Die ubischen Matronen und ihr Kult

von Ulrike Pohl

Man kann nicht behaupten, dass die Religionen und Kulte der westgermanischen Stämme weltbekannt sind, aber wenn sich Heiden und Heidinnen aus anderen Ländern überhaupt für kontinentale Phänomene interessieren, dann sind es sehr oft die Matres, die Matronen und ihr Kult.

Allerdings scheint bei genauerem Hinsehen das Wissen über diesen Kult und diejenigen, denen er galt, nicht sehr tief zu sein, zu viele Fragen stellen sich und bleiben auf den ersten Blick offen. Was hat überhaupt ein Kult, der vor rund 1700 Jahren in dieser Form abebbte, uns Heutigen zu sagen und zu bieten?

Daher möchte ich heute einen kurzen Überblick bieten, der die neuere Forschung berücksichtigen soll und sich wesentlichen Fragen nähern will: Waren die Matronen nun keltisch, germanisch oder römisch?  Wo wurden sie verehrt? Was wissen wir über den Ursprung und Ablauf des Kults und über diejenigen, die die Matronen verehrten? Und sind die Matronen nun Ahnengöttinnen oder Fruchtbarkeitsgöttinnen?

Diese Fragen können hier nicht abschließend beantwortet werden, aber wenn dieser Artikel dazu beiträgt, dass ihr dem Thema nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Verstand näherkommt, dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Erscheinung und bildliche Darstellung der Matronenweihesteine

Bevor wir in die Tiefe gehen können, sind einige Vorbemerkungen nötig. Beginnen wir mit einer kurzen zeitlichen Einordnung. Wir gehen zurück in die Jahre vor der Zeitenwende. In unserem Untersuchungsbereich, grob gesagt eine Art Dreieck zwischen Neuss, Bonn und Aachen, lebte ein keltischer Stamm, die Eburonen. Die Eburonen behielten im Zuge des Gallischen Krieges nach einem Angriff auf römische Legionen im Jahre 54 v.d.Z. zunächst die Oberhand, wurden aber dann von Caesar vernichtend geschlagen und in den Jahren 53 – 51 v.d.Z. tatsächlich vernichtet, es überlebte nur ein kleiner Rest. Ihr Stammesgebiet war weitgehend leer und wurde von Caesar quasi zur Plünderung freigegeben, bis Caesars Statthalter Agrippa um 38 v.d.Z. bzw. um 19 v.d.Z.[1]  den bis dato rechtsrheinisch im Gebiet der Lahn lebenden germanischen Ubiern, die Rom-freundlich waren und von anderen Germanenstämmen bedrängt wurden, eine Umsiedlung in das ehemalige Eburonengebiet gestattete. Die erste große Siedlung, die die Ubier gründeten, war das Oppidum Ubiorum, welches im Jahre 50 u.Z. das römische Stadtrecht erhielt und den Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensum trug – das heutige Köln. Die Ubier trafen auf eine eburonische Restbevölkerung und ab dem 1. Jahrhundert auf römische Veteranen und Händler, die sich hier niederließen.[2] Es entstand eine Mischbevölkerung, und die kulturelle Offenheit der Ubier sowohl keltischen als auch römischen Einflüssen gegenüber[3] sorgte auch für eine Vermischung religiöser Formen und Vorstellungen.[4]

Der Bataveraufstand 69/70 u.Z. brachte noch einmal große Unruhe in das Gebiet, aber nach der Neurordnung der Provinzen und der Errichtung der Provinz Germania inferior im Jahre 85 u.Z. brach eine das 2. Jahrhundert überdauernde Blütezeit an,[5] was sich zum Beispiel in Aufträgen für Weihesteine oder Altäre zeigte. Die Besatzung durch die Römer brachte natürlich eine Romanisierung mit sich, deren Einfluss auf religiöse Ausdrucksformen stark spürbar ist.

Die Ubier wechselten also von ihrem rechtsrheinischen Gebiet, das gegenüber demjenigen der Treverer lag, auf die andere Rheinseite, nur etwas weiter nördlich, und ihr Stammesgebiet in der damaligen Provinz Germania inferior ist dasjenige, in dem die allermeisten Zeugnisse des Kults der ubischen Matronen gefunden wurden.

Die Matronen und Matres sind tatsächlich diejenigen Gottheiten, von denen uns im Gebiet der ehemaligen römischen Provinz Germania inferior am meisten Inschriften aus der Zeit nach der römischen Besetzung bis etwa zur Mitte des 3. Jahrhunderts[6] erhalten geblieben sind. Es wurden bislang etwa 800 einzelne Inschriften[7] auf Steindenkmälern wie Weihesteinen, Altären oder auch Grabsteinen gesichert, die den Matronen gewidmet sind, die häufig mit Beinamen angesprochen wurden, die wir als keltisch oder germanisch deuten können, oder die uns rätselhaft sind. Von diesen Beinamen sind über 100 verschiedene bekannt – einige Matronen wurden nur einmal erwähnt, andere wiederum sehr häufig. Dass wir so viele Relikte haben, ist ein Glück, denn andere Quellen über die Matronen- und Matresverehrung haben wir nicht! Es sind mehrere Matronenheiligtümer bislang entdeckt und ausgegraben worden, so zum Beispiel

• auf dem Domerberg bei Eschweiler-Fronhoven (Matronae Alaferchuiae und Matronae Amfratninae)
• in Nideggen-Abenden (Matronae Veteranehae)
• in Morken-Harff, Kreis Bergheim (Matronae Austriahenae)
• in Nettersheim-Zingsheim
• in Nettersheim-Zingsheim und in Nöthen/Pesch.

Den beiden letzten Fundstätten werden wir uns ausführlich widmen.

Ganz oft sehen die gefundenen Weihesteine so aus:

Abb.1 Stein für die Aufanischen Matronen, aus Bonn

So aber sieht ein prächtiger und ansehnlicher Matronenweihestein aus:

Wir erkennen drei in einer Nische auf einer Bank sitzende weibliche Figuren in ubischer Tracht,[8] mit verschiedenen Attributen wie Körben mit Früchten oder Brot versehen, manchmal Kästchen (Weihrauchkästchen?) oder Zweige haltend. An den Seiten der Altäre finden wir auch Baumdarstellungen, Füllhörner oder augenscheinlich Opfergaben. Die beiden äußeren Göttinnen tragen die typischen ubischen Hauben der verheirateten Frauen, die Göttin in der Mitte ist häufig durch offenes Haar als Mädchen oder unverheiratete Frau gekennzeichnet.[9] Zusätzlich zur einheimischen Tracht tragen 95% der Matronenfiguren ein Schmuckstück, entweder einen Torques oder einen Lunula-Anhänger.[10] Wir sollten festhalten, dass diese Art der Altäre und der sitzenden Darstellung von Gottheiten in der griechisch-römischen, also klassischen Tradition stehen, dass sich aber die Matronen durch ihre einheimische Tracht von anderen klassischen Götterdarstellungen absetzen.[11]

Archäologisch fassbarer Beginn des Kults

Die Frage, wann und wo die Verehrung der Matronen in dieser Form einsetzte bzw. wann die ersten Weihesteine geschaffen und gestiftet wurden, wurde lange Zeit mit der Antwort: um 160 u.Z. und in Bonn, wo man unter dem Bonner Münster ein Aufanienheiligtum vermutet, beantwortet. Da die meisten Steine schwer datierbar sind – es befinden sich keine Angaben darauf, die eine Datierung ermöglichen –, ist diese Frage nicht leicht zu beantworten, und der Dreh- und Angelpunkt zur Beantwortung war hier laut dem Historiker C.B. Rüger der berühmte und wunderschöne Weihestein des Quintus Vettius Severus, der aufgrund der Namen der Konsuln 164 u.Z. datiert wird und lange Zeit als Prototyp und erster seiner Art angesehen wurde. 

Rüger argumentierte, dass Soldaten der römischen „Legio I Minerva“ den Kult quasi initiiert hatten, um sich nach dem erfolgreichen Partherfeldzug 166 u.Z. zu bedanken – die „Legio I Minerva“ hatte an diesem Feldzug teilgenommen. Die Tatsache, dass eine Bauinschrift 161 u.Z. den Bau des Bonner Aufanientempels belegt, nahm Rüger als Beleg dafür, dass Bonn das Zentrum und Ausgangspunkt des Kults der ubischen Matronen war.[12]

Dies wird heute anders gesehen, denn der Archäologe Frank Biller hat überzeugend dargelegt, dass im Heiligtum Nettersheim, der „Görresburg“, Pfostenspuren und die besondere Form des Umgangstempel darauf hinweisen, dass hier bereits vor dem steinernen Ausbau ein Kultplatz bestand. Auch im Heiligtum Nideggen-Abenden fanden bereits vor dem Ende des 1. Jahrhunderts kultische Handlungen statt, und auf dem Kultplatz Nöthen/Pesch waren alle nötigen Einrichtungen schon in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts vorhanden.[13]

Biller folgerte daraus, „dass konkrete Vorstellungen der Mütterkulte in Niedergermanien bereits vor der Mitte des 2. Jahrhunderts u.Z. existierten und sich lediglich die äußere Form der Dedikation änderte.“[14]

Zusätzlich datierte Biller zwei Matronensteine, den des M. Valerius Crescens und des L. Vitellius Consors[15] in die 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts. Es ist allerdings richtig, dass die Praxis, in großem Stil den Matronen Weihesteine zu setzen, erst in der Mitte des 2. Jahrhunderts aufgekommen sein wird.[16] Auch der Fund eines Steins für die Aufanischen Matronen, der in Andalusien gefunden wurde und auf den Anfang des 2. Jahrhunderts datiert wird, belegt, dass eine Matronenverehrung bereits vor dem von Rüger gesetzten Zeitpunkt praktiziert worden ist.[17]

Das bedeutet: in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts u.Z. tauchen die ersten Weihungen an Matronen im ubischen Gebiet auf, und richtig in Mode kommen sie in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts. Ausgangspunkt dieser Kultpraxis war nicht Bonn, wie bislang gedacht. Der Bau des Aufanientempels und der Vettiusstein gelten „vielmehr als vorläufige Höhepunkte eines langsamen Entwicklungsprozesses der Matronenkulte […]“.[18]

Wo lag denn nun der Ausgangspunkt beziehungsweise das Zentrum des Kults, und wo kam er her? Um das zu beleuchten, sehen wir uns zunächst die Namen der Matronen näher an.

Abb. 4.2: Verteilung der Matronen-Fundorte A: Inschriften mit Epiklesen, B: Inschriften ohne Epiklesen

Titel und Epiklesen

Matronae ist Lateinisch und bezeichnet verheiratete Damen von Stand, edle Frauen. Dieser Titel wird unseren Göttinnen im ubischen Territorium am häufigsten verliehen, in anderen Gebieten außerhalb des ubischen Territoriums finden wir auch die Bezeichnung Matres, welches schlicht „Mütter“ heißt. Während nicht immer klar war, ob und inwieweit diese unterschiedlichen Bezeichnungen andere Eigenschaften implizierten, wissen wir durch die vorkommende Nebeneinanderstellung der Begriffe in Inschriften, dass es keine gravierenden Unterschiede in der Qualität gegeben zu haben scheint.[19]

Wie auf den Karten zu sehen ist, finden sich Matres-Cluster in der Gallia narbonensis[20] und zwar im Rhone-Tal. Hier haben die Weihesteine keltische oder gallorömische Namen und sind an die Matres addressiert. Der Cluster direkt am Hadrianswall lässt sich durch Truppenverschiebungen vom Kontinent erklären, die dort gefundenen Weihesteine weisen auf eine Verbindung zu kontinentalgermanischen Clustern hin.

Matronencluster, bei denen die Anrede der Göttinnen hauptsächlich Matronae lautet, finden sich im niederrheinischen Gebiet sowie in der italischen Po-Ebene.[21] Insgesamt gehen wir von drei primären Kultgebieten und einem sekundären aus. Die drei Hauptkultgebiete zeigen jeweils einen eigenständigen, von den anderen relativ unabhängigen Kult.[22]

Generell lässt sich sagen, dass die Anrede Matres in der Regel mit keltischen Beinamen kombiniert wurde, und der Anrede Matrona meistens mit germanischen Beinamen. Außerdem scheint der Titel Matres insgesamt häufiger verwendet worden zu sein, allerdings offenbar von Dedikanten mit einem niedrigeren Status. Im Ubiergebiet dagegen ist der Titel Matronae am geläufigsten, was darauf hinweist, dass es eine  Verbindung zu den (beinamenlosen) Matronen aus Oberitalien gibt. Da diese Verbindung aufzeigt, wie sich speziell der ubische Matronenkult entwickelte, werden wir darauf später noch eingehen.[23]

Sollte die Bezeichnung Matres tatsächlich die häufigere sein und eher dem einheimischen Verständnis der Verehrer entsprechen, dann hätten wir es bei den Göttinnen eher mit Müttern als mit edlen Damen zu tun. Dies wiederum würde möglicherweise die Annahme stützen,  dass es eine inhaltliche Verbindung gibt zwischen den Matres und Matronen und der von dem angelsächsischen Gelehrten Beda in seinem 725 u.Z. erschienen Werk De temporum ratione erwähnten modraniht, der Nacht der Mütter.[24] Diese Verbindung wird tatsächlich von einigen Fachleuten vermutet, so auch von Rudolf Simek.[25]

Die Matrescluster im südlichen Gallien jedoch belegen durch frühe Inschriften, dass die Muttergöttinnen dort bereits vor der Zeitenwende von Kelten verehrt und in einem Fall auch mit keltischem Titel angesprochen wurden, und das zu einer Zeit, in der die Romanisierung noch nicht voll eingesetzt hatte. Bei diesem Cluster handelt es sich also um einen durch und durch keltischen Kult.[26]

Manchmal finden wir auf den Inschriften nur die Anrede Matronae, aber sehr häufig haben sie Beinamen, sogenannte Epiklesen, die uns wertvolle Hinweise darauf geben können, warum sie verehrt wurden und von wem. Diese Epiklesen haben linguistisch einen hohen Wert – sie sind Originalüberlieferungen, die nicht wie bei schriftlichen Zeugnissen Abschreibfehler enthalten könnten. Auftretende Fehler sind durch Vulgärlatein bzw. Unkenntnis der korrekten lateinischen Form oder bewusste Alternativschreibung zu erklären.[27]

Für die rheinischen Matronen haben wir über 70 verschiedene Beinamen gefunden.[28] Es wird davon ausgegangen, dass die meisten Matronengruppen nur in einem Heiligtum verehrt wurden und außerhalb eines recht eng umgrenzten Gebiets gefundene Steine verschleppt wurden – d.h. jede Matronengruppe wurde in einem kleinen Gebiet verehrt und war lokal verwurzelt, und das bedeutet: Die Organisation der Verehrer dürfte auf dem Verwandtschaftsprinzip beruht haben.[29] Prinzipiell kann man sagen, dass die Beinamen der Matronen lateinische Adjektive sind, das heißt, sie haben (weitestgehend) lateinische Endungen und stehen in einem lateinischen Kontext, aber viele Wortstämme kommen entweder aus dem Germanischen oder aus dem Keltischen.[30] Zwar gibt es Beinamen, die bei der Identifizierung Schwierigkeiten machen, die also sowohl von Germanisten als auch von Keltologen „beansprucht“ werden, sowie gemischte Namen, wie zum Beispiel keltische Wurzel und germanische Suffixe.[31] Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind sich nicht sicher, ob das bedeutet, dass keltische Göttinnennamen ins Germanische „ausgeliehen“ wurden oder dass genuin keltische Göttinnen von Germanen verehrt wurden.[32] Des Weiteren ist auch damit zu rechnen, dass die Verehrer dieser Matronen aus einer keltisch-germanischen Mischbevölkerung stammten, was sich in der Sprache und im religiösen Ausdruck niederschlug.[33] Auch sind noch bei Weitem nicht alle Namen zufriedenstellend übersetzt. 

Ausgehend von den eindeutig geklärten Namen ergeben sich für die Beinamen grob gesagt  vier semantische Beinamengruppen:

1. Ableitungen von Stellenbezeichnungen oder Siedlungsnamen, also topische Namen, wie z.B. den Matronae Mahalinehae (Göttinnen der Gerichtsstätte) oder den Matronae Austriahenae. Oder wie die Matronae Aufaniae, welches wir von *au-fanja ableiten können und mit „vom abgelegenen Fenn, oder Moor“ übersetzen können.

2. Ableitungen von Gewässernamen, speziell Fluss- oder Bachnamen, wie z.B. Matronae Nersihenae (Fluss Niers), Matronae Renahenae (Rhein).

3. Ableitungen von Ethnonymen, die auf Stammeszugehörigkeiten oder Personenverbände hinweisen, wie z.B. Matronae Frisavae, Matronae Treveri, Matronae Suebae. Je weiter weg von zu Hause die Dedikanten ihre Weihesteine errichten ließen, desto allgemeiner wurden die tribalistischen Bezeichnungen – zuhause hätte niemand die Bezeichnung „matres Germanis Suebis“ oder „matres transmarinae“ gewählt, aber in der Ferne war das angemessen.[34]

4. Sogenannte nomina actoris, also Namen, die bezeichnen, was die Matronen tun.[35] Zum Beispiel Matronae Alagabiae, „die alles Gebenden“, oder „die freigiebig Gebenden“ oder MATRONAE Saitchamiae, ‚die sich zauberisch Verhüllenden“ oder „die den verderblichen Zauber bannenden“.[36] Interessanterweise lassen sich so gut wie keine negativen oder aggressiven Beinamen finden, sie weisen alle auf einen wohlwollenden und positiven, sogar liebevollen Charakter hin.[37]

Die größte Gruppe stellen die topischen Namen, wobei umstritten ist, ob diese Ortsnamen von den Orten herrühren, an denen die Matronen zur Zeit der Weihung wirkten oder die sie verkörpern, oder ob eventuell Ortsnamen mitgebracht wurden und noch aus der Zeit stammen, in der die Ubier rechts des Rheins lebten. Ganz allgemein kann man dies auch von keltischen Matronenbeinamen sagen.[38]

Wer waren die Verehrer der Matronen?

Bleiben wir bei den epigraphischen Informationen, die wir den Weihesteinen und Altären entnehmen können, den Namen der Dedikanten, also der Menschen, die einen Stein oder Altar gestiftet haben. Hier ist die Situation stark vom Fundort der Weihungen und der entsprechenden Kultgemeinschaft abhängig. Die Dedikanten der Steine im Bonner Aufanientempel waren Angehörige der „Legio I Minerva“: höchste Offiziere, deren Frauen sowie Vertreter der obersten provinzialen Verwaltungsschicht: Angehörige der Elite.[39]

Zum Beispiel Tiberius Claudius Iustus, ein duumvir und sacerdos der CCAA (Colonia Claudia Ara Agrippinensium), er hatte also ein hohes öffentliches Amt inne und und war Kaiserpriester der Provinzhauptstadt. Er weihte nicht nur den aufanischen Matronen einen Stein, sondern auch dem Mercurius und dem Jupiter Optimus. Er wird auch auf einer Bauinschrift eines der drei Tempel in Nettersheim aufgeführt, übrigens ohne Titel, was darauf hinweist, dass der Tempelbau früher stattfand als die Weihung in Bonn.

So exklusiv waren die Dedikantengruppen im Hinterland nicht. In Nettersheim finden wir Stiftungen von Beneficariern (die quasi polizeiliche Aufgaben innehatten) und Militärangehörigen, da sich ganz in der Nähe des Heiligtums eine Beneficarierstation befand und Militär stationiert war. In den anderen Heiligtümern war nicht die Oberschicht oder das Militär Träger des Kults, sondern es waren anhand ihrer einheimischen und bodenständigen Namen eindeutig Zivilpersonen, und dadurch können wir erkennen, dass es sich um Angehörige der germanisch-keltischen Mischbevölkerung handelte, die seit dem Ende des 1. Jahrhunderts sogennannte Gentilnamen, sozusagen Familiennamen wählen durften, die vom Beinamen des Vaters abgeleitet worden waren. Manche Dedikanten hatten auch von den julisch-claudischen Kaisern das Bürgerrecht verliehen bekommen und wählten aus Dankbarkeit deren Namen. Zusätzlich gab es sogenannte Peregrine, also Menschen ohne römisches Bürgerrecht, die nur einen einzigen Namen trugen oder zusätzlich den Vaternamen im Genitiv führen.

Für das Heiligtum in Nöthen/Pesch können wir feststellen, dass die Gruppe der Weihenden aus Nachkommen der keltischen Urbevölkerung und eingewanderten Ubiern bestand, der Kult also ein indigener war.[40]

Wir werden auch im Weiteren sehen, dass sich die Trägerschaft der Matronenkulte im ubischen Territorium in erster Linie aus der bodenständigen Bevölkerung im Hinterland rekrutierte, die zwar nicht Elite wie in Nettersheim und vor allem Bonn war, aber nicht notwendigerweise auch arm. Die Streuung der Widmungen war sehr kleinräumig, das heißt, dass nur wenige Matronengruppen (wie z.B. die Aufaniae) eine größere Verbreitung innerhalb der Provinzen erfuhren.[41] Diese Verbreitung erfolgte am häufigsten durch Angehörige des Militärs, die in der Ferne ihren einheimischen Gottheiten huldigten oder zu bestimmten militärischen Einheiten gehörten, deren Schutzgöttinnen die Matronen waren. So gab es zum Beispiel eine starke Verbindung zwischen den Matronae Aufaniae und der Legio I Minerva.[42]

Neben den Beinamen der Matronen und den Namen der Dedikanten sind für uns auch die auf den Steinen verwendeten Weiheformeln interessant. Weiheformeln sind kurze, rituelle Formeln, die ausdrücken, warum der Dedikant sein Geschenk an die Gottheit macht. Der wissenschaftliche Terminus für ein Opfer oder Geschenk an eine Gottheit aus Dank lautet votum. In der römischen Religion war es üblich, solch ein votum zu stiften, eben als Dank oder manchmal auch als Bitte. Diese Weihungen wurden mit der Formel „votum solvit libens merito“ oder VSLM versehen. Das bedeutet: er (oder sie) hat das Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst. Diese Formel finden wir auch auf den Weihesteinen.

Sehr häufig allerdings sind andere Formeln zu finden, die die Wissenschaftler „Offenbarungsinschriften“ nennen, denn sie weisen darauf hin, dass die Weihungen und Stiftungen ein Auftrag der Göttinnen aufgrund einer Vision oder eines Traumes oder einer anderen Offenbarung waren. Diese Formeln lauten:

Ex imperio (auf ihren Befehl – diese Formel wurde am häufigsten verwendet), ex iussu (im Auftrag), ex visu (nach einem „Gesicht“, einem Traum), ex precepto (auf ihre Weisung hin). Diese Formeln wurden von älteren Wissenschaftlern als „unrömisch“ bezeichnet, aber weisen vielleicht auf eine besondere Eigenheit des Matronenkults hin, eine „spezifische Form ihres göttlichen Eingreifens“.[43] Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass der Matronenkult kein Teil der religio romana war, sondern das Produkt eines interkulturellen Kontakts zwischen drei verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie wir auch im weiteren sehen werden.[44]

Tempel und Heiligtümer

Die entscheidenden archäologischen Funde zum ubischen Matronenkult wurden in den letzten 100 Jahren gemacht, man entdeckte neben hunderten von einzelnen Steinen auch mehrere Kultplätze und Tempelbezirke, wie zum Beispiel die in Morken-Harff (Matronae Austriahenae), in Eschweiler-Fronhoven, in Nideggen-Abenden, in Nettersheim und Nöthen/Pesch. Die beiden letzten wollen wir uns nun etwas genauer anschauen.

Abb. 5 Kultplatz Nettersheim

Nettersheim

Die Anlage wurde 1909 ausgegraben und 1976/1977 komplett freigelegt und teilrekonstruiert. Anhand der gefundenen Inschriften lässt sich belegen, dass es sich um ein Heiligtum der Matronae Aufaniae gehandelt haben muss.[45]

Die Anlage besteht aus einem mit einer Mauer umschlossenen Tempelbezirk mit drei Kultbauten. Der größte dieser Bauten wird als gallorömischer Umgangstempel eingeschätzt, der über eine cella, also einen kleinen Kultraum verfügte. Die cella wurde von einem Ziegeldach bedeckt, das auf Holzpfosten ruhte. Aufgrund der geringen Größe kann eigentlich nicht von einem Umgangstempel gesprochen werden, und der Archäologe Heinz Günter Horn ist der Meinung, dass der trapezoide Grundriss darauf hinweist, dass es sich um eine Einfriedung handelt, in deren Mitte ein umhegter Baum gestanden hat.[46] Eine frühere Bauphase kann angenommen werden, und die etwas ungewöhnliche Form könnte darauf hinweisen, dass hier tatsächlich zum Beispiel auf einen Baum Rücksicht genommen wurde. Warum das von Bedeutung ist, werden wir noch sehen.

Man nimmt an, dass Votivsteine rings um den Haupttempel aufgestellt waren, heute sind dort die Abgüsse dreier Weihesteine zu sehen, die Originale befinden sich im Rheinischen Landesmuseum Bonn sowie im Römisch-Germanischen Museum Köln. Neben Weihesteinen fand man außerdem Kleindevotionalien, darunter vermutlich eine Statuette der Venus und zwei Mars-Weihungen sowie in unmittelbarer Nähe des Kultplatzes ein Merkurrelief.[47]

Archäologische Funde in der unmittelbaren Nähe lassen darauf schließen, dass sich hier Siedlungs- und Werkgebäude befunden haben, und eine römische Straße, die am vicus Marcomagus vorbeiführte, war ebenfalls vorhanden. Es gab eine Beneficarierstation mit abgeordneten Soldaten der „Legio I Minerva“, die diese Station unterhielt, und deren Angehörige auch in Bonn, dem Standlager, ein Aufanienheiligtum errichteten, das unter dem Bonner Münster vermutet wird. Eine Bauinschrift lässt vermuten, dass das Heiligtum von Einwohnern des benachbarten (aber nicht namentlich genannten) vicus errichtet wurde, und zwar höchstwahrscheinlich mit Bezug auf eine Vorgängeranlage. Das bedeutet: das Heiligtum wurde im 2. Jahrhundert von den römischen Soldaten und den Einwohnern des vicus umgestaltet und dann den Aufanien gewidmet. Die Blütezeit dieses Heiligtums lag im 2. und 3. Jahrhundert u.Z., und Fundmünzen zeigen, dass es noch Ende des 4., Anfang des 5. Jahrhunderts besucht wurde.[48] Während man in der älteren Forschung davon ausging, dass das Heiligtum in Bonn das ältere und damit Zentrum und Vorbild gewesen sein müsse, sind Archäologen heute sicher, dass die Verehrung der Aufaniae vom Hinterland nach Bonn getragen wurde, und zwar durch Militärangehörige, die nach ihrem Kontakt mit dem einheimischen Kult diesen adaptierten und in eine römische Form brachten, und dass dies wiederum von der romanisierten Bevölkerung aufgenommen wurde.[49]  Damit wäre der Kult der aufanischen Matronen das Ergebnis eines kulturellen Austauschs zwischen der einheimischen keltisch-germanischen Bevölkerung und Römern. Dass die einheimischen Kultstätten alle in ihrer Natur offen waren – das heißt, neben den Matronen konnten hier auch andere Götter und Göttinnen verehrt werden – beförderte diesen religiösen Transfer. Die Matronenheiligtümer waren keine abgelegenen Pilgerheiligtümer, sondern lagen in der Regel ganz nahe bei Siedlungen.[50] Das Nettersheimer Heiligtum lag zudem auch verkehrstechnisch sehr günstig, so dass wir es hier mit einer Art „Autobahnkapelle“ zu tun haben, in der Reisende z.B. Kleindevotionalien stifteten.

Anhand der Weihesteine auf dem Nettersheimer Kultplatz und der Stifternamen können wir erkennen, dass nicht nur Soldaten, sondern auch Einheimische opferten, die aus einem bäuerlichen Großfamilien- oder Sippenumfeld und nicht aus einem militärischen Umfeld stammten. Der Kultplatz wurde ja höchstwahrscheinlich schon vor der Stationierung römischer Truppen genutzt. Der Archäologe Frank Biller sagt, dass das „Wesen der Matronen ganz auf den Kult der mythischen Ahnen sowie die Fruchtbarkeit des Landes ausgerichtet gewesen“ sei.[51]

Der Name Aufaniae wird heute von *au-fanja bzw. *au-fani abgeleitet, welches bedeutet: „abgelegenes Fenn“. Die Aufaniae sind also die Matronen vom abgelegen Fenn, oder Sumpf.[52]

Ob die Matronenverehrer diesen Namen wählten, weil ihr Wohnort und damit der Wirkungskreis der Fruchtbarkeit spendenden Ahnmütter entsprechend gestaltet war, oder ob sie diesen Namen von einem früheren Territorium vor der Umsiedlung der Ubier mitbrachten, ist ungewiss.

Heidentempel Nöthen/Pesch

Dieser Tempelbezirk, im Volksmund auch „Heidentempel“ genannt, wurde 1913–1918 freigelegt, eine Nachuntersuchung erfolgte 1962. Dabei ist besonders die Baugeschichte interessant: Der Tempelbezirk wurde in drei Perioden erbaut. 

Periode I liegt in der Mitte oder der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts u.Z., also vor dem Bau des Bonner Heiligtums. Auf einem wohl schon bestehenden Kultplatz wird ein „annähernd rechteckiger, nicht überdachter Hofraum ‚architektonisch‘ gefaßt“,[53]  es werden außerdem zwei kleinere Ost-West-orientierte Tempel und ein Speicherbau errichtet, die Anlage wird mit einem Gitterzaun eingefriedet.

Periode II ist mit der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts angegeben. Der kleinere der beiden Tempel wird abgerissen und durch einen größeren ersetzt, der engere Tempelbezirk erhält wohl eine Umfassungsmauer.

Periode III: zweites Viertel des 4. Jahrhunderts. Abriss aller Gebäude und Planierung des Platzes. Bau eines gallorömischen Umgangstempels. Der Umgang besaß ein Dach, das auf einem Kranz weit auseinanderstehender Sandsteinsäulen ruhte. Neben dem Umgangstempel  lag ein offener, ummauerter Hof, der in der NO- bzw. SO-Ecke zwei kleine Räume bereithielt. Im Hofbereich stand vermutlich ein kleines sechseckiges Tempelchen.

An diesen Hof schloss die sogenannte Basilika an, deren Innenraum dreischiffig war: Das Mittelschiff war überhöht und die Seitenschiffe waren niedriger. An der Westseite befand sich eine Apsis. Südlich der Basilika befand sich ein Fachwerkschuppen, der heute nicht mehr erkennbar ist. Weiterhin gab es einen Portikus, eine Wandelhalle, der auch einen Brunnen einbezog und heute durch eine Heckenbepflanzung sichtbar gemacht wurde.

Soweit die archäologischen/baulichen Gegebenheiten. Leider wurden in diesem Heiligtum keine vollständigen Weihesteine gefunden, die hinreichend erhalten waren, um einen Abguss zu fertigen und sie aufzustellen, daher steht in der rekonstruierten Anlage ein Stein für die Aufanischen Matronen, der in Nettersheim gefunden wurde, sowie ein Stein, der zwar den Matronae Vacallinehae gewidmet ist, aber in Mechernich-Weyer gefunden wurde. Ansonsten wurden über 300 Inschriftenfragemente gesichert, die zeigen, dass die Dedikanten hauptsächlich Einheimische aus der näheren Umgebung waren und diese Steine zu Ehren der Vacallinehischen Matronen zwischen 150 u.Z. und 250 u.Z. im engeren Tempelbezirk der Periode II aufgestellt haben.[54]

Allerdings geben uns die Tempelbauten Hinweise darauf, wie der Kult der Matronen durchgeführt wurde bzw. organisiert war. Im Umgangstempel wird sich vermutlich ein Kultbild der Matronen befunden haben, es wird vermutet, dass weitere Weihesteine im Hof aufgestellt waren. Der Vorratsschuppen wurde vermutlich für Mobiliar und zur Lagerung von anderen Utensilien benutzt, und die Basilika diente, so wird vermutet, der Kurie als Versammlungsraum.[55]

Was haben wir unter einer curia zu verstehen? Träger der Matronenkulte waren, wie wir gesehen haben, Einheimische, Bewohner der umliegenden villae rusticae, die an den Kultfeiern teilnahmen, Weihesteine widmeten etc. Diese Menschen bzw. Männer waren in sogenannten Kurien organisiert, die namentlich sowohl mit Personenverbänden als auch Matronentriaden zusammenhingen: z.B. die curia Austriahena oder die curia Amratnina zu den Matronae Austriahenae bzw. Matronae Amfratninae.[56] Diese Kurien waren möglicherweise männerbündische Vereinigungen, Siedlungsgemeinschaften, die ursprünglich auf einem Sippenverband beruhten, aber durch die Romanisierung aufgebrochen wurden und Neusiedler bzw. hinzugezogene Veteranen aufnahmen.[57] Die Kurien wurden durch die römische Verwaltung als Organisationsform anerkannt und erhielten dadurch einen offiziellen Rahmen, der ihnen die Eingliederung in das offizielle System der civitas ermöglichte. Es wird angenommen, dass deshalb viele Clankulte der Ubier überdauerten und nicht wie bei den Nerviern, Tungrern oder Treverern, bei denen Kurien nur eine untergeordnete Rolle spielten, von den öffentlichen römischen civitas-Kulten aufgesogen wurden.

Nochmal, weil es so schön ist: Diese Kurien gehen auf Kultgemeinschaften zurück, die in den Matronen die Ahnengottheiten ihrer Sippen sehen. Auch Matronennamen, die auf Gewässer und Flüsse zurückgeführt werden, können mit alten Ortsbezeichnungen zusammenhängen, die auf Personenverbände übertragen wurden und sich auf alte Siedlungsbezeichnungen beziehen.[58] Im Laufe des 1. Jahrhunderts, spätestens seit dem 2. oder 3. Jahrhundert wurden diese Personenverbände durch Heirat mit Angehörigen der eburonischen Restbevölkerung oder den Zuzug anderer Personengruppen aufgebrochen – es bestand eine Mischbevölkerung, die weiterhin die Tempel nutzte und den Matronen huldigte, nur konstituierte sich die Glaubensgemeinschaft jetzt aufgrund ihres Wohnortes und nicht aufgrund ihrer Abstammung: Deshalb hatten die Tempel so lange Bestand![59]

Die Basilika in Nöthen/Pesch wird als Prototyp des Versammlungsortes einer Kurie angesehen. Insgesamt befinden die Archäologen aufgrund der bescheidenen Größe und Ausstattung aller Matronenheiligtümer, dass hier zwar ein römischer Stil übernommen wurde, aber die ländliche und landwirtschaftlich verwurzelte Trägerschaft deutlich wird: Dies unterstreicht den ganz lokalen Charakter der Matronenkulte.[60]

Ahnen- oder Fruchtbarkeitsgottheiten?

Aber was waren denn die Matronen nun genau? Die Antwort darauf gibt zum Beispiel Frank Biller, der sich aufgrund der engen Verbindung zwischen den Beinamen der Matronen und den Selbstbezeichnungen bestimmter Großfamilien oder Personenverbände sicher ist, dass die ubischen Matronen überwiegend als Ahnengottheiten verehrt wurden.[61]

Als Beispiel gelten die Vacallinehae, die Austriahenae oder die Etrahenae und Gesahenae. So kennen wir zwei Inschriften, die beide Matronengruppen gemeinsam nennen: Die zweite Inschrift wird dahingehend interpretiert, dass Bassiana Materna, also die zur Mutter gehörende Bassiana, den mütterlichen Ahnmüttern, ihre Schwester Bassiana Paterna den väterlichen Ahnmüttern die Weihung widmet.  

 „Neben der Funktion als mythische Mütter einer Sippe verfügte die göttliche Trias zudem über einen weiteren Wirkungskreis, der in den Reliefs auf den ihnen geweihten Altären in den Vordergrund tritt. Auf allen Bildsteinen befinden sich steinerne Abbilder von Früchten wie Äpfel, Birnen, Quitten, Trauben, Walnüsse oder Pinienzapfen, die entweder in den von den drei Frauen gehalten Körben, oder aber in Füllhörnern, auf Opfertischen oder auf der patera an der Oberseite der Altäre liegen.“[62]

Die Matronen waren also auch für die Fruchtbarkeit der Natur zuständig, was einleuchtend ist, wenn man sich überlegt, dass die allermeisten ihrer Verehrer und Verehrerinnen Bauern und Grundbesitzer waren. Diese Zuständigkeit erklärt sich auch durch qualifizierende Epiklesen wie die der Matronae Gabiae, „die Freigiebigen“, oder die Matronae Arvagastiae, „die freigiebig Bewirtenden“.  Diese Matronen sind zwar als Segens- und Glücksspenderinnen, aber eher nicht als Ahnmütter einzuschätzen, trotzdem sind es originäre Matronenkulte![63] Für Seiðr-praktizierende Heiden mag es interessant sein, dass auch die Matronae Saitchamiae verehrt wurden, deren Beiname nicht vollständig erklärt werden kann: Man ist sich aber wohl darüber einig, dass man es mit einem Kompositum mit sait– zu tun hat, abgeleitet von *saiþa, was sowohl  Zauber als auch Strick, Schlinge oder Saite bedeutet.[64] Diese Matronen wären möglicherweise „die den Zauber Abwehrenden“, „bösen Zauber Bannenden“.

Spannenderweise belegen Weihungen wie die an die Matres Hiannanefatae („die Mütter der Cananefaten“), die Matres Rema, Matres Treverae etc., dass die Vorstellung von mythischen Ahnmüttern nicht auf die Ubier beschränkt war. Da ein pangermanischer Ahnenkult nicht belegt werden kann, ist dies vielleicht der einzige Hinweis darauf, dass möglicherweise doch eine gemeingermanische Vorstellung zugrunde lag.

Während in der Forschung davon ausgegangen wird, dass einige Matronen ganz klar mythische Ahnmütter sind, ist ihr allgemeiner segenspendender und ernte- und fruchtbarkeitsbringender Einfluss ebenfalls erkennbar.  

Bei allen ubischen Matronen fehlen jedoch Darstellungen von Babys, sie werden auch nicht stillend oder wickelnd dargestellt wie Matronen- oder Matresgruppen aus anderen Gebieten. Dies weist darauf hin, dass die ubischen Matronen nicht für die Fruchtbarkeit von Menschen und Kindersegen zuständig waren und eher nicht als Muttergottheiten zu betrachten sind.[65]

Wir haben es hier also mit religiösen Vorstellungen zu tun, die nicht einheitlich sind und sich von Kultgemeinschaft zu Kultgemeinschaft unterschieden haben könnten.

Warum ist aber der Matronenkult im Ubierbereich so ausgeprägt? Und warum finden wir in anderen westgermanischen Stammesgebieten wenig bis gar keine Weihesteine?

Zum einen ist der Grund wohl in der wirtschaftlichen Struktur zu suchen. Die meisten Siedlungen im Ubierterritorium wurden meistens direkt aus Stein ohne Vorgebäude gebaut und ihr Bau lässt sich in die Claudio-Neronische Zeit datieren. Was wiederum bedeutet, dass viele von ihnen auch von römischen Veteranen errichtet wurden, die nach ihrem Militärdienst hier Land zugewiesen bekamen. Wir können annehmen, dass darunter viele italische Soldaten waren, welches uns wiederum auf ein Gebiet zurückwirft, in dem ebenfalls Matronae verehrt worden waren, nämlich im Po-Tal  sowie im Piemont und in der Lombardei.[66] Dort gefundene Weihesteine datieren aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts.

Diese Matronen hatten allerdings keine Beinamen, ein wesentlicher Unterschied. Wir wissen anhand von Grabsteinen in Köln, dass eine ganze Reihe der dort begrabenen Soldaten oder Veteranen aus dieser Gegend kamen und einheimische Frauen heirateten. Ihre Integration war unproblematisch. Es ist also gut möglich, dass sie erkannten, dass im Ubiergebiet ähnliche Göttinnen verehrt wurden wie bei ihnen zu Hause, und aus dem Zusammenspiel zwischen italischen Kolonisten und Legionsveteranen und einheimischen Germanen und Kelten eine neue Kultform entstand, die daher nicht platt als Ergebnis der Romanisierung betrachtet werden kann, sondern als Ergebnis eines kulturellen Dialogs.[67] Im Kölner Hinterland, zum Beispiel in Nettersheim oder Nöthen/Pesch wurde diese römische Praxis der Weihesteine dann offenbar mit Begeisterung von der einheimischen Bevölkerung übernommen, die vorher ihren Ahnmüttern oder Fruchtbarkeitsgöttinnen auf andere Weise oder in anderer Form geopfert und gestiftet hatte. In Nettersheim wiederum wurde das Setzen von Weihesteinen von Soldaten der Bonner „Legio I Minerva“ übernommen und ins Hauptlager gebracht, wo es von Eliteangehörigen im großen Stil und prestigeträchtig ausgeübt wurde.

Möglicher Ursprung der ubischen Matronenkulte

Wir wissen also nun, von wem die Matronen verehrt wurden: von Ubiern, die von der anderen Rheinseite eingewandert waren, von den verblieben eburonischen Einwohnern, von zugezogenen Angehörigen des Militärs oder Veteranen, die im ubischen Gebiet Land zugewiesen bekommen hatten. Wir wissen, wann die Sitte aufkam, Weihesteine im römischen Stil aufzustellen: Die ersten Steine finden sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts, aber in der Mitte des 2. Jahrhunderts setzt die Tradition in voller Stärke ein. Anhand der Inschriften und der Art der Weihesteine sowie der Darstellung der Matronen in ubischer Tracht können wir erkennen, dass die Form dieses Kults zwar römisch war, aber die Matronen als germanisch, keltisch oder als germanisch-keltisch aufgefasst wurden. Sie sind keine römischen Gottheiten.

Könnten sie mit der Mode, Weihesteine in römischer Form aufzustellen, sozusagen aus der Luft gegriffen worden sein? Sicher nicht. Alleine aufgrund der Tatsache, dass die Matronen germanische oder keltische oder keltogermanische Beinamen haben, vermuten die Forscher, dass „die Kulte für diese Muttergottheiten auf vorrömische Vorstellungen zurückgehen.“[68]

Auch aufgrund der Erkenntnis, dass einige Kultplätze nicht neu gebaut, sondern auf bestehenden Kultplätzen neu errichtet wurden,  vermuten die Forscher, dass die Matronen bereits vorher verehrt wurden, man ist sich aber nicht darüber einig, auf welche Weise das geschehen ist. Es gibt verschiedene Deutungsansätze:

Abb. 7 Mercurius Gebrinus

a) Ziegenkult –  Der Historiker C.B. Rüger ging aufgrund der Darstellung von Ziegen auf besonders imposanten Steinen davon aus, dass die Matronen als Fruchtbarkeitsgöttinnen in einem Ziegenkult verehrt wurden, der durch den Kontakt mit der Bonner Legion eine Aufwertung erfuhr und sich zu einem anthropomorphen Kult wandelte. Rüger argumentierte außerdem, dass in Matronenheiligtümern gefundene Weihungen an Mercurius Gebrinus darauf schließen lassen, dass Mercurius Gebrinus der zu Fruchtbarkeitsgöttinnen zwingende zugehörige Parhedros[69] sei, und Rüger führte den Beinamen Gebrinus auf keltisch gabros zurück, Ziegenbock.[70] Tatsächlich gibt es eine kultische Verbindung zwischen Mercurius und den Matronen, davon zeugen zum Beispiel ein Merkurrelief, das in der Nähe des Kultplatzes in Nettersheim gefunden wurde. Eine Inschrift aus Laurenzberg bezeugt zudem, dass Mitglieder der curia Amratnina, ein Kultverein, der die Verehrung der Matronae Amfratninae organisierte und leitete, einen Tempel für Mercurius Leud(iac)anus stiftete, und auf der Seite eines Weihesteines für die alaferchuischen Matronen ist ein caduceus angebildet, ein Stab, der als Attribut des Mercurius gilt.[71]

Mittlerweile wissen wir allerdings, dass der Matronenkult wie oben dargelegt nicht von der Bonner Legion initiiert worden war, wovon Rüger damals fest überzeugt war: Er hielt Bonn und die Bonner Dedikanten für die Auslöser dieser Tradition. Desweiteren besaß Mercurius Gebrinus in Bonn tatsächlich ein eigenes templum, wurde also nicht nur als Parhedros der Aufanischen Matronen in deren Heiligtum verehrt.[72] Zusätzlich ist die Darstellung der Ziegen auf den Weihesteinen eher als topos, als dekoratives Element im Kontext der klassischen Tradition zu verstehen und scheint nur einen allgemeinen religiösen oder mythischen Charakter zu haben.[73] Aufgrund dessen gilt Rügers Ziegenkult-Hypothese als überholt.

b) Baumkult – Eine weitere These ist die, dass der Matronenkult auf einen Baumkult zurückgeht.  

Einige Matronen werden Zweige in der Hand haltend dargestellt. Bäume sind oft auch zentral  auf Weihesteinen abgebildet. Man könnte argumentieren, dass diese Baumabbildungen nur Teil einer sakralidyllischen Landschaft seien, aber ein Zweig in der Hand einer Matrone ist tatsächlich ein Attribut und kein Deko-Element.[74] Der Archäologe Horn befindet, „Baum- und Matronenkult gehören im Ubiergebiet offenbar eng zusammen; […]“[75]  Er hält es für gut möglich, dass dies darauf hinweist, dass die Matronen bzw. Ahngöttinnen, bevor sie bildhaft und in Menschengestalt verehrt wurden, in Bäumen oder in Baumheiligtümern verehrt wurden.[76] Ein weiterer Hinweis ist in den Beinamen der Matronen zu finden: So finden wir z.B. die Matronae Ulauhinehae,  deren Name vom germanischen lauha – Hain, lichte Stelle im Wald abgeleitet ist. Die Matronae Gratichihenae sind „die vom Platz, wo junges Nadelholz steht“. Die Matronae Alusneihae bzw. Alisneihae liegt das germanische aluz zugrunde, was dem heutigen Baumnamen Erle entspricht.[77]

Auf einem Weihestein für die Matronae Octocannae  halten die drei Matronen jeweils einen Zweig in der Hand, und der Name der Triade lässt sich durch ein keltisches Wort (mittelirisch ochtach) auf die Bezeichnung Fichte zurückführen.

Der wichtigste Beleg ist aber nach Meinung der Befürworter dieser Theorie derjenige, dass man in Nöthen/Pesch einen umhegten Hof vorgefunden hat, der Mittelpunkt der Anlage war. Es wird vermutet, dass dort zunächst ein heiliger Baum stand, der im 3. Jahrhundert vermutlich durch eine tatsächlich auch entdeckte Baumskulptur ersetzt wurde.[78]

Nehmen wir nun hinzu, dass wir von Tacitus wissen, dass die Germanen ihre Götter in heiligen Hainen zu verehren pflegten, denken wir an den Semnonenhain, den Hain der Naharvaler und den Hain der Nerthus und bedenken auch, dass die Verehrung von einzelnen, besonders bemerkenswerten Bäumen auch in christlicher Zeit und bis weit ins Mittelalter belegt ist (Karl  der Große verfügt im Jahre 794 u.Z. bezüglich der „einhaltung des kirchlichen Gebots betreffs zerstörung der h. Bäume und haine [sic]“,[79] dann erscheint eine Verbindung zwischen dem Matronenkult und einem Baumkult nicht abwegig, zumal ein Baum durchaus als Mütterlichkeitssymbol aufgefasst werden kann, und im germanischen Weltbild ein Baum das Zentrum der Welt ist (axis mundi).[80] Ob es jedoch wirklich zwingend notwendig ist, einen präanthropomorphen und anikonischen Kult anzunehmen und ob es nicht bei Ahnengottheiten einleuchtender ist, dass diese auch vor den steinernen Kultbildern in menschlicher Gestalt, aber eventuell aus vergänglichem Material hergestellt verehrt wurden? Es hat wenig Sinn, eine Bezeichnung wie Matronae bzw. Matres zu verwenden, die mit „verehrte Frauen, Ahnmütter“ zu übersetzen wäre oder die sich mit Beiname als „die Mütter der …“ interpretieren lässt, wenn sich der Kult vorher um Ziegen drehte oder das Objekt der Verehrung ein Baum war. Diese Meinung vertritt der Archäologe Ton Derks. Theorien, die davon ausgehen, dass erst durch die Romanisierung der Kult quasi auf eine höhere Stufe erhoben wurde, beruhen laut Derks auf einem sehr traditionellen Konzept der Romanisierung (nämlich von oben nach unten) und sind reduktionistisch und ethnozentrisch.[81]

Die Frage nach dem Ursprung bleibt also bis auf Weiteres offen.

Ritus 

Wir haben gesehen, dass die Verehrung der ubischen Matronen in den Weihesteinen eine römische Form angenommen hatte, selbst wenn durch die Tracht und die Beinamen der Göttinnen ein indigener germanischer oder keltischer Bezug ganz deutlich war, und selbst wenn wir annehmen, dass die Ubier einen Ahnenglauben und gegebenenfalls einen Ahnenkult von der anderen Rheinseite mitgebracht hatten.[82] Was wissen wir aber über den Kult selbst? Was geschah in diesen Heiligtümern?

Glücklicherweise können wir auch hierüber einiges in Erfahrung bringen, und die Abbildungen auf den Weihesteinen zeigen Folgendes:

Wir sehen auf diesen Steinen, wie die Opfernden capite velato, mit verhülltem Haupt, an den Altar treten, um etwas ins Feuer zu geben, vermutlich Weihrauch.[83] Diener halten Weihrauchkästchen, eine Kanne, ein weiterer begleitet die Opferhandlung mit einer Doppelflöte. Wie könnte sich so eine Begleitmusik wohl angehört haben?[84]

Auf einem anderen Stein sehen wir, dass das Opfer auch im Kreis der Familie vollzogen wurde. Viele weitere Darstellungen zeigen, dass den Matronen in erster Linie Getreide, Früchte und Obst geopfert wurden.[85] Auch wurden die Altäre, wie häufig zu sehen ist und wie es für römische Altäre üblich war, mit Blumengirlanden geschmückt.

Diese Art des Opferns ist also ganz und gar im römischen Stil, wobei man davon ausgehen kann, dass die grundsätzlichen Opfervorstellungen bei Römern und Germanen nicht gegensätzlich waren. Zu bedenken ist auch, dass die Darstellungen auf den Weihesteinen idealtypische Darstellungen sind – im Zweifelsfall werden die Riten im Hinterland eher mehr als weniger germanischen Beigeschmack gehabt haben.

Ein weiterer interessanter Aspekt wurde durch den Fund eines Steins in Lyon an die Aufanischen Matronen aufgezeigt: In der Inschrift werden ein Platz zum Niederlegen, Speisegeräte und ein Tisch erwähnt, was darauf hinweist, dass kultische Mahlzeiten auch zum Ritus des Matronenkults gehörten. Kultmahle germanischer Stämme sind uns auch aus der Literatur bekannt, auch etymologisch finden sich dafür Belege.[86] Belege für Tieropfer und vermutlich Verzehr durch die Opfernden finden sich auch auf Weihesteinen. Wahrscheinlich war die curia das Gebäude innerhalb des Heiligtums, in welchem die Kultmahle stattfanden.[87] In Nöthen/Pesch war die curia wahrscheinlich in der sogenannten Basilika untergebracht, einem dreischiffigen Bau, der heute noch erkennbar ist. Es gab auf diesem Kultplatz auch einen Brunnen sowie Räumlichkeiten und Gebäude, in denen Utensilien und Kochgeräte oder anderes Zubehör gelagert werden konnte.

Weiterhin können wir wohl davon ausgehen, dass rituelle Umgänge bzw. Prozessionen stattgefunden haben – im Heiligtum Nöthen/Pesch könnte dies in der Wandelhalle geschehen sein, eine Umkreisung der cella und des dort befindlichen Kultbildes wäre auch möglich.

Auch hier überschneiden sich römische und germanische Ritualbräuche und Kultvorstellungen, da, wie wir wissen, bei den Germanen kultische Umzüge nicht unbekannt waren. 

Wir können also festhalten, dass zu einem Ritus folgende Elemente gehören konnten oder gehörten: Prozession der Verehrer und Verehrerinnen zum Heiligtum oder um die cella herum, Opferung am Altar oder einem Kultbild von Weihrauch, Früchten, Getreide oder eventuell Getreideprodukten, Tieropfern, wahrscheinlich auch einem gemeinsamen kultischen Mahl. Die Weihesteine oder Kultbilder werden mit Blumengirlanden geschmückt worden sein.

Das Ende der Matronen-Weihesteine

Geht man von datierbaren Weihesteinen aus, dann muss man feststellen, dass die Matronenkulte ab der Mitte des 3. Jahrhunderts in dieser Form nicht mehr praktiziert wurden. Die uns vorliegenden Darstellungen der Matronendreiheiten stammen vermutlich alle aus den Jahren zwischen 100 und 240 u.Z.[88] Allerdings, so Frank Biller, ist der Schluss der Inschriftensetzung nicht mit einem Abebben der Matronenverehrung gleichzusetzen.[89] Die Verehrung wird mit anderen, archäologisch nicht fassbaren Materialien umgesetzt worden sein, oder es wurde einfach an vorhandenen Kultbildern geopfert. Vielleicht rückte auch die Baumverehrung wieder stärker in den Vordergrund, die sich belegbar bis ins Mittelalter tradierte.[90]

Die wirtschaftliche und politische Lage wurde in der Mitte des 3. Jahrhunderts schlechter, daher hatten immer weniger Menschen die finanziellen Möglichkeiten, einen Stein in Auftrag zu geben, und mit dem Fall des Limes 230/260 u.Z. endete die Blütezeit der germanischen Provinzen. Es finden sich in beiden germanischen Provinzen nur noch 20 Weihesteine, die nach 260 u.Z. datiert werden können. Die vorhandenen Kultstätten wurden allerdings weiter genutzt und von Gläubigen frequentiert, der Kultplatz in Nöthen/Pesch erfuhr sogar eine späte Umbauphase – allerdings lassen Funde dort vermuten, dass Weihesteine profanisiert wurden, wahrscheinlich wurden schließlich andere Gottheiten an diesen Orten verehrt, für deren Kultgebäude man die Weihealtäre verwendete, oder man kehrte zu einer anikonischen Verehrung zurück. Dies war in Nettersheim vermutlich nicht der Fall, denn die Weihesteine wurden weder zerstört noch verschleppt, lediglich der Kultplatz wurde irgendwann aufgegeben.[91]

Der Volkskundler Matthias Zender argumentiert sehr vorsichtig dafür, dass es in der intensiven Verehrung der drei Jungfrauen Fides, Spes und Caritas im Kölner Raum zumindest die Möglichkeit einer gewissen Kontinuität zur Matronenverehrung gibt: Erhaltene Matronensteine gaben einen Anlass für Überlieferungen und Anknüpfungen an christliche Gestalten. Fides, Spes und Caritas sowie ihre Mutter, die Hl. Sophia, waren in der Ostkirche umfangreich verehrte Konkretisierungen der drei göttlichen Tugenden, sie wurden vor dem 6. Jahrhundert im Westen bekannt, und die Triade der Töchter drängte in der Volkstümlichkeit schnell die Mutter aus dem Bild, während die Kirche sich diesem Kult gegenüber zurückhaltend verhielt. Es ist allerdings unzutreffend und unwissenschaftlich, aus jeder weiblichen Heiligentriade Nachfolgerinnen der Matronen oder Matres zu machen.[92]

Resümee und Ausblick

Ich hoffe, nun einige Fragen über die Matronen, die häufig gestellt werden, beantwortet  zu haben:

Wir wissen nun, dass der Kult der Matronen zwar in römischer Form daherkommt, aber der Glaubensinhalt durchaus deutlich germanisch oder keltisch zu sein scheint, und dass es sich nicht einfach um ein Ergebnis einer top-down-Romanisierung gehandelt hat, bei der die Römer den Germanen und Kelten, die ansonsten noch in einem barbarischen religiösen Stadium verharrt wären, zeigten, wie das so geht mit dem Kult, sondern dass die Matronenverehrung eine Mischung aus verschiedenen kulturellen Einflüssen darstellt, in der sich eben diese drei Kulturen gemeinsam wiederfanden. 

Wir wissen durch die Beinamen der Matronen, dass sie als Ahnmütter oder Fruchtbarkeitsbringerinnen und Schutzgöttinnen verehrt wurden, und dass ihr Kult lokal sehr begrenzt war – dadurch ergibt sich die große Vielfalt der Beinamen.

Dass vermutet wird, dass die Ubier eine Form der Ahnenverehrung, eventuell sogar des Ahnenkults von der rechten Rheinseite mitgebracht haben, gibt uns Anlass zu der Annahme, dass dies auch bei anderen germanischen Stämmen der Fall war, das wird durch entsprechende Inschriften untermauert. Ob diese Verehrung zum Beispiel in anthropomorpher Form oder als Baumkult gepflegt wurde oder gänzlich anikonisch war, können wir allerdings noch nicht sagen.

Wir wissen, welche Elemente im Ritus wichtig waren: Weihrauch wurde geopfert, es gab Früchte- und Getreideopfer, aber auch blutige Opfer, ein gemeinsames Kultmahl, eventuell eine Prozession sowie eventuell musikalische Begleitung. Dies sind (mit Ausnahme des blutigen Opfers) alles Elemente, die wir in moderne Rituale ebenfalls einbauen können oder die schon fester Bestandteil unserer Riten sind.

Wir konnten erkennen, dass die Verehrung der Göttinnen zunächst clanzentriert war, sich aber durch die Vermischung der Bevölkerung und die Offenheit des Kults zu einem gemeinschaftsbasierten Kult wandelte. Die Göttinnen, die das Land beschützten, wurden von denjenigen angerufen, die dort lebten, ob sie blutsverwandt waren oder seit Jahrhunderten dort lebten oder nicht. Damit ist der Kult ein gutes Beispiel dafür, dass Blut und Boden-Vorstellungen für die Kultgemeinschaft offenbar keine Rolle gespielt haben. Es war wohl der Wunsch aller, auf diesem Stück Land gemeinsam gut leben zu können. Ihre Ahnmütter und Fruchtbarkeitsgöttinnen brachten sie mit, und die schlugen Wurzeln, genau wie die Menschen. Auch wir können nur dort gedeihen, wo wir Wurzeln haben, oder Wurzeln wachsen lassen. Wo immer wir auch sind, die Matronen können uns dabei helfen.

Literaturverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis:

Abb.1: Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby, ECDS-ID EDCS-1120227

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Abb.2: Hartmann Linge, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11809941

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Abb.3: Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby, ECDS-ID EDCS-11202290

http://db.edcs.eu/epigr/epi.php?s_sprache=en Zuletzt abgerufen am 6.1. 2019

Abb.4a und 4b: Rüger 1987, S. 5-7

Abb.5: H. Pohl 2018

Abb.6: H.G. Horn, Die Römer in Nordrhein-Westfalen, Stuttgart 1987, S. 343

Abb.7: H. Weingartz, GNU Free Documentation License

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bonn_altar_Gebrinius.jpg?uselang=de Zuletzt abgerufen am 6.1.2019

Abb.8: kleon3, CC

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2018_Rheinisches_Landesmuseum_Bonn,_Matronenaltar_vom_Bonner_Münster_3.jpg?uselang=de Zuletzt abgerufen am 6.1.2019


Endnoten

[1] Zimmer/ Heinrichs 2006, Stichwort Ubier

[2] Biller Kultische Zentren

[3] Zimmer/Heinrichs 2006 S. 356 

[4] Biller Kultische Zentren

[5] Petrikovits 1978 S. 81ff.

[6] Biller 2010 S. 307

[7] Neumann 2001 Stichwort Matronen

[8] Wild 1968 passim. Übrigens ist dies keine Festtagstracht, sondern Alltagstracht, die vermutlich von der anderen Rheinseite mitgebracht wurde.

[9] Horn 1987 S. 36

[10] Ebd. Ein Torques ist ein offener Halsreif, eine Lunula ein Schmuckstück in Halbmondform, teils als Anhänger, teils als Halsreif gefunden.

[11] Ebd. S. 53

[12] Biller 2010, Rüger 1987

[13] Biller 2010 S. 267ff.

[14] Ebd. S. 268

[15] Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby EDCS-ID: EDCS-11202083/EDCS-ID: EDCS-11100094

Diese Online-Datenbank katalogisiert archäologische Funde, die Adresse ist im Literaturverzeichnis vermerkt.

[16] Biller 2010 S. 269

[17] Ebd. S. 270

[18] Ebd. S. 271

[19] Derks 1998 S. 120

[20] Die Gallia narbonensis war eine römische Provinz im heutigen Südfrankreich.

[21] Die Po-Ebene bezeichnet ein Tiefland im Norden Italiens, nach dem größten Fluss Italiens „Po“ benannt.

[22] Shaw 2011 S. 42f.

[23] Ebd. S. 44

[24] Ebd. S. 45

[25] Simek 1995 Stichwort Matronenkult

[26] Beck 2009 1 I C. Es wird dort das Worts matron verwendet, das ist aber nicht Lateinisch, sondern der Genitiv Plural des keltischen Wortes matir.

[27] Neumann 1987 S. 108. So ist z.B. die Endung  „-ims“ im Namen Aflims keine korrekte Latinisierung und scheint eine bewusste Schreibung gewesen zu sein, um den germanischen Charakter der Gottheiten beizubehalten. 

[28] Derks 1998 S. 120, basierend auf Stolte 1986, 601–603

[29] Derks 2013 S. 240

[30] Neumann 1987 S. 105

[31] Neumann 1987

[32] Beck 2009 1 III C1)

[33] Beck 2009 1 III C2)

[34] Shaw 201 S. 46, Derks 1998 S. 127

[35] Neumann 1987 S. 109f.

[36] Ebd. S. 111, Horn 1987 S. 156

[37] Neumann 1987 S. 115

[38] Beck 2009 Kap. 1, IIIB

[39] Biller 2010 S. 282, auch ff. 

[40] Biller 2010 S. 284–286

[41] Ebd. S. 287

[42] Ebd. S. 288

[43] Spickermann 2008 S. 75, zu diesem Thema siehe auch Stolte 1986 S. 662f. und Rüger 1987 S. 21

[44] Ebd.

[45] Im weiteren Biller 2010 S. 29 ff.

[46] Horn 1987 S. 572

[47] Biller Kultische Zentren und Biller 2010 S. 315

[48] Horn 1987 S. 573

[49] Biller 2010 S. 320

[50] Biller 2010 S. 317

[51] Ebd. S. 315

[52] Neumann 1987 S. 114f.

[53] Horn 1987 S. 342, im folgenden

[54] Ebd. S. 345

[55] Ebd.

[56] Biller 2010 S. 290

[57] Ebd. S. 291

[58] Ebd. S. 292

[59] Ebd. S. 293

[60] Derks 1998 S. 122

[61] Biller 2010 S. 295

[62] Ebd.

[63] Ebd. S. 295

[64] Köbler 20014 s.v. saiþa, überprüft am 6.2.2018

Neumann 1987 S. 111

[65] Horn 1987 S. 54

[66] Derks 1998 S. 128

[67] Ebd., Derks 2013 S. 241

[68] Derks 2013 S. 240

[69] Parhedros ist die Bezeichnung für den Gatten oder die Gattin einer Fruchtbarkeitsgottheit.

[70] Biller 2010 S. 272 ff., Rüger 1983

[71] Biller 2010 S. 273

[72] Bauchhenß 2014 S. 157

[73] Biller 2010 S. 274f.

[74] Biller 2010 S. 287

[75] Horn 1987 S. 50

[76] Ebd. S. 51

[77] Biller 2010 S. 287f.

[78] Ebd. S. 279f.

[79] Zitiert nach Biller 2010 S. 281

[80] Baudy s.v. Baum 

[81] Derks 1998 S. 126

[82] Derks 1998 S. 124 

[83] Derks 2013 S. 241 Weihrauch oder Wein – das Voropfer des röm. Opferritus ture et vino

[84] Auf youtube kann man sich eine Vorstellung machen: https://www.youtube.com/watch?v=g9VBzjDw1Is

[85] Biller 2010 S. 301f. J. Pompoianus und Bassiania Calla

[86] Ebd. S. 303

[87] Ebd. S. 304

[88] Ebd. S. 308

[89] Ebd. 

[90] Biller 2010 S. 310

[91] Ebd. S. 209

[92] Zender 1987 passim

Erschienen 2019 in Herdfeuer 51