Freyja zu Besuch in Frankfurt am Main

von Nelly Dirks

(Ausstellung Februar bis Juni 2017)
Gedanken über die Abbildung der Göttin auf einer Fibel
(mit Nachzeichnungen der Freyja-Fibeln von Tissø)

Die Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt hieß zwar „Odin, Thor und Freyja“, doch für mich steht Freyja (die Herrin) an erster Stelle. Davon abgesehen ist sie – oder ihre „Vorgängerinnen“ – die älteste von den dreien. Also sollte sie auch als Erste genannt werden. Wenigstens wurde eine der Freyja-Fibeln als Werbeschild für diese Ausstellung verwendet – allerdings auch nur zwischen Odins Kopf und Thors Hammer.

Die Erklärung (Begleitbuch zur Ausstellung), dass Freyja und Freyr ursprünglich eine hermaphroditische Gottheit waren, halte ich für, naja, eigenartig. Die ältesten Idole der Muttergottheit sind sehr üppige Frauenfiguren. Ich kenne keine nordeuropäische Darstellung mit großen Brüsten und Phallus – also woher diese Weisheit? Ich gebe zu, bei den Griechen ist Hermaphroditos Teil deren Mythologie. Sohn von Hermes und Aphrodite, Lustobjekt einer Quellnymphe und auf ihren Wunsch durch beide Götter zu einem Wesen vereint. Die Statuen dieser Verschmelzung sind mit weiblichen Brüsten und männlichem Geschlechtsteil in den Museen zu bewundern. Allerdings gibt es auch ältere Statuen mit ganz anderen Geschichten. Für mich geht es dabei um das Aufeinandertreffen zweier Kulturen (Zypern und Athen) mit jeweils unterschiedlichen Aphrodite-Vorstellungen. In Zypern geht es um verlorene Kriege, veränderte Geschlechterrollen, Bärte als Machtsymbol, ähnlich dem weiblichen Pharao, Frauen und Männer, die die Kleidung tauschen, um in Ritual-Festen die jeweils andere Rolle anzunehmen – Karneval auf Zypern. Was macht Athen daraus? Ein neues Schauspielstück – und schon haben die Griechen eine neue Gottheit mit einer skurrilen Geschichte.

Doch gehe ich nicht davon aus, dass Nordeuropäer dieses Ideal für sich entdeckt haben. Ich vermute vielmehr, den Männern war es irgendwann wichtig geworden, dass auch ihr Teil der Arbeit gewürdigt wird, und es wurde beschlossen, dass die Muttergottheit einen Partner bekommt. Ich könnte mir vorstellen, das war zu der Zeit, als das Jagdglück immer seltener wurde und die Viehhaltung in den Vordergrund rückte. In der Agrarkultur verschwanden die Tiergötter der Männer, aber die Muttergottheit der Frauen war nicht ausreichend für das männliche Selbstbewusstsein. Und so haben wir heute in der paganen Welt die Götter als Paare – scheinbar das Ideal der Agrar-Gesellschaft. Umso interessanter ist es, dass Freyja und Freyr Geschwister sind. Eigenwillig in ihrer Partnerwahl, unabhängig voneinander (erzwungene Trennung, dem Missionierungseifer moralischer Mönche zu verdanken?), aber in ihrem Wesen Vegetationsgötter. Und geboren von Mutter Erde. Kann sein, dass ich mit solchen Gedanken Kopfschütteln ernte. Doch wenn die Experten zwischen Nerthus und Njörður eine Verbindung sehen und die Ähnlichkeit zwischen Jörð (Erde) und Njörð mehr als augenfällig ist – weshalb sollte ich von meiner Vorstellung abrücken? Die Frage nach dem Vater? Die Erde gebiert aus der Erde. Sie erschafft Paare, braucht aber selbst keinen Besamer. Das ist ihre Magie. Völker an der Küste neigen natürlich dazu, ihre Geburtsmythen dem Wasser entsteigen zu lassen. Doch die See und alle anderen Gewässer sind Teil der Erde.

Und schon sind wir bei Venus – der Schaumgeborenen.

Hat nun wirklich eine südliche Mittelmeer-Göttin die Nordmenschen so stark inspiriert, dass eine der Fibeln mit weiblicher Darstellung der badenden Venus wie aus der Haltung geschnitten scheint? Oder war es doch die griechische Aphrodite? Da die Handelswege zwischen dem Frankenreich (römisch beeinflusst) und Skandinavien bekannt sind, könnte es eine exotische Statue gewesen sein oder ein römischer Denar, der einem normannischen Künstler oder Handwerker in die Hände fiel und seine Werke neu inspiriert hat. Doch wie wir auf nordischen Brakteaten, Fibeln und Gürtelschnallen sehen können, wurden die südeuropäischen Kunstgegenstände oder Münzen nicht einfach kopiert. Nein, es wurden sehr eigene und durchaus hintergründige, zum Teil auch verspielte und schalkhafte Neuschöpfungen hergestellt.

Ein Zitat aus der FAZ.net-Rhein-Main hat mich dann doch etwas irritiert.

Freyja rauft sich die Haare. Ist die nordische Fruchtbarkeitsgöttin verstimmt, weil sie es an Liebreiz nicht mit ihrer antiken Kollegin Aphrodite aufnehmen kann? Falls ja, versöhnt es sie vielleicht, dass ihr katzengesichtiges Abbild mit der für Aphrodite typischen Geste zum Erkennungszeichen der aktuellen Ausstellung des Archäologischen Museums erhoben wurde: Gemeinsam mit den beiden anderen Schwergewichten des nordischen Götterhimmels, Odin und Thor, lädt Freyja von heute an zu einer faszinierenden Reise in die religiöse Welt der Wikinger ein. …“

Allihn, Karen: Ausstellung Neues Bild des alten Glaubens. „Odin, Thor und Freyja“: Das Archäologische Museum stellt skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends und ihre Beziehungen zum Frankenreich vor, in:FAZ-Net, Frankfurter Allgemeine, Rhein-Main, 12.02.2017.

Die Figur hat angeblich Ähnlichkeit mit römischen Venus-Darstellungen oder der griechischen Aphrodite: Göttin der Schönheit und Verführung.

Zum Vergleich:

Venus/Aphrodite: Pose nackig, die Haare hochhaltend, manchmal verschämter Blick nach unten. Mit Badetuch um die Hüften oder ohne Tuch, dann aber die Scham mit einer Hand bedeckend. Bei vielen Darstellungen wringt sie sich die Haare, weil sie dem Bade entsteigt. Sie ist eine aus dem Meer gespülte Fruchtbarkeitsgöttin. Das Symbol Badetuch und Feuchtigkeit wird sie nicht mehr los. Eigentlich schade, denn auch sie ist ursprünglich eine Vegetationsgöttin. Sie hat mehr zu bieten als feuchte Männerträume.

Freyja oder wen immer diese Fibel darstellt:

Die Figur ist 4,6 cm hoch. In der Vergrößerung wirkt ihr Mund wie eine grausige Wolfsfalle. Doch wollte der Künstler uns vermutlich die schönen Zähne und ein strahlendes, selbstbewusstes Lächeln zeigen. Sie ist aus dem hohen Norden, wo es so kalt ist, dass keine Frau nackig posieren würde. Daher ist sie in kompletter, reicher Garderobe und mit voller Schmuckausstattung zu sehen. Viel Kleidung und Schmuck galt und gilt in diesen Breiten als vornehm, reich und bedeutend. Welche Frau versteckt ihren Reichtum? Sie ist schließlich die Fruchtbarkeitsgöttin!

Freyja-Darstellung
Fibel einer Göttin — Freyja? (Nachzeichnung)

Die langen Zöpfe berühren die breite Brustdarstellung an den Seiten. Es könnte so erklärt werden, dass sie sie stolz mit ausgestreckten Armen hält. An den Schläfen trägt sie sehr große und deutliche Haar-Knoten. Auf dem Scheitel ist ein auffälliges Schmuckstück zu erkennen.

Sie rauft sich weder die Haare, noch hat sie Grund, die römische Venus zu beneiden. Sie hat eigentlich gar nichts mit ihr gemeinsam. Auch dass sie die Haare festhält, ist möglicherweise eine irrige Annahme. Es sind keine Hände zu erkennen. Ich halte die Verbindung zwischen Brusttuch und Zopfenden eben genau dafür: eine Verbindung, um der Figur Stabilität zu geben – rein gusstechnisch gesehen.

Haare bedeuten sowohl im Süden als auch im Norden und bei uns in der Mitte Europas auch: Stärke, Kraft, Gesundheit und Schönheit. Und genau das symbolisiert die ganze Figur.

Mir ist aufgefallen, dass die Kleidung der Figur mit der traditionellen Kleidung der samischen Frauen Ähnlichkeit hat (die Tracht wird immer noch und auch von jungen Sami getragen). Der faltenreiche plissierte Rock, die vielen gestickten Bänder, das Schultertuch.

Die schöne Freyja (altnordisch ‚Herrin‘) galt als bedeutendste Göttin der wikingerzeitlichen Mythologie. Begehrt von Göttern und Riesen repräsentierte sie Liebe und Lust. […] Freyja fuhr in einem von Katzen gezogenen Wagen, ähnlich der orientalischen ‚Herrin der Tiere‘, die von Raubkatzen begleitet wurde. Sie trug den ‚glänzenden‘ Brustschmuck Brísingamen und ein Falkengewand. Wikingerzeitliche Frauenfigürchen zeigen Freyja mit dem charakteristischen Gestus der antiken Liebesgöttin Aphrodite, die sich, dem Meer entstiegen, das Haar auswringt.“

Wamers, Egon (Hg.). Odin, Thor und Freyja : Skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends n. Chr. und das Frankenreich. 1. Aufl., Regensburg 2017, S. 61.

In der Ausstellung befindet sich ein solches Exemplar aus der königlichen Wikingerresidenz Tissø.

Es „erinnert mit schräg gestellten Augen und spitzem Mund an eine Katze. Die Brust der Freyja-Figur ziert ein prächtiges Schmuckstück, und sie ist von einem weiten, gefiederartigen Gewand umhüllt.

ebenda

Federartiger Umhang? Nein! Fransen am Schultertuch! Diese sind besonders lang und sehr dicht. Der Brustschmuck besteht bei den Sami zwar aus ein bis drei Broschen, aber es gibt Anhänger, die exakt so aussehen wie der Brustschmuck der Figur, nur kleiner. Die Broschen sind allerdings riesig, haben viele Glitzereffekte und manchmal bunte Steine oder Kristalle.

An manchen Gürteln ist eine an einer Kette baumelnde Kugel befestigt.

Die Figur hat an der unteren Mitte eine Verzierung, die eine solche Kugel sein könnte. Da bei frühmittelalterlichen Grabfunden oft große Kristallkugeln am Gürtelgehänge geborgen werden, könnte es sich auch hier um etwas derartiges handeln.

Die angeblich katzenartigen Augen – womit ein Bezug zu Freyjas Zugtieren hergestellt werden soll – können ganz anders erklärt werden. Das Schönheitsideal der Sami sind höchstwahrscheinlich die Sami selbst. „Lappländer“ haben oft hohe Wangenknochen und nach oben-außen schräggestellte Augen. Keine Idee? Denkt an Lina vom Katthulthof oder die Schauspielerin, die Pippi Langstrumpf dargestellt hat. Das sind bestimmt Schwedinnen mit Sami in ihren Ahnentafeln.

Was ich damit sagen will? Es könnte eine Freyja-Abbildung sein. Aber es könnte auch eine Frauendarstellung mit damaligem Schönheitsideal sein. Völlig ohne Göttin-Bezug, einfach nur weiblich. So wie Gemmen der Jugendstilzeit nicht eine Göttin darstellen, sondern eine schöne Frau. Natürlich weiß ich, dass das Wort Frau von Freyja abstammt. So gesehen sind alle Frauen Abbilder von Freyja. Auch werden starke Frauen oft mit Katzen verglichen – ob im Guten: Selbstsicherheit, oder im Schlechten: Treulosigkeit. Selbst Schminkanleitungen für den verführerischen Blick haben Katzenaugen zum Vorbild.

Allerdings konnte ich mit Wagen ziehenden Katzen noch nie viel anfangen. Das würde keine Katze freiwillig machen. Und eine Frau, die Katzen liebt, würde das nicht wollen. Dieses Bild haben sich vermutlich Männer ausgedacht, die immer noch daran glauben, dass eine freie, unabhängige, „katzenartige“ Frau sich vor irgendeinen Wagen spannen lassen würde. Denkt nur an die Geschichte als Freyja den Zermalmer zurückholen sollte. Ihr ist der Hals so dick geworden, dass das Geschmeide zerschellte. Aber sie ließ sich nicht einspannen.

Im Hoch- und Spätmittelalter wurden unabhängige Frauen und Katzen genau aus dem Grund mit dem Feuertod bestraft. Sie waren ungebunden und ließen sich von der Kirche nichts vorschreiben. Dass Katzen den Wagen der Göttin ziehen, kenne ich nur von Bildern aus dem 19. Jahrhundert. War das nicht die Zeit, als Ägypten in der europäischen Öffentlichkeit sehr viel Interesse fand? Hat man damals nicht auch die ersten Gräber aus dem Frühmittelalter mit der reichen Beigabensitte der noch nicht christianisierten Franken in Deutschland entdeckt? Die isländische Edda wurde zu dieser Zeit übersetzt und die Brüder Grimm haben sich in bürgerlich-moralischen Märchen ausgetobt. Das Zeitalter der Schatzgrabungen und Entdeckungen der eigenen Vielgötterei.

Aber was haben die afrikanischen Löwen aus Babylon mit den europäischen Haus- oder Waldkatzen zu tun? Die vergleichende und gleichsetzende Art der Römer in der Antike ist wohl auch in der Neuzeit ein Zwang. Also sind die Löwen der Göttin Ishtar plötzlich bei Freyja gelandet. Ishtar fährt allerdings nicht in einem von Löwen gezogenen Wagen. Sie steht auf ihnen – vielmehr ihre Vogelfüße schweben über ihnen. Löwen sind Ausdruck von Mut, Stärke und Herrschaft. Im Verlauf der kilometerlangen Wanderschaft nach Norden sind die Katzen wohl geschrumpft und haben sich den kalten und kargen Verhältnissen angepasst – von Mäusen wird man ja auch nicht so groß wie von Antilopen.

Eine Ausgrabung aus dem Frühmittelalter mit den Glaubensvorstellungen und künstlich herbeigeredeten Zuordnungen von Attributen zu behaften, die in den letzten 150 Jahren entwickelt wurden, ist meiner Meinung nach unsinnig.

Diese Frauen-Figur ist eine Frau. Eine schöne Frau. Eine starke und selbstbewusste Frau. Und vielleicht eine Göttin.

Fibel einer Göttin
Fibel: unbekannte Göttin (Nachzeichnung)

Was die andere Fibel mit einer Frauen-Figur betrifft, die ist tatsächlich und unmissverständlich eine Göttin. Doch welche? Aber das ist völlig egal. Auch sie sitzt in keinem Wagen, der von irgendwelchen Tieren gezogen wird.

Der einzige Hinweis auf den göttlichen Bezug ist der große Dreierknoten; ein Symbol für die Dreiheit in der Weltordnung; z. B.: Geburt, Leben, Tod – Mädchen, Mutter, Alte – Saat, Wachstum, Ernte. Also könnte sie für die Erdgöttin stehen. Oder für die Muttergöttin. Oder Freyja, Frigg, Hel, die drei Nornen, oder, oder, oder…

Auf jeden Fall symbolisiert diese Figur eine freie Frau.

Ich habe mir auch Gedanken über die Linien in den Gesichtern beider Figuren gemacht. Es ist bei unserem heutigen Jugendwahn wohl kaum verständlich, aber für mich sind das Alters-Falten. Wir sollten uns in die Zeit vor 1.500 Jahren zurückversetzen. Die alte Frau ist weise, lebenserfahren und wenn sie so alt ist, hat sie wahrscheinlich viele Kinder und Enkelkinder. Sie versteht so manches von Kräutern und Heilen, kann gut hauswirtschaften und hat schon etliche Ehemänner überlebt. Sie herrscht über Haus und Hof, sorgt für die Sippe und hält sie gesund und glücklich.

Die Ahninnen-Verehrung und der Folgerin-Glaube (Fylgia) dürfte sich in diesen Fibeln widerspiegeln. Die (Ur-)Großmutter als Verbindung zu und Symbol von Schutz, Heilung und Wissen – auch wieder eine Dreiheit – wurde von den Frauen hoch verehrt und als Vorbild gesehen. Möglicherweise wurde sie als Stamm-Mutter auch zur Göttin erhoben. Es sind immerhin Freyja und Frigg, die Schamanen-Wissen und Textil-Handwerk den Frauen beibringen.

Erschienen 2017 in Herdfeuer 46