er doch so gut kannte, selbst nach der Kaiserwürde strebte. War er in den Wochen nach Valentinians Tod vielleicht völlig ratlos oder falsch beraten und sah dann die Kaiserproklamation des Eugenius als unwiderrufliche Herausforderung seiner eigenen Dynastie an? Eines ist sicher: Das Allerletzte, was Theodosius sich hätte wünschen können, war ein völlig unkalkulierbarer und extrem kostspieliger Bürgerkrieg zwischen Ost und West, wenn er sich irgendwie vermeiden ließ. Und all unsere Quellen lassen eindeutig erkennen, dass ein solcher Krieg problemlos hätte vermieden werden können, zumindest für die nähere Zukunft. Oder war Ambrosius, der alte Demagoge aus Mailand, wieder zu seiner alten Form aufgelaufen und spann nun wieder sein manipulatives Netz um den Kaiser?

Im Frühjahr 394 rüsteten sich jedenfalls beide Seiten zum Krieg. Arbogast zog seine gesamten Truppen zusammen, auch Kontingente aus Gallien und Germanien. Er sandte Nachricht an Sunno und Marcomer, die am Niederrhein sofort sammeln ließen und kurz darauf mit ihrem heidnischen fränkischen Heer aufbrachen. Sie standen zu ihrem Treueschwur. Auch die Alemannen brachen auf, denn sie waren Arbogast ebenso verpflichtet. So bewegten sich also eine große Zahl heidnischer Krieger nach Süden, um Arbogast und dem Kampf Roms beizustehen.

Die Armee der Gegenseite bestand ebenfalls hauptsächlich aus Germanen, vor allem den christlichen Westgoten, immer noch unter Führung ihres Königs Alarich. Auch Kontingente der damals wahrscheinlich ebenfalls bereits christlichen Wandalen unter Stilicho dürfen angenommen werden. Darüber hinaus bildeten Alanen, Griechen und Hunnen die weitere ethnische Zusammensetzung des Ostheeres.

Da das Heidentum in Rom wieder so offen gefeiert wurde, sah Theodosius die Auseinandersetzung als „Heiligen Krieg“ an und zog nun auch seinerseits alle Register christlicher Techniken. Da wurde gefastet, gebetet und eine Prozession nach der anderen durchgeführt, um den heidnischen Festen des Flavianus in Rom möglichst viel entgegensetzen zu können. Theodosius selbst suchte den Rat des frommen Einsiedlers Johannes von Lycopolis, der seit 50 Jahren in einer entlegenen Bergklause hauste und für seine seherischen Fähigkeiten bekannt war. Dessen Prophezeiung lautete, dass Theodosius nach großem Blutvergießen zwar siegreich sein, er aber in Italien sterben würde. Wir wissen nicht, wie der Kaiser diesen zweischneidigen Spruch aufnahm, aber kurz danach traf ihn ein weit schlimmerer Schicksalsschlag: An dem Abend, der dem Beginn seines Kriegszugs vorausging, starb seine junge Frau Galla bei der Geburt ihres Kindes, und auch das Neugeborene überlebte nicht. Für einen solch warmherzigen Familienmenschen, wie uns Theodosius in allen Quellen beschrieben wird, muss das wahrlich eine vernichtende persönliche Katastrophe gewesen sein. Aber er folgte der alten homerischen Regel, gönnte sich einen Tag der Trauer und zog am nächsten Tag an der Spitze seines Heeres in den Krieg.

Inzwischen waren alle europäischen Truppenkontingente Arbogasts in Norditalien eingetroffen, die er – mit Eugenius stets an seiner Seite – in der Ebene um Mailand zusammengezogen hatte. Dort stieß nun auch Flavianus zu ihnen, der eifrigst alle Orakel befragt und höchstpersönlich die Eingeweideschau durchgeführt hatte, für die er als Experte bekannt war. Alle Vorzeichen hatten sich als günstig und siegbringend erwiesen. Die heidnische Moral wurde vor allem durch die Veröffentlichung eines alten griechischen Orakelspruches gehoben, dem zufolge „das Christentum nur so viele Jahre Bestand habe, wie das Jahr Tage hat“. Da man damals die Kreuzigung auf das Jahr 29 festgelegt hatte, erbrachte die Weiterzählung von 365 Jahren genau das gegenwärtige Datum, was eindeutig das Ende des Christentums zu signalisieren schien. Man war höchst optimistisch, und die Heeresleitung verabschiedete sich mit Flavianus’ Androhung, dass nach siegreicher Rückkehr der Armee alle Mönche in die Legionen eingezogen und alle Kirchen als Ställe für die Pferde der Kavallerie dienen würden. Dann – mit Arbogast, Eugenius und Flavianus an der Spitze – brach das Heer von Mailand aus nach Norden auf. Ihnen voran wurden die Standarten von Jupiter, Herkules und den alten Göttern getragen, und vor unseren Augen könnte nun das pathetische Bild entstehen, wie die Trommeln den Marschrhythmus vorgaben und die Kriegstrompeten stimmungsvoll das Szenario unterlegten, als das letzte heidnische Heer der klassischen Antike – Römer, Germanen, Gallier, Hispanier und andere – seinen schicksalhaften Marsch in den Krieg begann, um das altehrwürdige Rom gegen das Christentum zu verteidigen. Dass dieses romantisch verklärte Bild zumindest etwas einseitig wäre, werden wir später noch sehen.

Schon bald hatte man Aquileia erreicht, wo das Heer seine endgültige Position am Frigidus einnahm, einem Nebenfluss des Isonzo, um die Pforte von Gorizia zu besetzen, einen Alpenpass, der auch heute noch die strategisch verwundbarste Stelle im Nordosten Italiens darstellt. Flavianus ließ Iuppiterstatuen auf den Bergen aufstellen, die das Tal umgaben, und die Blitzstrahlen in den Händen des Gottes waren aus massivem Gold. Dann kehrte Flavianus nach Rom zurück, um die Regierungsgeschäfte weiter zu leiten, während Arbogast und Eugenius auf Theodosius und sein Heer warteten.

In Eilmärschen hatte Theodosius Anfang September den Alpenpass erreicht. Von einem Aussichtspunkt seines Lagers aus schaute er nun auf die Flussebene vor ihm. Dort – vor dem Fluss – erblickte er Arbogasts Heer, strategisch perfekt verteilt, mit starken Befestigungsanlagen an genau den richtigen Stellen – und mit einer alles überragenden Iuppiterstandarte in ihrem Hauptlager. Alle modernen Handbücher über Kriegführung betonen, dass ein Pass gegen feindliche Kräfte sehr viel besser zu halten ist, wenn man den Ausgang statt des Eingangs blockiert. Und Arbogast war unseres Wissens nach der erste Feldherr der Geschichte, der diese Taktik hier einsetzte. Seine Truppen hatten auch schon die kritischen Höhenpunkte des Passausgangs besetzt, sodass Theodosius mit seinem Heer in dem Pass festsaß und keinerlei Raum für Flankenbewegungen oder überhaupt für irgendeine strategische Angriffsplanung hatte. Deshalb blieb ihm keine andere Wahl, als am Nachmittag des 5. September 394 den Befehl zu einem Frontalangriff aus dem Pass heraus zu geben, der von seinen christlichen Westgoten geführt wurde. Es kam zu einem furchtbaren Kampf und Gemetzel, aber die Angreifer vermochten Arbogasts Linien nicht zu durchbrechen, und als die Westgoten sich bei Einbruch der Dunkelheit zurückziehen mussten, hatten 10.000 ihrer Krieger den Tag mit ihrem Leben bezahlt, was für großes Entsetzen im Heer des Theodosius sorgte.

Eugenius sah die Schlacht sogar schon als gewonnen an, war voller Freude, und seine Stimmung sprang auch auf Arbogasts Truppen über. Eugenius verteilte bereits Geschenke an die Soldaten, und die germanischen Kontingente hoben die Hörner auf den Sieg. Aber Arbogast war zu erfahren, um ihre Stimmung zu teilen. Stattdessen ließ er einen seiner Truppenführer namens Arbitio rufen und befahl ihm, mit einer starken Abteilung des Heeres Theodosius in der Nacht über die Berge zu umgehen, um ihn am nächsten Morgen auch noch vom hinteren Ende des Passes aus fassen zu können.

Im Lager des Theodosius – so wird uns berichtet – war man der Verzweiflung nahe. Der Kaiser selbst verbrachte die ganze Nacht auf einem Felsen, für beide Heere deutlich sichtbar, aber zu hoch für feindliche Pfeile und Wurfgeschosse, wo er seinen Gott anrief, der ihn verlassen zu haben schien. Und immer wieder war sein Ruf zu hören: „Wo ist der Gott des Theodosius?“

In der ersten Dämmerung des nächsten Tages hatten Arbitio und seine Truppen das schwierige Umgehungsmanöver tatsächlich erfolgreich ausgeführt. Aber statt Theodosius anzugreifen, signalisierten sie nun dem Gegner, dass sie für eine hohe Summe Geldes bereit seien, zu Theodosius überzulaufen, worauf natürlich sofort bereitwilligst eingegangen wurde. Wir wissen nicht, warum diese Truppen so handelten. War es einfach nur Geldgier? Waren es vielleicht überwiegend Christen, die deshalb desertierten? Oder war es reine Loyalität, weil sie in Theodosius den einzig rechtmäßigen Kaiser sahen? Wie auch immer, nach dieser überraschenden Lösung eines gänzlich unerwarteten Problems beschworen all seine Generäle Theodosius, sich zurückzuziehen, nach Konstantinopel zurückzukehren und den Krieg im kommenden Jahr unter günstigeren Voraussetzungen weiterzuführen. Obwohl dieser Rat unter den gegebenen Umständen mehr als vernünftig war, lehnte Theodosius ihn ab. Später hieß es, er habe in der Nacht eine Vision gehabt, in der ihm der heilige Johannes und der heilige Philipp erschienen seien, die ihm Mut zugesprochen hätten.

Bei Sonnenaufgang konnten Arbogasts Truppen Theodosius immer noch auf seinem Felsen beten sehen, was zumindest bei vielen von Arbogasts abergläubischen Germanen für Unwohlsein sorgte, weil sie glaubten, er würde dort schadenszauberische Rituale vollziehen. Der erneute Angriff des Ostheeres kam völlig überraschend für Arbogasts Truppen, die damit nicht mehr gerechnet, sondern bereits gefeiert hatten und natürlich auch nicht wussten, dass Arbitio mit seinen Truppen übergelaufen war. So gelang es den Westgoten diesmal sogar, einige von Arbogasts Schanzanlagen in Brand zu stecken. Aber Arbogast hatte sein Heer gut im Griff, und nach einem kurzen Moment der Überraschung und Verwirrung standen seine Linien wieder und hielten dem Gegner stand. Lange Zeit tobte die Schlacht wiederum erbittert, ohne dass sich trotz einer abermals immensen Zahl von Gefallenen eine Entscheidung abgezeichnet hätte.

Dann aber kam es zu einem völlig unerwarteten Naturphänomen: In dieser Gegend kann ein meteorologischer Druckeffekt auf die über die Berge ziehende kalte Luft auftreten, der plötztlich und ohne Vorwarnung zu heftigen Wirbelstürmen führen kann, die auch heute noch Lkws in den Graben schleudern und sogar Züge entgleisen lassen können. Unter dem Namen Bora ist das Phänomen allen Einheimischen bekannt, aber die jetzt dort kämpfenden Heere kannten es nicht. Als dieser scheinbar aus dem Nichts kommende Sturm nun über das Schlachtfeld tobte, direkt gegen die Reihen Arbogasts, gegen ihre Schilde presste und Wurfgeschosse in die eigenen Reihen zurücktrug, hielten das viele von Arbogasts Kriegern für ein Resultat von Theodosius’ „Zauberei“ auf seinem Felsen. Gleichzeitig drückte der Sturm die angreifenden Westgoten förmlich über die Reihen Arbogasts, die nun ernstlich in Unordnung gerieten und dann brachen. Arbogasts Truppen gerieten in Panik und flohen oder ergaben sich bereitwillig. Ihr befestigtes Lager wurde gestürmt, Eugenius gefangengenommen und vor Theodosius gebracht. Er bat um Gnade, wurde aber kurzerhand enthauptet, und sein Kopf – aufgespießt auf einer Lanze – ging danach auf eine Wanderausstellung durch die Provinzen, wie es damals das übliche Schicksal erfolgloser Usurpatoren war.

Aber Arbogast selbst war noch nicht geschlagen. Offenbar zusammen mit seiner germanischen Gefolgschaft kämpfte er sich den Weg aus der Schlacht hinaus, eine mit Sicherheit filmreife Aktion, und es gelang ihm tatsächlich, in die Berge zu entkommen, wo er unauffindbar für seine Verfolger in der Wildnis verschwand. Dort muss er intensiv über seine Lage nachgedacht haben – und die sah nicht gut aus. Möglicherweise hätte Theodosius ihn durchaus wieder in Ehren eingesetzt, aber Arbogast war nicht der Mann, um Gnade zu bitten oder sich zu demütigen. So traf er die einzige mit seiner Ehre zu vereinbarende Entscheidung und tötete sich mit seinem eigenen Schwert. Als ihn die gotischen Suchkommandos wenige Tage später fanden, berichteten sie allerdings über zwei blutige Schwerter bei ihm, was dafür sprechen könnte, dass seine engsten Gefolgsleute bis zum Schluss treu an seiner Seite geblieben waren und ihn auch bei seiner letzten Entscheidung nicht im Stich ließen.

Als Flavianus die Neuigkeiten über den Ausgang der Schlacht erfuhr, die eine der größten Schlachten in der Geschichte des Römischen Reiches und eine der blutigsten des gesamten Altertums war, musste auch er sich seiner bittersten Stunde stellen, die einer religiösen Katastrophe gleichgekommen sein muss. Er dürfte ein letztes Mal in den Iuppitertempel gegangen sein und nach Antworten gesucht haben. Danach hatte er kein Bedürfnis mehr, das Ende der heidnischen Sache zu überleben, mit der er sich sein ganzes Leben lang identifiziert hatte, und er folgte Arbogasts Beispiel und stürzte sich nach altrömischer Tradition in sein Schwert, obwohl es in seinem Fall sicher war, dass Theodosius ihm alles vergeben hätte.

Theodosius zog in Italien ein, ohne dass ihm ernstlicher Widerstand entgegenschlug, und er zeigte bemerkenswerte Milde gegenüber allen, die gegen ihn rebelliert hatten. Selbst Flavianus’ gleichnamiger Sohn, als Präfekt Roms einer der Haupttäter und ein genauso hartnäckiger Heide wie sein Vater, blieb völlig unbehelligt. Sogar Ambrosius, der bei Theodosius’ Aufbruch zu dem Kriegszug sofort nach Mailand zurückgekehrt war, empfahl dem Kaiser, Milde gegen ehemalige Gegner zu zeigen, während er gleichzeitig in einem ziemlich schleimigen Brief an den Kaiser seiner Befriedigung darüber Ausdruck verlieh, dass das Reich nunmehr von der „Unmenschlichkeit des barbarischen Räubers und vom Thron des unwürdigen Usurpators“ befreit sei (Brief 61,1). Aber als Theodosius kurze Zeit nach der Schlacht in Mailand eintraf, war er bereits schwer erkrankt und starb dort einige Tage später, wahrscheinlich an Wassersucht. So hatte sich zumindest die Prophezeiung des Johannes von Lycopolis korrekt erfüllt.

Heutige Historiker neigen allerdings dazu, die religiöse Bedeutung der Geschehnisse vorsichtiger einzuschätzen:

„Allem Eifer und allen Orakeln zum Trotz wäre es für Flavianus und seine Kampfgefährten unmöglich gewesen, die Entwicklung des Christentums zu diesem Zeitpunkt noch ernstlich rückgängig zu machen. Dies war deshalb auch kein Versuch einer heidnischen Konterrevolution, sondern lediglich eine trotzige Geste des römischen Adels und seiner traditionellen Werte, der das Glück gehabt hatte, ein politisches Vehikel dafür zu finden. Selbst wenn Arbogasts Heer gewonnen hätte (was um ein Haar der Fall gewesen wäre), hätte man bestenfalls auf eine weitere Tolerierung des Heidentums und die Finanzierung des Staatskultes aus öffentlicher Hand hoffen können (was selbst unter Konstantin gewährleistet war). Das Christentum selbst – und seine inzwischen kirchlichen Strukturen – waren nicht mehr durch Gesetz abzuschaffen, und selbst der heidnischste Kaiser wäre schlecht beraten gewesen, das auch nur zu versuchen. Arbogast, dessen Heer auch viele Christen einschloss, kämpfte um seine Herrschaft und sein politisches Überleben – nicht darum, die Pferde seiner Kavallerie im Taufbecken des Mailänder Doms zu tränken. Da aber beide Seiten so heftig von Vorzeichen und Prophezeiungen beeinflusst waren, war es die Geschichtsschreibung der Sieger in Form christlicher Autoren wie Ambrosius, Paulinus, Rufinus, Augustinus, Theoderet u.a., die dem Konflikt bereitwillig mehr religiöse Bedeutung einräumten, als er möglicherweise verdiente, und diesen Krieg als endgültige und nicht mehr diskutierbare Entscheidung zwischen den alten Göttern und dem neuen Gott darstellten. Somit sind es Berichte aus christlicher Sicht, die die Streitkräfte des Westens als letztes römisches Heer beschreiben, das unter den Standarten der alten Götter in die Schlacht zog.“

(Williams, S. 132, dt. Übers. vom Verf.)

Daran ist aus heutiger Sicht mit Sicherheit viel Wahres. Dennoch muss betont werden, dass die damaligen Zeitgenossen das völlig anders sahen – und das ist es letztlich, was religionsgeschichtlich zählt. Zudem erklärt die zitierte Sichtweise nicht im Geringsten, warum Arbogast als treuester Vasall Theodosius’ plötzlich überhaupt „um seine Herrschaft und sein politisches Überleben“ hätte kämpfen müssen, wenn die Motive seiner Rebellion nicht ebenfalls im religionspolitischen Bereich anzusiedeln waren. Die moralische Wirkung der Schlacht am Frigidus – mit dem wundersamen Eingriff des „göttlichen Windes“ – war der Sache des Christentums aber sehr hilfreich. Beide Seiten hatten diese Schlacht als Wettstreit ihrer jeweiligen Götter gesehen, und die Entscheidung war unwiderruflich. Auch gebildete Heiden gaben zu, dass hier der Gott der Christen selbst eingegriffen hatte, und die christliche Geschichtsschreibung feierte das Ereignis danach natürlich als mächtiges Wunder. Arbogasts und des Senats Politik einer religiösen Toleranz wurde eiligst widerrufen und man versuchte, die antiheidnischen Gesetze erneut zur Anwendung zu bringen – zumindest insoweit, wie das in Italien und dem weströmischen Reich überhaupt möglich war.

Aber die „letzten Römer“ verließen die Bühne der Geschichte nicht, ohne einen endgültigen und gewaltigen Beitrag zu hinterlassen: Die Zeichen der Zeit erkennend hatten Flavianus, seine Verwandten und der große Kreis seiner gebildeten senatorischen Gesinnungsfreunde schon früher in großer Voraussicht begonnen, die großen Klassiker der lateinischen Literatur in sorgfältigen Editionen neu herauszugeben, die bereits in ihren Tagen des Zeitgeschmacks wegen in Vergessenheit zu geraten drohten. Ihnen ist es zu verdanken, dass die großen heidnischen Schriftsteller und die klassische Mythologie auch zur Bildungsgrundlage des 100 Jahre später anbrechenden Mittelalters werden konnten und damit sicher unsere Zeit erreichten, ein oft verkanntes Verdienst, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

„Solange ihr die Götter ehrt, werdet ihr herrschen“. Diese Worte von Horaz bringen das Wesen römischen Heidentums genau auf den Punkt, und die glorreiche Geschichte Roms bestätigt sie. Sie sollten sich nun auch noch als korrekte Prophezeiung erweisen. Die kurze Regierungszeit von Arbogast und Eugenius, die den letzten organisierten heidnischen Widerstand Roms gegen die das Reich überflutenden christlichen Germanen und Konstantinopel markiert, war in mehr als einer Hinsicht das Ende eines Zeitalters. Als Theodosius im Januar 395 starb und seine Söhne Arcadius und Honorius als Herrscher über die zwei Reichshälften einsetzte, zerbrach das Römische Reich endgültig in zwei Teile, wobei das Westreich schnell völlig unterging, das Ostreich aber noch bis 1453 politischen Bestand haben sollte. Und kurz darauf wurde Rom erstmals in der Geschichte eingenommen und geplündert – von Alarich und seinen abermals auf Wanderschaft befindlichen Westgoten, die als fromme Christen alle Priester und Kirchen von ihren Plünderungen und Zerstörungen ausnahmen. Und es war der gleichnamige Sohn des Flavianus, ein ebenso glühender Heide wie sein Vater, der diesmal die Verteidigung Roms organisierte, und während der Belagerung kam es abermals zu einem Auflodern des römischen Heidentums auf breiter Basis. Aber es war zu spät. Die Götter hatten sich endgültig von der Stadt abgewandt.

Dennoch kam es trotz dieses vermeintlichen Todesstoßes gegen das Heidentum keineswegs zu einer Massenbekehrung in Richtung Christentum, wie uns das einige zeitgenössische christliche Chronisten weismachen wollen, sondern dieser Prozess sollte weitere Jahrhunderte andauern, in denen auch spätere römische Kaiser noch dauernd darüber jammern, dass alle antiheidnischen Gesetze keinerlei Wirkung zeigten und sie diese immer wieder verzweifelt erneuern mussten. Wenn Theodosius II., Enkel des Kaisers in unserer Geschichte, 425 stolz verkündete, es gebe in seinem Reich keine Heiden mehr, war dies reines Wunschdenken. Die angebliche „Macht der Kirche“ kann kaum weit gereicht haben, wenn noch hundert Jahre nach den hier berichteten Ereignissen einer Pestepidemie in Rom durch Abhaltung der Lupercalien Einhalt geboten werden sollte, einem archaischen heidnischen Entsühnungsritus, bei dem die Priester nur mit einem Schurz aus Ziegenfell bekleidet mit Lederriemen auf Passanten einschlugen. Selbst zu dieser Zeit gab es mitten in Rom also noch unbehelligte heidnische Kultspezialisten, die diesen Ritus durchführen konnten, und vor allem ein Volk, das danach verlangte. Als es in derselben Zeit in Form des Monophysitismus-Streites zu der bis dahin nachhaltigsten Kirchenspaltung kam, zeigte sich erst recht, dass Bischöfe und Kirchenführung keinerlei „Macht“ besaßen, denn sie waren gegenüber dieser nur vom Gemeindevolk und den Mönchshorden geführten Auseinandersetzung völlig hilflos. In der Oberschicht wurde der Polytheismus traditionell auch weiterhin gepflegt, und keinem politischen Amtsträger erwuchs in all den Jahrhunderten danach ein Nachteil aus diesem Bekenntnis, es stand im Gegenteil höchsten Ehrungen durch die Kaiser nicht im Wege. Der 467 durch den Sueben Ricimer ernannte weströmische Kaiser Anthemius wollte sogar abermals dem Heidentum zum Sieg verhelfen, was aber weder durch den (als Suebe christlich-arianischen) Ricimer noch durch den arianisch weitaus schlimmer eifernden Wandalenkönig Geiserich toleriert wurde (der alle „Ketzer“ – also Katholiken – gnadenlos aus Karthago in die Wüste hinaus treiben ließ), die ihn deshalb in Konspiration mit dem katholisch-römischen Bischof Leo erfolgreich wieder absetzten. Aber noch 472 tauchen auf offiziellen römischen Münzprägungen heidnische Gottheiten auf. Und spätestens als kurz darauf die ebenfalls arianischen Ostgoten die Herrschaft über Italien übernahmen, kam das berühmte Wort Theoderichs des Großen zur Anwendung: „Die Religion können wir nicht befehlen.“ Heute ist klar, dass sich selbst hundert Jahre nach unserer Geschichte noch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung des römischen Reiches zum Christentum bekannte. Selbst hundert weitere Jahre später war die „Macht der Kirche“ im 6. Jahrhundert immer noch zu gering, um den nach wie vor dem Arianismus anhängenden gotischen Gemeinden Konstantinopels trotz christlichster Kaiser vor Ort irgendetwas anhaben zu können, und noch Ende des 6. Jahrhunderts wurde Spanien von arianischen, nicht von katholischen Bischöfen dominiert, obwohl der Arianismus doch schon 300 Jahre zuvor „von der Kirche verboten“ worden war.

Die Gründe dafür waren vielfältig: Bei weitem nicht alle Bischöfe waren solch militante Eiferer wie Athanasius und Ambrosius. So berichtet z.B. Kaiser Julian selbst (Brief 35), dass er in seiner Jugend bei der Durchreise in Ilion (dem alten Troja) die Statue des homerischen Helden Hector auf dem Forum der Stadt frisch gesalbt und mit Opfergaben versehen vorfand, woraufhin er den zuständigen Bischof Pegasius vorsichtig befragte, ob Hector in der christlichen Gemeinde immer noch Opfer erhielte. Der Bischof bejahte das nicht nur sorglos, indem er die Verehrung Hectors mit der der christlichen Märtyrer gleichsetzte, sondern gab auch unumwunden zu, dass er selbst aktiv daran teilnahm. Auch die christlichen Kaiser entsprachen keineswegs der Wunschvorstellung der katholischen Bischöfe. Wenn hier der Eindruck entstanden sein sollte, Theodosius sei von Ambrosius völlig dominiert worden, ist das falsch (die beiden sind sich nur ein einziges Mal persönlich begegnet). Theodosius hat (wie alle späteren Kaiser auch) allein aus Gründen der Staatsräson der katholischen Variante des Christentums den Vorzug gegeben (seine unsägliche Gesetzgebung des Jahres 391 entsprang rein persönlicher Obsession). Im Gegensatz zum heutigen Wortsinn waren kaiserliche Gesetze zudem immer nur von sehr allgemeiner Art, die stets zahlreiche Ausnahmen zuließen, und viele Tempel blieben auch deshalb dem Zugang für alle offen, weil bekannte Statuen berühmter Künstler darin schon damals eine Art „Denkmalschutz“ genossen.

Die Geschichtswissenschaft der letzten 50 Jahre hat so manche der selbstgefälligen Darstellungen antiker Kirchenschriftsteller denn auch endgültig als das entlarvt, was sie waren: als Propaganda, wie sie allen Religionsgemeinschaften zu eigen ist, die sich als wichtiger, siegreicher und mächtiger darzustellen versuchen, als sie es tatsächlich sind, und die ihre Mitgliederzahlen bis heute zu diesem Zweck oft genug verheimlichen oder gar fälschen. Heutzutage kann man sich nur darüber wundern, wie unkritisch angesichts des tatsächlichen Quellenmaterials eine vergangene fromme Geschichtsgläubigkeit der verzerrten Selbstdarstellung der christlichen Apologetiker erlegen ist. Insofern birgt auch der Codex Theodosianus, eine im 5. Jahrhundert erfolgte Zusammenstellung angeblich aller kaiserlichen Gesetze seit Konstantin, inzwischen so manchen Verdachtsfall, so z.B., wenn bereits für 356 (also fast ein halbes Jahrhundert vor den hier beschriebenen Ereignissen) ein angeblich kaiserliches Gesetz erwähnt wird, in dem allen die Todesstrafe angedroht wurde, die Opfer darbrachten oder Bildnisse heidnischer Götter verehrten (Cod.Theod. 16,10,6). Zu jener Zeit hätte man aber genauso gut anordnen können, dass ab nun alle Menschen auf den Händen zu gehen oder sich nur noch in der Vogelsprache zu verständigen hätten. Im Gegensatz zu den späteren Gesetzen des Theodosius zeigte dieses angebliche Gesetz auch weder Reaktion noch Wirkung, was angesichts der o.g. noch viel späteren Realitäten den Verdacht einer nachträglichen frommen Fälschung aufkommen lässt – wie bei so manchen angeblichen Details der frühen Kirchengeschichte.

Auf die meisten heutigen Heiden, von denen wohl manche noch dem Klischee von den „guten heidnischen Germanen“ und den „bösen, dekadenten und christlichen Römern“ anhängen, dürfte unsere Geschichte ungewohnt und verstörend wirken. Und doch hat sie sich genauso zugetragen, was sich etwas überspitzt auf die Formel reduzieren ließe, dass ein germanischer Heide als Oberbefehlshaber der römischen Armee das heidnische Rom gegen das Christentum verteidigte, das der Stadt und dem Land militärisch vor allem durch christliche Germanen aufgezwungen wurde.

Und so sollten wir des eigenartigen Bundes zwischen diesen so unterschiedlichen Männern gedenken, die ihren Weg unbeirrt und in unverbrüchlicher Freundschaft zueinander bis zum bitteren Ende gingen: Eugenius, der Lehrer für Rhetorik, der ganz bestimmt ein ruhigeres Leben vorgezogen hätte, bei dem er sich der Kunst, Philosophie und Literatur hätte widmen können, der sich aber plötzlich in einer Situation wiederfand, die ihn gegen seinen Willen mit sich riss, nominell ein Christ, der letztendlich aber für das Heidentum kämpfte und den höchsten Preis dafür zahlte. Sicherlich kein geborener Krieger – und dennoch auf seine Weise ein Held, der treu zu Arbogast stand.

Und Flavianus, der seinen Göttern unverbrüchlich die Treue hielt, und der in der Erkenntnis, dass die Idee eines Roms, für die er gelebt und gekämpft hatte, zum Untergang verurteilt schien, jeglichen Kompromiss mit der heraufdämmernden neuen Ordnung ablehnte und stattdessen den Tod wählte; der aber bei seinem Tod eine treue aristokratische Gefolgschaft zurückließ, die verlässlich dafür sorgte, dass das kostbarste Erbe der klassischen Antike seine Reise durch die Zeit bis in unsere Tage hinein antreten konnte. Als Verteidiger des Erbes von Rom verdient er somit nicht nur den Titel eines römischen Senators mehr als Tausende anderer vor ihm, sondern mehr noch als dem späteren und schon christlichen Boëthius gebührt ihm wahrlich der Titel des „letzten Römers“.

Und natürlich Arbogast, der von den Göttern gesegnet war und der – wie es scheint – in seiner letzten Schlacht von Wodan verraten wurde. Aber ist diese Sichtweise wirklich berechtigt? Betrachtet man die Gesamtheit der Überlieferungen, wird eher folgendes Bild deutlich: Wenn Wodan einen Helden erwählte, stand er ihm im Kampf zwar oft zur Seite, doch wenn er jemals selbst eine Waffe gegen jemanden richtete, dann nur gegen seinen eigenen Auserwählten, wie es auch in der bekanntesten Parallele bei Sigmundr in der Völsunga Saga zu finden ist. Nach einem triumphalen Heldenleben muss dieser Preis bezahlt werden, erst dadurch vollendet und bestätigt sich der Bund mit diesem Gott, und ein Bestandteil dieses Bundes ist das ewige Weiterleben des Helden in Sagen und Liedern der Nachwelt über ihn. Genau dieses Muster finden wir auch in der Geschichte Arbogasts. Doch die zweifellos entstandenen Lieder über ihn sind verschollen und vergessen, und wie so viele andere auch haben sie unser Zeitalter nicht mehr erreicht. Und auch das war mir Grund und Verpflichtung genug, seine Geschichte hier erstmals erneut zu erzählen. Möge es nicht vergeblich gewesen sein.

Lasst uns also das Horn auf diese drei Männer erheben, wenn beim nächsten Sumbel die Ahnen und Helden geehrt werden, und sie dadurch dem Sturz in die Vergessenheit entreißen. Ich denke, diesen Lohn des Nachruhmes haben sie sich redlich verdient. Und wer kann schon sagen, welche weitreichenden und für uns undurchschaubaren Pläne Iuppiter, Wodanaz, Hercules, Thunaraz, Mars und Teiwaz im Fall dieser entscheidenden Schlacht wirklich geschmiedet hatten – und wie die Nornen, Parzen und Moiren das alles in ihr Schicksalsnetz verwoben?

Literatur

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Claudian: Carmina
Codex Iustinianus
Codex Theodosianus
Eunapius: Historiarum fragmenta; Vitae Sophisticarum
Eutropius: Breviarum ab urbe condita
Hieronymus: Chronicon
Gregorius: Orationes; Epistulae; Historia Francorum
Jordanes: Getica
Libanius: Orationes
Notitia Dignitatum
Olympiodorus: Historiarum fragmenta
Orosius: Historiam adversum paganos
Pacatus: Panegyrici
Paulinus: Vita S. Ambrosii
Philostorgius: Historia Ecclesiastica
Rufinus: Historia Ecclesiastica
Salvian: De gubernatione Dei
Sozomenus: Historia Ecclesiastica
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Synesius: Epistulae; De regno
Themistius: Orationes
Theoderet: Historia Ecclesiastica
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Erschienen 2006 in Heidnisches Jahrbuch 1 und 2015 in Herdfeuer 41

Holda, Frigga, Percht und Hel – eine strukturale Betrachtung

Die Beschäftigung mit den Zeugnissen für die heidnische Religion unserer Vorfahren – mittelalterliche skandinavische Autoren, kontinentalgermanische Volksmärchen, archäologische Funde, überliefertes Volksbrauchtum, sprachwissenschaftliche Forschung – führt fast zwangsläufig zur Frage: Kontinentalgermanisch oder nordisch, wo sind die Schnittmengen, wo die Unterschiede zwischen den Gottheiten? Der vorliegende Beitrag greift diese Fragen auf im Rahmen einer strukturalen Betrachtung der kontinentalgermanischen Holda und Percht und der nordischen Frigga und Hel.

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Wo Odin sich Rat holt

Eine Annäherung an Mímir und Odins Auge im Brunnen

1. Die Quellen

Bakanntlich hat Odin eines seiner Augen als „Pfand“ in Mímirs Brunnen hinterlegt. Wofür genau dies als Pfand dienen soll, wird nirgendwo deutlich, es scheint viel mehr eher als Preis dafür verstanden zu werden, dass Odin einen Schluck aus diesem Brunnen nehmen durfte, wodurch ihm Weisheit und Wissen zuteil wurde. Nüchtern betrachtet ist das ein recht seltsamer Handel, denn welchen Gewinn oder Nutzen soll Mímir davon haben, dass Odins Auge nun in dem Brunnen ruht? Gänzlich unverständlich wird die Sache aber, wenn man dann noch erfahren muss, dass Mímir ausgerechnet „Odins Pfand“ – also sein Auge – als Trinkgefäß benutzt, Was soll das nun wieder bedeuten?

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Zaubern ohne Gott?

Vorbemerkung

„Das einzige, was der wahre Mensch aber wirklich besitzen kann, ist sein eigenes Ich. Alles andere ist das Nichts, in das wir eines Tages zurückkehren.“1

Ein Text wie dieser kann keinen allgemeinen Zuspruch erwarten. Das Fragezeichen im Titel impliziert, dass ich eine Frage stelle, die ich – soweit möglich – beantworte. Das heißt aber nicht, dass jeder Mensch, der sich mit dieser Frage beschäftigt, zu den selben Antworten kommen muss wie ich. Ganz im Gegenteil. Es ist unsere Vielfalt, aus der wir Nutzen ziehen sollten, nicht unsere Einförmigkeit.

Ich möchte auch einleitend darauf hinweisen, dass ich „Gott“ im Titel und im Text gerne durch „Göttin“ oder „Göttliches“ ersetzen kann – ich finde „Gott“ als Begriff hier lesbarer und für mich nachvollziehbarer. Man möge Nachsicht mit mir üben.

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Das Primat des Göttlichen

Der Mensch wird mit der Geburt in die Schöpfung hineingeworfen. Er beginnt sein Leben ohne Anleitung und ohne Regeln zum Umgang mit den Kräften, welche die Welt bestimmen. Im Laufe seines Lebens eignet sich der Mensch die Regeln an, die er zur Bewältigung seiner Existenz braucht.

Zwei Quellen sind es, aus der wir Regeln schöpfen: die eigene Erfahrung und Dinge, die wir lernen. Beide Quellen stehen in Verbindung, doch begreifen wir ihr Wirken oft als getrennt.

Weiter teilen wir diese Regeln in einen materiellen und einen immateriellen Bereich. Der materielle Bereich wird z.B. durch die Naturwissenschaft repräsentiert, der immaterielle Bereich z.B. durch Religion und Magie, aber auch Philosophie und Geschichtswissenschaft.

Erfahrungen im materiellen Bereich Gelerntes im materiellen Bereich
Erfahrungen im immateriellen Bereich Gelerntes im immateriellen Bereich
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Probleme und Chancen religiöser Erziehung

Es ist nur zu verständlich, wenn verantwortungsbewusste Eltern die eigenen Wertmaßstäbe und religiösen Überzeugungen an ihre Kinder weiterreichen wollen. Jeden von uns dürfte die Aussicht mit Befriedigung erfüllen, dass unsere Kinder in ungebrochener Tradition die Fackel des Glaubens nicht nur bereitwillig annehmen, sondern sie auch ihrerseits weitergeben. Frischgebackene Eltern und solche, die es noch werden wollen, sind in dieser Frage allerdings meistens von einem noch ungedämpften Idealismus und Optimismus erfüllt. Erfahrenere Vertreter der Gattung dagegen kennen jenen tückischen Abgrund, der sich stets zwischen pädagogischer Theorie und der Praxis des Alltags auftut. Deshalb muss man sich nicht nur der Frage stellen, wie man reagieren sollte, wenn die eigenen religiösen Sozialisierungsversuche gründlich misslingen, sondern auch der, was man realistischerweise dabei überhaupt von Kindern erwarten kann und darf.

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Die Angeln und der Ursprung der Engländer

Die ursprüngliche Heimat der Angeln liegt im Süden der jütischen Halbinsel in einem Gebiet, das Teile des heutigen Schleswig-Holsteins und südlichen Dänemarks umfasst. Das eigentliche Kernland dieser Gegend, die Ostsee-Region zwischen der Flensburger Förde und der Schlei, trägt auch heute noch den Namen Angeln, wobei aber sicher scheint, dass nicht die Gegend nach dem Volk, sondern umgekehrt das Volk nach diesem wohl älteren Landschaftsnamen benannt ist, der einfach nur „Enge“ oder „Winkel“ bedeutete. Die Angeln lebten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Sachsen im Südwesten, den Langobarden im Südosten und den Jüten im Norden (die noch nichts mit den Dänen zu tun hatten, die erst später aus Südschweden zuwanderten). Der alte Machtbereich der Angeln muss allerdings weit größer gewesen sein als die heutige gleichnamige Gegend, denn andernfalls hätten sich ihre späteren Wanderungsbewegungen nicht so eindeutig in das Nordseegebiet gerichtet. Sprachwissenschaftlich bezeichnet „anglisch“ zwei altenglische Dialekte, die uns aus den englischen Gegenden Northumbria und Mercia des 8. Jahrhunderts belegt sind. Ob die sich direkt auf das Anglische der Schleswig-Holsteiner zurückleiten lassen, ist dabei eine müßige Frage. Für Letzteres haben wir außer ein paar Personennamen und frühen Runeninschriften nämlich keine Zeugnisse, und die zeigen, dass sich das Germanische damals noch kaum in die späteren Zweige auseinanderentwickelt hatte. Erstmals erwähnt werden die Angeln von Tacitus in seiner Germania, der sie unter den Nerthus-Verehrern aufzählt. Ob er sie den Sueben zurechnet, die am Angang des nächsten Kapitels erwähnt werden, ist wegen der schwierigen Bezüge im lateinischen Original unklar. Das aber tut 50 Jahre später Ptolemaios, lokalisiert den Stamm aber völlig falsch, wenn sein Begriff Sueben Angeilen (Suhbwu tou Aggeilwu) sich denn überhaupt auf die Angeln bezieht. Archäologische Funde scheinen zu bestätigen, dass sie nicht schon immer in Schleswig-Holstein lebten, sondern im Lauf des 1. Jahrhunderts v.d.Z. langsam aus den suebischen Gebieten an der oberen Elbe zuwanderten.

Schleswig-Holstein war damals sehr viel bewaldeter als heute, allerdings nicht mit den für heute so typischen Buchen, sondern mit Eichen, Ulmen, Linden und Birken. Der Boden in den Marschen des Westens ist hervorragendes Ackerland, der Osten des Landes trotz lehmigerer Bodenbeschaffenheit ebenfalls, lediglich durch die Mitte des Landes zieht sich von Norden nach Süden ein sandiger Bodenrücken, die Geest, der ackerbaulich weniger ergiebig ist. Auch heute noch ist Angeln rein landwirtschaftlich geprägt.

Man kennt zahlreiche Siedlungen, wenn auch bisher nur wenige von ihnen archäologisch genau dokumentiert sind. Die Menschen lebten in inselartig verstreut liegenden kleinen Siedlungen und Einzelgehöften, die wirtschaftlich völlig unabhängig waren. Der Boden gab auch Raseneisenerze her, die im Tauschhandel verbreitet wurden. Die vorherrschende Hausform war das aus Holz errichtete Langhaus, das in Norddeutschland seit der Bronzezeit belegt ist und bis zu 30 Meter lang und 7 Meter breit sein konnte. Der Wohnbereich bildete dabei den kleineren Teil, den größten Teil des Hauses nahm der Stall ein, der bis zu 30 Kühen Platz bot und bereits dasselbe System von Viehboxen aufwies, wie bis in neueste Zeit hinein, denn über den Winter musste das Vieh im Stall gehalten werden, was einer entsprechenden Vorratshaltung bedurfte. Um das Haus herum waren Backofen, Brunnen, Vorratsgebäude (die auf Pfählen errichtet wurden, um die Ernte vor der Bodenfeuchtigkeit und der ewigen Gier der Nager zu schützen) sowie Arbeitsstätten zum Schmieden und Weben. Letztere waren meistens sogenannte Grubenhäuser, die äußerlich zwar nicht viel hermachten, die aber eine Menge Vorteile hatten. Sie bestanden aus einer ausgeschachteten Grube, über der lediglich ein Dach errichtet wurde, während Boden und Wände der Grube mit Brettern verkleidet werden konnten. Diese Konstruktionen waren im wörtlichsten Sinne unaufwändig zu errichten, da sie keiner tragenden Wände bedurften. Bereits Plinius berichtet im 1. Jahrhundert, dass germanische Frauen ihre Webarbeiten in „Erdhäusern“ verrichteten. Die Luftfeuchtigkeit darin verhinderte, dass der empfindliche Flachs bei der Leinenherstellung zu schnell spröde wurde und brach.

Das wichtigste Haustier war eine kurzhornige Rinderart, die lediglich ein Höchstgewicht von 250 kg erreichte. Es gibt keine Hinweise auf die Schlachtung von Kälbern, was zeigt, dass Kühe in erster Linie dem Gewinn von Milchprodukten dienten, natürlich auch als Zugtiere für Pflug, Egge und Wagen. Auch Ochsen kannte man. Sie waren starke, aber umgängliche Zugtiere und gaben sehr viel mehr Fleisch, wenn sie geschlachtet wurden.

Pferde (die ebenfalls wesentlich kleiner als heute waren) benutzte man natürlich zum Reiten, aber in vielen Fällen wurden sie bereits im ersten Lebensjahr geschlachtet und verzehrt. Zwar ist die Pferdetötung als religiöses Opfer nicht nur bei den Germanen, sondern bei etlichen indoeuropäischen Völkern gut belegt, die meisten Pferdeknochen aber wurden nicht als Reste eines Opfers, sondern im normalen Hausmüll entdeckt. Somit scheint der Genuss von Pferdefleisch auch als tägliche Nahrung sehr viel üblicher als der von Rindfleisch gewesen zu sein, was die Vorstellung widerlegt, Pferd sei eine dem Opferschmaus vorbehaltene Speise gewesen. Schafzucht war eher in den offenen Räumen der Westküste verbreitet, der Ostteil des Landes mit seinen Wäldern bot sich mehr zur Schweinehaltung an, was durch die Archäologie auch bestätigt wird. Die Haltung von Ziegen, Hühnern, Gänsen und Enten ist ebenfalls belegt, aber wir wissen nicht genau, welche Rolle sie als Nahrung spielten. Im Gegensatz zu weitverbreiteten Klischees spielte die Jagd als Nahrungsgrundlage so gut wie gar keine Rolle, wohingegen Fischfang natürlich überall dort betrieben wurde, wo er möglich war.

Die wichtigste Getreidesorte war Gerste, gefolgt von Roggen, Hafer und Hirse. Weizen war praktisch noch unbekannt. Saubohnen waren ebenfalls ein wichtiger Nahrungsanteil, genauso wie Wildpflanzen, Beeren und Früchte. Alle hier erwähnten Lebensumstände waren aber natürlich nicht nur für die Angeln kennzeichnend. Alle norddeutschen Völker lebten so, und in der Hinsicht dürfte es keinerlei Unterschiede zwischen Angeln und anderen germanischen Gruppen gegeben haben. Dennoch darf man sich die Zustände nicht als harmonische, ländliche Idylle vorstellen. Seit 500 v.u.Z. war es im Norden zu einer zunehmenden klimatischen Abkühlung gekommen (die sich erst ab dem Frühmittelalter 1000 Jahre später wieder umkehren sollte). Die Sommer waren oft verregnet, und die dadurch bedingten Missernten hatten bitterste Hungersnöte im Gefolge. Die Winter waren lang, kalt und ernährungstechnisch stets eine Sache auf Leben und Tod. Die Skelette der Zeit zeigen durchweg Wachstumsschäden aufgrund von Mangel- und Unterernährung und die Zähne aufgrund des beim Mahlen zwangsläufig in das Getreide geratenden Steinmehls einen erschreckenden Abrieb. Die durchschnittliche Lebenserwartung war gering, und wer ausnahmsweise das Alter von 40 wirklich erreichte, muss als Greis gegolten haben.

Eine altenglische Quelle berichtet uns die Geschichte von Offa, dem Sohn König Warmunds. Offa ist ein kräftiger junger Mann, strebt im Gegensatz zu seinen Altersgenossen aber nicht nach Heldenruhm. Als sein altersblinder Vater von dem Suebenherrscher zum Kampf um das Königreich herausgefordert wird, ist es zum Erstaunen aller jedoch der waffenunkundige Offa, der das Duell annimmt und seinem Volk die Freiheit bewahrt, indem er die beiden Söhne des Suebenherrschers in einem tapferen Einzelkampf tötet. Sogar in der altenglischen Version spielt die Geschichte noch in Schleswig-Holstein, und der Kampf findet auf einer Eider-Insel statt, die so genau beschrieben wird, dass Heimatforscher immer wieder versuchen, den Ort endgültig in großräumiger Nähe Rendsburgs zu lokalisieren.

Die Forschung billigt der Geschichte durchaus einen wahren Kern zu, nämlich insofern, als sich hier die historischen Vorgänge widerspiegeln könnten, durch die die Angeln durch Abspaltung von den Sueben zu einem eigenen Volk wurden. Wenn der Stammbaum des späteren ostenglischen Königs Offa (757-796), der seine Abstammung in der 12. Generation von seinem schleswig-holsteinischen Namensvetter herleitete, überhaupt irgendeinen historischen Wert hat, könnte man diese Vorgänge ganz grob in die Zeit um 350 ansetzen. Andererseits bieten diese späteren englischen Stammbäume aber die einzig mögliche Quelle überhaupt für solche Datierungen, die deshalb sehr unsicher sind. Und da Tacitus sie schon um das Jahr 98 erwähnt, muss die Abspaltung der Angeln auch nach archäologischem Befund zu einem eigenen Volk sehr viel früher passiert sein, was die „12. Generation“ zu einer rein poetischen Formel werden lässt.

Die Geschichte bietet aber einen weiteren interessanten Hinweis: Im Gegensatz z.B. zu den Sachsen hätten die Angeln demnach bereits in ihren alten Tagen die Institution des Königtums gekannt. Die Sachsen kannten dergleichen scheinbar noch nicht einmal im 9. Jahrhundert in ihren Kriegen gegen Karl den Großen (sondern hatten erst seit dem 7. Jahrhundert ausschließlich für den Kriegsfall gewählte Herzöge) und scheinen diese Institution in England lediglich deshalb übernommen zu haben, weil sie dort mit gänzlich anderen politischen Gegebenheiten konfrontiert waren. Somit dürfte wohl auch das angeblich alte Königtum der Angeln eine geschichtliche Rückprojektion altenglischer Zustände auf die Vergangenheit sein.

Das berühmte altenglische Vers-Epos Beowulf ist eine ursprüngliche Dichtung der Angeln, die in ihrer heute bekannten Form allerdings erst um das Jahr 700 in England entstand. Obwohl es in einem westsächsischen Dialekt gehalten ist, deuten sprachliche Kriterien darauf hin, dass es ursprünglich in dem anglischen Dialekt von Mercia verfasst wurde. Der Sagenstoff selbst wurde aber sicherlich schon durch sie mit nach England gebracht. Sie müssen also bereits in ältester Zeit ein reiches Vermächtnis an Dichtung und Überlieferungen besessen haben, was keine Überraschung darstellt. Gleichzeitig zeigt die Kenntnis des Beowulf-Stoffes, dass sie enge Kontakte zu jenen südschwedischen Gegenden besaßen, in der man den historischen Ursprung der Beowulf-Geschichte ansiedelt, eine Verbindung, die auch von der Archäologie bestätigt wird.

Man hat in Schleswig-Holstein noch keine einzige Bestattung finden können, die sich als „Königsgrab“ deuten ließe, der Hinweis auf ein anglisches Königtum in der Offa-Sage dürfte also durchaus Legende sein. Aber aus den ersten Jahrhunderten n.d.Z. gibt es zumindest eindeutige Belege für gesellschaftliche Unterschiede und für die zunehmende Herausbildung einer Ober- und Kriegerschicht. Die gebräuchlichste Ausrüstung bestand aus Schild und Speer. Schwerter – vor allem gute – waren dagegen ausgesprochene Luxusgegenstände, wie auch noch später in der Wikingerzeit. Man hat zahlreiche römische Münzen wie auch andere Gegenstände römischer Herkunft gefunden, aber wir wissen nicht, ob diese als Handelsgüter, Kriegsbeute oder als Mitbringsel anglischer Söldner in römischen Diensten ins Land kamen – wahrscheinlich als Kombination aus all diesen Möglichkeiten.

Wir können uns aber glücklich schätzen, zumindest zwei religiöse Zentralheiligtümer der Angeln zu kennen. Das erste ist das Thorsberger Moor in der heutigen Kleinstadt Süderbrarup. Dieses ehemalige Opfermoor ist heute ein friedlicher kleiner See, umgeben von einem kleinen Baumbestand, an den die Häuser aber immer näher heranrücken. Es fällt schwer, den alten Zauber des Ortes zu spüren, da er sich so verändert hat. Der Reichtum an Opferfunden aus diesem Moor ist beachtlich. Die bedeutendsten dieser Funde sind heute im Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig zu bewundern und belegen, dass das Moor vom 1. bis zum 5. Jahrhundert als Kultstätte diente, älteste Funde aber bis in die Bronzezeit zurückreichen. Als Opfer wurden die verschiedensten Gegenstände dargebracht: Schmuck, Waffen, Kleidung, Keramik usw. (wobei in letzterem Fall natürlich nicht die Gefäße, sondern ihr Inhalt – Nahrungsprodukte – das Opfer waren). Auch einige der frühesten Runeninschriften wurden hier gefunden. Einen kurzen Fußweg entfernt liegt die „Heilige Quelle“, noch heute so bezeichnet, deren Verehrung ebenfalls auf vorchristliche Zeit zurückgehen dürfte. In südlicher Angrenzung an die Quelle (unter dem heutigen Sportplatz) wurden zahlreiche Siedlungsspuren nachgewiesen. Die Attraktivität des Ortes hat hier wohl eine Siedlung entstehen lassen, die die Ausmaße der sonstigen Kleinstsiedlungen übertraf und schon in alter Zeit ein regionales Handelszentrum war. So viel die Moorfunde auch über die rein materielle Kultur aussagen, so wenig enthüllen sie natürlich über die religiösen Zeremonien selbst wie auch darüber, welche Gottheiten hier verehrt wurden. Der Name Thorsberg entstand nämlich erst später, als in der frühen Wikingerzeit von Norden her dänische Siedler in das Land einsickerten, an die heute noch all die mit -by endenden Ortsnamen der Gegend erinnern. Da religiöse Ortsnamen aber äußerst zählebig sind und oft auch einen Bevölkerungs- oder Religionswechsel überdauern, ist es durchaus möglich, dass dieses Moor auch bei den Angeln bereits dem Thunaraz (Thor) geweiht war.

Das zweite große Heiligtum befand sich bei Nydam (kurz hinter der heutigen dänischen Grenze). Dort fand sich im Boden eine ungeheure Menge an Kriegsausrüstung. Der spektakulärste Fund dort aber war das berühmte Nydam-Boot, das zusammen mit den anderen Funden aus Nydam und Thorsberg heute ebenfalls in Schleswig zu sehen ist. Dieses hervorragend erhaltene Schiff mit einer Länge von knapp 23 m Länge (aber nur 80 cm Tiefgang!) erinnert bereits sehr an die späteren Langschiffe der Wikingerzeit. Es ist das erste Schiff im Klinkerbau aus Nordeuropa, das wir kennen, und seine mit den Planken „vernähten“ und nicht vernagelten Spanten gaben ihm die nötige Elastizität als hochseetüchtiges Gefährt. Es hatte allerdings noch keinen Mast, sondern wurde von einer Rudermannschaft angetrieben.

Auch der Fundort bei Nydam war ursprünglich ein Moor. Heute erstrecken sich dort Wiesen in ländlicher Umgebung mit ein paar Häusern in Sichtweite, und die frühere Heiligkeit des Ortes lässt sich hier noch weniger erahnen als in Süderbrarup. Der gewaltige Waffenfund wird dahingehend gedeutet, dass hier eine große Zahl Angreifer von den ihre Heimat verteidigenden Angeln besiegt wurde. Die Waffen, Pferde und ein Schiff der Besiegten wurden daraufhin als Dankesopfer an die Götter in dem Moor versenkt, wobei Letzteres 3 km über Land geschleppt werden musste (wir wissen von zwei kleineren weiteren Schiffen, die aber in den Kriegshandlungen 1864 verloren gingen, denn zur Zeit der Ausgrabungen wurde der Ort zum Schlachtfeld im preußisch-dänischen Krieg).

Die Angreifer müssen nicht zwangsläufig Fremde von einer fernen Küste gewesen sein. Ihre rein germanische Ausrüstung legt eher nahe, dass es Nachbarn waren, möglicherweise von der dänischen Inselwelt her kommend, vielleicht aber sogar selbst Angeln aus dem Süden. Eine Analyse des Eichenholzes bewies, dass das Schiff im Jahr 320 im westlichen Ostseebereich gebaut worden sein muss, also irgendwo an der Küste zwischen dem heuten Dänemark und Mecklenburg-Vorpommern. Da die Waffenmenge aber die einer einzigen Schiffsbesatzung weit übersteigt, ist davon auszugehen, dass es möglicherweise eine Flotte von Angreifern war und nicht nur ein Schiff. Die Funde belegen jedenfalls nicht nur eine ausgeprägte innergermanische Kriegskultur fernab der römischen Grenzen lange vor der Wikingerzeit, sondern machen auch klar, dass hier bereits nach Waffengattungen professionell eingeteilte Gefechtsverbände operierten, die wahrscheinlich nicht mehr dem Stammesführer, sondern Offizieren und Generälen unterstanden. Die Germanen haben schnell von den Römern gelernt, ob sie wollten oder nicht: Durchorganisiertes Militärwesen und Kriege im großen Stil waren Ausdruck einer neuen Zeit, in der die alten Stammeskulturen verblassten und sich größere politische Strukturen entwickelten.

Wer immer ein solches Unternehmen leitete, war mit großen logistischen Herausforderungen konfrontiert: Kapital musste angesammelt werden, um die Schiffe zu bauen und die Männer mit Waffen auszustatten. Vor allem die gefundenen zweischneidigen Hiebschwerter konnten nur mit guten Beziehungen aus dem Römischen Reich beschafft werden, denn in der Qualität waren sie vor Ort nicht herstellbar. Und vor allem: Er musste erfolgreich sein. Der Anführer dieser Streitmacht war das zumindest nicht, und welches Schicksal die besiegten Überlebenden selbst erwartete, ist der Phantasie eines jeden Einzelnen überlassen (menschliche Überreste waren zumindest nicht Teil dieses Mooropfers). Der Ur- und Frühgeschichtler Michael Gebühr hat sich zu diesem Thema seine ganz eigenen und sehr menschlichen Gedanken gemacht:

„Wer trauert denn eigentlich um diese Leute, deren Waffen wir dort im Moor finden, diese Verlierer, die möglicherweise nicht nach Hause zurückgekehrt sind? Man ist ja von heute zu denken gewohnt, das sind die Witwen, Waisen und Mütter, die da trauern. Wenn man sich aber in die damalige Zeit versetzt und bedenkt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen kaum über 35 gelegen haben dürfte, die Söhne aber erst im Alter von 18 bis 20 zum Heer stießen, dann dürften die meisten Mütter gar nicht mehr am Leben gewesen sein, wenn die in den Krieg zogen. Und da Tacitus uns sagt, dass sie eigentlich erst heiraten und sich auf den Hof zurückziehen, nachdem sie ihre kriegerische Zeit hinter sich haben, werden sie auch keine Witwen oder Waisen hinterlassen haben.“

(Zitat aus der TV-Dokumentation Ein Schiff für die Götter von Wilfried Hauke, NDR 2003)

Über die Deutung des Fundes als Opferung einer feindlichen Heeresausrüstung herrscht zwar weitgehend Einigkeit. Dem ist aber entgegengehalten worden, dass es keineswegs sicher ist, ob all diese Gegenstände zur selben Zeit in das Moor kamen. Und nach dem wenigen, was wir von dem verlorengegangenen zweiten Schiff wissen, scheint es sich dabei um eine weitaus ältere Bauart gehandelt zu haben. Und in der Tat haben sorgfältige Nachgrabungen dänischer Archäologen von 1989-1999 ergeben (die noch einmal fast ebenso viele Neufunde zu Tage brachten, wie die Grabungen von 1864), dass in dem Moor zwischen den Jahren 200 und 500 zumindest sechs Großopfer erfolgt sind. Dennoch werden die Interpretationen des Bootsopfers und seiner Beigaben dadurch kaum relativiert, wenn auch die alternative Möglichkeit eines Opfers als Dank für erfolgreiche eigene Raubzüge und Ausplünderung der Nachbarn erwogen werden muss. Eine frühere Hypothese war die, hier habe es sich um das Heiligtum einer „Schiffsgottheit“ gehandelt. Eine solche wäre in späterer Zeit sofort mit Njörd zu verbinden, für ältere Zeit bietet sich also die namensgleiche und für die Angeln bezeugte Nerthus an.

Tacitus’ berühmte Mitteilungen über diese Göttin dürften bekannt sein und brauchen deshalb hier nicht im Detail wiederholt zu werden. Er bezeichnet sie als terra mater (Erdmutter) und an seinem Bericht gibt es wenig Zweifelhaftes. Von allen vergleichbaren Fällen aber wissen wir, dass einer verehrten Erdgöttin natürlich immer auch ein männlicher Himmelsgott als Gemahl zugeordnet war. Wer könnte das bei den Angeln gewesen sein? Die nächstliegende Wahl wäre natürlich Teiwaz (Tyr), der alte gemein-indoeuropäische Himmelsgott, dessen Bedeutung in der späten Wikingerzeit zwar sehr verblasst ist, der bei den kontinentalen Germanen aber noch einer der höchsten Götter gewesen sein muss. Wodan war damals zwar sicherlich schon bekannt, die Stellung späterer Zeit hatte er aber sicher noch nicht, und erst recht war er nicht „Götterkönig“, eine Würde, die ihm erst die Neuzeit andichtete. Wir haben aber einen interessanten Hinweis auf einen anderen Namen.

Unter den Thorsberg-Funden findet sich ein Ortband (der metallene untere Abschluss einer Schwertscheide) mit einer Runeninschrift aus dem 3. Jahrhundert, die man als Hinweis auf den Träger deutet: o wlþuþewaz niwajemariz. Das erste isolierte -o- wird als „Eigentum von“ gedeutet (othala), das nächste Wort bedeutet „des Wulthuz Diener“ und das letzte Wort „der nicht schlecht Berühmte“. Nun ist „Wulthuz“ (Herrlichkeit) aber nichts anderes, als die altgermanische Form des Namens Ullr, was belegt, dass auch Ullr in alter Zeit eine weit prominentere Stellung gehabt haben muss. Verstreute Hinweise deuten sogar darauf hin, dass er ein hoher Himmelsgott gewesen sein dürfte. Deshalb muss man zumindest mit der Möglichkeit rechnen, dass Ullr der männliche Partner der Nerthus gewesen sein könnte. Wenn es aber stimmen sollte, dass Ullr ursprünglich lediglich ein anderer Name für Teiwaz war, würde sich der Kreis wieder schließen. Da für den Namen Njörd im Altnordischen aber nicht nur eine männliche und weibliche, sondern auch eine Pluralform belegt ist, seine Kinder Freyr und Freyia ebenfalls als namensgleiches Zwillingspaar dargestellt sind und auch die Namensformen für Nerthus in den verschiedenen Handschriften der Germania nicht identisch sind, sondern in teilweise problematisch voneinander abweichender Form auftauchen, spricht einiges für die Möglichkeit, auch im Fall Nerthus eine männlich-weibliche Zwillingsgottheit annehmen zu dürfen.

Über das Land verteilt wurden zahlreiche weitere Opferfunde ausgegraben. Bei einem fanden sich zahlreiche Kuhhörner, bei einem anderen mehr als 500 Glasperlen, ein ungewöhnlicher Fund für den Norden. Zusammen mit zahlreichen anderen Schmuckopfern haben wir hier sicherlich Hinweise auf einen sehr weiblichen Kult. Leider können wir kaum mehr darüber sagen. Aber die religiöse Bedeutung hinter all diesen Opfern könnte genauso unterschiedlich sein wie die Opfergaben selbst. Im Gegensatz zu den Zentralheiligtümern von Thorsberg und Nydam haben wir es hier eindeutig mit individuellen Opfern von Bauern und kleinen Gruppen aus entlegenen Ansiedlungen zu tun, deren archaische und bodenständige religiöse Vorstellungen kaum Niederschlag in der späteren Hoch-Mythologie der Edda gefunden haben dürften.

In dem kleinen Ort Gallehus kurz hinter der heutigen dänischen Grenze wurden nacheinander (1639 und 1734) von Einheimischen zwei große Goldhörner gefunden, die allein schon vom Goldgewicht her einen immensen Schatz darstellten und bei denen es sich zweifellos um Kultgeräte gehandelt hat. Wie sie in den Boden gelangten, ob als Opfer oder Sicherungsmaßnahme in Kriegszeiten, wissen wir nicht. Weitere Gegenstände wurden dort jedenfalls nicht entdeckt. Bereits damals erkannte man den wissenschaftlichen Wert des Fundes, und so gelangten die Hörner in die Königliche Sammlung in Kopenhagen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie gestohlen und von den Dieben sofort eingeschmolzen. Die Täter wurden zwar schnell gefasst und hart bestraft, die Hörner selbst aber sind uns verloren. Glücklicherweise existieren sehr gute und detaillierte Zeichnungen der bildlichen Darstellungen auf den Hörnern, die ihrer Art nach eigentlich nur mythologischen Inhalts sein können. Dennoch ist es bis heute nicht einmal ansatzweise gelungen, sie befriedigend zu deuten oder mit uns bekannten Inhalten der germanischen Religion zur Deckung zu bringen, auch wenn das immer wieder in phantasievollen und hochspekulativen Ansätzen versucht wird. Deshalb wurde auch die Vermutung geäußert, die Hörner müssten in einem ganz anderen Kulturraum entstanden sein (wie das z.B. für den in Jütland gefundenen berühmten Silberkessel von Gundestrup aufgrund metallurgischer Analysen erwiesen ist, der danach eindeutig thrakisch-keltischer Herkunft ist und somit als Geschenk, Handelsgut oder Beute in den Norden gelangt sein muss). Die Runeninschrift auf einem der Hörner aber beweist das Gegenteil, wenn denn der Runenmeister kein schamloser Lügner war. Hier finden wir das älteste schriftlich belegte Beispiel für den germanischen Stabreim: „Ek hlewagastiz holtijaz horna tawido“ (Ich, Hlewagastiz aus Holt, machte [dieses] Horn). Das Wort „holtijaz“ könnte man zwar auch als „Sohn des Holt“ deuten, sehr viel wahrscheinlicher aber liegt hier eine Ortsbezeichnung vor, von der eine direkte Linie zu dem mittelalterlichen Volksnamen der Holsten bis hin zum heutigen Landesnamen Holstein zu ziehen ist, der nichts mit „Stein“ zu tun hat, sondern eben mit „Holst“ (Gehölz, Wald) und lediglich „Waldland“ bedeutet. Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein waren große Teile Ost-Holsteins noch von einem riesigen und als undurchdringlich geltenden Waldgebiet bedeckt, das deshalb den Namen Isarnho bzw. dänisch Jarnvið trug. Beide Begriffe bedeuten „Eisenwald“, und selbst der große isländische Gelehrte Sigurður Nordal konnte nicht umhin, hier einen möglichen Zusammenhang mit dem „Eisenwald“ aus Str. 40 der Völuspá zu sehen.

Die spektakulärsten Funde aus den Zeiten der Angeln aber sind wohl die Moorleichen. Die chemische Zusammensetzung der Moore hat eine Verwesung der Toten verhindert, sodass einige dieser Körper gut erhalten sind. Natürlich geben diese Leichen eine Vielzahl anthropologischer Erkenntnisse her. Da es uns hier aber vordringlich um Aspekte der Religion geht, steht natürlich sofort das Stichwort „Menschenopfer“ bzw. „Todesstrafe“ im Raum, wie es durch Tacitus gerade in Verbindung mit Mooren auch schriftlich belegt ist. Nun scheinen aber nicht all diese Toten auf dieselbe Weise ins Moor gelangt zu sein. Einige können schlicht verirrte Wanderer gewesen sein, die dort unglücklich ertranken. Im Fall einer Moorleiche aus Niedersachsen wurde mit modernsten kriminaltechnischen Methoden glaubhaft gemacht, dass hier lediglich ein Mord vertuscht werden sollte. Andere Körper aber zeigen Symptome ritueller Tötung und Maßnahmen, die die Wiederkehr des Toten verhindern sollten. Einer der umstrittensten Fälle war lange der des „Mädchens von Windeby“, das in der Nähe von Eckernförde entdeckt wurde. Lange Zeit galt es als sicher, dass sie als Strafe für Ehebruch getötet und im Moor versenkt wurde. Einige Details schienen auch dafür zu sprechen. Neueste genetische Untersuchungen aber haben erwiesen, dass es sich gar nicht um ein Mädchen handelt, sondern um einen ca. 14-jährigen Jungen, der vermutlich an einer Krankheit starb und von einer Familie liebevoll an einer Stelle beerdigt wurde, die erst kurz danach vermoorte.

Für jeden empfindsamen Menschen ist die Konfrontation mit diesen Toten ein bewegendes Erlebnis. Man schaut in ihre Gesichter und fragt sich, was sie wohl gefühlt haben. Und man ahnt plötzlich, dass sie im Grunde mit denselben Bedürfnissen, Wünschen, Träumen und Ängsten wie man selbst gelebt haben. Aber auch wenn einen in diesem Moment äußerlich nur Zentimeter von ihnen trennen, wird einem gleichzeitig bewusst, dass man geistig diesen ungeheuren Abgrund der Zeit von fast 2000 Jahren, der uns von ihnen trennt, nicht überbrücken kann, weil die Welt und ihre Wahrnehmung damals so grundverschieden von der unseren war. Diese auf viele Menschen verstörend wirkende Erfahrung hat zu Protesten darüber geführt, dass Moorleichen überhaupt in Museen gezeigt werden. Hinter dieser Haltung dürfte in den meisten Fällen aber ein generelles Unbehagen stehen, wie es für unsere den Tod verdrängende Gesellschaft bei Konfrontation mit dem Thema typisch ist. Wenn man sich auf diese Begegnung aber innerlich bereitwillig einlässt, kann sie einem sehr viel geben. Wenn man sich ihnen mit offenem Geist nähert und ihre Würde respektiert, verwandeln sie sich zu wahren Botschaftern aus einer anderen Welt. Und wenn man danach aus dem verdunkelten Raum wieder ins Sonnenlicht hinaustritt, kann man vielleicht spüren, dass sie einem ihre Geschichte erzählt haben …

Gegen Mitte des 5. Jahrhunderts muss die durch die klimatischen Verhältnisse bedingte landwirtschaftliche Notsituation ein solches Ausmaß angenommen haben, dass die Menschen aufgaben und ihre Wohnsitze verließen. Es ist schwer zu glauben, aber es gibt kaum Anzeichen dafür, dass in den nachfolgenden 300 Jahren überhaupt Menschen in dem an sich sehr fruchtbaren Land gelebt haben. Erst in dem nun wieder wärmer werdenen Klima danach sickerten von Norden dänische Siedler in das Gebiet ein, während sich von Südosten her über weite Teile Holsteins slawische Siedler ausbreiteten. Das Wikingerzeitalter war angebrochen und als Folge dessen entwickelte sich eine kleine Siedlung an der Schlei zu einem der wichtigsten Handelszentren Nordeuropas und schuf schnell ein ganz neues kulturelles und wirtschaftliches Umfeld: das weithin berühmte Haithabu.

Was aber war aus den Angeln und ihren Nachbarn, den Jüten im Norden und den Sachsen im Südwesten, geworden? Die archäologischen Befunde sind mit immer verfeinerteren Techniken wieder und wieder untersucht worden, und die Ergebnisse unterliegen heute keinem Zweifel mehr: Der Großteil der Bevölkerung hat das Land verlassen. Siedlungen wurden aufgegeben, die Belegung der Begräbnisstätten bricht ab und – eine der beweiskräftigsten Aussagen – Pollenanalysen der entsprechenden Erdschichten beweisen, dass keinerlei landwirtschaftliche Nutzpflanzen mehr angebaut wurden. Diese Tatbestände gelten als so gesichert, dass alle Fachleute eine mögliche Fehlinterpretation der Befunde ausschließen.

Es sind altenglische Schriftquellen, aus denen wir nun plötzlich erfahren, dass genau zu dieser Zeit – nämlich ab Mitte des 5. Jahrhunderts – Völkerschaften aus Norddeutschland in Britannien auftauchten und das Land schon bald einen neuen Namen tragen sollte: England – Land der Angeln. Die Angelsachsen und späteren Engländer waren sich immer bewusst, dass der Ursprung ihres Volkes nicht in Britannien selbst lag. Die Schriftquellen über die Ereignisse sind aber äußerst dürftig und zudem sehr viel jünger. Es handelt sich dabei vor allem um zwei Werke: De Excidio et Conquestu Britanniae des walisischen Geistlichen Gildas, das etwa 100 Jahre nach den darin beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben wurde, sowie die Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum des Beda von Jarrow, die erst 300 Jahre später entstand. Noch spätere Quellen, wie die Schriften des Simon von Durham oder die unter dem Namen Anglo Saxon Chronicle bekannte Auflistung historischer Daten, bieten zwar viel Interessantes über die späteren angelsächsischen Königreiche, die uns hier interessierenden Vorgänge aber verschwimmen in einem undurchdringlichen Nebel aus Mythen und Legenden. Vor allem der Versuch, das weitere Schicksal der Angeln selbst und das ihrer Religion dingfest zu machen, ist ein eher mühsames Unterfangen. Das konventionelle Bild der Geschehnisse, so wie es bis heute vor allem in populärwissenschaftlichen Darstellungen vermittelt wird, liest sich in etwa so:

Nachdem die letzten römischen Truppen Britannien im Jahr 407 verlassen hatten, litt das Land schwer unter räuberischen Einfällen irischer Piraten und der als völlig unzivilisert geltenden Pikten, die damals das heutige Schottland bevölkerten und über die wir kaum etwas wissen. Es ist bis heute nicht ganz klar, ob die Pikten selbst Kelten waren oder einer vor-indoeuropäischen Bevölkerung angehörten. Als wahrscheinlicher gilt Letzteres, wenn auch bereits mit vereinzelten keltischen Einsprengseln und Einflüssen gerechnet werden muss. Eine Keltisierung Schottlands aber erfolgte erst sehr viel später durch die aus Irland einwandernden und dem Land seinen Namen gebenden Skoten (eine Tatsache, die in Schottland allerdings ungern zur Kenntnis genommen wird und die man einem Schotten gegenüber im Gespräch lieber nicht erwähnen sollte). Diese Raubzüge der Pikten müssen wohl schnell eine solche Form angenommen haben, dass Vortigern (keltisch: Guorthigirn, lateinisch: Vertigernus, angelsächsisch: Wyrtgeorn), einer der britischen Kleinkönige, sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als germanische Söldner anzuwerben, um des Problems Herr werden zu können. Diese Truppen unter ihren Anführern Hengist und Horsa aber meuterten nach einiger Zeit und erpressten so Siedlungsland für sich selbst, ein Erfolg, der weitere germanische Kriegertruppen ins Land lockte. Zudem verbreitete sich dadurch in Norddeutschland die Kunde, dass in Britannien reiche und fruchtbare Landschaften nur auf den warteten, der beherzt genug war, sie zu erobern. Also entschlossen sich die Angeln, Jüten und große Teile der Altsachsen zur Auswanderung, die man sich als Völkerwanderung riesigen Ausmaßes vorstellte, bei der die genannten Völker unabhängig voneinander und als in sich geschlossene ethnische Einheiten wie eine gigantische Flutwelle das Land überschwemmten. Trotz kriegerischen Widerstandes der Einheimischen wurden diese von den Einwanderern vor sich her in ihre künftigen Rückzugsbiete in Wales und Cornwall getrieben, wie welkes Laub in einem Herbssturm, bis durch die Schlacht am Mons Badonius (Badon Hill) die endgültigen Siedlungsgrenzen zwischen Germanen und Kelten geschaffen wurden (die noch heute den Grenzen Englands zu Cornwall, Wales und Schottland entsprechen). Mehr als einmal wurden Parallelen zu der Besiedlung Nordamerikas gezogen, die ebenfalls ohne Rücksicht auf die Existenz bereits dort lebender Völker vonstatten ging. Keltische Briten, die nicht schnell genug flohen, seien entweder umgebracht oder versklavt worden.

Dieses herkömmliche Bild, wie es immer noch verbreitet wird, ist jedoch nicht nur viel zu vereinfacht, sondern scheint in wesentlichen Aspekten auch ganz klar falsch zu sein. Der Beginn dieser Geschichte klingt allerdings noch sehr glaubhaft: Es ist offensichtlich, dass Britannien im späten 4. und frühen 5. Jh. unter Angriffen und Beutezügen benachbarter Völkerschaften litt, und zwar nicht nur durch Pikten und Iren, sondern auch durch die an den Nordseeküsten lebenden Germanen, denn die militärische und politische Situation in Britannien nach Abzug der römischen Truppen lud geradezu dazu ein. Zudem besaßen die Germanen, die im Fall der sächsischen Nordseepiraten ihre befestigten Stützpunkte an der südlichen Kanalküste geographisch gezielt für Überfälle auf Britannien angelegt hatten, eine Religion und Ideologie, die militärisches Abenteuertum auch noch guthieß – sowie einen Überschuss an Kriegern, die teilweise auch in römischem Dienst noch eine hervorragende Ausbildung genossen hatten.

Die Briten reagierten durchaus, um dieser Herausforderung begegnen zu können: Regionale Führerpersönlichkeiten – man mag sie Häuptlinge, Fürsten oder Kleinkönige nennen – umgaben sich mit Kriegergefolgschaften, was zu einer rapiden Gesellschaftsänderung mit so manchen Merkmalen der keltischen Zustände aus vorrömischer Zeit führte. Dass sich das offenbar recht schnell vollzog, spricht für ein geringes Ausmaß an Romanisierung und Verstädterung. Und wenn es überhaupt ein historisches Vorbild für den legendären König Artus gegeben hat, dann muss das einer der Kleinkönige aus dieser Zeit gewesen sein (oder wahrscheinlicher: einer der Heerführer, denn in den ältesten Quellen wird Artus nicht als König sondern als dux bezeichnet). Anders als der Großteil der Landbevölkerung hatten diese Fürsten offenbar alle schon das Christentum angenommen. Aber tatsächlich wissen wir sehr wenig über sie.

In der Wahl der germanischen Krieger als Verteidiger Britanniens hatte Vortigern auf den ersten Blick einen wahren Glücksgriff getan. Sie kamen als geschlossene Kriegerverbände mit ihren eigenen Anführern, ihrer eigenen Ausrüstung und größter Erfahrung im Einsatz ihrer Waffen. Das aber war nichts grundsätzlich Neues, denn archäologische Funde belegen, dass sich diese Praxis der Rekrutierung von kontinentalen Söldnern nahtlos an den römischen Abzug anschloss und wohl auch schon vorher gängige Praxis war. Zudem waren auch die „römischen“ Truppen in England keine italischen Legionen gewesen, wie man sie sich historischen Filmen nach vorzustellen neigt, sondern gallische Comitatenses mit hohem germanischen Anteil, sodass sich in den Augen der Briten die neuen germanischen Söldner kaum von den „römischen“ Truppen unterschieden haben dürften. Gerade die Sachsen waren bereits lange vorher als Krieger weithin berühmt und berüchtigt. Auch die Römer setzten sie mit Vorliebe für ähnliche Aufgaben ein. Reguläre militärische Truppen sind nämlich erfahrungsgemäß gegenüber partisanenartiger Guerilla-Taktik, wie sie für kriegerische Beutezüge typisch ist, wenig effektiv. Ganz anders aber die germanischen Krieger, die diese Taktik ebenfalls bis zur Perfektion beherrschten – waren doch (wie schon erwähnt) gerade die Sachsen selbst schon Jahrzehnte vorher durch solche Raubzüge zur See auf beiden Seiten des Ärmelkanals unangenehm aufgefallen. In der Tat scheinen die Söldner das Problem mit Leichtigkeit in den Griff bekommen zu haben, was für die erfolgsgewohnten Plünderer aus dem Norden eine äußerst überraschende und schmerzhafte Erfahrung gewesen sein dürfte, denn praktisch über Nacht hört man nichts mehr von irgendwelchen Pikten oder Iren. Nun ist die Revolte einer solchen Truppe aber eine ständige Gefahr. Als bezahlte Söldner standen sie in konstanter wirtschaftlicher Konkurrenz mit Adel und Kirche um das Sozialprodukt, ihr Anteil daran aber wurde von ihren Konkurrenten bestimmt und kontrolliert. So gesehen war es nur folgerichtig, dass sie deren Schwäche ausnutzten und sich selbst die Position verschafften, über Steuern und andere Einkünfte bestimmen zu können. Weit verstreute Landgüter, wie sie für die römisch geprägte Landwirtschaft typisch waren, sind solchen Umwälzungen gegenüber besonders verwundbar.

Wann genau holte Vortigern diese Söldner ins Land? Wenn die Quellen insofern stimmen, dass deren Revolte 441 stattfand, muss der Zeitpunkt ihrer Ankunft natürlich vorher gelegen haben. Wie lange vorher, wissen wir nicht, sie muss aber dann irgendwann zwischen 420 und 435 erfolgt sein. Zunehmend angezweifelt wird heute aber vor allem die Vorstellung einer einmaligen Masseneinwanderung, und das mit plausiblen Argumenten. Es spricht viel mehr dafür, dass es sich um vergleichsweise kleine Gruppen abenteuerlustiger Kriegsgefolgschaften handelte, die sich an die Macht putschten und als Folge dessen ihre Sprache, Kultur und Religion der britischen Landbevölkerung aufdiktierten. Aber auch wenn man annimmt, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen beiden Extremen liegt, bleiben zahlreiche ungelöste Fragen, die sich ohne zukünftige Forschungen nicht beantworten lassen, da die bisherigen Erkenntnisse, auch wo es sich um harte Fakten handelt, teilweise völlig widersprüchlich wirken. Die Probleme sind insgesamt zu komplex, um sie hier ausführlich zu erörtern, dennoch ist es zum besseren Verständnis nötig, hier kurz und allgemeinverständlich auf die wichtigsten Argumente einzugehen:

Als etwa 400 Jahre später Norweger in ihren hochspezialisierten Wikinger-Langschiffen die offene Nordsee überquerten, um das nordenglische Kloster Lindisfarne zu überfallen, erregte das zwar großen Schrecken, wurde aber gleichzeitig als seefahrtstechnische Pioniertat und navigatorische Meisterleistung bestaunt. Es erschien den Zeitgenossen unglaublich, dass die Norweger diese Überfahrt nicht nur überlebt hatten, sondern mehr noch, dass sie imstande waren, ihr Ziel über diese Entfernung auch noch so punktgenau zu treffen (wenn das denn wirklich so geplant und Lindisfarne nicht nur ein Zufallsopfer war). Deshalb grenzt die immer noch verbreitete Vorstellung, dass die Angeln Jahrhunderte vorher eine riesige Flotte ihrer Boote – zusätzlich mit ihren Familien und ihrem Vieh an Bord – von Jütland aus über die Nordsee nach Britannien gerudert (!) haben sollen, eher ans Lächerliche. Alle Angeln und Jüten, die nach England gelangten, mussten zwangsläufig über eine sehr lange Strecke der Küste folgen, sei es zu Wasser oder zu Land, bis sie einen Punkt an der Kanalküste erreichten, von dem aus die Überfahrt problemlos möglich war. Das heißt, dass sie vorher mindestens bis ins heutige Belgien – idealerweise bis nach Frankreich – hätten ziehen müssen.

Natürlich ist das nicht unmöglich. Gerade das Zeitalter der Völkerwanderung, vor dessen Hintergrund sich auch das Schicksal der Angeln abspielt, kennt zahlreiche gut belegte Parallelen, bei denen ganze Völkerschaften sehr viel größere Entfernungen innerhalb Europas durchwanderten. Dennoch lauert hier bereits das nächste Problem: Durch die neue Technik der Luftbild-Archäologie (alte Siedlungsspuren lassen sich vom Flugzeug aus sehr viel deutlicher als vom Boden aus erkennen) und ihrer konsequenten, flächendeckenden Anwendung in England wurde schnell klar, dass das eisenzeitliche und römische Britannien sehr viel dichter besiedelt war als zuvor angenommen. Dadurch mussten die Bevölkerungsschätzungen drastisch nach oben korrigiert werden. War man zuvor von einer ungefähren Einwohnerzahl von 300.000 ausgegangen, legen neuere Erkenntnisse eher eine Zahl von 4 bis 5 Millionen nahe. Für einen völligen Bevölkerungsaustausch in England, so wie er stets als historische Tatsache hingestellt wird, hätte es also mindestens 1 Million Germanen bedurft, die über die Nordsee hereinströmten. Eine solche Zahl aber ist völlig unrealistisch, auch wenn man das 24 m lange Nydam-Boot mit seinem Fassungsvermögen von maximal 45 Personen als typisches Gefährt für das Unternehmen annimmt.

Auch Gildas zufolge war die Zahl der germanischen Söldner gering und kann anfangs nicht mehr als insgesamt 100 bis 150 betragen haben, je nach Größe ihrer Schiffe – wenn man Gildas glaubt, dass es drei gewesen sind. Aber auch, wenn man seine Angaben als zu unzuverlässig ablehnt, können es allein schon deshalb kaum viel mehr gewesen sein, weil keiner der einheimischen Fürsten freiwillig riesige Scharen fremder Krieger in seinem Gebiet riskiert hätte. Durch Verstärkungstruppen stieg die Zahl zwar, muss sich aber immer noch in einem Rahmen bewegt haben, dass ihr Auftraggeber sie bezahlen, unterbringen und verköstigen konnte. Ob sie ihre Familien bereits mitbrachten, wissen wir nicht, die wenigen archäologischen Belege deuten aber darauf hin. Spätere Nachrichten des Anglo Saxon Chronicle erwähnen weitere Namen und Zahlen: Ælle und seinen Söhnen werden drei Schiffe zugeschrieben, Cerdic und Cynric kamen mit fünf Schiffen, Port und seine Söhne mit zweien und eine weitere westsächsische Truppe ebenfalls mit dreien. Die erwähnten Schiffszahlen können aber sehr viel mehr den stilistischen Erfordernissen der Heldendichtung als den historischen Tatsachen entsprochen haben und somit lediglich eine literarische Abhängigkeit voneinander nahelegen. Dennoch deuten alle Angaben auf eine sehr kleine Zahl von Ankömmlingen hin, und weder archäologische Befunde noch literarische Quellen sind mit der Vorstellung einer Masseneinwanderung vereinbar oder stützen sie gar. Es ist bezeichnend, dass man eine Kriegergefolgschaft dieser Zeit mit der Zahl einer Schiffsbesatzung gleichsetzte, und es findet sich sogar die juristische Definition, dass eine Kriegertruppe von mehr als 38 Mann als „Heer“ zu bezeichnen war – dies vor allem als Hinweis darauf, mit welchen realistischen Zahlen man zu rechnen hat, wenn von damaligen „Heeren“ gesprochen wird. Aber gleichzeitig, und das dürfte kaum Zufall sein, stimmt die Zahl 38 auffällig genau mit dem Fassungsvermögen des Nydam-Bootes überein, wenn man die ebenfalls nötige Ausrüstung miteinbezieht.

Wie aber kann es möglich gewesen sein, dass eine solch vergleichsweise winzige Zahl von Kriegern die Herrschaft über ein ganzes Land an sich gerissen haben soll? Die Antwort liegt in der britannischen Gesellschaftsstruktur jener Zeit: In der sozialen Hierarchie folgte auf die Kleinkönige die Klasse der Großgrundbesitzer, die auf ihren weit verstreuten Landsitzen residierten, gründlich romanisiert und christianisiert, Zivilisten ohne jede militärische Erfahrung, aus deren Schicht sich auch die Verwaltungsbeamten, Anwälte und der Klerus rekrutierte. In ihren Händen hätte eigentlich die gesellschaftliche Führungsrolle liegen sollen, aber sie waren an Zahl zu gering, zu römisch weltoffen in ihren Ansichten, und den harten Realitäten des Alltagslebens der einfachen Menschen zu sehr entfremdet. Gildas fungiert in seinen Schriften als Sprachrohr dieser Klasse. In der kritischen Zeit zwischen dem Abzug der Römer und der angelsächsischen Machtergreifung war diese Klasse unfähig, die Notwendigkeit sozialer Umgestaltung zu erkennen und erst recht, sie auch umzusetzen. Sie lebten weiter wie zuvor und nutzten ihre Ressourcen vor allem zum eigenen Machterhalt und zur Unterstützung der Kirche, wo es doch sehr viel nötiger gewesen wäre, ihre aristokratischen Landsitze in militärische Ausbildungslager umzuwandeln, um eine neue Kriegerschicht heranzuziehen, die dem alten Gefolgschaftswesen entsprochen hätte. Wie erwähnt – es gab durchaus entsprechende Ansätze, aber die spielten sich an den wenigen Fürstensitzen ab und hätten mehr Zeit gebraucht, um wirksam werden zu können. Und eine Art Mittelschicht, aus der sich der militärische Nachwuchs hätte rekrutieren lassen, gab es nicht mehr, sondern der Rest der Bevölkerung bestand aus einfachen Bauern, die in diesem politischen System zunehmend so verarmt waren, dass sie praktisch den Status von Unfreien hatten. Eine gemeinsame Ideologie, Religion, Kultur – ja, sogar Sprache – gab es auch nicht mehr, und deshalb war diese Gesellschaft Angriffen entschlossener Bewaffneter von außerhalb wehrlos ausgesetzt, und genau aus diesem Grund waren Fürsten wie Vortigern ja auch genötigt gewesen, fremde Söldner anzuheuern, um den irischen und piktischen Raubzügen begegnen zu können.

Eine der wenigen und rühmlichen Ausnahmen unter den Großgrundbesitzern war Ambrosius Aurelianus, der bei Beginn der germanischen Bedrohung seine Bediensteten bewaffnete und sie einfache militärische Grundtechniken lehren ließ. Auch von Ambrosius Aurelianus wurde vermutet, er könne ein historisches Vorbild für Artus gewesen sein. Trotz der offensichtlichen Amateurhaftigkeit ihres Widerstandes erreichten sie aber einen länger anhaltenden Waffenstillstand mit den Neuankömmlingen. Auch wenn der regional und zeitlich begrenzt gewesen sein dürfte, macht gerade das aber deutlich, dass sie eben keinen landhungrigen Einwanderungsmassen oder übermäßig eroberungswütigen germanischen Heerscharen gegenüberstanden, gegen die sie sicherlch wenig Chancen gehabt hätten. Der Großteil dieser Aristokraten aber floh und überließ die Bauern ihrem Schicksal, die nun selbst sehen mochten, wie sie sich mit den neuen Machthabern arrangierten.

Das beliebte Klischee, alle Briten seien aus England vertrieben oder gar getötet worden, kann so also nicht stimmen. Von einzelnen und örtlich begrenzten Schreckens-Szenarios einmal abgesehen, die auf die unmittelbar Betroffenen durchaus nach Weltuntergang geschmeckt haben könnten, wird der Großteil der britischen Landbevölkerung unter den neuen Herren aber genauso weitergelebt haben, wie vorher auch, was ihre Lebensumstände kaum verschlechtert haben dürfte. Im Gegenteil: Die germanischen Vorstellungen von Herrschaft und Beherrschten waren nachweislich im gesamten Europa der Völkerwanderungszeit – auch nach heutigem Maßstab – eher human. Die britische Landbevölkerung dürfte danach jedenfalls eher als zuvor in der Lage gewesen sein, ihren wirtschaftlichen und sozialen Status zu verbessern. Im Grunde tauschten sie nur eine Fremdherrschaft gegen eine andere – und hatten auch keine Wahl. Die neuen germanischen Herren aber boten ihnen zumindest eine Annehmlichkeit, die sie lange nicht mehr gekannt hatten: Sicherheit.

Die Archäologie unterstützt diese Sichtweise: Die wenigen nachgewiesenen angelsächsischen Siedlungsspuren zeigen vom Grundtyp her große Ähnlichkeit mit den Langhäusern, wie wir sie aus Norddeutschland kennen. Im Detail aber haben sie auch britische Elemente, und vor allem fehlt ein entscheidendes Merkmal ihrer deutschen Gegenstücke: die Boxen für das Vieh. Die beste Erklärung dafür ist nun einmal, dass die Angelsachsen beim Bau der Häuser auf die Arbeitskraft Einheimischer zurückgreifen konnten und dass sie eben keine Bauernhöfe, sondern Herrensitze bewohnten.

Es gibt aber ein Argument, das die herkömmliche Sichtweise einer plötzlichen Masseneinwanderung zu stützen scheint, und das ist sehr schwerwiegend: Die englische Sprache enthält so gut wie keine Einsprengsel und Elemente des Keltischen, was darauf schließen lässt, dass beide Sprachen nicht über längere Zeit nebeneinander existiert haben können. Selbst die eifrigsten Untersuchungen haben nicht einmal zwanzig keltische Lehnwörter im Englischen nachweisen können. Noch überzeugender ist, dass auch alle Orts- und Landschaftsnamen, die erfahrungsgemäß Sprachwechsel überdauern, germanischen Ursprungs sind. Die meisten Sprachwissenschaftler beharren deshalb darauf, dass die Zahl der germanisch sprechenden Ankömmlinge so groß gewesen sein muss, dass die einheimischen Sprachen dadurch schlagartig erloschen oder zur Bedeutungslosigkeit verkamen.

Dieser sprachwissenschaftliche Befund kann aber auch anders erklärt werden. Aus allen antiken Quellen wissen wir, dass Kelten und Germanen ihrer äußeren Erscheinung nach kaum auseinanderzuhalten waren. Eine entsprechende Gruppenzugehörigkeit kann sich damals also nur durch Sprache, materielle Kultur und dem Wissen der unmittelbar Beteiligten darum ausgedrückt haben. Die germanische Gesellschaft war zwar hierarchisch gegliedert und die ständische Zugehörigkeit war durchaus von juristischer und sozialer Bedeutung, sie bildete aber kein undurchlässiges Kastensystem. Wenn es also eine Art von „Apartheid-Politik“ in dem Sinne gegeben haben sollte, dass „britisch“ gleichbedeutend mit niedrigem sozialen Status war, dann muss es einen hohen Anreiz gegeben haben, sich der angelsächsischen Sprache und Kultur möglichst schnell anzupassen, da dies die Vorbedingung für jede gesellschaftliche Verbesserung der eigenen Situation darstellte. Wenn sich Sprache und Kultur der herrschenden Klasse auf diese Weise von oben nach unten durch die Gesellschaft verbreitete, wodurch ein stetig wachsender Anteil der Bevölkerung rechtlich gleichgestellt wurde, ist es absolut möglich, dass die ehemals keltischen Einheimischen innerhalb von zwei bis drei Generationen nicht mehr von Angeln und Sachsen zu unterscheiden waren. Das würde z.B. auch bedeuten, dass gerade aus Bestattungen, die eine wichtige archäologische Quelle darstellen, ethnische Zugehörigkeiten in keiner Weise abzulesen wären.

Dazu kommt ein weiteres Argument: Gerade die keltische Landbevölkerung abseits der wenigen städtischen Zentren dürfte – wenn überhaupt – nur sehr ansatzweise romanisiert und christianisiert gewesen sein. Dem überwiegenden Teil dieser Landbevölkerung müssen alle Aspekte der germanischen Gesellschaft mit ihrem Gefolgschaftssystem und vor allem auch ihrer Religion sehr viel bekannter und vertrauter vorgekommen sein, als alles, was sie von ihrer vorherigen Herrschaft kannte, die aus der christlich-römischen Oberklasse des Landes bestanden hatte. Die keltische Kriegergesellschaft, so wie sie uns in den irischen Quellen und den Legenden um Artus dargestellt wird, zeigt nämlich eine verblüffende Übereinstimmung mit all dem, was wir auch aus der germanischen Gesellschaft mit ihren Krieger-Eliten kennen.

Ein anderes Argument für die herkömmliche Sichtweise ist, dass im 5. Jahrhundert die meisten Siedlungen in Schleswig-Holstein aufgegeben wurden und die Bevölkerung verschwand. Aber was wurde aus ihnen, wenn sie nicht nach England auswanderten? Tatsächlich wissen wir, dass ein Teil der Angeln nicht nach Britannien ging, sondern gemeinsam mit den Warnen nach Süden in das Gebiet der oberen Elbe wanderte, wo sie noch zu Zeiten Karls des Großen die Oberschicht des Königreiches Thüringen bildeten (das geographisch aber eher im Nordteil des heutigen Sachsen-Anhalt lag). Auch das in karolingischer Zeit aufgezeichnete Thüringische Gesetz – das Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum – belegt schon durch seine Benennung die dortige anglische Präsenz oder sogar Vorherrschaft. Der Landschaftsname Engilin an der Unstrut leitet sich ebenfalls von ihnen ab, und alle dortigen Siedlungen mit den Endungen „-leben“ und „-legen“ gelten als anglische Gründungen. Zudem ist nicht auszuschließen, dass weitere Teile von ihnen nach Süden zogen und in den Wirren der Völkerwanderung aufgingen, ohne schriftliche oder archäologische Spuren zu hinterlassen. Dennoch muss ein beträchtlicher Teil auch nach England ausgewandert sein, das will niemand bestreiten. Das aber war kein einmaliger Masseneinfall, sondern ein langsamer Prozess, eine eher stille Infiltration, die sich über mehrere Generationen hingezogen haben mag und die in ihren Anfängen schon lange vor dem Ende der römischen Herrschaft nachweisbar ist. Einen solch ursächlichen und einmaligen Zusammenhang, wie ihn Beda Jahrhunderte später zwischen der Anwerbung der Söldner und der Germanisierung Englands zieht, hat es in der Form also wahrscheinlich gar nicht gegeben. Bezeichnend ist auch, dass die Germanen das westliche englische Tiefland ja erst im 6. und 7. Jahrhundert militärisch aufrollten, wobei auch der „große Kriegszug“ mit der endgültigen Schlacht am Mons Badonius lediglich einige hundert Krieger, vielleicht sogar 1000, aber bestimmt nicht „viele Tausende“ umfasst haben kann. Dabei muss man überhaupt die möglichen Bevölkerungszahlen der Zeit im Auge behalten. Nach eingehender Abwägung aller Daten geht man für die gesamten kontinentalgermanischen Gebiete von einer Einwohnerzahl von 2 bis 5 Millionen Menschen aus. Wenn man bei dem vergleichsweise kleinen anglischen Gebiet also z.B. 30.000 Stammesangehörige annehmen würde, wäre das eine bereits sehr hochgegriffene Schätzung. Wenn man nun weiter annimmt, dass ein Drittel davon in Thüringen endete, ein weiteres Drittel in dem Mahlstrom der Völkerwanderung aufging und das letzte Drittel in England ansässig wurde, dürfte das einigermaßen realistisch sein. Und von den Sachsen wissen wir sowieso, dass ein Großteil nach Süden in ihre späteren niedersächsischen Wohnsitze zog.

Das konventionelle Bild der Geschehnisse beruht hauptsächlich auf den Schriften von Gildas und Beda. Gildas ist dabei alles andere als verlässlich. In der Tat ist es sogar so, dass sein Werk als eines der tendenziösesten des gesamten Frühmittelalters gilt. Seine Kindheit könnte zwar noch mit den letzten Kämpfen gegen Angeln und Sachsen zusammengefallen sein, da er sich sein ganzes Leben lang aber nie weit von seinem Geburtsort entfernt hat, dürfte er einige Einzelfälle aus seiner Nachbarschaft verallgemeinert haben. Alles, was er berichtet, weiß er sowieso nur vom Hörensagen. Ausschließlich auf ihn geht das verzerrte Bild der „sächsischen Horden“ zurück (wie überhaupt die bevorzugte Bezeichnung „Sachsen“), der „schrecklichen heidnischen Wölfe, die das ganze Land in einem Meer von Blut ertränkten“, ein Bild, das sich bis heute durch triviale Bücher und Filme zieht und selbst in Zimmer-Bradleys Nebel von Avalon noch verbreitet wird, wo den doch selbst zutiefst heidnischen Einwanderern auch noch dreist unterstellt wird, ausgerechnet sie hätten die „alte Religion vernichten“ wollen. Gildas zieht alle Register alttestamentarischer Wortgewalt und macht die Briten in flammender Rede selbst für das Unheil verantwortlich, indem sie durch ihre Sünden den Zorn Gottes auf sich gezogen hätten und die Angelsachsen nur eine der kommenden Strafen seien – vergleichbar den ägyptischen Plagen. Sein Blickwinkel repräsentiert den des christlichen Klerus und der einflussreichen Großgrundbesitzer, zwei Gruppen, die klar die großen Verlierer dieser Umwälzungen waren. Dass die Sichtweise des Großteils der übrigen Bevölkerung – vor allem auf dem Lande – aber ganz anders gewesen sein dürfte, wurde bereits erläutert.

Beda versuchte das, was er zu wissen glaubte, vorurteilsloser zu berichten, aber seine Quellen waren selbst ein nebulöses Gemisch aus Mythen und Legenden – und eben die Schriften des unseligen Gildas. Beda selbst wusste praktisch gar nichts über diese zeitlich lange zurückliegenden Vorgänge. Aber er gab den Engländern Antworten auf die Grundfragen nach ihren Ursprüngen, und er war es auch, der Hengist und Horsa zu den Anführern der „Völkerwanderung“ machte. Er nahm sich die Gründungsmythen vor, verpasste ihnen willkürlich Jahreszahlen und umgab sie so mit einer Aura von Historizität, und viele Gelehrte nach ihm verfuhren genauso. Beda war aber z.B. nicht bewusst, dass die Anwerbung der ersten Söldner und das, was er als Masseneinwanderung deutete, zwei völlig unterschiedliche Ereignisse waren, die auch zeitlich auseinander lagen. Für ihn war das ein und dasselbe. Beda berichtet:

„Von den Jüten stammen die Völker in Kent und die Victuarier, das sind die Leute auf der Insel Wight, und die in der Prvinz Wessex, die der Insel Wight gegenüber liegt und die bis heute Jüten genannt werden. Von den Sachsen aus dem heute als Alt-Sachsen [d.i. Niedersachsen] bekannten Land stammen die Ost-, Süd- und Westsachsen. Und von den Angeln, die aus dem Land Angelus [d.i. Angeln] stammen, das bis heute unbewohnt geblieben ist, leiten sich die Völker in Ost- und Mittel-Anglia, Mercia und Northumbria […] sowie alle anderen englischen Völker ab.“

Aus anderen Quellen wissen wir zwar, dass auch andere Elemente (Franken und Friesen) an den Vorgängen Anteil hatten, es gibt aber eine sehr überzeugende Erklärung für Bedas literarische Beschränkung auf gerade die Angeln, Jüten und Alt-Sachsen: Wenn wir Bedas Latein nämlich zurück ins Altenglische übersetzen, wird daraus, dass die Engländer die Abkömmlinge of Englum ond of Eotum ond of Ealdsaxum sind. Und plötzlich haben wir hier die alte poetische und stabreimende Dreifachformel, die uns aus anderen germanischen Überlieferungen so geläufig ist und uns sofort z.B. an „Ingvaeonen, Istvaeonen und Irminonen“ erinnert. Das lässt es als ziemlich sicher erscheinen, dass Beda hier alte Dichtung aus mündlicher Überlieferung zitiert, die deshalb natürlich nicht falsch sein muss. Es ist aber sehr bezeichnend, dass Beda – von der oben zitierten Stelle abgesehen – die Einwanderer in ihrer Gesamtheit sonst immer pauschal „Angeln oder Sachsen“ nennt, als seien diese Namen lediglich unterschiedliche Begriffe für ein und dasselbe Volk. Einerseits haben Bedas Abstammungsangaben also alle Anzeichen einer Rückprojektion und müssen deshalb mit Vorsicht genossen werden, andererseits aber müssen sie auch einen wahren Kern haben, und es kann keinen Zweifel daran geben, dass Angeln und Sachsen die Hauptrollen in den Ereignissen gespielt haben müssen, während die Jüten, Franken und Friesen eine vergleichsweise vernachlässigenswerte Größe gewesen zu sein scheinen.

Das wirft die Frage auf, welcher Art denn überhaupt die alten Beziehungen zwischen Angeln und Sachsen in ihrer ursprünglichen Heimat Schleswig-Holstein gewesen sind. Die Sachsen werden erstmals von Ptolemaios um 150 n.u.Z erwähnt, also etwa 50 Jahre nach Tacitus’ Erwähnung der Angeln. Ptolemaios beschreibt diese ersten Sachsen als im südwestlichen Schleswig-Holstein lebend (was als ihr Ursprung von der Archäologie bestätigt wird) und ihr Gebiet als sich teilweise mit dem der Angeln überschneidend. Etliche Wissenschaftler haben daraus geschlossen, dass die Sachsen eine Abspaltung der Angeln gewesen sein könnten oder dass die Sachsen ursprünglich der Kriegerbund der Angeln waren, die schließlich zu einem eigenen Volk wurden. Genau ein solcher Prozess wird heute nämlich für viele ethnische Entwicklungen innerhalb der germanischen Welt verantwortlich gemacht. Die Existenz und soziale Bedeutung dieser Kriegerbünde ist ein hochkomplexes Thema, das deshalb hier nicht weiter vertieft werden kann. In jedem Fall aber muss es bereits in alter Zeit eine enge Verflechtung zwischen Angeln und Sachsen gegeben haben, egal ob sie aus jahrhundertelanger enger Nachbarschaft oder gemeinsamem Ursprung herrührt. Für Außenstehende dürften die beiden Gruppen durch nichts unterscheidbar gewesen sein.

Ethnizität war in der germanischen Welt keineswegs so festgelegt, wie ältere Modelle und auch noch gewisse Zeitgenossen das gerne hätten. Teilweise scheint immer noch die Vorstellung verbreitet, man müsse sich das germanische Stammessystem ähnlich vorstellen, wie die Beziehung der indianischen Völker in Nordamerika untereinander (die völlig unterschiedliche Sprachen und Kulturen hatten). Interkulturelle Vermischung war aber eine zwangsläufige Folge des gesamten germanischen Sozialsystems, da es sich um eine kriegerische Gesellschaft handelte. Und in einer solchen Gesellschaft war soziale Mobilität – sowohl bei Einzelnen wie auch bei Gruppen – eher Norm und Notwendigkeit. Das Schicksal politisch miteinander Verbundener war stets sehr unsicher, und jeder Krieger hatte völlige Freiheit, seinen Ruhm und sein Glück bei jedem beliebigen Gefolgschaftsherrn zu suchen, egal ob es sich dabei um einen germanischen oder keltischen Fürsten, den römischen Kaiser oder den König der Hunnen handelte. Dieses Sozialsystem bildete eine Art von kulturellem Klebstoff, der damals ganz Europa über alle Sprach- und Völkergrenzen hinweg zusammenhielt. Die damaligen europäischen Völker waren schon deshalb keine „geborenen Erzfeinde“, weil sie nie so etwas wie eine erst im 19. Jahrhundert erfundene „nationale Identität“ besaßen. Der Dienst in der römischen Armee muss extrem beliebt gewesen sein – kein Wunder bei der dort auch nach heutigem Maßstab mustergültigen Sozialversorgung. In allen europäischen Schlachten dieser Jahrhunderte kämpften regelmäßig auf beiden Seiten keltische und germanische Truppen.

Viele jener germanischen „Stämme“ und „Völker“, die in den römischen Quellen auftauchen, die fünfzig Jahre später aber niemand mehr kennt, können einfach keine „Völker“ im heutigen Sinne des Wortes gewesen sein, sondern müssen ursprünglich Kriegerverbände gewesen sein, die um so mehr Zulauf aus allen Richtungen erhielten, je erfolgreicher sie waren. Natürlich konnten aus solchen Zusammenschlüssen neue „Völker“ entstehen. Die Alemannen sind ein typisches Beispiel dafür, wobei bereits ihr Name beweist, dass es sich dabei um ein völlig multikulturelles Projekt gehandelt haben muss, was durch alle Quellen bestätigt wird. Im Fall der Goten und der Geschichte ihrer Wanderungen wird zusätzlich deutlich, wie wahllos sich völlig unterschiedliche (auch nichtgermanische) Völkerschaften als „Goten“ identifizierten, und zwar einfach dadurch, indem sie sich nach Anschluss oder Unterwerfung als solche bezeichneten. Das wiederum funktionierte vor allem durch Übernahme einer „ideologischen Mythologie“: Die Anführer der ursprünglichen Kerngemeinschaft waren geradezu gezwungen, einen göttlichen Abstammungsmythos für sich selbst zu definieren, der als Identifikationsmodell diente und durch dessen Anerkennung jede Person der sozialen Gruppe eingegliedert werden konnte. Für die Zeit der Völkerwanderung dürfte das eine solch politische Notwendigkeit gewesen sein, dass hier religionshistorisch völlig andere Maßstäbe angelegt werden müssen als z.B. im Island des 10. Jahrhunderts. Andererseits konnten solche Einheiten aber auch buchstäblich über Nacht wieder zerfallen, nämlich im Fall einer militärischen Katastrophe.

Auf jeden Fall war Ethnizität in der altgermanischen Welt ausschließlich eine Frage der individuellen und politischen Entscheidung und hatte nicht das Geringste mit genetischer oder gar „rassischer“ Zugehörigkeit zu tun. Das gilt nicht nur für die innergermanische Welt (in unserem speziellen Fall für Angeln und Sachsen), sondern für die gesamte damalige Welt, bildete somit also auch keinen Hinderungsgrund für die Verschmelzung von Kelten, Angeln und Sachsen in England. Sowohl Kelten wie auch Germanen waren in sich selbst ja kein jeweils einheitliches Volk, sondern diese heutigen Begriffe beziehen sich ausschließlich auf eine sprachliche Verwandtschaft, wohingegen Kultur und Religion sowohl innerhalb der keltischen wie auch germanischen Welt große Unterschiede aufgewiesen haben dürften. Man muss sich stets klar darüber sein, dass der Begriff „Kultur“ in archäologischem Sprachgebrauch ausschließlich auf Ähnlichkeiten von Keramikformen, Schmuckstilen usw. beruht, und ob dieser Kulturbegriff der damaligen sozialen Realität entsprach, ist keineswegs gesichert. Archäologen sind sich dieses Problems völlig bewusst, bei Laien löst der Begriff „Kultur“ aber meistens viel umfassendere Vorstellungen aus, als in diesem Zusammenhang damit gemeint sind.

Es gibt keine Gründe zu der Annahme, Angeln, Sachsen und Jüten seien getrennt und unabhängig voneinander als intakte ethnische Einheiten nach England gelangt. Diese Gruppen müssen bereits gemischten Ursprungs gewesen sein und auch andere ethnische Elemente enthalten haben. Das gilt gleichermaßen für die ersten Söldnertruppen wie für die späteren Siedler. Die bis heute existierenden Namen der Königreiche mit den alten Volksnamen (Essex, Wessex, Sussex, East- and Middle-Anglia) beweisen nicht, dass die Neuankömmlinge als ursprüngliche Volksgruppen getrennt voneinander blieben, sondern können bestenfalls vage Hinweise auf ursprüngliche Kerngruppen geben, die aber sehr klein gewesen sein mögen. Wenn das alte Stammessystem in der neuen Heimat überhaupt noch eine Bedeutung besaß, muss es jedenfalls sehr bald bedeutungslos geworden sein, und die weit verstreuten Angehörigen der ehemaligen Volksgruppen bildeten neue Machtblöcke, die sich ausschließlich an den veränderten politischen Notwendigkeiten orientierten und aus denen sich dann das mittelalterliche England formte.

Großes Augenmerk wurde von der Forschung auf die unterschiedlichen Begräbnisformen in England gerichtet, Körper- und Brandbestattung, und oftmals ist zu lesen, dass in sächsischen Gebieten die Körperbestattung, in anglischen dagegen die Brandbestattung üblich war. Daran ist zwar ein wahrer Kern, eine solche Befundinterpretation aber ist missverständlich. Nördlich der Themse (in den anglischen Gebieten) belegen ab der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts archäologische Funde tatsächlich die Ankunft von Siedlern mit einer ausschließlich nordgermanischen Kultur, hinter denen wir ganz klar die Angeln annehmen dürfen. Folgerichtig finden sich dort auch Beispiele für die germanische Brandbestattung, jedoch nicht in solcher Überzahl, dass sie Hinweis auf eine Masseneinwanderung sein könnten – zumindest, wenn man bei dem Begriff an Zehntausende von Menschen denkt. Im südlichen England hingegen (den sächsischen Gebieten) finden sich tatsächlich Kriegergruppen, die ihren Toten eine beigabenreiche Körperbestattung angedeihen ließen. Das aber kann kaum ein überzeugender Beleg für die Sachsen sein, denn die hatten auf dem Kontinent ebenfalls die Brandbestattung praktiziert, und warum hätten sie diese Sitte nach einer plötzlichen Eroberung geändert haben sollen? Hier haben wir neben dem einheimischen keltischen Brauchtum vielmehr die Tradition der seit Jahrhunderten als römische Soldaten in England vetretenen Gallier, Friesen, Franken (usw.). Das lässt es sogar fraglich erscheinen, ob von den kleinen Kriegertruppen abgesehen spätere sächsische Neusiedler hier überhaupt in nennenswerter Zahl vertreten waren, denn das hätte die Kontinuität dieses Bestattungsmusters doch durch einen zumindest teilweisen Wechsel zur Brandbestattung verändern müssen.

Der Name „Angeln“ für alle in Britannien lebenden Germanen ist erstaunlich früh bezeugt, nämlich bereits 601 in einem Brief Papst Gregors des Großen an König Æthelberht von Kent (der selbst angeblich ein Jüte war), der darin als Rex Anglorum (König der Angeln) angeredet wird. Das belegt, dass die Selbstbezeichnung „Angeln“ sehr bald von allen Einwohnern für sich selbst angenommen worden ist. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar: Entweder waren sie sich tatsächlich in überwiegender Mehrzahl dieser Herkunft bewusst oder aber eines der anglischen Königreiche übte eine entsprechende kulturelle Vorherrschaft aus, was zu der Zeit am ehesten auf Mercia zugetroffen haben könnte. Die Bezeichnung „Angeln und Sachsen“ fiel zwar nie in Vergessenheit, wurde nachfolgend aber fast nur noch von Gelehrten und Dichtern benutzt.

Wie steht es nun mit Hengist und Horsa? Waren die beiden historische Figuren? Beda erwähnt ein Steindenkmal mit Inschrift im östlichen Kent, das anlässlich des Todes von Horsa errichtet worden sein soll. Das aber ist unmöglich, denn abgesehen von den Runen waren dessen Gefolgsleute noch Analphabeten, und die Sitte, Runensteine zum Gedenken an Tote zu errichten, kam erst sehr viel später auf. Wenn eine solche Inschrift existierte, dann war sie entweder die Hinterlassenschaft römischer Truppen und enthielt wahrscheinlich das Wort (CO)HORS, oder aber es handelte sich um ein Erzeugnis aus dem 7. Jahrhundert, durch das die Könige von Kent ihren Herrschaftsanspruch über den ganzen Süden zu rechtfertigen trachteten, indem sie sich von einer der legendären Gründungsgestalten abzuleiten versuchten. Auch die Erwähnung Hengists in den königlichen Stammbäumen von Kent riecht verdächtig nach späterer Einfügung. Da beide Namen dasselbe bedeuten (Pferd), ist vermutet worden, die Doppelung könne ein Missverständnis aus einer möglichen Randbemerkung in einem alten Manuskript sein, in der lediglich erklärt wird, dass der Name Hengist eigentlich „Horse“ bedeute. Andererseits ist diese doppelte Führerschaft aber auch bei anderen Stämmen der Völkerwanderungszeit erwähnt (z.B. bei den Vandalen) und entspricht zudem dem als ver sacrum bei allen indoeuropäischen Völkern bekannten Brauch der Aussendung von Neusiedlern. In allen Fällen stammen diese Berichte aber aus mündlicher Überlieferung und müssen deshalb vom streng historischen Standpunkt aus unsicher bleiben. Es wurde auch die Möglichkeit erwogen, dass hinter diesen Erzählungen keine menschlichen Anführer stehen, sondern die alten Zwillingsgottheiten, die bei vielen indoeuropäischen Völkern belegt sind. Tacitus nennt sie bei den Germanen Alcis und setzt sie mit mit den römischen Entsprechungungen Castor und Pollux gleich. Die heutige Forschung sieht Hengist und Horsa eher als Mythos. Da aber Vortigern, der angeblich die ersten germanischen Söldner ins Land holte, durchaus für eine historische Person gehalten wird, ist es nicht unmöglich, dass zumindest für Hengist auch eine reale Person als Vorbild diente.

Belege für Details der heidnischen Religion finden sich deshalb kaum, weil Schriftquellen aus der fraglichen Zeit so gut wie gar nicht existieren. Beda berichtet lange Jahrhunderte später einige interessante Details, die aber nur Blitzlichtern in dunkler Nacht vergleichbar sind, und für die er selbst keine wirklichen Quellen mehr hatte. Orts- und Flurnamen, überlieferte Heil-, Segens und Zaubersprüche, sowie mittelalterliche Bußbücher geben ebenfalls Hinweise. Die meisten dieser Hinweise können aber nicht mehr als Belege für speziell alt-anglische Traditionsreste gelten: Ab 862 eroberten dänische Wikinger die anglischen Gebiete Northumberland und East-Anglia, was so viele dänische Neusiedler anzog, dass die Gebiete künftig als Danelag („unter dänischem Gesetz“) bekannt waren. Ab 978 stand dann das gesamte Land unter heftigster Bedrängnis dänischer Wikinger, dessen komplette Eroberung Alfred der Große, König von Wessex, nur mit großer Not verhindern konnte. 1016 wurde der dänische Herrscher Knut der Große auch König von England, vereinigte England mit Dänemark und dessen Söhne herrschten dort bis 1042. Auch in dieser Zeit kam es zu einer neuen und beträchtlichen Einwanderungswelle heidnischer Dänen.

Bestattungen wurden stets als reichhaltigste Quelle religiöser Anschauungen betrachtet. Aber neben den bereits erwähnten Problemen, wie weit eine ethnische Zugehörigkeit aus Gräbern in diesem Fall überhaupt abzulesen ist, treten hier auch rein archäologische Probleme zu Tage: Nur wenige Gräber, egal ob Brand- oder Körperbestattungen, lassen sich in genauen stratigraphischen Zusammenhang zueinander bringen, sodass sich eine Datierung nur über eine vergleichende Typologie der Grabbeigaben erreichen lässt. Die aber kann nur relativ und nicht absolut sein. Da der entscheidende Zeitraum sehr kurz ist, nutzt die C-14 Analyse hier wenig, da deren Resultate einen zu großen Spielraum aufweisen. Und eine verlässliche dendrochronologische Datenbasis existiert für die Britischen Inseln aus Mangel an Funden nicht.

Die Praxis von Grabbeigaben ist natürlich schon an sich eine rein heidnische Sitte, und Darstellungen wie die auf der Schatulle von Sutton Hoo, die einen Mann zwischen zwei Tierfiguren und einen Adler zeigt, die Gestalt mit Hörnerhelm auf der Spange von Finglesham, der Eber auf dem Helm von Benty Grange beziehen sich sicher auf allgemein bekannte, religiöse Details der germanischen Welt, aber sie lassen sich nicht mit konkreten Figuren aus der uns bekannten Götter- und Heldendichtung verbinden, auch wenn immer wieder phantasievolle Vorschläge dazu aufkommen. In Sewerby lässt sich ein Grabfund als Menschenopfer interpretieren und absichtlich zerstörte Gegenstände und Waffen aus Funden dürften ebenfalls Reste von Opfern sein. Es sieht so aus, als sei Runeninschriften Schutz- oder Zauberkraft zugeschrieben worden, aber dafür sprechen lediglich einige sprachlich sinnlos scheinende Ritzungen. Die weitaus meisten englischen Runendenkmäler stammen aus christlicher Zeit. Genausowenig wie in Skandinavien scheint die englische Kirche ein Problem mit dem Gebrauch der Runen gehabt zu haben.

Die Verehrung Wotans (als Woden) ist sehr gut belegt, denn alle königlichen Stammbäume Englands führen sich auf ihn zurück (mit Ausnahme der Dynastie von Essex, die sich auf Saxnot zurückführt). Auch damals scheint der Gott schon die späteren Charakterzüge besessen zu haben: Er galt als Gott der Schlachten und des Sieges, aber auch schon als Gott der Zauberei. Somit scheint seine Verbindung mit den Runen sehr alt und keine späte skandinavische Entwicklung zu sein. Aber es gibt keinen Hinweis auf ihn als „Götterkönig“, was wenig verwunderlich ist, denn als solcher taucht er auch in der Lieder-Edda noch nicht auf, sondern das scheint eine reine Interpretation Snorris zu sein, auch wenn man diese Rolle Odins in fast jedem Buch zu dem Thema als angebliche Tatsache findet. Sein Name hat sich in zahlreichen Ortsnamen erhalten (Wednesfield, Wensley, Woodnesborough usw.). Der heidnische Polytheismus ging bei den Einwanderern mit einer Ideologie einher, die sehr viel besser als das Christentum einem Pragmatismus und Opportunismus Vorschub leistete, der die begünstigte, die von den chaotischen politischen Verhältnissen der Zeit profitieren wollten. Die Verehrung Wodans gab den Kriegern vielleicht sogar ein Rollenmodell vor, das List und Betrug miteinschloss. Es dürfte somit kein Zufall sein, dass sich der Großteil der überlieferten Genealogien auf Wodan zurückführen lässt. Die Mehrheit der anglischen und sächsischen Krieger dürfte sich mit diesem Gott identifiziert haben.

Thunaraz / Thor scheint (als Thunor) genauso populär wie in allen anderen germanischen Ländern gewesen zu sein. Die altnordische Olafs Saga bezeichnet Thor ausdrücklich als Engilsmannagoð (Gott der Engländer). Altenglische Ausdrücke wie Þunor-rad (Donner-Fahrt) machen klar, dass er auch damals schon als wagenfahrend gedacht wurde. Ausgrabungen eines Gräberfeldes in Gilton (Kent) förderten zwei Hammer-Amulette aus dem 6. Jahrhundert zu Tage, die bereits um den Hals getragen wurden (Abb. in Capelle 1990, S. 81). Dieser Fund ist besonders erwähnenswert, widerlegt er doch die auch in neueren Büchern immer noch gängige Behauptung, das Tragen von Thorshämmern sei erst 400 Jahre später in Skandinavien gegen Ende der heidnischen Ära als Reaktion auf die um den Hals getragenen Kreuze der Christen aufgekommen. Auch Thunors Name ist in zahlreichen Ortsnamen belegt (Thunderfield, Thunderley, Thursley usw.), aber in keinem königlichen Stammbaum. Eine Verbindung von Ortsnamen mit dem Element „Hammer-“ zu ihm ist ebenfalls erwogen worden (Hameringham, Hamerton, Hammerwick etc.).

Die Belege für Teiwaz / Tyr (als Tiw) sind spärlich. Es gibt drei Ortsnamen (Tislea, Tyesmere and Tysoe), die als gesichert gelten, sowie einige Personennamen (Tiwald, Tiovald and Teolfinga) … und dann gibt es da noch diesen Saxnot als göttlichen Stammvater der Essex-Könige, über den man praktisch überhaupt nichts weiß. Der taucht allerdings auch in dem bekannten altsächsischen Taufgelöbnis aus dem Niedersachsen des 8. Jahrhunderts auf („Ich entsage allen Worten und Taten des Teufels, Donar, Wodan, Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind“). Er muss also eine bedeutende Gottheit gewesen sein, und die meisten Wissenschaftler vermuten in dem Namen lediglich eine andere Bezeichung für Teiwaz / Tyr. Allerdings gibt es dafür keinerlei Beweis, sondern das ist eine reine Hypothese, die zudem 1989 durch Peter Pieper mit bedenkenswerten Argumenten kritisiert wurde, der hinter diesem Namen mit größerer Wahrscheinlichkeit Freyr vermutet.

Brachten die Angeln den Nerthus-Kult mit nach England, oder glaubten sie die Göttin untrennbar mit der alten Heimat verbunden? Ihr Name ist in England nicht belegt, aber es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass sich lediglich ihr Name geändert hat, denn die Verehrung einer Erdgöttin mit dem Namen Erce ist gut belegt. Ein alter Segensspruch lautet: Erce, eorþan modor, hal wes þu (Erce, Erdmutter, Unversehrtheit sei dir). Jahreszeitliches Brauchtum spricht zusätzlich für diese Theorie: Bis in neueste Zeit fanden Mai-Umzüge statt, die uns verblüffend an die Berichte des Tacitus erinnern. Priester und Göttin wurden von Verkleideten verkörpert. In lokalen Varianten wurde die Göttin aber auf den Schultern der Männer als Standbild herumgetragen, und auch ein Pflug war Bestandteil der Prozession, der als Erinnerung an den alten Kultwagen gedeutet wurde. Der friedliche Fruchtbarkeitscharakter des Spektakels würde sich abermals mit Tacitus’ Bemerkung decken, dass bei den Nerthus-Feiern alles „Eisen“ (also Waffen) weggeschlossen werden musste. Von Beda wiederum erfahren wir, dass altenglischen Kultdienern angeblich das Tragen von Waffen generell verboten war und sie nur Stuten reiten durften. Das könnte ein weiterer Hinweis auf den Nerthus- oder auch Wanenkult sein, denn jemand in kultischer Funktion, der auf Grund seines Amtes in konstantem Kontakt mit der Göttin stand, konnte somit niemals Waffen tragen.

Von Beda stammt auch der einzige Hinweis auf die Göttin Eostre. Jakob Grimm hat aus diesem Namen eine gemeingermanische Göttin mit dem Namen Ostara konstruieren wollen. Dieser Monatsname und sein heidnischer Ursprung stehen zwar außer Zweifel, die althochdeutsche sprachliche Form aber stammt aus späteren christlichen Zeiten. Wenn diese Göttin tatsächlich auch hierzulande bekannt war, dann muss ihr alter Name Austro gelautet haben.

Seltsamerweise gibt es keine altenglischen Belege für Frigg. Sie muss aber bekannt gewesen sein, denn William von Malmesbury erwähnt sie als Wodens Gattin (auch das also wohl eine recht alte Vorstellung). Aber keine weitere Spur findet sich von ihr in den altenglischen Quellen. Außer Frigg, Erce and Eostre ist der einzig weitere belegte weibliche mythologische Name der der Sonne (Sunna).

Auch wenn wir nur ein sehr verschwommenes Bild der Lage besitzen, scheint es doch sehr sicher, dass es keine landesweite „Priesterschaft“ gab. Genausowenig wie in der alten Heimat gab es auch in England keine zentrale geistliche Autorität (weil es sich eben nicht um moderne zentralistische Staaten handelte), sondern bestenfalls ein unzusammenhängendes System einzelner Tempel und Heiligtümer, die den jeweiligen Bedürfnissen der Bevölkerung vor Ort dienten. Heidnische Tempel sind durch Ausgrabungen bezeugt (u.a. in Yeavering).

Aber das Christentum kam schnell und breitete sich zwischen 600 und 660 vom Südosten nach Westen und Norden aus. Das heißt, dass germanisches Heidentum nicht einmal hundert Jahre lang in England vorherrschend war. Die Bekehrung scheint friedlich und gewaltlos erfolgt zu sein und begann bei den Königen, die schnell die politischen Vorteile erkannten, die sich ihnen dadurch boten. Die Bekehrung war meistens auch deshalb einfach, weil die germanische Religion nicht auf verkündeten Glaubensvorschriften beruhte, sondern ausschließlich auf Erfolg in allen Lebensbereichen als Resultat von Opfer und Kult, und die Menschen opferten, weil die Götter ihnen halfen. Die Religionsgrundlage war nicht dogmatischer Fundamentalismus, sondern schlicht und einfach die Effektivität, die man sich davon erhoffte. Wenn sich jemand einer neuen Gottheit zuwandte und das Erfolg zeigte, wurde die neue Gottheit (auch von anderen in der Gemeinde) problemlos akzeptiert. Andererseits ließ diese Haltung die Menschen aber genauso problemlos zum Heidentum zurückkehren, wenn der neue Gott in seiner Hilfsbereitschaft zu wünschen übrig ließ. So bauten die Leute in Essex 664 ihre alten heidnischen Tempel wieder auf und kehrten zum alten Glauben in der Hoffnung zurück, dieser könne sie besser gegen eine gerade grassierende Seuche schützen.

Es scheint klar, dass auch die viel späteren christlichen Könige noch heidnische Ahnen mit Heldenruhm benötigten, um ihren Thronanspruch durchzusetzen und zu rechtfertigen, und die Rückführung auf Wodan selbst in den Stammbäumen scheint vor allem dem Zweck gedient zu haben, königliche Abstammung schlechthin beanspruchen zu können. Gleichzeitig macht das abermals die Bedeutung des Ahnenkultes sichtbar, der nicht nur die germanische, sondern auch die gesamte indoeuropäische Welt als wichtiges Element durchzog.

Die Briten sind sich ihres germanischen Erbes heute nicht mehr sonderlich bewusst. Die Kelten gelten seit der Romantik des 19. Jahrhundert dort als populärer, und das historische Selbstbild der heutigen Briten basiert eher auf dem frühen römisch-christlichen Erbe und den Mythen um Artus, während die Angeln und Sachsen immer noch den Ruf barbarischer Horden haben, die nur plündernd über das Land herfielen. Aber alle Aspekte und Institutionen der englischen (und infolgedessen auch amerikanischen) Gesellschaft tragen durchweg noch einen weitaus unverfälschteren germanischen Charakter als z.B. in Deutschland. Und es waren die Angeln und Sachsen, die diese Kultur maßgeblich prägten. Das änderte sich auch nicht nach der normannischen Eroberung 1066, denn diese Eroberer waren Wikinger, die sich erst zwei Generationen zuvor in der Normandie angesiedelt hatten. Sie hatten allerdings bereits die französische Sprache angenommen, die dadurch mit vielen Begriffen in die englische Sprache eindrang, und es ist eine äußerst faszinierende Vorstellung, wie das Englische heute ohne diesen Einfluss klingen würde. Dennoch ist Englisch bis heute eindeutig eine germanische und keine romanische Sprache.

Die kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen England und Norddeutschland blieben traditionell über all die nachfolgenden Jahrhunderte sehr eng. Vergessen haben die Engländer ihre alten Ursprünge nie. Und als 1701 der Act of Settlement erlassen wurde, der gegen die schottische Krone gerichtet war und deshalb Katholiken auf immer vom englischen Thronanspruch ausschloss, war es das niedersächsische Königshaus, das wie selbstverständlich die englische Thronfolge antrat: 1714 bestieg Georg I. aus Hannover den englischen Thron, in dem die Engländer nun wieder einen „echten“ sächsischen König hatten (der zeitlebens die englische Sprache nicht richtig lernte) und dessen direkte Nachkommen bis zum heutigen Tag im Buckingham Palast leben.

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Erschienen 2005 in Herdfeuer 9-10

Faschismus und Antifaschismus

Dem jungen Hans „Haschu“ Schumacher gewidmet

Es gibt antagonistische Gegensätze wie Licht und Finsternis oder männlich und weiblich. Hier sind Auseinandersetzungen vorprogrammiert, weil sich Gegensätze eben doch abstoßen und anziehen, immer wieder in Streit geraten und sich doch gegenseitig brauchen, um zu existieren.

Die meisten in den letzten Jahrzehnten diskutierten antagonistischen Gegensätze sind aber eigentlich Auseinandersetzungen im (begrenzten) Meinungspool. So negiert der Streit Europa gegen Afrika, vulgo Weiß gegen Schwarz, die Existenz anderer Kontinente und Hautfarben. Die Streitigkeiten zwischen Christen und Moslems, oft zum Kampf zur Erhaltung des christlichen Abendlandes hochstilisiert, ignorieren nicht nur die längst zumindest in Deutschland eingezogene multikulturelle Gesellschaft fern der reinen Heilslehre der großen christlichen Kirchen, sie bieten auch ein Bild der „Bastion Europa“, das nach außen kommuniziert uns in den mentalen Schutzwall dunkler Zeitalter zurückfallen lässt. Und nicht erst die Ringparabel hat bewiesen, dass Christentum und Islam aus ähnlichen Wurzeln sprossen, so dass hier der antagonistische Gegensatz eher dem Zwist zwischen Brüdern (oder seien wir ehrlich: Cousins) denn ein Streit um grundsätzliche Unterschiede ist.

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