Holda, Frigga, Percht und Hel – eine strukturale Betrachtung

von Petra Bolte

Die Beschäftigung mit den Zeugnissen für die heidnische Religion unserer Vorfahren – mittelalterliche skandinavische Autoren, kontinentalgermanische Volksmärchen, archäologische Funde, überliefertes Volksbrauchtum, sprachwissenschaftliche Forschung – führt fast zwangsläufig zur Frage: Kontinentalgermanisch oder nordisch, wo sind die Schnittmengen, wo die Unterschiede zwischen den Gottheiten? Der vorliegende Beitrag greift diese Fragen auf im Rahmen einer strukturalen Betrachtung der kontinentalgermanischen Holda und Percht und der nordischen Frigga und Hel.

Zum Verständnis der oft eher verschwommenen Gemeinsamkeiten der Gottheiten germanischer Völker wird gern eine gemeinsame Entstehungsgeschichte angenommen mit Ursprungs-Numina,1 die durch die Auseinanderentwicklung erst indoeuropäischer Völker und dann germanischer Stämme unterschiedliche Ausprägungen erfuhren, bis sie mehr oder weniger klar voneinander zu trennen waren.

Es erscheint plausibel, dass analog zur Entwicklung der Sprachen sich auch religiöse Vorstellungen aus einer gemeinsamen Wurzel heraus verzweigt und eine Eigenständigkeit im Laufe vieler Jahrhunderte entwickelt haben. Diese Annahme halte auch ich im Wesentlichen für einleuchtend, dennoch wird sie m.E. zu unkritisch und zu ausschließlich verwendet.2 Ein Grund dafür mag in der im deutschsprachigen Raum verbreiteten Vorliebe für historisierende Modelle liegen. Ein Beispiel dafür ist Friedrich Engels’ „Der Ursprung der Familie“.3 Engels postulierte im 19. Jh. ein allgemeingültiges Stufenmodell der Menschheitsentwicklung. Zwar ist dieses Modell seither vielfach durch ethnographische Forschung widerlegt worden, behauptet aber immer noch einen Platz in der Vorstellungswelt vieler Menschen, weil es in seiner chronologischen Linearität so bestechend logisch erscheint. Aber nicht alles, was linear ist, ist logisch, geschweige denn richtig – und umgekehrt.

Im Gegensatz dazu wird mitunter versucht, einzelne Gottheiten zu isolieren, um sie besser zu verstehen und beispielsweise Wodan säuberlich von Odin – oder, wie jüngst durch GardenStone, von Merkur – zu scheiden und herauszustellen, dass diese eben nicht miteinander identisch seien.4 Dieser Ansatz hat seinen spirituellen Wert darin, sich einem Numen in einer ganz eigenen Tiefe und Besonderheit zu nähern, und seinen wissenschaftlichen Wert darin, eine spezifische, regionale Tradition in den ihr eigenen Zügen zu identifizieren und einer unkritisch historisierenden Betrachtungsweise ihre Grenzen aufzuzeigen.

Was dieser Ansatz jedoch nicht leistet, ist, die nicht zu leugnende „gefühlte“ Übereinstimmung mancher Götter zu erfassen und verstehen zu helfen oder aber die sehr wohl offensichtliche, aber nicht empirisch lückenlos zu erhärtende Nähe bestimmter Numen zu beleuchten (anstatt sie in Abrede zu stellen).

Alternativ zu den vorgenannten Ansätzen möchte dieser Artikel eine strukturale Herangehensweise anbieten am Beispiel von Frigg, Holle, Percht und Hel. Diese Herangehensweise stellt nicht die zu Spekulationen einladenden Fragen „Wie sind die Göttinnen entstanden, wo kommen sie her, welche war zuerst da, welchem Volk gehört welche Göttin?“ Stattdessen wird anhand der belegten Attribute aufgezeigt, was die Menschen – egal wo und zu welcher Zeit – mit ihnen verbanden und verbinden und was die Gottheiten untereinander verbindet (ohne das Trennende zu leugnen).

Die strukturale Sicht erlaubt uns außerdem, der Vorstellungswelt unserer Vorfahren als einer gleichberechtigten zu begegnen, da wir sie nicht als „vergangen“, „vergessen“ oder gar „veraltet“ klassifizieren müssen. Sieht doch der „Vater des Strukturalismus“ Claude Levi-Strauss den

Hauptwert der Mythen und Riten darin, Beobachtungs- und Denkweisen, wenn auch nur als Restbestände, zu erhalten(…) jene(n) Entdeckungen (…) der sinnlich wahrnehmbaren Welt in Begriffen des sinnlich Wahrnehmbaren. (…) Zehntausend Jahre vor den anderen erworben und gesichert sind sie noch immer die Grundlage unserer Zivilisation.“5

Und so verwundert die archaische Anziehungskraft, die die heidnischen Numina nach wie vor entfalten, dann auch weniger, denn nach wie vor sprechen sie das sinnlich Wahrnehmbare in ebenjenen Begriffen an und entfalten ihre Wirkmächtigkeit über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg.

Dieser Denkrichtung folgend werden die genannten Göttinnen, ggf. auch die spezielle Beziehung zu einem männlichen Partner als auch zum Tod hier vorgestellt und anschließend mithilfe eines Rasters eine strukturale Zusammenschau gegeben.

Holda

Holda (alias Holle, Hulda) gilt als eine Göttin des Volksglaubens unserer kontinentalgermanischen Vorfahren.6 Sie wacht über zahlreiche bäuerliche und handwerkliche Künste, insbesondere über das Spinnen. Unter dem Namen Frau Holle hat sie den Wandel der Zeiten überdauert als eine der bekanntesten Märchengestalten überhaupt, aus Volkes Sagenschatz in die Schriftkultur gerettet von Jacob und Wilhelm Grimm. Zunächst von Jacob Grimm beschrieben,7 hat sich in unserer Zeit dankenswerter Weise GardenStone der Aufgabe gestellt, die verbliebenen Wissensfragmente über Frau Holle zusammenzutragen und in einer überaus gelungenen Weise aufzubereiten.8

Bis weit in christliche Zeit und protestantische Gefilde hat Frau Holle ihren Platz behauptet, der zugleich unterirdisch mit einem magischen Zugang in einen tiefen Brunnen hinab als auch hoch oben am Himmel zu verorten ist, von wo sie es beim Betten aufschütteln schneien lässt. Ein magischer Ort, den wir in unserer Welt widergespiegelt finden auf dem hessischen Berg Meißner, wo ein See hoch auf dem Berg den Naturgesetzen zu trotzen scheint, angemessen dem Wohnsitz einer Göttin.9 Sie gilt als hell, erscheint uns in ihrer freundlichen Form als „Weiße Frau“. Der Zutritt zu ihrem Reich ist den Menschen normalerweise verhehlt, doch die Verzweifelten (Goldmarie) und die Verwegenen (Pechmarie) können sie durchaus finden. Sie gibt ihren Schützlingen Obdach, Arbeit und Brot und unterzieht sie dabei ihrer Prüfung. Kein akademisches Wissen besticht sie, nur die Herzensbildung, die Tugenden sind es, die sie bewertet, und am Ende wirkt sie unbestechlich gerecht und überschüttet ihre ahnungslosen Prüflinge mit Gold oder aber Pech.10

Doch diese bekannte Geschichte von der Frau Holle enthüllt uns viel mehr als eine simple Moral über Fleiß und Faulheit. Sie weist uns auf ihre substantielle Nähe zu gleich zwei Gestalten der eddischen Dichtung hin: Frigg und Hel. Dies ist umso bemerkenswerter, als es sich bei Letzteren um Kontrahentinnen handelt.

Frigga

Frigg – der Wortbedeutung nach die „geliebte (Ehe-)Frau“11 – wird uns aus skandinavischen Quellen als vornehmste Asin geschildert, ihr Gemahl ist Allvater selbst. Sie hat als Einzige neben ihrem Gemahl Odin Zugang zu Hlidskalf, dem höchsten Ort, von wo aus sie die Geschicke der Menschen schaut, ohne darüber zu schwatzen. Denn Schweigen ist Gold, wie noch heute die Ringe, die die durch sie geschützte Ehe symbolisieren. Bis heute ist der traditionelle Tag der Eheschließungen der Freitag (Frijatag12).

Frigg tritt aus den skandinavischen, bereits unter christlichem Einfluss stehenden Quellen des Mittelalters ähnlich einer germanischen Hausherrin hervor, welche, ausgestattet mit dem Schlüsselrecht, die Vorräte und die Hofhaltung versah, das Gesinde führte, sich als Gastgeberin Ehre gab und von deren Management Wohl und Wehe der Sippe abhing. Daher nimmt es nicht Wunder, dass Frigg mit der Fülle assoziiert ist. Nach Snorri ist Fulla Gehilfin der Frigg, während nach dem Zweiten Merseburger Zauberspruch Volla als Schwester neben Frija steht.13 Doch obwohl Frigg mitunter als eine etwas spröde Dame daherkommen mag – so trägt sie ihren Namen als Liebende nicht zu Unrecht. Als liebende Mutter beeindruckt sie, als sie alle Wesen bittet, Balder aus der Unterwelt zu weinen. Balder, ihr Lieblingssohn, ist, wie auch Frigg, eine durch und durch strahlende, helle Gestalt.

Percht

Dieser helle Aspekt findet sich wieder in Gestalt der Percht, deren Namen auch in den Varianten Frau Berchte, Bertha, Biord, Hildaberta, Preckt u.a. durch J. Grimm von ahd. „perahta“, die Leuchtende, Glänzende, hergeleitet wird.14 In den oberdeutschen Gebieten spielt sie eine weitgehend gleiche Rolle wie die Holle im nieder- und mitteldeutschen Raum. Wie Holle erscheint auch sie als „Weiße Frau“. Doch tritt sie bereits zur Zeit der Grimms häufiger bedrohlich und strafend in Erscheinung, dann einer Märchenhexe ähnlicher, häufiges Attribut ist das Eisen, z.B. eine eiserne Nase. Mancherorts wird explizit in „schöne“ und „schiache“ Perchten unterschieden.

Ehrenhöfer hat uns jüngst an seinen persönlichen Erfahrungen mit dem zeitgenössischen Perchten-Brauchtum in den Alpen teilhaben lassen. Hier findet sich ungebrochen eine Tradition, der Wilden Jagd zu huldigen, teils mit dem Fokus auf der weiblichen Perchta, teils auf den männlichen Krampussen oder Klausen, die sowohl an den heiligen Nikolaus und an dessen dunklen Begleiter Knecht Ruprecht angelehnt sind, in jedem Fall aber auch an den Woden (süddt.: Wuotes / Muotes) gemahnen. Ehrenhöfer belässt es nicht bei der ethnographischen Darstellung, sondern reflektiert diese vor dem Hintergrund religionswissenschaftlicher und germanistischer Forschung. Er zieht die Schlussfolgerung

„… dass die Hauptmotive der Perchta identisch sind mit Motiven der zentralen germanischen weiblichen Göttinnenfiguren Frigg/Freyja (über deren Zweiteilung Uneinigkeit besteht) und die sich in den Numina Herke / Wode / Holle und sogar der keltischen Göttin Brixta wiederfinden Somit stellt sie eine Manifestation der höchsten Mutter-, Haushalts- und Fruchtbarkeitsgöttin dar.“15

Die Verwandtschaft zwischen Percht und Holda und beider mit der ab dem Niedersächsischen nordwärts anzutreffenden Frau Frick, Herke, Wode, Gode, Gaue u.a. ist vorzüglich beschrieben worden von Erika Timm, die mit Akribie die Spuren der genannten Numina in einer Vielzahl von Quellen zum Volksbrauchtum aufgespürt, dokumentiert und gedeutet hat. Timm zufolge sind diese weiblichen Numina einander sehr nah, auch bei unterschiedlicher Ausprägung des regionalen Brauchtums und eingedenk der auch keltisch-noreischen Züge der Percht.16

Ihnen gemeinsam ist die Aufgabe als Kulturbringerin – sie lehren und wachen über wichtige Kulturtechniken, allen voran das Spinnen, aber auch Ackerbautechniken sowie Eisenverarbeitung. Gemeinsamer Zug ist auch ihre zwiespältige Rolle in den Rauhnächten.

Göttin und Gott

Hervorzuheben ist, dass diese im Volksglauben verankerten Göttinnen nicht nur indirekt oder aufgrund akademischer Deutung eine Nähe zu Frigg zukommt. Sondern wie Timm aufgezeigt hat, verweisen manche ihrer Namensgebungen unmittelbar auf Frigg, wie Frau Frick/Fricke/Fricka, oder aber mittelbar, wie Frau Wode/Gode/Gaue, also des Woden/Goden/Gauen Ehefrau. Hier findet sich die strukturale Parallele „Frigg, Odins Frau“ und „Frau Wode, des Woden Frau“. Etwas spekulativer, aber doch bedenkenswert ist eine mögliche Verwandtschaft der fruchtbarkeitsspendenden Frau Herke mit der ebenfalls fruchtbarkeitsspendenden altenglischen Erce bzw. Erd-Mutter eorthan modor17, was wiederum an die Verbindung Odin-Jörd gemahnt.

Als Anführerin der Wilden Jagd begegnet uns die Göttin häufiger als ihr männliches Pendant. Im Nordosten und im Nordwesten des heutigen Deutschland dominiert zwar der wilde Jäger bzw. der Herr Wode. Doch schon ab Lübeck und von Schwerin und Lüneburg bis Stettin an wird die wilde Jagd öfters weiblich, was sich nach Süden und Westen bis zu den Alpen und über den Rhein hinaus fortsetzt. Gelegentlich führen beide als Paar die Jagd an. Der männliche Partner der Holle/Percht begegnet uns bisweilen in den Märchen, insbesondere in der Bechsteinschen Sammlung als wilder Mann, graues Männlein, bärtiger Alter. Seine Attribute weisen immer wieder auf den Woden hin. In manchen von Bechstein gesammelten Volksmärchen nimmt er just die Rolle ein, die wir gemeinhin von Frau Holle kennen: Er prüft und belohnt oder bestraft meist junge Menschen.18 So finden wir letztlich ein göttliches Paar vor, das die Menschen Kulturtechniken lehrt, sie mit Wohlwollen prüft und belohnt oder aber straft. Regional sind unterschiedliche Gewichtungen gesetzt – auch zwischen Göttin und Gott – doch das Grundmuster bleibt erkennbar.

Göttin, Tod und Geburt

Zwar begreift die eddische Dichtung Odin nicht nur als Kriegs-, sondern auch als Totengott, letzteres womöglich seine ursprüngliche Aufgabe. Doch seine nordische Partnerin Frigg berührt den jenseitigen Bereich eigenartigerweise nicht. Vielmehr die an Rang und Ansehen ebenbürtige Vanin Freyja vereinigt Fruchtbarkeit, Kriegertum und Herrschaft über einen Teil des Totenreichs in ihrer Person, während Frigg im Vergleich dazu seltsam fleischlos und reduziert erscheint.19

Anscheinend traute der kontinentale Volksglaube der Holle/Percht mehr zu, denn diese herrscht nicht nur über die Spinnstuben und Wäschezuber, sondern führt ein zwielichtiges Regiment in den Zwölften, in denen sie wie der Winterwind durch die Lande stürmt mit den Geistern der Toten im Gefolge. Doch auch noch als Anführerin der Wilden Jagd verliert sie ihren Charakter als Liebende nicht ganz, wusste man doch in ihrer Obhut die verstorbenen Kinder. Umgekehrt entstammen die Seelen der Neugeborenen ihrem magischen Teich. So steht sie im Winter für die Bedrohungen (Sturm) wie für das Schöne (Schnee) der kalten Jahreszeit.

Indem die Göttin die Wilde Jagd führt, gibt sie den zerstörerischen Kräften ein Ventil. Einem Sieg des Chaos beugt sie insgeheim vor, indem sie die Jagd lenkt und die Menschen zuvor lehrt, sich anhand einfacher Regeln zu schützen. Diese Regeln zielen im Wesentlichen darauf ab, Haus, Hof, Wäsche, Vorräte in Schuss zu halten, einfache Tugenden, die das A und O zur Überbrückung der Winterzeit darstellen. Und wie sie so die Gefahr der winterlichen Naturgewalten kanalisiert, so bannt sie auch die Gefahr, die durch das Chaos entsteht, das Sonne und Mond anstellen, die sich anscheinend nicht einigen können, wie lange so ein Jahr eigentlich dauern soll. Die Herrin der Zwölften beschäftigt uns in dieser Zeit der Unbestimmtheit mit allerlei unterhaltsamem Brauchtum angefangen beim 5. Dezember (dem Vorabend zu Nikolaus20), Lucia-Tag21, Jul, Weihnachten, Silvester, Neujahr, bis mindestens zum 6. Januar (man kann sogar für eine längere Phase bis Karneval plädieren), wie eine gute Mutter, die ihre Kinder mit lustigen Spielen ablenkt, wenn es in Wahrheit brenzlig wird. Schon allein dafür sollten wir dankbar sein.

Doch die Rauhnächte stehen für mehr als die Ordnung im Haus und das Durchstehen des Winters.

Das Jul-Fest, die Heilige Nacht der Wintersonnenwende, hieß bei den Angeln „Modranecht“ – die Mütternacht.22 Die Geburt eines Kindes unter vor-medizinischen Bedingungen ist auch eine „Wilde Jagd“ zwischen Leben und Tod, zwischen unvorstellbarem Schmerz und unvergleichlicher Euphorie (wenn alles gut gegangen ist). Und wenn es nicht gut gegangen ist – dann ist es die Göttin persönlich, die sich der Verstorbenen annimmt. Eine tröstliche Vorstellung! Kein Wunder, dass mit der Christianisierung erneut ein Geburts-Ereignis mit dieser Nacht verknüpft bzw. eine zumindest für die Angeln nachgewiesene Vorstellung in ein christliches Bild übersetzt wurde.

Hier soll auch an den (nicht nur) schwedischen Brauch des Lucia-Tages erinnert werden. Am 13. Dezember stellen dort junge Frauen in weißen Gewändern mit Lichterkronen die Lucia dar. Nach offizieller Lesart eine christliche Heilige, doch kann man es für Zufall halten, dass am vormaligen Datum der Wintersonnenwende (bis ins 18. Jahrhundert), eine „Weiße Frau“, deren Name „Licht“ oder „Leuchtende“ bedeutet, in die Häuser einzieht? Wohl kaum. Hier geht es offenkundig um die Geburt des Lichts, und es ist die „Weiße Frau“, die es hervorbringt. Diese Lucias ähneln im Übrigen frappant vielen Darstellungen vom Christkind, das nur zu gern höchst feminin dargestellt wird und kaum jemals als männliches Wickelkind.

Hel

Wenn der helle Aspekt der kontinentalgermanischen Göttin als „Weißer Frau“ in Frigg wieder zu finden ist, wo bleibt dann die auf den Tod bezogene Seite der Göttin als Anführerin der „Wilden Jagd“ in der eddischen Dichtung? Die Antwort lautet simpel: bei der Hel. Die Hel mit ihrer hellen und dunklen Seite, die eine eherne Gerechtigkeit repräsentiert, die die Toten beherbergt abzüglich jener Krieger, welche in Odins und Freyjas Gefolge kämpfen. Snorri erwähnt sie als Anführerin eines gespenstischen Totenheeres in den Ragnarök. Das erinnert an die „Wilde Jagd“, allerdings ohne den Kontext der Rauhnächte. Die Hel ist wie Holle unbestechlich gerecht, ihre helle und dunkle Seite – die dunkle Seite als blau oder schwarz beschrieben – erinnern an das Gold und das Pech, welches die Holle vergibt23 oder auch an die prächtige Perchta, die in ihrer bedrohlichen Ausprägung jedoch von Eisen gezeichnet ist. Die poetische Farbe des Eisens aber ist blau,24 wie die dunkle Seite der Hel. In ihrer unbestechlichen Gerechtigkeit ist sie zwar keine Stifterin von Liebe und Ehe – doch unter ihrem Schutz finden Baldur und Nanna wieder zusammen und auch die um die Ehe mit Sigurd betrogene Brynhild macht sich im Bewusstsein, im Recht zu sein, nach ihrem Freitod auf den Helweg, um mit Sigurd vereint zu sein, was ihr im Leben verwehrt war.25

Mit ihrem Totenheer bricht die Hel zwar nicht zwischen den Jahren über uns herein, wohl aber zwischen den Zeitzyklen. In den Ragnarök kulminieren der ins Überdimensionale verlängerte Winter und die Vernichtung von Mond und Sonne, mithin der Zeit an sich, zu einer das bekannte Universum vernichtenden Katastrophe. Während die Asen die alte Ordnung von Raum und Zeit zu verteidigen suchen, geht dem verzweifelten Kampf zum Trotz die Welt unter, und die Hel mit ihrem Totenheer ist mittendrin, noch dazu auf der „falschen“ Seite. Struktural betrachtet haben wir es hier mit einem ganz ähnlichen Geschehen zu tun wie bei den Rauhnächten, nur dass es sich statt des Übergangs zwischen den Jahren um einen Übergang zwischen den Zeitaltern handelt.

Hel Holle / Percht
hell und schwarz-blau weiß/strahlend/gold und schwarz-eisern
Ragnarök Rauhnächte
Totenheer Totengeister
Seelen der nicht im Kampf Gestorbenen Geister der Kinder und Greise
Sonne und Mond werden verschlungen, die Dimension „Zeit“ endet Sonne und Mond stehen im Widerspruch, das Jahr endet
Verlängerter, vernichtenden Winter Stürmischer, bedrohlicher Winter
Eine neue Welt entsteht Ein neues Jahr beginnt

Die Hel erscheint u.U. nur deshalb als Figur der „falschen“ Seite, weil in der eddischen Dichtung die positive Frigg so schismatisch von der negativen Hel geschieden ist. Der kontinentale Volksglaube hat in der Gestalt von Holle und Co. beide Seiten der Göttin in einer Gestalt zugelassen.

Frigg Holle / Percht
hell weiß/strahlend
Herrscht in der Höhe (Wolken / Sternen / Hlidskjalf) Herrscht in der Höhe (Bettzeug = Wolken / Berg Meißner / Schnee)
Herrin der Fülle und Haushaltung Belohnt die Fleißigen in Haus und Garten
Wird angerufen bei Kinderwunsch Birgt die Kinderseelen im Teich und bringt diese zur Geburt hervor
Gattin Odins Gattin des Woden
Ehe (Ring), Goldgürtel Gold (Ring)
Etymol. Nähe zu lat. frigus = Kälte? Schnee + Rauhnächte = Winter

Die vier Göttinnen nebeneinander gestellt ergibt folgendes Schema.

Frigg Holle Percht Hel
Helle Himmelskönigin Weiße Frau
Weiße Frau Helle Hälfte
Strahlend, Gold strahlend, Gold Etymol. die Leuchtende, Glänzende Helle Hälfte
Fruchtbarkeit, Fülle, gute Haushaltung Fruchtbarkeit, Fülle, gute Haushaltung Fruchtbarkeit, Fülle, gute Haushaltung
Darstellungen mit Spinnrad Kulturbringerin für Haus, Hof, Ackerbau (v.a. Spinnen) Kulturbringerin für Haus, Hof, Ackerbau (v.a. Spinnen und Eisenverarbeitung)
Hlidskalf Über den Wolken, bringt den Schnee

Fensalir („Moorsaal“) Unterirdisch: im Teich oder im Berg
Totenreich
Schützt die Ehe Stiftet Ehen
Führt Paare post mortem wieder zusammen


Eisen, u.a. eiserne Nase Schwarz-blaue Hälfte

Führt die Wilde Jagd in den Raunächten Führt die Wilde Jagd in den Raunächten Führt das Totenheer in den Ragnarök
Mutter Balders und Höds Birgt die ungeborenen Kinder, nimmt die verstorbenen Kinder auf (Volksmund: „da schwammst du noch im großen Teich“ für „da warst du noch nicht geboren“)
Entlässt Balder und Höd aus dem Totenreich
Frigg, Odins Frau Frau Frick/Wode/Gode/Gaue, des Woden/Goden/Gauen Frau Frau Frick/Wode/Gode/Gaue, des Woden/Goden/Gauen Frau

Interessanterweise verweist die Etymologie des Namens Holda/Holle auf sowohl Frigg’sche wie auf Hel’sche Eigenschaften. Es stecken nämlich auf der Frigga-Seite die Worte hell, hold, huldigen, (heil, heilig?) darin, ebenso wie auf der Hel-Seite die Worte Hülle, verhüllen, verhehlen und last not least die christliche Hölle. Simek schließt eine Verbindung Frau Holle-Hlodyn-Huld-Hel-Hludana – letztere auf fünf lateinischen Weihestein-Inschriften vom Niederrhein als Matrone belegt – sowie zu Nehalennia nicht aus.26

Die Etymologie der Percht gibt lediglich die positiven Frigg’schen Aspekte wieder, auch wenn das heutige Brauchtum stärker auf den sinisteren Charakter der Wilden Jagd hinweist.

Doch Frigg und Hel sind unvereinbar. Oder…? Nun, Friggs Rolle als Mutter Balders und Hödurs ist eindeutig. Sie gebiert beide, beide sind unzertrennlich, doch dann tötet der eine den anderen, ihr Gemahl gibt die Tötung des Töters in Auftrag nach den Regeln der geltenden Ordnung. Diese Regeln erweisen sich aber als unzulänglich: Ein Bruder (Hödur) muss getötet werden, obwohl er moralisch unschuldig scheint, dafür muss ein neuer Bruder (Vali) her, dessen Zeugung wiederum moralisch verwerflich ist, um den ermordeten Baldur zu rächen, der davon auch nicht wieder lebendig wird. So kommt ein Prozess in Gang, an dessen Ende gerade diese bestehende Ordnung, die geschützt werden soll, mitsamt dem ganzen All zerstört wird. Doch siehe da: Es ist die Hel, die nach dem Ende der Ragnarök Baldur und Hödur frei gibt, denn sie war es, die die Brüder in der Katastrophe geborgen hatte und sie nach der Entstehung einer neuen Welt in diese gewissermaßen „gebiert“ (sie „auf die Welt kommen“ lässt). So wird ausgerechnet die Hel zur Mutter der Wiedergeburt der Söhne Friggs.

Ist das Fazit dieser Betrachtung nun, dass Frigg und Holle, Percht und Hel eins seien? Jein!

Die strukturale Zusammenschau lässt uns einen Blick erhaschen auf die Verzweigung durch Raum und Zeit der Numina, ihrer Symbolik und ihrer Funktion. Das Schema ist durchaus erweiterbar, ließe sich z.B. um Freyja ergänzen. Es ist auf einen Blick erkennbar, dass die Vorstellungswelten über Raum, Zeit, Sprache hinweg einander überlappen, das die Menschen ein Bedürfnis nach der Göttin fühlen und fühlten, nach ihren hellen, wie dunklen Aspekten – und dass die Gottheiten dieses Bedürfnis allzeit beantworten, sei es in Gestalt zweier Gegenspielerinnen, sei es in einer Gestalt mit freundlicher und strafender Seite.

In der strukturalen Übersicht wird das gemeinsame, in Gegensatzpaaren wie Hell und Dunkel geordnete Denkmuster leichter fassbar, die die göttlichen Manifestationen, die uns als Frigg, Holle, Percht oder Hel begegnen, hervorbringt und durch sie hervorgebracht wird. Darin hat jede Göttin ihr eigenes Recht je nach Region, Stamm, Brauchtum oder Epoche und zugleich ist die Göttin „größer“ als die einzelne Tradition.

Literatur

Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. Vollständige Ausgabe der Märchen Bechsteins nach der Ausgabe letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Düsseldorf: Patmos/Artemis & Winkler 2003 (1857)

Christian Brüning: Die wilde Jagd. In: Herdfeuer – die Zeitschrift des Eldaring e.V. 16, 2007, S. 5-34

Ulf Diederichs (Hrsg.): Germanische Götterlehre – nach den Quellen der Lieder- und der Prosa-Edda. (Lieder-Edda übersetzt von Felix Genzmer, Prosa-Edda übersetzt von Gustav Neckel.) München: 6. Aufl. Diederichs 1997

Uwe Ehrenhöfer: Mythen der Alpen: Perchten, Klausen, Krampusse – modernes Brauchtum und die Wilde Jagd. In: Herdfeuer – die Zeitschrift des Eldaring e.V. 32, 2010, S. 4-14

Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Berlin: 16. Aufl. Dietz 1987 (1884)

GardenStone: Göttin Holle – Auf der Suche nach einer germanischen Göttin. Norderstedt: Books on Demand. 2. vollständig überarbeitete Ausgabe 2006

Ders. Der Merkur-Wodan-Komplex.In: Herdfeuer – die Zeitschrift des Eldaring e.V. 29, 2010, S. 4-47

Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen – Ausgabe letzter Hand. Hrsg. Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam 2009 (nach der 7. Auflage 1857)

Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie, Wiesbaden: Matrixverlag 2007 (nach der 4. Aufl. Berlin 1875-78)

Claude Levi-Strauss: Das wilde Denken, Frankfurt/M.: Suhrkamp 7. Aufl. 1989. (La pensée sauvage, Paris 1962, aus dem Französischen von Hans Naumann)

Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart: Kröner 3. Aufl. 2006

Die Edda des Snorri Sturluson. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause. Stuttgart: Reclam 2008

Erika Timm unter Mitarbeit von Gustav Adolf Beckmann: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten – 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. Stuttgart: Hirzel 2003

J. R. R. Tolkien: Die Legende von Sigurd und Gudrun, Hrsg. Christopher Tolkien, Übers. Hans-Ulrich Möhring, Stuttgart: Klett-Cotta 2010

Andreas Zautner: Die Nacht der Hullefrauen. In: Herdfeuer – die Zeitschrift des Eldaring e.V. 28, 2010, S. 20-24

Ders: Die richtige Datierung der Rauhnächte und des Weihnachtsfestes. In: Herdfeuer – die Zeitschrift des Eldaring e.V. 32, 2010, S. 15-19

Internet-Quellen:

http://www.gigapolis.com/zauberwald/wolf/beinteinsson.htm
(Recherche 23.10.2011)

http://www.homomagi.de/MerseburgerZaubersprueche.htm
(Recherche 25.07.2011)

http//thomasnesges.de/edda/helreidh_brynhildar.html
(Recherche 24.01.2007)

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmann
(Recherche 10.03.2012)

Endnoten

1 übernatürliche, höhere Wesen, Gottheiten

2 U.a. werden damit kulturelle Einflüsse der vorgermanischen Großgräberleute, auf die die indoeuropäischen Einwanderer trafen, ignoriert. Dass es diese Einflüsse gegeben hat, ergibt sich aber daraus, dass auch nach der indoeuropäischen Einwanderung Grabanlagen der Großgräberleute bis in die Eisenzeit weiter verwendet wurden und noch heute insgeheim kultische Verehrung erfahren.

3 Engels 1987 (Ersterscheinungsdatum der verwendeten Literatur siehe Literaturverzeichnis)

4 GardenStone, Herdfeuer 29

5 Levi-Strauss1989, S. 29

6 Ynglinga saga nennt lediglich als Randgestalt eine Zauberin Huldr, Sturlunga saga eine Riesin Hulda.

7 J. Grimm 2007, S. 223 ff.

8 GardenStone 2006. Sein Buch sei hiermit wärmstens empfohlen.

9 Timm 2003, S. 136-138

10 Br. Grimm 2009 (KHM), S. 144-147

11 “F. ist am sinnvollsten zu altsächs. Fri, altengl. Freo ‚Frau‘, altind. Priya ‚Geliebte‘ zu stellen.“ Simek 2006, 118

12 Diederichs 1997, S. 223. Frija – eine kontinentalgermanische Entsprechung Friggs. Weitere Namen: Fria, Friia, Frea, Freya – inwieweit hier eine Überschneidung mit der Vanin Freyja gegeben ist, wäre als eigenständiges Thema zu behandeln und muss hier außen vor bleiben.

13 „thû biguol en Frîia, Uolla era suister“, http://www.homomagi.de/MerseburgerZaubersprueche.htm

14 J. Grimm 2007, S. 228

15 Ehrenhöfer, Herdfeuer 32, S. 9

16 Timm 2003. Bezüglich des Volksbrauchtums sei auch auf die Artikel von Zautner: Die Nacht der Hullefrauen (Herdfeuer 28) und von Brüning: Die Wilde Jagd (Herdfeuer 16) verwiesen.

17 Timm 2003, S. 57f.

18 Bechstein 2003, s. 75 ff. Im Märchen der Goldmaria und der Pechmaria tritt ein „Mann von schreckbar wildem Aussehen“, der „Thürschemann“ als strafende oder belohnende Instanz auf. Im Märchen der sieben Schwanen (S. 253 ff.) rettet ein „alter weiser Meister, der in dem Walde wohnte, Weisheit zu pflegen“ sieben ausgesetzte Geschwisterkinder und zieht sie auf. „Der Garten im Brunnen“ (S. 413 ff) ist es „ein graues Männlein“, das einen armen Jungen mit Gold belohnt.

19 Sveinbjörn Beinteinsson sah offenbar Freyja als gleichberechtigte Gemahlin an Odins Seite: „ Freyja, die Goettin der Fruchtbarkeit ist sehr wichtig. Sie ist die Gemahlin Oðins.“, so in einem Interview. (Der Zeitpunkt des Interviews ist nicht angegeben, Sveinbjörn verstarb 1993.) http://www.gigapolis.com/zauberwald/wolf/beinteinsson.htm, Recherche 23.10.2011.

20 Oft wird der Weihnachtsmann statt auf Odin/Wodan vorzugsweise auf St. Nikolaus zurückgeführt, so im deutschen Wikipedia-Artikel „Weihnachtsmann“ (Recherche 10.03.2012). Doch vielleicht muss man umgekehrt auch im Nikolaus Züge des Alten sehen, denn warum sollte es ein Bischof des 4. Jahrhunderts aus dem entlegenen Myra es ins regionale Brauchtum als Partner der Percht schaffen, wenn es da nicht bereits den wilden Mann gegeben hätte?

21 Timm 2003, S. 80ff. stellt die (nicht nur schwedische) Lucia in eine Reihe mit Holle und Percht

22 Zautner, in Herdfeuer 32, S. 15f.

23 Dieses Farbenspiel finden wir auch am Holunder, dem Holle-Baum par excellence, wieder, der uns im Sommer mit winzigen weißen Blüten an seinen Dolden erfreut, die tatsächlich wie Schneeflocken aussehen, welche uns im Spätsommer mit ihrer Verwandlung in blauschwarze Beeren frappieren. Sowohl Blüten wie Beeren sind wohlschmeckend und dienen als Heilmittel bei fiebrigen Erkrankungen.

24 Noch J.R.R. Tolkien beschreibt in seiner genialen Nachdichtung des Wölsungenliedes Sigurds Schwert Gram mit den Versen „a blade they brought him // with blue edges“, Tolkien 2010, S. 168.

25 Brünhildens Todesfahrt, Die Edda – Simrock-Übersetzung http//thomasnesges.de/edda/helreidh_brynhildar.html, Recherche 24.01.2007

26 Simek 2006, S. 196)

Erschienen 2013 in Herdfeuer 36