Arbogast – eine vergessene Heldengeschichte

von Kurt Oertel

Die Völkerwanderungszeit war ein Zeitalter, in dem herausragende und entschlossene Persönlichkeiten zu Legenden werden konnten. Praktisch alle großen Figuren der südgermanischen Heldensage haben ihren Ursprung in dieser unruhigen Zeit, aus der letztlich ein neues und völlig verändertes Europa hervorging. Wenn im heutigen Heidentum Namen der großen Volkskönige wie Theoderich der Große, Alarich, Geiserich usw. bewundernd genannt werden, scheint dabei jedoch gerne übersehen zu werden, dass all diese Herrscher und ihre Völker bereits Christen waren. Mit dem Namen Arbogast aber scheinen nur spezialisierte Historiker vertraut zu sein. Und doch ist gerade seine Geschichte des Erzählens wert, nicht nur, weil er Zeit seines Lebens den Göttern seiner Ahnen treu blieb, sondern mehr noch, weil er in Ereignisse verwickelt wurde, deren Kenntnis jedem heutigen Heiden gut anstehen würde und die in zusammenhängender und gemeinverständlicher Form so noch nie erzählt worden sind, sondern in fachwissenschaftlichen Gesamtdarstellungen bestenfalls nur in wenigen Sätzen abgehandelt werden. Dies also ist sie, die seltsame, großartige und (wie jede gute germanische Heldensage) tragische Geschichte Arbogasts.

Dazu müssen wir unseren Blick auf das Römische Reich im späten 4. Jahrhundert n.d.Z. richten. Wer sich in ein geschichtliches Überblickswerk über diese Periode der Spätantike vertieft, dem wird ohne solides Vorwissen für gewöhnlich nach ca. 20 Seiten schwindlig. Ganze Völker waren in Bewegung, kurzlebige Allianzen entstanden und zerbrachen wieder, überall flackerten Kriege auf, im Römischen Reich gab es eine rasche Folge von Kaisern, die auch noch in östliche und westliche zu unterscheiden sind, von denen sich jeder wieder mit illegitimen Usurpatoren (Thronräubern) herumzuschlagen hatte, und Politik bestand aus Machtkämpfen, in denen jede Fraktion gegen alle anderen intrigierte. Das war in der religiösen Welt nicht viel anders. Obwohl das Christentum schon recht verbreitet war, kann man von einer Kirche als machtvoller Institution aber noch nicht sprechen, sondern es befand sich in aufreibenden inneren Auseinandersetzungen, da es in etliche – sich gnadenlos bekämpfende – Strömungen zerfallen war, und zudem das Heidentum auch im Römischen Reich noch ungebrochen war. In Folge dessen wird der Leser eines solchen Buches auf jeder Seite mit so vielen neuen Namen und komplizierten Entwicklungen konfrontiert, dass er spätestens nach einer halben Stunde völlig den Überblick verloren hat und das Buch mit resignierendem Seufzen wieder aus der Hand legt. Deshalb wurde in dieser Darstellung auf alles Überflüssige verzichtet, auch wenn der Preis dafür zwangsläufig eine Vereinfachung oftmals sehr viel komplizierterer Zusammenhänge ist. Der Leser muss sich lediglich die sechs Hauptpersonen merken, die hiermit kurz vorgestellt seien:

Arbogast (ca. 360-394): Ein germanischer Heide vom Stamm der Franken mit ungewöhnlicher Karriere. Der Held unserer Geschichte.

Theodosius (347-395): Römischer Kaiser für den östlichen Reichsteil und katholischer Christ. Eigentlich kein übler Bursche, aber … na ja, man wird sehen.

Valentinian II. (371-392): Römischer Kaiser für den westlichen Reichsteil und arianischer Christ, von Theodosius ernannt, aber zu jung, um eine wirkliche Rolle zu spielen.

Ambrosius (339-397): Katholischer Bischof von Mailand, ein trickreicher Demagoge und gewiefter Populist. Christlicher Widersacher in unserer Geschichte (wurde später natürlich auch noch heilig gesprochen!).

Flavianus (335-394): Höchster Politiker Italiens, römischer Aristokrat und Wortführer des Senats, Ehrenmann und überzeugter Heide.

Eugenius (ca. 360-394): Ein Lehrer für Rhetorik und Beamter am Hof Valentinians, dessen Leben in unserer Geschichte eine erstaunliche Wendung nimmt. Nominell zwar ein Christ, aber als Philosoph mit großer Sympathie für das Heidentum.

Das Römische Reich hatte zu dieser Zeit eine ungeheure Ausdehnung erreicht, es erstreckte sich von Portugal bis zum Vorderen Orient, einschließlich Nordafrikas und Ägyptens. Die einzigen nichtrömischen Gebiete Europas waren Deutschland nordöstlich der Rhein-Main-Grenze, Irland, Schottland, Skandinavien und das heutige Polen und Russland. Der Begriff „Römer“ bezeichnete schon länger nicht mehr lediglich die Bürger der Stadt Rom oder die Bewohner Italiens, sondern war seit der Constitutio Antoniniana im Jahr 212 im modernsten Sinn eine reine Bezeichnung für Staatsbürgerschaft aller freien Einwohner des Reiches ohne jeden ethnischen Beigeschmack (und selbstverständlich konnte man insofern gleichzeitig Germane und Römer sein, wie man auch heute gleichzeitig Schwabe und Deutscher sein kann. Bereits Arminius war schon Jahrhunderte zuvor römischer Bürger im Rang eines Ritters gewesen). Die Stadt Rom selbst war auch nicht mehr Hauptstadt des Reiches, sondern der Kaiser residierte in Konstantinopel (das spätere Byzanz und heutige Istanbul), das der erste christliche Kaiser Konstantin als bewusst christliches Gegenstück („Nova Roma“) zum heidnischen Rom 330 als neue Hauptstadt eingeweiht hatte. Der altehrwürdige Senat in Rom aber war immer noch eine politisch ungemein machtvolle Körperschaft, und bei dem alten römischen Adel Italiens, aus dessen Reihen sich auch der Senat zusammensetzte, liefen nach wie vor alle Fäden wirtschaftlicher Macht zusammen. Ein Kaiser allein konnte ein so riesiges Reich jedoch kaum noch wirkungsvoll regieren, deshalb hatte es sich eingebürgert, dass er einen gleichberechtigten Mitkaiser für den jeweils anderen Reichsteil einsetzte. Starb einer der beiden, ernannte der Überlebende einen neuen Mitregenten. Auch der Kaiser im Westen residierte üblicherweise nicht mehr in Rom, sondern abwechselnd in Trier, Mailand oder Vienne (Südfrankreich), um bei möglichen Grenzkonflikten im Norden schneller und militärisch wirkungsvoller eingreifen zu können.

Kaiser in Konstantinopel war seit 381 Theodosius, ernannt von seinem westlichen Kollegen Gratian. Theodosius’ Vorgänger, der oströmische Kaiser Valens, war kurz zuvor an der Spitze seiner Truppen gefallen, als er sich in der folgenschweren Schlacht von Adrianopolis den Westgoten entgegenstellte – folgenschwer deshalb, weil die Westgoten siegten und nicht nur der Kaiser selbst, sondern auch mehr als zwei Drittel des gesamten oströmischen Heeres dabei den Tod fanden. Die Westgoten waren in den Jahren zuvor ungebremst durch Griechenland gezogen und hatten nicht nur Städte, sondern vor allem die mit reichen Schatzkammern bestückten heidnischen Tempel und Heiligtümer geplündert und zerstört – nicht etwa, weil sie „germanische Barbaren“, sondern weil sie bereits „gute Christen“ waren. 382 aber gelang Theodosius ein Vertragsabschluss mit ihnen: Er gab ihnen Siedlungsland im Reich, wonach sie seit ihrer Flucht vor den Hunnen gesucht hatten, und dafür bildeten die Westgoten ab nun genau den strategisch zentralen Teil des oströmischen Heeres, den sie kurz zuvor noch selbst so hingebungsvoll niedergemetzelt hatten.

Für das Jahr 381 findet sich auch die erste Erwähnung Arbogasts als Offizier der weströmischen Armee. Zwar kennen wir sein Geburtsjahr nicht, dürfen aufgrund vergleichbarer Lebensläufe aber annehmen, dass er damals um die 20 Jahre alt gewesen sein muss. Die originale Form seines Namens muss Arbogastiz gelautet haben, und selbst einige lateinische Quellen nennen ihn Arbogastes. Sein Name bedeutet wörtlich „Erb-Fremdling“, also jemand, der als Fremder ein Erbe bzw. ein Erbe in der Fremde antritt, und die Frage, in wie weit sich diese Namensgebung in seiner Biographie erfüllt hat, mag ein reizvolles Gedankenspiel sein. Er war Franke und hatte aus seiner niederrheinischen Heimat fliehen müssen. Die genauen Hintergründe dessen sind nicht ganz klar, aber er kann eigentlich nur mit Sunno und Marcomer aneinandergeraten sein, den zwei berüchtigten fränkischen Stammesfürsten seiner Tage. Wäre er in eine anderweitige Fehde geraten, hätten gerade die beiden ihn wohl zu schützen vermocht – und bei einem so hoffnungsvollen jungen Mann aus eigenem Interesse auch gut daran getan. So aber suchte Arbogast eine bessere Zukunft im römischen Heer, wie es schätzungsweise jeder zehnte germanische Krieger seiner Zeit tat, denn Mitgliedschaft in der römischen Armee war wegen der auch aus heutiger Sicht erstaunlich modernen Versorgungs- und Sozialleistungen bei allen Germanen extrem beliebt.

Oberbefehlshaber des weströmischen Heeres war damals Bauto, ebenfalls ein heidnischer Franke und von bedeutendem Einfluss. Sein niveauvoller Briefwechsel mit dem Politiker Symmachus, dem berühmtesten Redner seiner Zeit, ist überliefert, und Bautos Tochter Eudoxia wurde die Frau von Theodosius’ Sohn Arcadius und somit spätere Kaiserin. Bauto scheint sich seines jungen Landsmannes angenommen und ihn gefördert zu haben, denn in den folgenden Jahren trat Arbogast zunehmend an Bautos Seite in Erscheinung und machte eine rasante Karriere als Offizier (was einige frühere Historiker sogar vermuten ließ, er sei Bautos Sohn gewesen). So verwundert es auch nicht, dass er plötzlich im Generalsrang am kaiserlichen Hof Gratians in Mailand erwähnt wird, wo er in den folgenden Jahren zudem alles gelernt zu haben scheint, was Verwaltungs- und Regierungsgeschäfte betrifft. Arbogast muss die Fähigkeiten eines hervorragenden Kriegers, eines brillianten Strategen, wie auch menschliche Vorbildhaftigkeit und die psychologische Fähigkeit der Menschenführung in sich vereinigt haben – eine wahrlich seltene Kombination von Tugenden. Die römischen Truppen jedenfalls vergötterten ihn, wozu auch die Tatsache beigetragen haben mag, dass er nachweislich – anders als manche seiner Kollegen – nicht korrupt oder bestechlich war.

Nach Gratians Tod 383 ernannte Theodosius von Konstantinopel aus Valentinian II. als Mitkaiser für den Westen. Der winzige Schönheitsfehler dabei war allerdings der, dass Valentinian damals gerade erst 12 Jahre alt war. Kaiser Theodosius wird uns in allen Quellen als warmherziger, gefühlvoller Mensch und liebender Familienvater beschrieben, der allerdings auch für seine Launenhaftigkeit bekannt war, was sich leider zu oft direkt auf seine politischen Entscheidungen auswirkte. Er öffnete sich auch zu leicht dominierenden Einflüssen seiner Umgebung und hatte nicht den Ehrgeiz, alles im Reich persönlich überwachen und kontrollieren zu wollen. Im Vergleich zur gesamten römischen Kaisergeschichte also bestimmt keine abschreckende Gestalt, andererseits aber auch kein wirklich machtvoller Herrscher – auch wenn ihm später der Titel „der Große“ verliehen wurde (natürlich auf Betreiben kirchlicher Kreise, und wir werden die Gründe dafür bald erfahren). Aber warum hatte er ein Kind als Kaiser des Westreiches eingesetzt, wo doch gerade im Norden der stetigen germanischen Vertrags- und Eidbrüche und der darauf verlässlich folgenden Raubzüge wegen ein militärisches Genie benötigt wurde? Diese Frage stellten sich anlässlich der langen und unseligen Geschichte ehemaliger Kindkaiser, die von Ratgebern dominiert worden waren, schon die damaligen Zeitgenossen. Und darauf gibt es zwei Antworten: Erstens war Valentinian der jüngste Bruder des verstorbenen Kaisers Gratian, und ein sentimentales Gefühl von Dankbarkeit gegenüber Gratian, der ihn selbst zum Kaiser ernannt hatte, mag Theodosius bewogen haben, sich an dessen Familie zu halten. Zweitens hatte diese Entscheidung den Vorteil, kein Risiko darzustellen, denn wie alle Herrscher hatte gerade der Familienmensch Theodosius den Wunsch, die dynastische Nachfolge für seine eigenen Söhne Arcadius und Honorius zu sichern. Der junge Valentinian jedenfalls sollte eindeutig nur rein nomineller Herrscher im Westen sein, während Theodosius Alleinherrscher über das Reich sein wollte, weshalb die Generäle Bauto und Maximus zu „Beschützern“ Valentinians ernannt wurden, die offenbar auch die nötigen Regierungsgeschäfte im Westen erledigten.

Aber 387 rebellierte Maximus von England aus, ließ sich von seinen britischen Truppen selbst zum Kaiser des Westens ausrufen und marschierte gegen das Reich. Valentinian floh verängstigt nach Konstantinopel zu Theodosius, und es war Arbogast, der mit seinen Truppen loyal den Aufstand des Maximus niederkämpfte, wobei er dessen Sohn, der eine der Armeen seines Vaters führte, in der Schlacht eigenhändig erschlug. Maximus selbst wurde auf Befehl des Kaisers wegen Hochverrats hingerichtet. Kurz darauf starb auch Arbogasts väterlicher Freund Bauto, der Oberkommandierende des Heeres, und auf der Stelle wählte das weströmische Heer Arbogast zu seinem neuen Oberbefehlshaber. Zwar hatte das Heer schon oft zuvor einen Kaiser auf den Schild gehoben, aber noch nie zuvor seinen Oberbefehlshaber selbst gewählt, sondern der war immer nur vom Kaiser ernannt worden. Insofern war dies ein wahrlich revolutionärer Akt. Theodosius muss sich dabei in einem Zwiespalt befunden haben, denn eigentlich hätte er den Truppen eine derartige Eigenmächtigkeit nicht durchgehen lassen dürfen. Andererseits aber war Arbogast natürlich auch sein eigener Wunschkandidat, da er sich keine bessere und loyalere Besetzung des Amtes hätte wünschen können, was ihm eine ideale Perspektive bot: Auch wenn Theodosius kaum eine andere Wahl blieb, als dem Heer nachzugeben, tat er das in diesem Fall aber nur zu gerne, konnte er der Armee des Westreiches seine Haltung doch als „huldvolles Zugeständnis“ darstellen, während seine eigene Wahl ganz genauso ausgefallen wäre.

Theodosius fand es aber nun nötig, nach Mailand zu reisen (in seinem Gefolge auch der junge Valentinian, der wieder in seine kaiserliche Position eingesetzt wurde), und er residierte dort fast drei Jahre lang, um alles im Westreich in seinem Sinne zu regeln. Valentinians zusätzliche Anwesenheit in Mailand wurde deshalb jedoch als überflüssig betrachtet, weshalb Theodosius anordnete, dass Valentinian und sein Hofstaat ab jetzt abwechselnd in Trier und Vienne zu residieren hätten. Der Unmündigkeit des Knaben wegen ordnete der Kaiser weiterhin an, dass ihm abermals ein Berater zur Seite stehen sollte, und das war natürlich niemand anderes als der treue Arbogast. Das war ein kluger Schachzug von Theodosius, da diese Regelung zudem auch noch unerwünschte Einflüsse auf den Knaben ausschloss. Arbogast, Valentinian und dessen kaiserlicher Hof begaben sich also auf die lange Reise nach Trier, wo sie im Wechsel mit Vienne auch verblieben, nachdem Theodosius nach Konstantinopel zurückgereist war.

Arbogasts regulärer Titel war nun der des Magister militium in praesenti, d.h. Oberbefehlshaber des Heeres und nur dem Kaiser selbst unterstellt. Anders als im Ostreich, wo dieser Rang auf fünf Generäle verteilt war (einschließlich des Wandalen Stilicho, der später noch eine wichtige Rolle für das Reich spielen sollte), hatte Arbogast keinerlei Instanz, die ihn irgendwie hätte kontrollieren können, nicht einmal in Italien, denn auch der Senat von Rom pries ihn als Schützer des Reiches, und er war einer der beliebtesten Helden Roms – geradezu eine Lichtgestalt des gesamten Reiches – und zweifellos von makelloser Loyalität den beiden Herrscherhäusern gegenüber. Kein Wunder also, dass er bald sehr viel mehr wurde, als ein reiner Ratgeber Valentinians. Schnell beherrschte er die Situation völlig, und er vergab nicht nur die höchsten Offiziersränge an seine fränkischen Freunde im Heer (wodurch er sich eine verlässliche germanische Gefolgschaft aufbaute), sondern besetzte auch alle politischen Schlüsselstellungen im weströmischen Reich mit seinen Vertrauten. Mittlerweile war er es, der nicht nur den Beamten Valentinians Anweisungen erteilte, sondern auch Druck auf zivile Behörden ausüben konnte, während alle militärischen Kräfte Westeuropas sowieso schon seinem Kommando unterstanden. Tatsächlich war er nun alleiniger Herrscher über das gesamte römische Westreich, also über Spanien, Gallien, England und teilweise Italien und Germanien, offiziell zwar im Namen Valentinians, in Wirklichkeit aber nur Theodosius gegenüber verantwortlich. Arbogast hatte diese Position nicht etwa machtgierig an sich gerissen, sondern sie entsprach genau abgesprochener Befugnis und Bewilligung durch Theodosius, der sein Vertrauen nicht auf den falschen Mann gesetzt hatte, denn Arbogast erwies sich im Folgenden als in jeder Hinsicht vertrauenswürdig, verlässlich und brilliant.

Wir sollten hier einmal kurz innehalten, um uns klarzumachen, was für ein einzigartiger und atemberaubender Aufstieg das für einen Mann war, der noch wenige Jahre zuvor nichts anderes als ein einfacher, aus seiner Heimat vertriebener, germanischer Stammeskrieger gewesen war. Als gebürtiger Nicht-Römer konnte er allerdings nie darauf hoffen, auf legale Weise selbst Kaiser zu werden. Aber das war ihm völlig klar, und er scheint nie auch nur daran gedacht zu haben, sondern war mehr als zufrieden damit, die tatsächliche Macht in Händen zu halten. Er war somit der erste jener germanischen Oberbefehlshaber Roms (wie später Stilicho, Ricimer und andere nach ihm), die das Römische Reich tatsächlich regierten, während die eigentlichen Kaiser lediglich reine Vorzeigefiguren waren (bis Odoaker 476 dieser Farce ein Ende machte und sich selbst zum König Italiens ausrief). Das war die Situation die folgenden Jahre hindurch bis 391, und alles schien bestens – sowohl für Theodosius wie auch für Arbogast, der allen Grund hatte, den Göttern zu danken.

Wir müssen uns nun kurz von Arbogast abwenden, denn zum Verständnis der weiteren Geschehnisse gilt es, das Augenmerk auf die religiösen Verhältnisse der Zeit zu richten. Das 4. Jahrhundert. war in Rom sehr von der Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum geprägt. 312 hatte Konstantin sein berühmtes Toleranzedikt erlassen. 341 ordnete sein Sohn Konstans die Abschaffung der heidnischen Staatsopfer an. Doch der Erlass erwies sich als höchst voreilig und musste aufgrund heftigen und machtvollen gesellschaftlichen Widerstandes schon im Jahr darauf eiligst zurückgenommen werden. Dennoch standen die Zeichen der Zeit insgesamt nicht gut für das Heidentum, das aufgrund der aggressiven Intoleranz des Christentums anderen Religionen gegenüber zunehmend in die Defensive zu geraten drohte. Zwar versuchte Kaiser Julian, der letzte wirkliche Heide auf dem Kaiserthron, in seiner kurzen Regierungszeit (361-363) das Steuer noch einmal grundsätzlich herumzureißen, in seinen Aktionen und gesetzlichen Verordnungen zur Zurückdrängung des Christentums agierte er aber trotz philosophisch brillianter eigener Schriften diplomatisch so ungeschickt und „unheidnisch“ intolerant, dass selbst viele Heiden ihm darin nicht zu folgen vermochten. Konstantin hatte das Christentum 312 zwar keineswegs zur Staatsreligion erklärt, wie zuweilen immer noch fälschlich behauptet wird, sondern hatte ihm lediglich dieselben Rechte wie jeder anderen Religion auch zugestanden. Aber seine naive Hoffnung war in der Tat die gewesen, dass diese neue, diszipliniert organisierte Religion sein geeinigtes Reich auch mit einem geeinigten Glauben stützen könnte. Darin wurde er natürlich enttäuscht:

„Die Führer jeder erfolgreichen Revolution spalten sich danach erfahrungsgemäß in Lager auf, von denen jedes allein überzeugt ist, die Ideale und den wahren Geist all dessen, wofür man gekämpft hat, in einzig reiner Form zu vertreten, während man den ehemaligen Weggefährten Verrat an der Sache vorwirft. Bischöfe, die eher Kerker, Folter und Tod erduldet hatten, als dem Genius des Kaisers als rein konventionelles Zeichen der Anerkennung ein Stück Räucherwerk darzubringen, waren jetzt nicht bereit, interne Glaubensstreitigkeiten zu begraben, nur weil der Kaiser das so wünschte. Konstantin sah genau das als Verbündeten an, was Diokletian vor ihm als größten Feind bekämpft hatte: die außerordentliche Starrköpfigkeit des Christentums, das Dogma und Reinheit der Lehre über alle Belange von Politik und gesellschaftlichem Gemeinwohl stellte. Er selbst hatte kaum begriffen, wie radikal sich diese Religion von allen anderen unterschied. Das traditionelle Heidentum wies zwar etliche Gemeinsamkeiten mit dem aufkommenden Christentum auf, das Konzept der Häresie, also der ‚Abweichung vom rechten Glauben‘, aber war etwas völlig Neues. Eine genaue Formulierung von Glaubenslehren war dem Heidentum gänzlich fremd, und dergleichen wäre mit Unverständnis aufgenommen worden. Was zählte, waren Traditionen, Mythen und Riten als symbolischer Ausdruck zutiefst menschlicher und gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Die zahlreichen Gottheiten erfüllten diese Bedürfnisse, und jeder durfte diese Gottheiten auf seine Art sehen, ohne dass das jemanden gestört hätte. Selbst die neueren Mysterienkulte, die einem synkretistischen Monotheismus zuneigten, wie z.B. der Kult des Sol Invictus, sahen die Vielzahl der Gottheiten völlig locker und betrachteten sie lediglich als für das Volk leichter verständliche Aspekte des einen göttlichen Urgrundes, der hinter allem liegt. Eine solche Sichtweise aber war dem Christentum unmöglich. Dessen Wurzeln lagen nicht im Hellenismus, sondern im Judentum, und von diesem hatte es nicht nur den eifernden und militanten Monotheismus des Buches Exodus, sondern auch die für das Judentum immense Bedeutung des ‚Gesetzes‘ geerbt. Alle anderen Götter waren nur böse Dämonen – wenn es sie denn überhaupt gab. Nur ein einziges Mal hatte das Göttliche menschliche Form angenommen, nämlich in dem erhabenen Mysterium von Christi Fleischwerdung. Wenn Wesen und Botschaft Christi diskutierbar wären, dann wären alle Vorraussetzungen und Autorität von Glauben, Kirche und Priestertum auf Sand gebaut. Ohne priesterliche Autorität keine eindeutige Endgültigkeit. Ohne eindeutige Endgültigkeit keine ‚heilige‘ Schrift. Ohne ‚heilige‘ Schrift kein Christus.“

(Williams, S. 47, deutsche Übers. vom Verf.).

In den Tagen Arbogasts war der prominenteste Vertreter dieses Ausschließlichkeitsanspruches Ambrosius, Bischof von Mailand. Ambrosius war als Sohn eines der höchsten Verwaltungsbeamten für den Nordwesten des Reiches in Trier geboren worden, hatte in Rom eine seiner senatorischen Herkunft entsprechende sorgfältige Ausbildung erhalten und selbst eine Karriere in der Reichsverwaltung begonnen. Als Statthalter Norditaliens mit Amtssitz in Mailand hatte er 374 im Streit um die Nachfolge des Mailänder Bischofs Auxentius lediglich vermitteln wollen – und war in den turbulenten Wirren dabei überraschend selbst zum Bischof ausgerufen worden. Und nun setzte er all seine äußerst scharfen Geistesgaben ein, um die Sache der Kirche zu fördern. Zu einer ersten Peinlichkeit war es allerdings bereits bei seinem Antritt des Bischofsamtes gekommen, als sich nämlich herausstellte, dass er nicht einmal getauft war, was danach hektisch und in aller Heimlichkeit nachgeholt wurde, um einen möglichen Skandal zu verhindern. Zwar war es damals auch unter gläubigen Christen üblich, sich erst auf dem Sterbebett taufen zu lassen (um nach der Taufe nicht mehr sündigen zu können), für einen Priester oder gar Bischof galt das aber natürlich nicht.

In einem seit Jahrzehnten zwischen den Kaisern in Mailand und dem römischen Senat schwelenden Streit, bei dem es um die Wiederaufstellung des einst von Augustus gestifteten heidnischen Victoria-Altars in der Kurie Roms ging (dem bis heute noch vollständig erhaltenen Senatsgebäude auf dem Forum Romanum), hatte gerade Ambrosius die Anträge des Senats natürlich immer wieder erfolgreich sabotiert, was in Rom zu einer zunehmenden Verbitterung geführt hatte, die noch Wirkung zeigen sollte. Bei den konstanten Gegenversuchen des heidnischen Roms, Ambrosius eine antichristliche Bombe vor den Bug zu setzen, kam es dann aber zu einer so peinlichen Panne, dass die im Nachhinein als einer der übelsten Treppenwitze der Religionsgeschichte erscheinen muss. Der Senat hatte nämlich einen jungen und hochbegabten Gelehrten aus Nordafrika aufgetan und ihm listig die wichtige Stellung des kaiserlichen Rhetorikers am Hof zu Mailand verschafft. Nun war man in Rom guter Hoffnung, dass dieser brilliante junge Mann nach entsprechender Instruktion Ambrosius in Schach halten und dessen christlichen Einfluss in Mailand zumindest gehörig zurückdrängen würde. Und der war auch mehr als bereit zu dieser Aufgabe. Dieser junge Afrikaner war nämlich Manichäer, und damit Angehöriger einer spätantiken Religion, die ebenfalls auf massivem Kriegsfuß mit dem Christentum stand, denn gerade der Manichäismus stand unter heftigsten Angriffen christlicher Bischöfe – eben weil er viele Ähnlichkeiten zum Christentum aufwies und sich dadurch zu einer höchst unliebsamen Konkurrenz entwickelt hatte. Leider kam es dann aber ganz anders: Der hoffnungsvolle Nachwuchs geriet unter den Bann des charismatischen Ambrosius, ließ sich nicht nur von ihm bekehren, sondern wurde unter dem Namen Augustinus auch noch zu einem der einflussreichsten Kirchenväter der Geschichte überhaupt (so wie auch Ambrosius).

Auch Kaiser Theodosius war Christ, wenn auch nicht durch Geburt, sondern erst 380 im Alter von 33 Jahren bekehrt, doch er hatte sich bisher durch eine sehr tolerante Politik gegenüber dem Heidentum hervorgetan. Bei ihrer Begegnung in Mailand aber war es Ambrosius gelungen, den Kaiser schwer zu beeindrucken, und nun suchte er nach Möglichkeiten, Theodosius gänzlich unter seinen geistlichen Einfluss zu bekommen. Ambrosius kühner Plan war es immer schon gewesen, den Angriff gegen das Heidentum auf dessen eigentliches Herz zu richten, nämlich auf die elementaren Traditionen und Symbole des Römischen Reiches. Vor allem wollte er deshalb den über ein Jahrtausend alten offiziellen Staatskult und dessen Opferfeiern abschaffen und – wenn möglich – verbieten lassen, und er hoffte, in dem persönlich sehr frommen Kaiser darin ein willfähriges Instrument zu finden.

Die erste Möglichkeit dazu eröffnete sich, als in Callinicum am Euphrat eine Horde fanatischer Mönche – aufgestachelt durch ihren Bischof – eine Synagoge demoliert hatte, was eine eindeutig kriminelle Tat war, denn das Judentum stand unter ausdrücklichem Schutz des römischen Gesetzes. Im Gegensatz zum Mittelalter rekrutierten sich damalige Mönchsgemeinschaften aus den sozial untersten Schichten, die von ihren Bischöfen gezielt als fanatisierte Schlägerbanden eingesetzt wurden und die genauso menschenverachtend und ohne Rücksicht auf das eigene Leben vorgingen wie heutige Islamisten. So zerschlug eine derartige Horde 362 in der phrygischen Stadt Merus (in Kleinasien) die Statuen in einem von Kaiser Julian neu eröffneten heidnischen Tempel in der Hoffnung, dadurch zu Märtyrern zu werden, ein Ziel, das sie innerhalb weniger Minuten danach zuverlässig erreichten. Theodosius entschied somit nach den Ausschreitungen in Callinicum auch weise, dass der Bischof den Wiederaufbau der Synagoge aus eigener Tasche zu bezahlen hatte, was für den eine üble und gänzlich unerwartete Überraschung war. Als Ambrosius aber davon erfuhr, protestierte er beim Kaiser gegen dessen Entscheidung und forderte, dass das Judentum genausowenig durch das Gesetz geschützt sein sollte wie christliche Häretiker. Als Theodosius darauf mit einem langen Sündenregister gerade dieser Mönchsgemeinde konterte, bauschte Ambrosius die Geschichte öffentlich auf und verkündete theatralisch, dass er die Verabreichung aller Sakramente verweigern würde, bis Theodosius seine Entscheidung zurückgenommen hätte.

Das war gegenüber einem römischen Kaiser ein gefährliches Spiel, aber Ambrosius war ein gewiefter Demagoge, zudem umgeben von fanatischen Anhängern in seinem Mailand, die Theodosius als frommer Katholik nicht so einfach verdammen konnte. Dennoch verblüffte es die Öffentlichkeit, dass der Kaiser schließlich nachgab, denn dergleichen hatte es zuvor noch nie gegeben. Auch frühere Kaiser seit Konstantin mochten privat überzeugte Christen gewesen sein, aber sie hatten nie vergessen, dass sie an erster Stelle römische Kaiser waren. Auf Bischöfe hörten sie nicht mehr als auf ihre anderen Berater, und wenn sie sich von ihnen taufen ließen, dann für gewöhnlich erst auf dem Sterbebett. Aber noch nie hatte sich ein Kaiser von Bischöfen beherrschen lassen. Nun schien Theodosius die erste Ausnahme von dieser Regel darzustellen.

Zu einer weitaus schlimmeren Geschichte kam es im griechischen Saloniki im Vorfeld eines Wagenrennens, die man als Formel 1 der Antike bezeichnen kann: ein hochprofessionelles Business mit mächtigen Funktionären und Wagenlenkern, die umjubelte Superstars waren. So gilt z.B. der römische Wagenlenker Diocles (104-147 n.Chr.) bis heute als bestbezahlter Sportler aller Zeiten, der bei seinem Tod ein Vermögen von mehr als umgerechnet zehn Milliarden Euro besaß. Gingen Idole wie er an den Start, strömten bis zu 250.000 Fans in den Circus Maximus Roms (die heutigen Tribünen z.B. am Hockenheimring fassen nur halb so viele Zuschauer). Des Kaisers christliche Goten, die in den Stadtgarnisonen auch Polizeiaufgaben wahrnahmen, hatten nun den beliebtesten Wagenlenker der Stadt verhaftet, weil er eine homosexuelle Vergewaltigung begangen hatte. In Folge dessen konnte er nicht bei den extrem beliebten Wagenrennen am folgenden Tag auftreten. Ihres Idols beraubt, entlud sich der Ärger des Pöbels in wilden Randalen, die die ganze Stadt erfassten. Die gotische Garnison wurde gestürmt, der Verhaftete gewaltsam befreit und zahlreiche germanische Soldaten und Offiziere brutal ermordet und ihre verstümmelten Körper durch die Straßen geschleift. Als Theodosius davon erfuhr, explodierte er vor Zorn und ließ der neuen Besatzung der Stadt sofort einen Geheimbefehl übermitteln: Als die Wagenrennen einige Tage später erneut stattfanden, verbarrikadierten die Goten auf ein Zeichen hin von außen alle Tore und schlachteten gnadenlos 7000 schreiende Zuschauer ungeachtet ihres Alters und Geschlechts ab. Zwar muss man antiken Zahlenangaben gegenüber – vor allem, wenn es um feindliche Heere und erschlagene Feinde geht – immer eine gewisse Vorsicht walten lassen, aber angesichts der Tatsache, dass das Stadion mehr als 100.000 Menschen fasste, scheint die Zahl nicht sonderlich übertrieben.

Seit Menschengedenken hatte keine römische Stadt dergleichen erlebt. So etwas richteten höchstens brutale Eroberer in feindlichen Städten an, und gerade für die heidnischen Römer und Griechen setzte es die christlichen Germanen in genau dieses Licht, was im griechischen und später byzantinischen Kulturbereich auf Jahrhunderte für eine generell „antigermanische“ Stimmung sorgte, die diplomatisch erst durch Karl den Großen wieder behutsam entschärft werden konnte. Der moralische Schock im gesamten Reich über dieses Vorgehen war auch deshalb umso größer, weil Theodosius eigentlich als sehr humaner und milder Herrscher bekannt war. Zwar hatte sich sein Zornesausbrauch schnell wieder gelegt, und er hatte eiligst einen Widerruf seines Befehls nach Saloniki geschickt, der die Garnison jedoch nicht mehr rechtzeitig erreichte, aber nun konnte er die Toten nicht wieder zum Leben erwecken, wie er selbst reumütig bekannte. Theodosius wurde dabei aber nicht nur von moralischen Schuldgefühlen geplagt, sondern viel mehr noch von der Angst ewiger Verdammnis durch Gott.

Das war die große Stunde des Ambrosius, der genau wusste, wie er den Kaiser nun psychologisch in die Zange zu nehmen hatte, und diesmal war sein Vorgehen subtil und meisterlich. Zunächst drohte er ihm die Exkommunikation an. Theodosius hatte keine Wahl, als um Vergebung zu bitten und öffentlich Buße zu tun. Nachdem er sich entsprechend gedemütigt hatte, legte Ambrosius ihm in ausgeklügelter Taktik dar, dass es nur eine Möglichkeit gebe, seine Seele zu retten, und das sei der entschlossene Kampf gegen Ketzerei und Heidentum. Als Folge dessen beendete Theodosius seine bis dahin erfolgreiche und tolerante Religionspolitik und erließ im Frühjahr 391 ein radikales Gesetz, in dem nicht nur jede öffentliche und private Opferhandlung, sondern auch der Zugang zu allen heidnischen Tempeln und Heiligtümern verboten wurde. Dem folgten schnell drei weitere, noch drastischere Gesetze, die darauf abzielten, jeden Rest heidnischer Riten, Sitten und Gesten endgültig auszumerzen. In ihrem Generalangriff auf die gesamte römische Alltagskultur waren die Gesetze so weitreichend und vernichtend, als würde heute ein atheistisches und totalitäres Regime Ostereier, Geburtstagsfeiern, Weihnachtsgeschenke, Neujahrsgrußkarten und selbst so alltägliche Sitten wie Trinksprüche zu Verbrechen erklären.

„Wahrscheinlich ist es nicht unmöglich, aber bestimmt sehr schwierig, größere Beispiele für Intoleranz und Fanatismus zu finden, als den Geist, der aus diesen neuen Gesetzen sprach. Sie legen es nicht nur auf Abschaffung jeglicher heidnischer Symbolik an, sondern dämonisieren sie darüber hinaus auch noch, und zwar bis hin zu den einfachsten und häuslichsten Bräuchen. Das erste Gesetz z.B. bestimmt, ‚dass kein Mensch sich mehr den Heiligtümern nähern, die Tempel betreten oder Bildnisse verehren darf, die von menschlicher Hand geschaffen sind‘. Personen von Rang hatten bei Zuwiderhandlung 15 Pfund Gold Strafe zu zahlen. Das ist die staatliche Übernahme der Mosaischen Sichtweise der ‚Bilderverehrung‘, dass diese Abbilder nämlich Fetische seien, die um ihrer selbst willen angebetet würden. Dabei war jedem Gebildeten klar, auch intelligenten Christen wie Ausonius oder Petronius Probus, die ebenso oft die heidnischen Heiligtümer aufsuchten, dass Heiden nicht die Statuen selbst verehrten, sondern sie lediglich als Symbole der Gottheiten ansahen. Die edlen Traditionen und Mythen des hellenistischen Polytheismus, das gemeinsame Erbe der klassischen Antike, wurden nun gesetzlich von dem primitiveren hebräischen Rundumschlag gegen die ‚gotteslästerlichen Götzen‘ ihrer alten Stammesfeinde ausgelöscht. Dies war das Christentum der Mönche und des Pöbels, das nun seinen sprachlichen Ausdruck in einem Reichsgesetz gefunden hatte, das nicht von nüchterner Politik oder wünschenswerten religiösen Zielen, sondern ausschließlich von der Angst des Herrschers vor persönlicher Verdammnis bestimmt war“.

(Williams, S. 120, deutsche Übers. vom Verf.)

Diese Gesetzgebung zeichnete sich – abgesehen von ihrer Dreistigkeit – vor allem durch eine extreme Realitätsfremdheit aus. Zwar war das Christentum zur wichtigsten Einzelreligion des Reiches geworden, verglichen mit den Anhängern aller nichtchristlichen bzw. heidnischen Religionen im Reich insgesamt aber waren Christen immer noch erheblich in der Minderheit, wie man heute weiß. Die christlichen Gemeinden konzentrierten sich vor allem im Einzugsbereich der wenigen Großstädte Rom, Karthago, Konstantinopel, Athen und Alexandria sowie in ein paar kleinen Provinzstädten der südlichen Iberischen Halbinsel und des westlichen Kleinasiens. Größere Verbreitung auch abseits der Städte hatte das Christentum bisher lediglich in Syrien, Palästina und vor allem Ägypten gefunden. Im ländlichen Italien, in Nordafrika, weiten Teilen Griechenlands, dem Balkan und dem gesamten Norden des Reiches dürfte es – wenn überhaupt – nur sehr vereinzelt Christen gegeben haben. Insofern war dieses Signal aus Konstantinopel ein ungeheuerlicher Schock für ganz Italien und das römische Westeuropa, wo alle vornehmen Familien, die gesamte Aristokratie, die Politiker und die Landbevölkerung alle noch überzeugte Heiden und gänzlich unberührt vom Christentum des Stadtpöbels und dem der verschiedenen germanischen Völker waren, die Rom immer heftiger bedrängten. Vor allem aber brachte das alle Politiker in große Schwierigkeiten, denn sie mussten diese Gesetze, denen sie selbst völlig ablehnend gegenüberstanden, nun öffentlich verkünden und durchsetzen. Vor allem Flavianus, Vorsitzender des Senats von Rom, als Präfekt Italiens höchster Politiker des Landes und glühender Heide, war von diesen hasserfüllten Gesetzen in größtem Maße angeekelt, verletzt und aufs höchste alarmiert. Zu diesem religionspolitischen Schlag ins Gesicht kam zusätzlich noch die persönliche Demütigung, dass man ausgerechnet von ihm nun auch noch die Durchsetzung dieser Gesetze erwartete und er ein Handlanger bei nichts Geringerem sein sollte als der völligen Vernichtung seiner eigenen Religion und der seiner Ahnen.

Es ist unklar, wie konsequent die Gesetze in der Praxis durchgeführt und angewandt wurden – wohl je nach Gegend mehr oder weniger bis hin zu gar nicht, denn deren Durchsetzung oblag allein den örtlichen Präfekten und Magistraten, die durchweg selbst ausnahmslos stockheidnisch und somit dabei mehr als nur zögerlich waren. Allerdings dürften sie in einigen Gegenden von eifernden Bischöfen und deren fanatisierten Anhängern zum Handeln gezwungen worden sein. Und zumindest die offiziellen Staatskulte und Opferfeiern in Rom, die ein Jahrtausend lang die Sicherheit der Stadt gewährleistet hatten, mussten nun eingestellt werden. Das war ein bitterer Schlag für die Aristokratie Italiens, die kurz zuvor noch ihr ganzes Vertrauen auf die tolerante Religionspolitik des Kaisers gesetzt und zuversichtlich eine Wiedererstarkung des Heidentums angestrebt hatte. Aber der Schock blieb nicht auf Italien beschränkt. In den Teilen des Reiches, wo Christen einen nennenswerten Bevölkerungsanteil darstellten (also nur in Ägypten, Palästina und Syrien), entlud sich der Konflikt in Randalen und Schlägereien zwischen christlichen und heidnischen Parteien. Tempel wurden demoliert und zerstört, und es kam dabei nicht selten zu Blutvergießen. Vor allem die Zerstörung des Serapeums im ägyptischen Alexandria, eines der berühmtesten Heiligtümer der antiken Welt, wurde von blutigen Unruhen begleitet. Die allerdings wurden wiederum dadurch ausgelöst, dass sich eine heidnische Fraktion darin verschanzt hatte, die alle (auch zufällig) vorbeikommende Christen angriff und zusammenschlug.

Aber warum konnte das Heidentum darauf nicht mit einem ähnlich organisierten Widerstand antworten, wie es die Christen unter den drastischen Verfolgungen durch Diokletian getan hatten? Bereits eine solche Fragestellung verrät geistiges Befangensein in christlichen Denkmustern, da sie das Wesen des Heidentums völlig verkennt. Das Heidentum war kein organisiertes oder auch nur ansatzweise zusammenhängendes Gebilde. Darin unterschied es sich grundsätzlich vom Christentum. Zum einen bestand es aus einer Unzahl ganz verschiedener Kulte, aus denen durch Verschmelzung wiederum konstant neue hervorgingen, und deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass sie „nichtchristlich“ waren, die sonst aber wenig miteinander zu tun hatten. Zum anderen – und das ist entscheidender – war ihre innere Natur eine gänzlich andere (wobei es im Folgenden nur um das hellenistisch-römische Heidentum geht, nicht um die aus dem Orient importierten Religionen und Mysterienkulte). Das bezog sich vor allem auch auf das Wesen des Priestertums:

„Die Römer haben immer gewollt, dass dieselben Leute die Gottesverehrung wahrnehmen, die auch den Staat lenken, damit die angesehensten und berühmtesten Bürger einerseits durch gutes Regieren des Gemeinwesens die Gottesverehrung in all ihren Formen bewahren und andererseits durch weise Anwendung der Kultvorschriften das Gemeinwesen sichern.“

(Cicero: De domo sua 1)

Dieser republikanischen Formulierung liegt die alte Vorstellung zu Grunde, dass der König bzw. Stammesführer seines besonderen „Heils“ wegen als wirkmächtigstes Bindeglied zwischen oben und unten zu vermitteln hatte. Da Könige aber nicht dauernd und überall gleichzeitig im Lande die nötigen Zeremonien abhalten konnten, entstand das Priestertum ursprünglich als reine Stellvertreterfunktion. Im republikanischen Rom gab es keinen Herrscher. Da die Gottesverehrung aber staatstragend war, wurden auch hier die Priesterkollegien ausschließlich aus den Reihen hoher und verdienter Senatoren besetzt. Das änderte sich auch nicht, als mit Augustus ab 27 v.d.Z. Der Wechsel zum Prinzipat erfolgte. Zwar ging nun uralten Vorstellungen gemäß der Titel des Pontifex maximus (wörtlich: großer Brückenbauer) auf den Kaiser als obersten religiösen Repräsentanten über, das trotzdem immer noch notwendige Priesterkollegium war aber nach wie vor ausschließlich für religio zuständig – und wurde deshalb auch weiterhin ausschließlich mit Politikern besetzt. Dieser Begriff – religio – war nämlich strikt auf die offiziellen Staatskulte beschränkt, deren umfangreiche Durchführungsvorschriften aus erschreckend komplizierten und penibel einzuhaltenden Riten bestanden (zu denen später noch der Kaiserkult hinzukam), die auf die Sicherung göttlichen Wohlwollens für die Stadt Rom und das gesamte Gemeinwesen des Reiches zielten, wobei es theoretisch für deren Wirksamkeit unmaßgeblich war, ob sie von einem Gläubigen oder einem Atheisten vollzogen wurden. Dass Letzteres im Norden genauso war, lässt sich aus dem Beispiel des Freyrsgoden Hrafnkel in der gleichnamigen Saga ersehen, der nach seiner schmachvollen Entmachtung und seiner daraus resultierenden Hinwendung zum Atheismus später trotzdem in einem anderen Bezirk Islands wieder Gode wurde, worin weder er noch seine Umwelt ein Problem sahen, da es sich um ein rein politisches bzw. weltliches Amt handelte, zu dessen Pflichten gerade deshalb (!) u.a. eben auch der Vollzug der Opferhandlungen für das Gemeinwesen gehörte. Für das Kultpersonal der antiken Tempel, Heiligtümer und Orakel gab es eine genau differenzierende Reihe von Bezeichnungen, das genaue Gegenstück eines christlichen Priesters aber befand sich nicht darunter, und wenn in römischen Quellen vereinzelt „Priester“ bei den Germanen erwähnt werden, sollte man sehr gezielt hinschauen, welcher dieser Begriffe dafür im lateinischen Original verwendet wird und was dessen römische Entsprechung genau bedeutet. Der Begriff religio jedenfalls beschränkte sich ausschließlich auf die Staatskulte und auf die im gesamten indoeuropäischen Raum nachweisbare und als Notwendigkeit empfundene Identität zwischen Kultgemeinschaft und Bürgergemeinde, wobei diese Gottesverehrung als öffentliche Staatsbürgerpflicht, nicht aber als persönliche Hingabe des einzelnen angesehen wurde. Das soll nicht heißen, dass dahinter kein echter Glaube gestanden hätte, denn sonst hätte die notwendige Identifizierung mit dem Staatswesen nicht funktionieren können, aber der davon gänzlich abgetrennte Bereich der privaten Frömmigkeit wurde im Lateinischen mit zwei ganz anderen Ausdrücken bezeichnet, die in ihrer damaligen Bedeutung wenig mit ihren heutigen romanischen Entsprechungen zu tun hatten: pietas, was u.a. die so wichtige Verehrung der Ahnen, Hausgeister (Laren) usw. bezeichnete, sowie superstitio, was die individuelle „Religion“ im heutigen Wortsinn, also die private Kultzugehörigkeit definierte, die auf ganz andere Gottheiten gerichtet sein konnte als der Staatskult und nicht das Geringste mit diesem zu tun haben musste.

Eine solche Trennung musste dem Christentum unverständlich bleiben, und auch viele heutige Heiden sind unbewusst noch so christlich geprägt, dass sie diesen wichtigen Punkt verkennen oder völlig übersehen, denn Form, Funktion und Selbstverständnis gerade des Priestertums waren im Christentum ein gänzlich anderes. Kein Wunder, denn das war natürlich durch den Einfluss jener Gegenden und Kulturen geprägt, in denen das Christentum entstanden war und seine frühesten Wurzeln hatte: Palästina, Syrien und Ägypten, wo es tatsächlich eine alte Tradition machtvoller Priesterkasten mit Ausschließlichkeitsanspruch für Opfer, Gottesdienst und Zugang zum „Allerheiligsten“ des Tempels gab, die dem Christentum als Vorbild dienten. Ein christlicher Priester bzw. Bischof war somit der allein maßgebende und monarchische Leiter der Gemeinde, alleinberechtigter Mittler zwischen Gott und den Menschen, verantwortlich für die „richtige Lehre“, Ordnung, Einheit und Erziehung sowie betraut mit der Aufsicht über das bewegliche und unbewegliche Eigentum der Gemeinde. Im hellenistisch-römischen Heidentum dagegen gab es keinerlei kirchliche Organisation, keine priesterliche Autorität über die Gläubigen, keine dogmatischen Vorgaben oder gar „heilige Schriften“, keine Erörterung fundamentaler Glaubensfragen und keine mit den christlichen Gepflogenheiten vergleichbare Unterscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“ (was sich z.B. in den mit unterschiedlichen Inhalten frei erzählbaren Mythen äußerte). Im Grunde ist der Begriff „Religion“ nach heutigem Verständnis dafür wahrscheinlich sogar völlig verfehlt, denn Heidentum war eher mit Kulturverständnis schlechthin gleichzusetzen. Heiden dürften generell Schwierigkeiten gehabt haben, die christliche Sichtweise einer priesterlichen Autorität und Dogmatik, die über den reinen Staatskult hinausging, überhaupt zu begreifen. Heidentum war traditionelle Gesellschaftsauffassung, seine Wurzeln waren uralt, kultureller Art, betrafen Sitten und Umgangsformen, und seine Stärke lag in der Anpassungsfähigkeit, mit der neue Gottheiten – einschließlich Christus – gesellschaftlich und religiös problemlos integriert werden konnten. Hätte im Heidentum jemand katechetische Glaubensvorschriften verkündet, selbst wenn sie auf allseits bekannten Mythen basiert hätten, oder ein Abweichen davon als Irrlehre gebrandmarkt, hätte er sich zum allgemeinen Gespött gemacht.

Genau das aber hatte das Christentum bereits geschafft. Dort hatte man nämlich unter dem ätzenden Spott des Heidentums in Form der dauernd stattfindenden Konzilien/Synoden (beide Begriffe bedeuten „Zusammenkunft“) einen priesterlichen Bischofsrat eingerichtet (dem etliche Zeit später auch noch in Person des Papstes ein Vorsitzender auf Lebenszeit vorstehen sollte), ein Gremium, das auf eine für die monotheistischen Religionen so wichtige priesterliche Vorherrschaft über die Gläubigen aus war, denen die „heilige“ Schrift und Lehre natürlich „ausgelegt“ und „erklärt“ werden mussten, eine für heidnisches Verständnis ungeheuerliche Anmaßung.

Entscheidend für das Fehlen eines heidnischen Widerstandes war aber auch, dass die maßgeblichen heidnischen Kreise eben nicht so reagieren konnten, wie der christliche Pöbel, dem die Zugehörigkeit zu seinem christlichen Neuverständnis des Begriffs „Religion“ stets wichtiger als seine Staatsbürgerschaft und sein politisches Bekenntnis zum Staat gewesen waren, denn für Christen galt ab nun das Ambrosius-Wort: „Nichts ist wichtiger als die Religion, nichts steht höher als der Glaube“ (Brief 17,12). Für einen vornehmen Heiden war sein traditionelles Heidentum aber nicht von seinem gesellschaftlichen Selbstverständnis, seiner Familienehre und der seiner Vorfahren zu trennen. Und genau deshalb konnte er sich auch nicht guten Gewissens gegen konstitutionell erlassenes römisches Recht stellen, so wenig ihm das Gesetz selbst auch gefallen mochte. Dazu kam, dass auch Heiden in höchsten Staatsämtern auf lange Sicht machtlos gegen die christlichen Übergriffe auf heidnische Heiligtümer waren, da die Bischöfe, die ihre Mönche und das Volk aufhetzten, genau wussten, dass sie mit Theodosius’ Gesetzgebung im Rücken handelten. Dennoch: Diese neuen Gesetze waren eindeutig einen Schritt zu weit gegangen. Und während Ambrosius in Mailand im höchstem Himmel schwebte und seinen Gott und den Kaiser in ekstatischen Gedichten pries, brütete in Rom unter Leitung des ehrenwerten Flavianus der Senat finster vor sich hin, was man diesem Unheil entgegensetzen könnte.

Arbogast schien auf den ersten Blick weit weg von all diesen Geschehnissen zu sein und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nichts über seine künftige eigene Rolle in den kommenden Ereignissen. Zusammen mit dem jungen Kaiser Valentinian und dessen Hofstaat residierte er abwechselnd in Trier und Vienne und genoss im gesamten Reich höchste Wertschätzung als großartiger und vertrauenswürdiger Oberbefehlshaber des weströmischen Heeres. Von dort aus schützte er zuverlässig die Nordwestgrenze des Reiches gegen die konstanten Versuche germanischer Raubzüge, wobei vor allem die Franken unter Sunno und Marcomer durch Raubzüge in linksrheinisches Gebiet unangenehm auffielen. Die Franken waren damals bereits ein Verband verschiedener Stämme: Brukterer, Chamaven, Ampsivarier und Chatten werden als den Franken zugehörig erwähnt, was eine Ausdehnung ihres Gebietes vom Siegerland bis zur heutigen niederländischen Grenze nahelegt. Die beiden höchsten Militärs Arbogasts am Rhein – Charietto (dem Namen nach ebenfalls ein Germane) und Syrus – vermochten von Köln aus die Franken zwar halbwegs in Schach zu halten, zu einem entscheidenden Sieg aber reichte es nicht, so sehr auch Arbogast von Trier aus darauf drängte, sondern man begnügte sich immer wieder mit der Erneuerung lauwarmer Abmachungen, wobei man sich gleichzeitig keinen Illusionen darüber hingab, dass solche Vereinbarungen nur bis zur nächsten für die Franken günstigen Gelegenheit halten würden. Diese unbefriedigende Situation ließ Arbogast beschließen, die Sache nun selbst in die Hand zu nehmen. Er zog nach Köln, traf alle Vorbereitungen für einen Feldzug und ließ gleichzeitig auch die alten Festungsanlagen der Stadt sowie andere offizielle Gebäude wieder instandsetzen. Quelle für seine Bautätigkeit ist u.a. eine Inschrift, die dadurch überlebt hat, dass sie 1517 als Baumaterial am Chor von St. Peter in Köln mit eingemauert wurde (heute im Römisch-Germanischen Museum der Stadt).

Arbogast kannte nicht nur das Land selbst bestens (er war schließlich dort geboren und aufgewachsen), sondern ebenso die Kampf- und Denkweise seiner fränkischen Stammesgenossen. Deshalb tat er etwas für die Antike Unerhörtes, auf das kein anderer römischer Kommandant verfallen wäre: Er wartete mit seinem Feldzug, bis es tiefster Winter war. Erst als klirrender Frost eingesetzt hatte, überquerte er mit seinen Truppen auf dem frühesten Vorläufer der heutigen Deutzer Brücke den Rhein, besetzte als letzter römischer Kommandant der Geschichte das Ostufer und stieß dann flussabwärts in das Gebiet der Franken vor. Der Zeitpunkt war bewusst deshalb gewählt, weil nicht nur die Sümpfe und Moore, die wegen ihrer taktischen Einbeziehung durch Germanen im Kampf schon manch römischer Streitmacht zum Verhängnis geworden waren, nun gefroren und sicher begehbar waren, sondern vor allem, weil die zu dieser Jahreszeit laublosen und deshalb weithin durchsichtigen Waldgebiete den Franken kaum eine Möglichkeit für Verstecke und Hinterhalte größeren Ausmaßes boten. Die Quelle erwähnt hier ein seltsames Detail, dass Arbogast dieses Unternehmen nämlich mit „heidnischem Hass“ angegangen sei. Die Berichte über Arbogasts Auseinandersetung mit den Franken entstammen dem Historiker Alexander Sulpicius aus dem 5. Jahrhundert, dessen Werk uns aber leider nur in Zitaten durch Gregor von Tours (538-594) in dessen Historia Francorum überliefert ist. Möglicherweise ist diese Bemerkung also lediglich Zeichen religiöser Abschätzigkeit aus dem Mund eines Christen (obwohl wir nicht wissen, welcher Religion Sulpicius angehörte). Viel wahrscheinlicher aber ist, dass Arbogast hier tatsächlich aufgebrochen war, um grimmig eine alte Rechnung zu begleichen: Vor zehn Jahren hatten Sunno und Marcomir einen jungen und tapferen Krieger aus seiner Heimat vertrieben und ihn damit auf immer von seiner Familie, seiner Sippe, seinen Freunden und seinem Zuhause abgeschnitten. Nun war er auf einmal wieder da, und zwar als Oberbefehlshaber der größten und schlagkräftigsten Armee der Welt, und die dummen Gesichter von Sunno und Marcomer, als sie erstmals begriffen, wer ihnen da als Gegner gegenüberstand, dürften sehenswert gewesen sein. Aber die Franken waren klug genug, das einzig Richtige zu tun: Arbogast traf ausschließlich auf verlassene Siedlungen und entvölkerte Gegenden und bekam keinen einzigen Menschen zu Gesicht. Die fränkischen Stämme waren komplett mit Kind und Kegel geflohen und wichen ihm im Folgenden aus, wo immer sie konnten, was angesichts der auf den Höfen im Stich gelassenen Wintervorräte und der daraus resultierenden schwierigen Versorgungslage ebenfalls eine logistische Meisterleistung gewesen sein dürfte (wenn dieses von Arbogast sicherlich ebenfalls taktisch eingeplante Problem denn gelöst wurde, was wir nicht wissen). Lediglich auf den Kämmen weit entfernter Hügel zeigten sich zuweilen Marcomer und einige fränkische Reiter, die Arbogasts Truppen aus sicherer Entfernung nicht aus den Augen ließen. Arbogast kehrte schließlich entnervt und unverrichteter Dinge nach Köln zurück. Aber im Jahr darauf scheint sein Plan bei einem erneuten Versuch aufgegangen zu sein. Sulpicius’ Nachricht darüber ist äußerst spärlich, legt aber nahe, dass es Arbogast diesmal gelungen sein muss, die Franken so zu überraschen, dass er alle Bedingungen diktieren konnte. Es muss ein sehr persönlicher Triumph für Arbogast gewesen sein. Aber gleichzeitig scheint er vorausschauend genug gewesen zu sein, den Gegner nicht zu demütigen. Er erneuerte vielmehr mit Sunno und Marcomer – beide inzwischen wahrscheinlich ziemlich kleinlaut geworden – nicht nur ihre alten Bündnisversprechen dem Reich gegenüber, sondern scheint sie in germanischer Manier auch noch auf sich persönlich eingeschworen zu haben: Wenn Arbogast sie je benötigen sollte, hatten die beiden Franken und ihre Krieger ihm militärisch beizustehen. Und er dürfte keinen Zweifel daran gelassen haben, dass ab nun jeder weitere Bruch dieser Vereinbarungen im wörtlichsten Sinne vernichtende Folgen für die fränkischen Stämme haben würde. Der Ruf Arbogasts scheint ausgereicht zu haben, dass die Franken sich künftig buchstäblich daran hielten. Dennoch waren sie mit dieser Abmachung als einzigem Preis für die Geschichte erstaunlich gut weggekommen, und die späteren Ereignisse lassen vermuten, dass man sich dabei nicht nur in Frieden, sondern sogar in Freundschaft trennte. Und laut Sulpicius verfuhr Arbogast kurz darauf in genau derselben Weise mit den (damals noch sehr viel nördlicher lebenden) Alemannen.

Inzwischen hatte aber auch Arbogast sein ganz eigenes Problem, und das war der junge Kaiser Valentinian selbst. Der Knabe war inzwischen 20 Jahre alt und begierig auf eigenen Schlachtenruhm und Regierungsmacht. Arbogast wusste, dass das nur in einer Katastrophe enden konnte und hielt deshalb den jungen Kaiser nur noch umso kürzer. Als Valentinian auf Flehen des Ambrosius begeistert gegen in Pannonien (dem heutigen Ungarn) eingefallene heidnische Steppenkrieger ziehen wollte, verbot ihm Arbogast das schlichtweg und verkündete stattdessen öffentlich, er selbst werde das in die Hand nehmen, woraufhin sich die Invasoren sofort in Panik zurückzogen und um Frieden baten. Aber Valentinian hatte seine demütigende Rolle inzwischen begriffen und wurde in seinem goldenen Käfig zunehmend aufmüpfiger. Und dieses Problem scheint Arbogast falsch angegangen zu sein. Solche Prinzlein müssen konstant unterhalten werden, man muss ihnen schmeicheln und man muss sie irgend etwas machen lassen, wobei sie keinen Schaden anrichten können, wodurch sie sich aber bestätigt und wichtig fühlen. Um ein solch delikates und höfisches Problem elegant zu lösen, war Arbogast aber wohl zu sehr germanischer Krieger, und seine einzige Reaktion scheint gewesen zu sein, Valentinian noch mehr Beschränkungen aufzuerlegen, obwohl ihm klar gewesen sein muss, dass es in seinem eigenen Interesse gelegen hätte, den Jungen möglichst gutwillig zu stimmen, um mit ihm auskommen und ihn lenken zu können. Nun begann Valentinian, flehentliche und theatralische Briefe mit der Bitte um Hilfe an Ambrosius und Theodosius zu schicken. Keiner von beiden antwortete, Theodosius ganz klar deshalb nicht, weil er das alles schließlich genau so geplant hatte und Arbogasts Handeln genau seinem Auftrag entsprach.

Der folgende Vorfall mag ein bezeichnendes Licht auf Arbogasts Gesinnung bezüglich Korruption werfen: Als Harmonius, ein Mitglied des Hofes und enger Freund Valentinians, der Bestechlichkeit überführt war, zog Arbogast fassungslos vor Empörung sein Schwert, um kurzen Prozess mit ihm zu machen. Harmonius rannte, so schnell er konnte, und die gesamte Dienerschaft konnte erschreckt mitansehen, wie Arbogast ihn mit gezücktem Schwert einmal durch den gesamten Palast und zurück jagte, wo der völlig Verängstigte im Thronsaal nun hoffnungsvoll Schutz unter dem Mantel seines Kaisers suchte (eine Geste, die für heiliges Asyl stand). Das aber störte Arbogast wenig, und unter den Augen des entsetzten Valentinian und der übrigen Anwesenden zerrte er Harmonius hervor und hieb ihn offensichtlich so drastisch in Stücke, dass auch der junge Kaiser und alle Umstehenden danach völlig blutgetränkt waren.

Nach diesem unschönen Zwischenfall war jeder Rest von Vertrauen zwischen den beiden endgültig dahin, und damit auch die Möglichkeit einer Machtteilung, die es Valentinian erlaubt hätte, zumindest offiziell und in der Öffentlichkeit die Kaiserwürde zu repräsentieren, ohne gleich das gesamte Arrangement zu ruinieren. Wenige Tage später überreichte Valentinian vom Thron herab Arbogast sein Entlassungsschreiben. Arbogast las es in aller Ruhe, warf es dann achtlos zu Boden und sagte: „Du hast mir mein Amt nicht gegeben, also kannst du mich auch nicht entlassen“. Sprach’s und verließ unbewegt den Thronsaal. Dies war nicht lediglich die stolze Reaktion eines germanischen Kriegers, sondern das entsprach völlig den Tatsachen, denn de facto war Arbogast ausschließlich Theodosius gegenüber Gehorsam schuldig. Aber nicht einmal Theodosius hätte ihn so einfach entlassen können, da er vom Heer in sein Amt gewählt, nicht aber vom Kaiser ernannt worden war. Diese erneute Konfrontation in aller Öffentlichkeit aber war so demütigend für Valentinian und er fand Arbogasts Druck inzwischen so unerträglich, dass er daraufhin nachweislich in tiefe Depression verfiel. Er erkannte nun das ganze Ausmaß seiner Situation und muss sich wie ein Gefangener vorgekommen sein. Gegen Arbogasts Persönlichkeit kam er nicht an, er besaß keinerlei Macht und – schlimmer noch – auch keine politischen Freunde mehr. Das muss ihn zu einem verzweifelten Entschluss bewogen haben: Einige Tage später, im Mai 392, fand man ihn erhängt in seinen Gemächern.

Arbogast verkündete, es sei Selbstmord gewesen. Die öffentliche Meinung war gespalten. Entweder folgte man Arbogasts Version oder man verdächtigte ihn, Valentinian umgebracht zu haben. Und bis heute sind sich die Historiker in dieser Frage nicht völlig einig, was den Vorfall möglicherweise zu einem der ungeklärten Mordfälle der Geschichte macht. Die Quellen selbst sind zu widersprüchlich und beweisen lediglich, dass die genauen Umstände des Todes Valentinians auch schon für die damaligen Zeitgenossen undurchsichtig waren: Die zeitlich am nächsten liegende Quelle (Rufinus) gibt klar zu, dass niemand genau wusste, was an diesem schicksalhaften Tag in Vienne wirklich passiert war, und dass es auch keine Möglichkeit gab, die widersprüchlichen Gerüchte zu beweisen oder zu widerlegen. Alle anderen Berichte darüber wurden viel später geschrieben und sind schlichtweg wilde Räuberpistolen mit sensationslüsternen und eindeutig erfundenen Details. Sehr aufschlussreich aber ist, dass sogar Ambrosius die Mordtheorie ausschloss – und der hätte wenig Anlass gehabt, den heidnischen Franken Arbogast in Schutz zu nehmen. Das Hauptargument zu Gunsten Arbogasts ist aber, dass er einfach kein glaubwürdiges Motiv für einen Mord gehabt hätte. Er war nicht nur uneingeschränkter Herrscher des Westreiches, sondern sein Einflussbereich umfasste inzwischen auch Italien, und all das mit vollem Einverständnis Theodosius’. Als gebürtiger Nichtrömer konnte er selbst nie Kaiser werden, und das wusste er, und deshalb hätte selbst ein natürlicher Tod Valentinians niemals in Arbogasts Interesse sein können. Zwar war der junge Kaiser am Ende nur noch schwer oder gar nicht mehr lenkbar, aber dennoch lag alle Macht unangreifbar in Arbogasts Händen. Selbst wenn er Valentinian als Gefangenen gehalten hätte, wäre das immer noch besser als sein Tod gewesen, denn wie immer man sich ein neues Arrangement nach Valentinians Tod auch vorstellen könnte, es hätte in keinem Fall günstiger für Arbogast ausfallen können, als es zuvor gewesen war.

Es ist unklar, was Theodosius darüber dachte, als die Neuigkeiten Konstantinopel endlich erreichten. Er scheint skeptisch gewesen zu sein. Aber die Version der Ereignisse kann auf dem langen Weg nach Osten natürlich auch leicht verzerrt oder verändert worden sein. Tatsache jedenfalls ist, dass er fatalerweise über Monate keine Reaktion äußerte, möglicherweise, weil er zu unsicher war, was er davon halten sollte. Im Licht der folgenden Ereignisse ist dieses lange Schweigen aus Konstantinopel dennoch mehr als befremdlich. Eine andere mögliche Erklärung dafür könnte die Tatsache sein, dass der Kaiser sich genau zu diesem Zeitpunkt mit Intrigen und Machtkämpfen gefährlichsten Ausmaßes an seinem eigenen Hof konfrontiert sah (deren Details für unsere Geschichte ohne Belang sind), deren erfolgreiche Niederschlagung all seine Aufmerksamkeit, Kraft und politischen Fähigkeiten erforderte. Dennoch macht Theodosius’ fehlende Reaktion klar, dass er nicht übermäßig beunruhigt gewesen sein dürfte, Arbogast auch weiterhin völlig freie Hand zu lassen, denn wenn er der Mordtheorie geglaubt hätte, dann hätte er das zwangsläufig als Rebellion ansehen müssen und mit Sicherheit energischer reagiert.

Arbogast hingegen beteuerte weiterhin öffentlich seine Unschuld und Treue. Offenbar ging er davon aus, dass Theodosius nun seinen ältesten Sohn Arcadius zum neuen Kaiser des Westreiches krönen würde, denn Arbogast ließ auf Münzprägungen schon länger auch ihn ehren. Als jedoch trotz konstanter Anfragen nach Konstantinopel nach wie vor keine Reaktion von Theodosius kam, muss bei Arbogast der Eindruck entstanden sein, seine Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Kaiser seien blockiert oder abgeschnitten, was ihm völlig unerklärlich gewesen sein muss. Das aber brachte Arbogast in eine unhaltbare Situation: Als Herrscher des Westreiches und Oberkommandierender des Heeres musste er die Regierungsgeschäfte und das Funktionieren des Staatsapparates aufrechterhalten, durfte sich gleichzeitig aber nicht den geringsten Anschein geben, er würde sich selbst kaiserliche Autorität anmaßen. So konnte er z.B. keine Gesetze oder Anordnungen in seinem eigenen Namen erlassen, sondern nur im Namen des rechtmäßigen Kaisers. Aber Valentinian war tot, und trotz seiner dringenden Anfragen nach Konstantinopel kam von dort keinerlei Anordnung, ja nicht einmal das kleinste Signal. In klarer Erkenntnis dessen, dass er seine eigene Autorität nicht unbegrenzt ausdehnen konnte, entschloss sich Arbogast vier lange Monate später notgedrungen zu dem naheliegendsten Schritt: Ende August 392 krönte er in Lyon einen Mann namens Eugenius zum neuen Kaiser für das Westreich.

Dieser Eugenius erscheint auf den ersten Blick als völlig seltsame Wahl. Er war ein zweitrangiger Verwaltungsbeamter, der als Lehrer für Grammatik und Rhetorik zwar den Bildungshintergrund der klassischen Antike, aber nichts von der Konsuls- oder Präfektenwürde z.B. eines Senators besaß. Arbogast kannte ihn vom Hofe Valentinians, wo er Chefsekretär des jungen Kaisers gewesen war. Seine Ausrufung zum Kaiser sollte der Öffentlichkeit aber wahrscheinlich zwei Dinge signalisieren: erstens, dass Arbogast nach wie vor an den Schaltstellen der Macht saß, alles im Griff hatte und in Eugenius einen nichtmilitärischen Partner vorzuweisen hatte, und zweitens, dass diese neue Regierung kein Putsch eines größenwahnsinnigen germanischen Generals war, sondern rechtmäßig, römisch und zivilisiert, und somit die Unterstützung des Senats und der Aristokratie verdiente. Sein Vorgehen konnte auch nicht als Hochverrat gedeutet werden, da es im Westen ja keinen Kaiser mehr gab. Eugenius war zwar nominell Christ, aber anders als der alte Demagoge in Mailand von extrem moderater und toleranter Art, und deshalb gut geeignet, auch potentielle heidnische Unterstützer nicht zu verschrecken. Da Arbogast selbst bekanntermaßen kein Christ war, hatte er Eugenius wohl auch klug unter dem Aspekt ausgewählt, dass dessen Christentum als beruhigendes Signal an Theodosius und vor allem Ambrosius dienen sollte. Arbogast und Ambrosius kannten sich gut aus den gemeinsamen Tagen am Hof zu Mailand. Und Arbogast hatte ihn immer respektiert, denn als Heide hatte er kein Problem damit, Christus als weiteren Gott zu akzeptieren und dessen Priester als möglicherweise machtvolle Helfer, wenn es nötig sein sollte.

Eugenius sandte nun sofort eine Gesandtschaft mit friedlichen und brüderlichen Grüßen an Theodosius. Mindestens zwei weitere diplomatische Delegationen folgten, von denen eine sogar ausschließlich aus christlichen Geistlichen bestand. Sie alle sollten mögliche Missverständnisse und Irrtümer klären und um Anerkennung und Freundschaft bitten. Und alle waren im Namen des Eugenius, ohne dass Arbogast dabei erwähnt wurde. Keine dieser Delegationen erhielt eine klare Antwort. Sie wurden empfangen, Geschenke und höfliche Floskeln wurden ausgetauscht, und sie wurden wieder entlassen, ohne ihr eigentliches Ziel erreicht zu haben. Aber selbst jetzt noch erkannte man auf der Münzprägung im Westen, die nun offiziell von Eugenius ausgegeben wurde, Theodosius als Kaiser an, und in der westlichen Titulatur teilte Eugenius sich bereitwillig die Konsulschaft für das neue Jahr 393 mit Theodosius, von dem nach wie vor kein klares Wort oder gar eine Anweisung an Arbogast zu vernehmen war. Stattdessen tauchten nun aber plötzlich oströmische Münzen auf, auf denen Theodosius die Konsulschaft für das neue Jahr mit seinem General Abundatius teilte. Schon das war kein gutes Zeichen. Dann aber, im Januar 393, erfolgte endlich ein klares Signal, als Theodosius seinen jüngsten Sohn Honorius zum Kaiser des Westreiches ernannte. Dadurch wurde Eugenius zum unrechtmäßigen Usurpator und Rebellen gestempelt. Nun endlich war die Botschaft zumindest eindeutig, aber sie muss ein unerwarteter Schock für Arbogast und Eugenius gewesen sein.

Im Frühling 393 war der Bruch zwischen Trier und Konstantinopel endgültig, und im April zogen Arbogast und Eugenius in Italien ein. Von den wichtigeren politischen Gestalten fand es nur Ambrosius auf einmal klug, Mailand eiligst zu verlassen und sich auf dem Land in der Nähe von Bologna zu verstecken. Diese Flucht ist verschiedentlich als Angst vor dem neuen Regime oder gar vor dem Heidentum Arbogasts selbst gedeutet worden. Das aber ist völliger Unsinn. Schließlich kannten sich die beiden seit Jahren und niemand hätte Ambrosius behelligt, der zudem – das muss man ihm zubilligen – schon in ganz anderen Fällen entsprechende Zivilcourage bewiesen hatte. Sein Motiv scheint eher gewesen zu sein, jeden Kontakt mit dem neuen Regime zu vermeiden, um nicht zwischen die sich nun abzeichnenden politischen Fronten zu geraten.

Und ab dann nahmen die Ereignisse in Italien eine überraschende und gänzlich unerwartete Wendung: Obwohl Eugenius die heidnischen Staatskulte nicht wieder offiziell aus Mitteln der öffentlichen Hand finanzierte, ließ er das nötige Geld dafür doch sofort aus anderen Kanälen fließen, das er Flavianus, dem Senat und anderen prominenten Heiden direkt zukommen ließ, was nichts anderes als eine reine Geldwäsche war, die durch private Hände lief. Genauso wurde mit den konfiszierten Tempelschätzen verfahren. Sie gingen als „private Geschenke des Kaisers“ an die entsprechenden Senatoren, die sie sofort wieder ihrer alten Bestimmung zuführten, was verdächtig nach langer Planung und genauer Absprache riecht. Viele weitere Zugeständnisse an das Heidentum folgten umgehend. Ebenfalls umgehend erfolgte die Bestätigung des ehrenwerten Flavianus als Präfekt Italiens, und das war der letzte Auslöser dafür, dass das, was nach außen hin lediglich wie eine traditionelle Tolerierung des Heidentums durch Eugenius aussah, nun zu einer Wiedererweckung führte, die erstaunliche Ausmaße annahm. Als spiritueller Führer der heidnischen Sache war Flavianus’ Verhältnis zu Theodosius, dem er einige Jahre zuvor noch ein literarisches Werk gewidmet hatte, inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Obwohl das Heidentum seiner Natur nach nie militant oder politisch war, wurde es nun erstmals dazu getrieben, dem Kaiser aktiv zu trotzen und zum zentralen Thema eines Aufstandes zu werden, der seine Symbole aus der Welt der alten Götter entlehnte.

Unter der energischen Führung von Flavianus wurden nun mit dem gewaschenen Geld von Arbogast und Eugenius heidnische Projekte finanziert: Die Tempel wurden renoviert und neu geweiht, alle Feste wieder pünktlich gefeiert, alle Staatskulte und offizielle Opferfeiern korrekt durchgeführt und die Mysterienkulte neu ins Leben gerufen. Flavianus selbst war Initiant der Kulte von Vesta, Sol, Mithras, Hecate, Isis und Serapis. Zusätzlich rief er die Kulte Iuppiters, Saturns, Mercurs, Vulcans, Ceres’ und Proserpinas ins Leben zurück. Sein gleichnamiger Sohn wurde zum Präfekten Roms ernannt und wiedereröffnete den Tempel der Venus und den der Flora. In Ostia – der Hafenstadt Roms – wurde der Herkulestempel wiederaufgebaut, dessen Bau- und Weiheinschriften uns wertvolle Informationen über diese aufregenden Vorgänge liefern. Gebäude, in denen Säulen ehemaliger Tempel verbaut waren, wurden niedergerissen, um die heiligen Säulen zu „befreien“ und sie wieder an ihre alten heiligen Stätten zurückzuführen. Insgesamt aber – das muss betont werden – war die Politik die einer religiöser Toleranz in bester römischer Tradition, wenn auch mit starker Förderung des Heidentums. Dennoch reagierte das Stadtvolk wie gewohnt: „Wessen Brot ich ess’, dessen Lied ich sing“, und es kam zu einer einzigartigen Rückflutbewegung, in der nun auch viele Christen Roms zur Altgläubigkeit zurückkehrten. Die römische Tradition regelmäßiger Widmungs- und Zueignungsgeschenke besann sich nun wieder auf heidnische Inhalte: für sozial Gleichgestellte die sorgfältig gearbeiteten Elfenbein-Diptychons mit den Darstellungen der Götter, für größere Verbreitung, auch für die Besucher der Spiele, entstanden zahlreiche münzenähnliche Medaillons, auf denen heidnische Kaiser, Gottheiten, Helden und die klassische Mythologie allgemein gefeiert wurden, und die durch viele archäologische Funde bekannt sind (und diese in der Numismatik als Kontorniaten bekannten Medaillons waren den Fachleuten lange Zeit ein Rätsel – erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts erkannte man ihre historischen Zusammenhänge). Durch diese und weitere intensive Öffentlichkeitsarbeit wurde das neue Regime – also Arbogast und Eugenius – im Reich völlig mit der „senatorischen Sache“ identifiziert, die ihrerseits in der Öffentlichkeit wiederum ausschließlich mit dem Heidentum gleichgesetzt wurde.

Diese Neuigkeiten aus Rom müssen Theodosius nicht schlecht überrascht haben, und er dürfte seinen Ohren kaum getraut haben. Auch Ambrosius war fassungslos. So hatte er die Dinge nicht geplant, seine Taktik schien nach hinten loszugehen, und von seinem Aufenthaltsort bei Bologna aus begann er einen vorwurfsvollen Klagebrief an Eugenius zu verfassen, der uns im vollen Wortlaut überliefert ist. Was war überhaupt mit dem Papst? Nun, ein Papst existierte im 4. Jahrhundert überhaupt noch nicht. Zwar gab es bereits einen Bischof in Rom, nur hatte das Amt zu jener Zeit nicht einmal ansatzweise jene Machtfülle und Autorität, die ihm weit später einmal zukommen sollte. In den Tagen Arbogasts bekleidete ein Mann namens Siricius dieses Amt, aber wir haben keine Quelle dafür, dass er sich zu den Vorgängen in irgendeiner Form geäußert hätte. Siricius’ Vorgänger Damasius wiederum hatte erstmals dreist eine kirchliche Vorrangstellung Roms gefordert, aber nicht etwa der Bedeutung und altehrwürdigen Geschichte der Stadt wegen, sondern mit dem Argument, dass hier Petrus und Paulus den Märtyrertod erlitten hatten und mit Verweis auf Petrus als legendären „ersten Bischof“ Roms und auf Matth. 16,18 („Du bist Petrus, und auf diesem Fels will ich meine Kirche bauen“). So begann eine Theorie der bischöflichen Vorherrschaft Roms, die aber erst lange später Wirkung zeigen sollte und die auch unter dem Klerus des Westens nicht unumstritten blieb. Die Beschränkung auf die Anrede papa (Vater), die vorher allen Bischöfen zukam, und ihre Funktion als Titel für den Bischof von Rom setzte sich erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts durch. In den Tagen Arbogasts aber hatte die Kirche es nach langen inneren Kämpfen gerade erst geschafft, halbwegs zu einer Einheit zu finden, wofür außer Ambrosius vor allem der fanatische ägyptische Bischof Athanasius zweifelhaftes Verdienst beanspruchen konnte, den man praktisch den „Erfinder des Katholizismus“ nennen kann. Aber es gab z.B. noch keine verbindliche Liturgie, die Form des Gottesdienstes folgte völlig eigenem Gutdünken jedes Priesters oder Bischofs, und erst recht waren die großen „Häresien“ wie die der Arianer, Donatisten, Pelagianer, Priscillianer u.v.a. noch keineswegs besiegt und sollten es auf lange Zeit auch nicht werden. Zwar gab es also bereits ein gut organisiertes und zusammenhängendes kirchliches Netzwerk, aber die Kirche hatte noch alle Hände voll zu tun, das zu festigen und zu sichern, und die letzte Idee, die sie zu diesem Zeitpunkt gehabt haben könnte, wäre somit eine organisierte Mission außerhalb des Reiches gewesen.

Komisch nur, dass viele germanische Völker zu diesem Zeitpunkt schon lange Christen waren bzw. es in der unmittelbar darauf folgenden Zeit wurden (Ost- und Westgoten, Wandalen, Burgunder, Sueben usw.). So hatte bereits 325 am Konzil von Nicaea ein gotischer Bischof teilgenommen – lange vor dem Wirken des angeblich eigentlichen Gotenbekehrers Wulfila. Das sollte man bedenken, wenn man dauernd mit dem Zerrbild vom „bösen Rom, dem Papst und der Kirche, die gewaltsam die armen Germanen zum Christentum gezwungen hätten“ konfrontiert wird, eine antikatholische Propagandaerfindung der Reformation, die nicht die geringste Bestätigung in den Quellen findet. Genau das Gegenteil war der Fall, denn die germanischen Völker nahmen ja ausnahmslos das arianische Bekenntnis an, das von „Rom“ schon lange zuvor zur Ketzerei erklärt worden war und von der katholischen Kirche aufs heftigste bekämpft wurde (der Arianismus lehnte die Wesensgleichheit Jesu mit dem göttlichen Vater ab). „Rom“ und die katholische Kirche hatte mit dieser Bekehrung also nicht das Geringste zu tun. Keiner der antiken Kirchenschriftsteller weiß auch etwas darüber zu berichten, deshalb sind uns mangels eigener germanischer Schriftquellen Ursprung und Ausbreitungsprozess dieser Arianisierung der Germanen nach wie vor ein Rätsel, da es sich um ein rein innergermanisches (und wohl weitgehend friedliches) Phänomen gehandelt hat. Die erst mehr als 200 Jahre später nach Ende der Völkerwanderungszeit erneut beginnende Mission des heutigen Süddeutschlands ging ebenfalls nicht von „Rom“ aus, sondern erfolgte äußerst friedlich durch irische und britische Wandermönche, die ebenfalls nur wenig bis gar nichts mit „Rom“ und dem Papsttum zu tun hatten und hinter denen keinerlei weltliche Macht stand. Gewaltsame Bekehrung der Germanen hat es nur in zwei sehr viel späteren Fällen gegeben: durch Karl bei den Sachsen und durch die zwei Olafs in Norwegen, also nur durch germanische Könige, was forschungsgeschichtlich auch nie strittig war. Alles andere ist erneute Geschichtsverdrehung aus den dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte, die leider auch in vielen heutigen Köpfen immer noch willige Aufnahme und unkritische Weiterverbreitung findet. Da zu dieser Zeit aber die vielfach bereits christlichen germanischen Völker an allen Ecken und Enden gegen das Reich drängten, könnte man sogar überspitzt sagen, dass der Fall genau andersherum lag: Ihr Christentum war es, das nun das noch sein Heidentum verteidigendes Rom bedrohte, nicht umgekehrt.

Die heidnischen Feiern und Festlichkeiten in Rom erreichten ihren Höhepunkt im Frühling 394, aktiv geleitet von einem begeisterten und glücklichen Flavianus, der in diesen Tagen überall gleichzeitig anzutreffen war. Im März beging die Stadt ein rauschendes Fest zu Ehren des Attis, kurz darauf das der Cybele, deren heilige Statue auf einem von Löwen gezogenen Wagen in Rom einzog, auf dem Flavianus unter dem Jubel der Bevölkerung selbst die silbernen Zügel führte. Darauf folgten das Fest der Flora und die aufwändigen Megalensischen Spiele. Prozessionen zu Ehren der Magna Mater und der Isis wurden in den Straßen Roms wieder zu einem alltäglichen Anblick. Die goldenen Tage der Stadt schienen zurückgekehrt zu sein, und die Menschen waren darüber begeistert. Es war, als sei die gesamte Stadt von einem Rausch ergriffen. In der Tat war es lange Zeit her, seit Rom solch prächtige religiöse Spektakel gesehen hatte.

All das wirft natürlich unzählige Fragen zur Rolle Arbogasts dabei auf. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Eugenius nur sein kaiserliches Aushängeschild war und Arbogast selbst alle politischen Fäden zog – wie in all den Jahren zuvor auch. Wie bereitwillig Eugenius seine nicht ungefährliche Stellung angenommen hatte, wissen wir nicht. Zumindest eine Quelle (Zosimus) berichtet, er habe sich heftig dagegen gesträubt. Aber wahrscheinlich war das alles eine Nummer zu groß für ihn, und er hatte völlig den Boden unter den Füßen verloren. Möglicherweise hatte er überhaupt keine Wahl, aber Arbogast schützte ihn, vertraute ihm offenbar völlig, und somit waren die beiden nun in ein gemeinsames Schicksal eingebunden. Den Quellen nach scheinen sie nicht nur ein sehr gutes Team abgegeben zu haben, sondern auch enge Freunde gewesen zu sein. Das hat spätere Historiker der Antike den Verdacht äußern lassen, die beiden hätten sich noch zu Lebzeiten Valentinians verschworen, die kaiserliche Macht an sich zu reißen. Aber wenn Arbogast den Tod Valentinians im Voraus geplant hätte, dann hätte er mit Sicherheit auch einen passenden Kandidaten zur Hand gehabt, um ihn sofort zu ersetzen. Das aber war eben nicht der Fall. Man muss es nochmals betonen: Arbogast wartete vier Monate lang auf Anweisungen aus Konstantinopel, fragte immer wieder nach und bereitete nachweislich (durch seine Münzprägung) die Öffentlichkeit bereits auf die Erhebung von Theodosius’ Sohn Arcadius vor, und erst als seine eigene Situation des andauernden Schweigens aus Konstantinopel wegen immer unhaltbarer geworden war, ergriff er schließlich die Initiative. Das ergibt nur Sinn, wenn Valentinians Tod tatsächlich plötzlich und unerwartet kam und vor allem, wenn es Suizid war, und ist ein weiteres Argument dafür, dass Arbogast nicht in dessen Tod verwickelt war.

Natürlich gibt es bei all dem viele Details und Hintergründe, die sich auf immer unserer Kenntnis entziehen werden. Aber es scheint klar, dass Arbogast und Eugenius keine Rebellion planten oder sich als Usurpatoren fühlten – zumindest nicht zu Beginn. Liefen die Dinge an irgendeinem Punkt einfach aus dem Ruder? Die politischen Konstellationen, die hier zusammenflossen, sind klar erkennbar: In Rom brüteten Flavianus und der Senat immer noch finster über eine Rettung des Heidentums und einen möglichen Widerstand gegen Theodosius’ elende Religionsgesetze nach, die ihnen nichts von ihrem traditionellen Symbolismus, ihrem römischen Selbstverständnis und ihrer Identität ließen. Im klaren Bewusstsein, dass Arbogast germanischer Heide war und gleichzeitig als militärisch unbesiegbar galt, schien ihnen das Regime von Arbogast und Eugenius wie ein Geschenk der Götter und als Lösung ihrer Probleme. Kein Wunder, dass sie begierig nach diesem Geschenk griffen.

Auf der anderen Seite brauchten Arbogast und Eugenius die Unterstützung des Senats und gingen deshalb ihrerseits bereitwillig auf dessen Wünsche ein, wenn auch in der Öffentlichkeit mit Blick auf Konstantinopel zunächst eher vorsichtig. Ein Detail aber verdient dabei besondere Beachtung: Als sie mit ihrer Geldwäscherei und sofortigen Rückgabe alles Tempeleigentums den heidnischen Staatskult wiederbelebten und vor allem, als sie Flavianus als Präfekt Italiens bestätigten, der weithin als geistiger Führer der heidnischen Sache bekannt war, müssen sie genau gewusst haben, was sie taten. Spätestens in diesem Moment, als sie die heidenfeindlichen Gesetze des Kaisers öffentlich in den Dreck traten, machten sie sich endgültig zu Rebellen. Das eröffnet natürlich sofort die Frage, ob Arbogast selbst religiöse Motive bewegten. Gab es vielleicht schon lange zuvor eine heidnische Verschwörung zwischen Arbogast und Flavianus, und Eugenius diente als Vermittler zwischen ihnen? Jeglicher Hinweis darauf fehlt, aber als germanischer Heide war Arbogast schließlich selbst von diesen Gesetzen betroffen (auch wenn ihm in seiner Stellung niemand mit deren Anwendung hätte kommen dürfen), und er muss davon genauso angeekelt gewesen sein wie Flavianus und die Römer. Deshalb kann man nicht ausschließen, dass das zumindest ein Motiv unter vielen anderen für seine Entscheidung gewesen sein mag, nun sein und Eugenius’ Schicksal mit dem von Flavianus, des Senats und der heidnischen Sache Roms zu verschmelzen. Trotz des langen Schweigens aus Konstantinopel hätte Arbogast auf der sicheren Seite der Geschehnisse bleiben können – wenn das denn wirklich seine Hauptsorge gewesen wäre. Aber das tat er nicht. Und auch wenn wir die genauen Gründe dafür leider nie mehr erfahren werden, neigen doch etliche Historiker ebenfalls der Theorie zu, dass nur Abscheu gegenüber Theodosius’ christlicher Intoleranz der entscheidende Auslöser seiner Entscheidung gewesen sein kann, denn andere Erklärungen wären schwer zu finden.

In dieser unseligen Situation zwischen Ost und West, die immer mehr auf einen Krieg zusteuerte, ist es unmöglich zu übersehen, dass Theodosius’ Interesse für das Westreich wenig ausgeprägt gewesen sein muss, was auch deshalb erstaunt, weil er der (iberokeltischen) Aristokratie Spaniens entstammte und dort auch aufgewachsen war. Auch wenn es einige Indizien dafür gibt, dass am Hof in Konstantinopel die Version vom Mord an Valentinian verbreitet wurde, kann Theodosius unmöglich geglaubt haben, dass Arbogast, den er doch so gut kannte, selbst nach der Kaiserwürde strebte. War er in den Wochen nach Valentinians Tod vielleicht völlig ratlos oder falsch beraten und sah dann die Kaiserproklamation des Eugenius als unwiderrufliche Herausforderung seiner eigenen Dynastie an? Eines ist sicher: Das Allerletzte, was Theodosius sich hätte wünschen können, war ein völlig unkalkulierbarer und extrem kostspieliger Bürgerkrieg zwischen Ost und West, wenn er sich irgendwie vermeiden ließ. Und all unsere Quellen lassen eindeutig erkennen, dass ein solcher Krieg problemlos hätte vermieden werden können, zumindest für die nähere Zukunft. Oder war Ambrosius, der alte Demagoge aus Mailand, wieder zu seiner alten Form aufgelaufen und spann nun wieder sein manipulatives Netz um den Kaiser?

Im Frühjahr 394 rüsteten sich jedenfalls beide Seiten zum Krieg. Arbogast zog seine gesamten Truppen zusammen, auch Kontingente aus Gallien und Germanien. Er sandte Nachricht an Sunno und Marcomer, die am Niederrhein sofort sammeln ließen und kurz darauf mit ihrem heidnischen fränkischen Heer aufbrachen. Sie standen zu ihrem Treueschwur. Auch die Alemannen brachen auf, denn sie waren Arbogast ebenso verpflichtet. So bewegten sich also eine große Zahl heidnischer Krieger nach Süden, um Arbogast und dem Kampf Roms beizustehen.

Die Armee der Gegenseite bestand ebenfalls hauptsächlich aus Germanen, vor allem den christlichen Westgoten, immer noch unter Führung ihres Königs Alarich. Auch Kontingente der damals wahrscheinlich ebenfalls bereits christlichen Wandalen unter Stilicho dürfen angenommen werden. Darüber hinaus bildeten Alanen, Griechen und Hunnen die weitere ethnische Zusammensetzung des Ostheeres.

Da das Heidentum in Rom wieder so offen gefeiert wurde, sah Theodosius die Auseinandersetzung als „Heiligen Krieg“ an und zog nun auch seinerseits alle Register christlicher Techniken. Da wurde gefastet, gebetet und eine Prozession nach der anderen durchgeführt, um den heidnischen Festen des Flavianus in Rom möglichst viel entgegensetzen zu können. Theodosius selbst suchte den Rat des frommen Einsiedlers Johannes von Lycopolis, der seit 50 Jahren in einer entlegenen Bergklause hauste und für seine seherischen Fähigkeiten bekannt war. Dessen Prophezeiung lautete, dass Theodosius nach großem Blutvergießen zwar siegreich sein, er aber in Italien sterben würde. Wir wissen nicht, wie der Kaiser diesen zweischneidigen Spruch aufnahm, aber kurz danach traf ihn ein weit schlimmerer Schicksalsschlag: An dem Abend, der dem Beginn seines Kriegszugs vorausging, starb seine junge Frau Galla bei der Geburt ihres Kindes, und auch das Neugeborene überlebte nicht. Für einen solch warmherzigen Familienmenschen, wie uns Theodosius in allen Quellen beschrieben wird, muss das wahrlich eine vernichtende persönliche Katastrophe gewesen sein. Aber er folgte der alten homerischen Regel, gönnte sich einen Tag der Trauer und zog am nächsten Tag an der Spitze seines Heeres in den Krieg.

Inzwischen waren alle europäischen Truppenkontingente Arbogasts in Norditalien eingetroffen, die er – mit Eugenius stets an seiner Seite – in der Ebene um Mailand zusammengezogen hatte. Dort stieß nun auch Flavianus zu ihnen, der eifrigst alle Orakel befragt und höchstpersönlich die Eingeweideschau durchgeführt hatte, für die er als Experte bekannt war. Alle Vorzeichen hatten sich als günstig und siegbringend erwiesen. Die heidnische Moral wurde vor allem durch die Veröffentlichung eines alten griechischen Orakelspruches gehoben, dem zufolge „das Christentum nur so viele Jahre Bestand habe, wie das Jahr Tage hat“. Da man damals die Kreuzigung auf das Jahr 29 festgelegt hatte, erbrachte die Weiterzählung von 365 Jahren genau das gegenwärtige Datum, was eindeutig das Ende des Christentums zu signalisieren schien. Man war höchst optimistisch, und die Heeresleitung verabschiedete sich mit Flavianus’ Androhung, dass nach siegreicher Rückkehr der Armee alle Mönche in die Legionen eingezogen und alle Kirchen als Ställe für die Pferde der Kavallerie dienen würden. Dann – mit Arbogast, Eugenius und Flavianus an der Spitze – brach das Heer von Mailand aus nach Norden auf. Ihnen voran wurden die Standarten von Jupiter, Herkules und den alten Göttern getragen, und vor unseren Augen könnte nun das pathetische Bild entstehen, wie die Trommeln den Marschrhythmus vorgaben und die Kriegstrompeten stimmungsvoll das Szenario unterlegten, als das letzte heidnische Heer der klassischen Antike – Römer, Germanen, Gallier, Hispanier und andere – seinen schicksalhaften Marsch in den Krieg begann, um das altehrwürdige Rom gegen das Christentum zu verteidigen. Dass dieses romantisch verklärte Bild zumindest etwas einseitig wäre, werden wir später noch sehen.

Schon bald hatte man Aquileia erreicht, wo das Heer seine endgültige Position am Frigidus einnahm, einem Nebenfluss des Isonzo, um die Pforte von Gorizia zu besetzen, einen Alpenpass, der auch heute noch die strategisch verwundbarste Stelle im Nordosten Italiens darstellt. Flavianus ließ Iuppiterstatuen auf den Bergen aufstellen, die das Tal umgaben, und die Blitzstrahlen in den Händen des Gottes waren aus massivem Gold. Dann kehrte Flavianus nach Rom zurück, um die Regierungsgeschäfte weiter zu leiten, während Arbogast und Eugenius auf Theodosius und sein Heer warteten.

In Eilmärschen hatte Theodosius Anfang September den Alpenpass erreicht. Von einem Aussichtspunkt seines Lagers aus schaute er nun auf die Flussebene vor ihm. Dort – vor dem Fluss – erblickte er Arbogasts Heer, strategisch perfekt verteilt, mit starken Befestigungsanlagen an genau den richtigen Stellen – und mit einer alles überragenden Iuppiterstandarte in ihrem Hauptlager. Alle modernen Handbücher über Kriegführung betonen, dass ein Pass gegen feindliche Kräfte sehr viel besser zu halten ist, wenn man den Ausgang statt des Eingangs blockiert. Und Arbogast war unseres Wissens nach der erste Feldherr der Geschichte, der diese Taktik hier einsetzte. Seine Truppen hatten auch schon die kritischen Höhenpunkte des Passausgangs besetzt, sodass Theodosius mit seinem Heer in dem Pass festsaß und keinerlei Raum für Flankenbewegungen oder überhaupt für irgendeine strategische Angriffsplanung hatte. Deshalb blieb ihm keine andere Wahl, als am Nachmittag des 5. September 394 den Befehl zu einem Frontalangriff aus dem Pass heraus zu geben, der von seinen christlichen Westgoten geführt wurde. Es kam zu einem furchtbaren Kampf und Gemetzel, aber die Angreifer vermochten Arbogasts Linien nicht zu durchbrechen, und als die Westgoten sich bei Einbruch der Dunkelheit zurückziehen mussten, hatten 10.000 ihrer Krieger den Tag mit ihrem Leben bezahlt, was für großes Entsetzen im Heer des Theodosius sorgte.

Eugenius sah die Schlacht sogar schon als gewonnen an, war voller Freude, und seine Stimmung sprang auch auf Arbogasts Truppen über. Eugenius verteilte bereits Geschenke an die Soldaten, und die germanischen Kontingente hoben die Hörner auf den Sieg. Aber Arbogast war zu erfahren, um ihre Stimmung zu teilen. Stattdessen ließ er einen seiner Truppenführer namens Arbitio rufen und befahl ihm, mit einer starken Abteilung des Heeres Theodosius in der Nacht über die Berge zu umgehen, um ihn am nächsten Morgen auch noch vom hinteren Ende des Passes aus fassen zu können.

Im Lager des Theodosius – so wird uns berichtet – war man der Verzweiflung nahe. Der Kaiser selbst verbrachte die ganze Nacht auf einem Felsen, für beide Heere deutlich sichtbar, aber zu hoch für feindliche Pfeile und Wurfgeschosse, wo er seinen Gott anrief, der ihn verlassen zu haben schien. Und immer wieder war sein Ruf zu hören: „Wo ist der Gott des Theodosius?“

In der ersten Dämmerung des nächsten Tages hatten Arbitio und seine Truppen das schwierige Umgehungsmanöver tatsächlich erfolgreich ausgeführt. Aber statt Theodosius anzugreifen, signalisierten sie nun dem Gegner, dass sie für eine hohe Summe Geldes bereit seien, zu Theodosius überzulaufen, worauf natürlich sofort bereitwilligst eingegangen wurde. Wir wissen nicht, warum diese Truppen so handelten. War es einfach nur Geldgier? Waren es vielleicht überwiegend Christen, die deshalb desertierten? Oder war es reine Loyalität, weil sie in Theodosius den einzig rechtmäßigen Kaiser sahen? Wie auch immer, nach dieser überraschenden Lösung eines gänzlich unerwarteten Problems beschworen all seine Generäle Theodosius, sich zurückzuziehen, nach Konstantinopel zurückzukehren und den Krieg im kommenden Jahr unter günstigeren Voraussetzungen weiterzuführen. Obwohl dieser Rat unter den gegebenen Umständen mehr als vernünftig war, lehnte Theodosius ihn ab. Später hieß es, er habe in der Nacht eine Vision gehabt, in der ihm der heilige Johannes und der heilige Philipp erschienen seien, die ihm Mut zugesprochen hätten.

Bei Sonnenaufgang konnten Arbogasts Truppen Theodosius immer noch auf seinem Felsen beten sehen, was zumindest bei vielen von Arbogasts abergläubischen Germanen für Unwohlsein sorgte, weil sie glaubten, er würde dort schadenszauberische Rituale vollziehen. Der erneute Angriff des Ostheeres kam völlig überraschend für Arbogasts Truppen, die damit nicht mehr gerechnet, sondern bereits gefeiert hatten und natürlich auch nicht wussten, dass Arbitio mit seinen Truppen übergelaufen war. So gelang es den Westgoten diesmal sogar, einige von Arbogasts Schanzanlagen in Brand zu stecken. Aber Arbogast hatte sein Heer gut im Griff, und nach einem kurzen Moment der Überraschung und Verwirrung standen seine Linien wieder und hielten dem Gegner stand. Lange Zeit tobte die Schlacht wiederum erbittert, ohne dass sich trotz einer abermals immensen Zahl von Gefallenen eine Entscheidung abgezeichnet hätte.

Dann aber kam es zu einem völlig unerwarteten Naturphänomen: In dieser Gegend kann ein meteorologischer Druckeffekt auf die über die Berge ziehende kalte Luft auftreten, der plötztlich und ohne Vorwarnung zu heftigen Wirbelstürmen führen kann, die auch heute noch Lkws in den Graben schleudern und sogar Züge entgleisen lassen können. Unter dem Namen Bora ist das Phänomen allen Einheimischen bekannt, aber die jetzt dort kämpfenden Heere kannten es nicht. Als dieser scheinbar aus dem Nichts kommende Sturm nun über das Schlachtfeld tobte, direkt gegen die Reihen Arbogasts, gegen ihre Schilde presste und Wurfgeschosse in die eigenen Reihen zurücktrug, hielten das viele von Arbogasts Kriegern für ein Resultat von Theodosius’ „Zauberei“ auf seinem Felsen. Gleichzeitig drückte der Sturm die angreifenden Westgoten förmlich über die Reihen Arbogasts, die nun ernstlich in Unordnung gerieten und dann brachen. Arbogasts Truppen gerieten in Panik und flohen oder ergaben sich bereitwillig. Ihr befestigtes Lager wurde gestürmt, Eugenius gefangengenommen und vor Theodosius gebracht. Er bat um Gnade, wurde aber kurzerhand enthauptet, und sein Kopf – aufgespießt auf einer Lanze – ging danach auf eine Wanderausstellung durch die Provinzen, wie es damals das übliche Schicksal erfolgloser Usurpatoren war.

Aber Arbogast selbst war noch nicht geschlagen. Offenbar zusammen mit seiner germanischen Gefolgschaft kämpfte er sich den Weg aus der Schlacht hinaus, eine mit Sicherheit filmreife Aktion, und es gelang ihm tatsächlich, in die Berge zu entkommen, wo er unauffindbar für seine Verfolger in der Wildnis verschwand. Dort muss er intensiv über seine Lage nachgedacht haben – und die sah nicht gut aus. Möglicherweise hätte Theodosius ihn durchaus wieder in Ehren eingesetzt, aber Arbogast war nicht der Mann, um Gnade zu bitten oder sich zu demütigen. So traf er die einzige mit seiner Ehre zu vereinbarende Entscheidung und tötete sich mit seinem eigenen Schwert. Als ihn die gotischen Suchkommandos wenige Tage später fanden, berichteten sie allerdings über zwei blutige Schwerter bei ihm, was dafür sprechen könnte, dass seine engsten Gefolgsleute bis zum Schluss treu an seiner Seite geblieben waren und ihn auch bei seiner letzten Entscheidung nicht im Stich ließen.

Als Flavianus die Neuigkeiten über den Ausgang der Schlacht erfuhr, die eine der größten Schlachten in der Geschichte des Römischen Reiches und eine der blutigsten des gesamten Altertums war, musste auch er sich seiner bittersten Stunde stellen, die einer religiösen Katastrophe gleichgekommen sein muss. Er dürfte ein letztes Mal in den Iuppitertempel gegangen sein und nach Antworten gesucht haben. Danach hatte er kein Bedürfnis mehr, das Ende der heidnischen Sache zu überleben, mit der er sich sein ganzes Leben lang identifiziert hatte, und er folgte Arbogasts Beispiel und stürzte sich nach altrömischer Tradition in sein Schwert, obwohl es in seinem Fall sicher war, dass Theodosius ihm alles vergeben hätte.

Theodosius zog in Italien ein, ohne dass ihm ernstlicher Widerstand entgegenschlug, und er zeigte bemerkenswerte Milde gegenüber allen, die gegen ihn rebelliert hatten. Selbst Flavianus’ gleichnamiger Sohn, als Präfekt Roms einer der Haupttäter und ein genauso hartnäckiger Heide wie sein Vater, blieb völlig unbehelligt. Sogar Ambrosius, der bei Theodosius’ Aufbruch zu dem Kriegszug sofort nach Mailand zurückgekehrt war, empfahl dem Kaiser, Milde gegen ehemalige Gegner zu zeigen, während er gleichzeitig in einem ziemlich schleimigen Brief an den Kaiser seiner Befriedigung darüber Ausdruck verlieh, dass das Reich nunmehr von der „Unmenschlichkeit des barbarischen Räubers und vom Thron des unwürdigen Usurpators“ befreit sei (Brief 61,1). Aber als Theodosius kurze Zeit nach der Schlacht in Mailand eintraf, war er bereits schwer erkrankt und starb dort einige Tage später, wahrscheinlich an Wassersucht. So hatte sich zumindest die Prophezeiung des Johannes von Lycopolis korrekt erfüllt.

Heutige Historiker neigen allerdings dazu, die religiöse Bedeutung der Geschehnisse vorsichtiger einzuschätzen:

„Allem Eifer und allen Orakeln zum Trotz wäre es für Flavianus und seine Kampfgefährten unmöglich gewesen, die Entwicklung des Christentums zu diesem Zeitpunkt noch ernstlich rückgängig zu machen. Dies war deshalb auch kein Versuch einer heidnischen Konterrevolution, sondern lediglich eine trotzige Geste des römischen Adels und seiner traditionellen Werte, der das Glück gehabt hatte, ein politisches Vehikel dafür zu finden. Selbst wenn Arbogasts Heer gewonnen hätte (was um ein Haar der Fall gewesen wäre), hätte man bestenfalls auf eine weitere Tolerierung des Heidentums und die Finanzierung des Staatskultes aus öffentlicher Hand hoffen können (was selbst unter Konstantin gewährleistet war). Das Christentum selbst – und seine inzwischen kirchlichen Strukturen – waren nicht mehr durch Gesetz abzuschaffen, und selbst der heidnischste Kaiser wäre schlecht beraten gewesen, das auch nur zu versuchen. Arbogast, dessen Heer auch viele Christen einschloss, kämpfte um seine Herrschaft und sein politisches Überleben – nicht darum, die Pferde seiner Kavallerie im Taufbecken des Mailänder Doms zu tränken. Da aber beide Seiten so heftig von Vorzeichen und Prophezeiungen beeinflusst waren, war es die Geschichtsschreibung der Sieger in Form christlicher Autoren wie Ambrosius, Paulinus, Rufinus, Augustinus, Theoderet u.a., die dem Konflikt bereitwillig mehr religiöse Bedeutung einräumten, als er möglicherweise verdiente, und diesen Krieg als endgültige und nicht mehr diskutierbare Entscheidung zwischen den alten Göttern und dem neuen Gott darstellten. Somit sind es Berichte aus christlicher Sicht, die die Streitkräfte des Westens als letztes römisches Heer beschreiben, das unter den Standarten der alten Götter in die Schlacht zog.“

(Williams, S. 132, dt. Übers. vom Verf.)

Daran ist aus heutiger Sicht mit Sicherheit viel Wahres. Dennoch muss betont werden, dass die damaligen Zeitgenossen das völlig anders sahen – und das ist es letztlich, was religionsgeschichtlich zählt. Zudem erklärt die zitierte Sichtweise nicht im Geringsten, warum Arbogast als treuester Vasall Theodosius’ plötzlich überhaupt „um seine Herrschaft und sein politisches Überleben“ hätte kämpfen müssen, wenn die Motive seiner Rebellion nicht ebenfalls im religionspolitischen Bereich anzusiedeln waren. Die moralische Wirkung der Schlacht am Frigidus – mit dem wundersamen Eingriff des „göttlichen Windes“ – war der Sache des Christentums aber sehr hilfreich. Beide Seiten hatten diese Schlacht als Wettstreit ihrer jeweiligen Götter gesehen, und die Entscheidung war unwiderruflich. Auch gebildete Heiden gaben zu, dass hier der Gott der Christen selbst eingegriffen hatte, und die christliche Geschichtsschreibung feierte das Ereignis danach natürlich als mächtiges Wunder. Arbogasts und des Senats Politik einer religiösen Toleranz wurde eiligst widerrufen und man versuchte, die antiheidnischen Gesetze erneut zur Anwendung zu bringen – zumindest insoweit, wie das in Italien und dem weströmischen Reich überhaupt möglich war.

Aber die „letzten Römer“ verließen die Bühne der Geschichte nicht, ohne einen endgültigen und gewaltigen Beitrag zu hinterlassen: Die Zeichen der Zeit erkennend hatten Flavianus, seine Verwandten und der große Kreis seiner gebildeten senatorischen Gesinnungsfreunde schon früher in großer Voraussicht begonnen, die großen Klassiker der lateinischen Literatur in sorgfältigen Editionen neu herauszugeben, die bereits in ihren Tagen des Zeitgeschmacks wegen in Vergessenheit zu geraten drohten. Ihnen ist es zu verdanken, dass die großen heidnischen Schriftsteller und die klassische Mythologie auch zur Bildungsgrundlage des 100 Jahre später anbrechenden Mittelalters werden konnten und damit sicher unsere Zeit erreichten, ein oft verkanntes Verdienst, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

„Solange ihr die Götter ehrt, werdet ihr herrschen“. Diese Worte von Horaz bringen das Wesen römischen Heidentums genau auf den Punkt, und die glorreiche Geschichte Roms bestätigt sie. Sie sollten sich nun auch noch als korrekte Prophezeiung erweisen. Die kurze Regierungszeit von Arbogast und Eugenius, die den letzten organisierten heidnischen Widerstand Roms gegen die das Reich überflutenden christlichen Germanen und Konstantinopel markiert, war in mehr als einer Hinsicht das Ende eines Zeitalters. Als Theodosius im Januar 395 starb und seine Söhne Arcadius und Honorius als Herrscher über die zwei Reichshälften einsetzte, zerbrach das Römische Reich endgültig in zwei Teile, wobei das Westreich schnell völlig unterging, das Ostreich aber noch bis 1453 politischen Bestand haben sollte. Und kurz darauf wurde Rom erstmals in der Geschichte eingenommen und geplündert – von Alarich und seinen abermals auf Wanderschaft befindlichen Westgoten, die als fromme Christen alle Priester und Kirchen von ihren Plünderungen und Zerstörungen ausnahmen. Und es war der gleichnamige Sohn des Flavianus, ein ebenso glühender Heide wie sein Vater, der diesmal die Verteidigung Roms organisierte, und während der Belagerung kam es abermals zu einem Auflodern des römischen Heidentums auf breiter Basis. Aber es war zu spät. Die Götter hatten sich endgültig von der Stadt abgewandt.

Dennoch kam es trotz dieses vermeintlichen Todesstoßes gegen das Heidentum keineswegs zu einer Massenbekehrung in Richtung Christentum, wie uns das einige zeitgenössische christliche Chronisten weismachen wollen, sondern dieser Prozess sollte weitere Jahrhunderte andauern, in denen auch spätere römische Kaiser noch dauernd darüber jammern, dass alle antiheidnischen Gesetze keinerlei Wirkung zeigten und sie diese immer wieder verzweifelt erneuern mussten. Wenn Theodosius II., Enkel des Kaisers in unserer Geschichte, 425 stolz verkündete, es gebe in seinem Reich keine Heiden mehr, war dies reines Wunschdenken. Die angebliche „Macht der Kirche“ kann kaum weit gereicht haben, wenn noch hundert Jahre nach den hier berichteten Ereignissen einer Pestepidemie in Rom durch Abhaltung der Lupercalien Einhalt geboten werden sollte, einem archaischen heidnischen Entsühnungsritus, bei dem die Priester nur mit einem Schurz aus Ziegenfell bekleidet mit Lederriemen auf Passanten einschlugen. Selbst zu dieser Zeit gab es mitten in Rom also noch unbehelligte heidnische Kultspezialisten, die diesen Ritus durchführen konnten, und vor allem ein Volk, das danach verlangte. Als es in derselben Zeit in Form des Monophysitismus-Streites zu der bis dahin nachhaltigsten Kirchenspaltung kam, zeigte sich erst recht, dass Bischöfe und Kirchenführung keinerlei „Macht“ besaßen, denn sie waren gegenüber dieser nur vom Gemeindevolk und den Mönchshorden geführten Auseinandersetzung völlig hilflos. In der Oberschicht wurde der Polytheismus traditionell auch weiterhin gepflegt, und keinem politischen Amtsträger erwuchs in all den Jahrhunderten danach ein Nachteil aus diesem Bekenntnis, es stand im Gegenteil höchsten Ehrungen durch die Kaiser nicht im Wege. Der 467 durch den Sueben Ricimer ernannte weströmische Kaiser Anthemius wollte sogar abermals dem Heidentum zum Sieg verhelfen, was aber weder durch den (als Suebe christlich-arianischen) Ricimer noch durch den arianisch weitaus schlimmer eifernden Wandalenkönig Geiserich toleriert wurde (der alle „Ketzer“ – also Katholiken – gnadenlos aus Karthago in die Wüste hinaus treiben ließ), die ihn deshalb in Konspiration mit dem katholisch-römischen Bischof Leo erfolgreich wieder absetzten. Aber noch 472 tauchen auf offiziellen römischen Münzprägungen heidnische Gottheiten auf. Und spätestens als kurz darauf die ebenfalls arianischen Ostgoten die Herrschaft über Italien übernahmen, kam das berühmte Wort Theoderichs des Großen zur Anwendung: „Die Religion können wir nicht befehlen.“ Heute ist klar, dass sich selbst hundert Jahre nach unserer Geschichte noch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung des römischen Reiches zum Christentum bekannte. Selbst hundert weitere Jahre später war die „Macht der Kirche“ im 6. Jahrhundert immer noch zu gering, um den nach wie vor dem Arianismus anhängenden gotischen Gemeinden Konstantinopels trotz christlichster Kaiser vor Ort irgendetwas anhaben zu können, und noch Ende des 6. Jahrhunderts wurde Spanien von arianischen, nicht von katholischen Bischöfen dominiert, obwohl der Arianismus doch schon 300 Jahre zuvor „von der Kirche verboten“ worden war.

Die Gründe dafür waren vielfältig: Bei weitem nicht alle Bischöfe waren solch militante Eiferer wie Athanasius und Ambrosius. So berichtet z.B. Kaiser Julian selbst (Brief 35), dass er in seiner Jugend bei der Durchreise in Ilion (dem alten Troja) die Statue des homerischen Helden Hector auf dem Forum der Stadt frisch gesalbt und mit Opfergaben versehen vorfand, woraufhin er den zuständigen Bischof Pegasius vorsichtig befragte, ob Hector in der christlichen Gemeinde immer noch Opfer erhielte. Der Bischof bejahte das nicht nur sorglos, indem er die Verehrung Hectors mit der der christlichen Märtyrer gleichsetzte, sondern gab auch unumwunden zu, dass er selbst aktiv daran teilnahm. Auch die christlichen Kaiser entsprachen keineswegs der Wunschvorstellung der katholischen Bischöfe. Wenn hier der Eindruck entstanden sein sollte, Theodosius sei von Ambrosius völlig dominiert worden, ist das falsch (die beiden sind sich nur ein einziges Mal persönlich begegnet). Theodosius hat (wie alle späteren Kaiser auch) allein aus Gründen der Staatsräson der katholischen Variante des Christentums den Vorzug gegeben (seine unsägliche Gesetzgebung des Jahres 391 entsprang rein persönlicher Obsession). Im Gegensatz zum heutigen Wortsinn waren kaiserliche Gesetze zudem immer nur von sehr allgemeiner Art, die stets zahlreiche Ausnahmen zuließen, und viele Tempel blieben auch deshalb dem Zugang für alle offen, weil bekannte Statuen berühmter Künstler darin schon damals eine Art „Denkmalschutz“ genossen.

Die Geschichtswissenschaft der letzten 50 Jahre hat so manche der selbstgefälligen Darstellungen antiker Kirchenschriftsteller denn auch endgültig als das entlarvt, was sie waren: als Propaganda, wie sie allen Religionsgemeinschaften zu eigen ist, die sich als wichtiger, siegreicher und mächtiger darzustellen versuchen, als sie es tatsächlich sind, und die ihre Mitgliederzahlen bis heute zu diesem Zweck oft genug verheimlichen oder gar fälschen. Heutzutage kann man sich nur darüber wundern, wie unkritisch angesichts des tatsächlichen Quellenmaterials eine vergangene fromme Geschichtsgläubigkeit der verzerrten Selbstdarstellung der christlichen Apologetiker erlegen ist. Insofern birgt auch der Codex Theodosianus, eine im 5. Jahrhundert erfolgte Zusammenstellung angeblich aller kaiserlichen Gesetze seit Konstantin, inzwischen so manchen Verdachtsfall, so z.B., wenn bereits für 356 (also fast ein halbes Jahrhundert vor den hier beschriebenen Ereignissen) ein angeblich kaiserliches Gesetz erwähnt wird, in dem allen die Todesstrafe angedroht wurde, die Opfer darbrachten oder Bildnisse heidnischer Götter verehrten (Cod.Theod. 16,10,6). Zu jener Zeit hätte man aber genauso gut anordnen können, dass ab nun alle Menschen auf den Händen zu gehen oder sich nur noch in der Vogelsprache zu verständigen hätten. Im Gegensatz zu den späteren Gesetzen des Theodosius zeigte dieses angebliche Gesetz auch weder Reaktion noch Wirkung, was angesichts der o.g. noch viel späteren Realitäten den Verdacht einer nachträglichen frommen Fälschung aufkommen lässt – wie bei so manchen angeblichen Details der frühen Kirchengeschichte.

Auf die meisten heutigen Heiden, von denen wohl manche noch dem Klischee von den „guten heidnischen Germanen“ und den „bösen, dekadenten und christlichen Römern“ anhängen, dürfte unsere Geschichte ungewohnt und verstörend wirken. Und doch hat sie sich genauso zugetragen, was sich etwas überspitzt auf die Formel reduzieren ließe, dass ein germanischer Heide als Oberbefehlshaber der römischen Armee das heidnische Rom gegen das Christentum verteidigte, das der Stadt und dem Land militärisch vor allem durch christliche Germanen aufgezwungen wurde.

Und so sollten wir des eigenartigen Bundes zwischen diesen so unterschiedlichen Männern gedenken, die ihren Weg unbeirrt und in unverbrüchlicher Freundschaft zueinander bis zum bitteren Ende gingen: Eugenius, der Lehrer für Rhetorik, der ganz bestimmt ein ruhigeres Leben vorgezogen hätte, bei dem er sich der Kunst, Philosophie und Literatur hätte widmen können, der sich aber plötzlich in einer Situation wiederfand, die ihn gegen seinen Willen mit sich riss, nominell ein Christ, der letztendlich aber für das Heidentum kämpfte und den höchsten Preis dafür zahlte. Sicherlich kein geborener Krieger – und dennoch auf seine Weise ein Held, der treu zu Arbogast stand.

Und Flavianus, der seinen Göttern unverbrüchlich die Treue hielt, und der in der Erkenntnis, dass die Idee eines Roms, für die er gelebt und gekämpft hatte, zum Untergang verurteilt schien, jeglichen Kompromiss mit der heraufdämmernden neuen Ordnung ablehnte und stattdessen den Tod wählte; der aber bei seinem Tod eine treue aristokratische Gefolgschaft zurückließ, die verlässlich dafür sorgte, dass das kostbarste Erbe der klassischen Antike seine Reise durch die Zeit bis in unsere Tage hinein antreten konnte. Als Verteidiger des Erbes von Rom verdient er somit nicht nur den Titel eines römischen Senators mehr als Tausende anderer vor ihm, sondern mehr noch als dem späteren und schon christlichen Boëthius gebührt ihm wahrlich der Titel des „letzten Römers“.

Und natürlich Arbogast, der von den Göttern gesegnet war und der – wie es scheint – in seiner letzten Schlacht von Wodan verraten wurde. Aber ist diese Sichtweise wirklich berechtigt? Betrachtet man die Gesamtheit der Überlieferungen, wird eher folgendes Bild deutlich: Wenn Wodan einen Helden erwählte, stand er ihm im Kampf zwar oft zur Seite, doch wenn er jemals selbst eine Waffe gegen jemanden richtete, dann nur gegen seinen eigenen Auserwählten, wie es auch in der bekanntesten Parallele bei Sigmundr in der Völsunga Saga zu finden ist. Nach einem triumphalen Heldenleben muss dieser Preis bezahlt werden, erst dadurch vollendet und bestätigt sich der Bund mit diesem Gott, und ein Bestandteil dieses Bundes ist das ewige Weiterleben des Helden in Sagen und Liedern der Nachwelt über ihn. Genau dieses Muster finden wir auch in der Geschichte Arbogasts. Doch die zweifellos entstandenen Lieder über ihn sind verschollen und vergessen, und wie so viele andere auch haben sie unser Zeitalter nicht mehr erreicht. Und auch das war mir Grund und Verpflichtung genug, seine Geschichte hier erstmals erneut zu erzählen. Möge es nicht vergeblich gewesen sein.

Lasst uns also das Horn auf diese drei Männer erheben, wenn beim nächsten Sumbel die Ahnen und Helden geehrt werden, und sie dadurch dem Sturz in die Vergessenheit entreißen. Ich denke, diesen Lohn des Nachruhmes haben sie sich redlich verdient. Und wer kann schon sagen, welche weitreichenden und für uns undurchschaubaren Pläne Iuppiter, Wodanaz, Hercules, Thunaraz, Mars und Teiwaz im Fall dieser entscheidenden Schlacht wirklich geschmiedet hatten – und wie die Nornen, Parzen und Moiren das alles in ihr Schicksalsnetz verwoben?

Literatur

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Erschienen 2006 in Heidnisches Jahrbuch 1 und 2015 in Herdfeuer 41