Ahnen-Stellwerk zum I. Weltkrieg

Ein systemisch-schamanisches Aufstellungsritual auf dem Eldathing 2014 in Borgwedel

von Petra Bolte

Widmung

Meinen Urgroßeltern Hermann und Johanne Diekhöner.

Danksagung

Mein Dank gilt Elke Bachmann-Tigges, einer ebenso begnadeten wie bescheidenen Familienaufstellerin und meiner Freundin Rena Brummer, die mich zu ihr geschickt hat.

Einführung

Das Jahr 2014 stand im Zeichen des Erinnerns an den Ausbruch des I. Weltkriegs vor 100 Jahren, in 1914. Dokumentationen im Fernsehen, Museumsausstellungen und einschlägige Buchveröffentlichen halten das Thema gegenwärtig.

Doch was mir das Thema wirklich nahebrachte, war ein Lied: „The green fields of France“ in der Version von den Dropkick Murphys. Der Originaltitel heißt „No Mans’s Land“ von Eric McBogle1. Es gibt auch eine deutsche Fassung von Hannes Wader: „Es ist an der Zeit“. Das Lied handelt von einem jungen Soldaten, der im I. Weltkrieg in Frankreich fällt. Auch mein Urgroßvater fiel als junger Mann vor Verdun, Frankreich, sein Tod ein sinnloses Opfer. Sein Name steht neben den unzähligen anderen Namen gefallener Soldaten des I. Weltkriegs auf einer Steintafel in einer verborgenen Ecke des Münsters in meiner Heimatstadt. Meine Urgroßmutter war da gerade mit dem 4. Kind schwanger. Sie wuchs über sich hinaus, ernährte allein ihre 4 Kinder und erzog sie zu ordentlichen Menschen. Sie war eine Heldin!

Aber das war nichts Besonderes, der I. Weltkrieg erschütterte die Leben sehr, sehr vieler Menschen, brachte Hunger, Elend, Armut, Sterben, Zerstörung. Kaum eine Familie blieb ohne Tote. Einigen wenigen brachte der I. Weltkrieg aber auch Ruhm und Reichtum.

Das Thema ließ mich nicht los. Nach einer Fortbildung bei dem renommierten systemischen Psychologen Daan van Kampenhout, der Schamanismus mit Techniken der Familienaufstellung verbindet,2 beschlossen Hermann und ich, ein Ritual für das Ahnenfeld der Zeit des I. Weltkriegs zu konzipieren und dafür die Unterstützung unseres germanischen Pantheons zu erbitten. Angeboten haben wir dieses Ritual dann unter dem Titel Ahnen-Stellwerk zum I. Weltkrieg – ein systemisch-schamanisches Aufstellungsritual auf dem Eldathing 2014 in Borgwedel bei Schleswig.

Wieso systemische Aufstellung?

Wir wissen heute, dass die furchtbaren Leiden, Verluste und Qualen, die Menschen durch Kriege und ihre Begleiterscheinungen erduldet haben, Wunden in die Seelen schlagen, die über die Generationen hinweg Auswirkungen zeitigen können. Während die Überlebenden der unmittelbar betroffenen Generation alle Kraft auf das Durchstehen der Katastrophe, die Sicherung der Subsistenz, das Durchbringen der Nachkommen, den Wiederaufbau richten und richten müssen, bleiben seelische Leiden und Traumata meist unverarbeitet. Diese Leiden wirken aber in den Menschen fort, und nicht alle können gut damit umgehen. Manche Glücklichen verfügen über eine hohe Resilienz, sie bewahren oder finden zu einer lebensfrohen Haltung, vielleicht, weil sie das Glück des Überlebt-Habens im Vordergrund sehen. Andere jedoch zerbrechen an ihrem Leid, welches sich in zerstörerischen Verhaltensweisen wie z.B. Alkoholismus, Gewalt usw. neue Gestalt sucht. Die meisten Menschen werden sich zwischen diesen Polen bewegen, ängstlich aber aufrecht gehalten von Zweckoptimismus, Vorsicht, Misstrauen, familiärem Zusammenhalt, Verdrängung und Schweigen. In diesem Klima wächst die nächste Generation heran und bekommt ihr Maß an unbearbeiteten Konflikten und daraus erwachsenden problematischen Verhaltensweisen tradiert. Gefolgt von der nächsten Generation. Und der übernächsten …

Verdrängung und Schweigen erschweren es den „Erben“ dieser Kriegsleiden, selbige jemals aufzuarbeiten. Während es eine historische Forschung und Aufarbeitung sehr wohl gibt, bleibt eine familiäre Aufarbeitung – so sie denn von einer späteren Generation angestrebt wird – schnell auf der Strecke. Denn die betroffenen Vorfahren sind tot. Mit Glück sind ein paar gruselig anmutende Geschichten oder von schwarzem Humor erfüllte Anekdoten in der Familie überliefert. Vielleicht sind ein paar Briefe von der Front erhalten, oder Militaria, derer man sich vielleicht sogar schämt. Aber wir haben keine Chance, mit unseren Vorfahren in Interaktion zutreten, um eine Aufarbeitung zu leisten.
Oder doch?

Therapeuten haben auf der Basis von Morenos Psychodrama Methoden entwickelt, die nicht mehr nur das Individuum in den Blick nehmen, sondern das System, in dem es sich bewegt, i.d.R. also die Familie.3 Heute sind systemische Therapieformen beliebt, und systemische Methoden kommen vielfach auch außerhalb der psychologischen oder therapeutischen Praxis zum Einsatz, z.B. in Coaching und Unternehmensberatung.

Ein nicht unumstrittener Ansatz ist die vom Psychodrama inspirierte systemische Familienaufstellung. Die Familienaufstellung erlaubt es, ohne monate- oder jahrelange Therapiesitzungen unmittelbar an einem vom Klienten benannten Problem zu arbeiten. Dies bedarf der Mitwirkung eines „Aufstellers“ und einiger Teilnehmer, von denen sich eine Anzahl zur aktiven Mitwirkung an der Aufstellung als „Stellvertreter“ bereitfinden. Hier eine stark verkürzte Beschreibung der Arbeitsweise: Der Klient benennt sein konkretes Anliegen und bittet auf Basis seiner Intuition einen anderen Teilnehmer, sein Stellvertreter zu sein. Diesen stellt er ebenfalls rein intuitiv an eine Stelle im Raum. Dies wiederholt er für Personen oder abstrakte Kräfte seines „Systems“ (z.B. des Systems Familie) mit weiteren Teilnehmern. Dann zieht sich der Klient in den Sitzkreis zu den nicht aufgestellten Teilnehmern zurück. Das alles vollzieht sich unter der respektvollen Anleitung des Aufstellers. Der Aufsteller beginnt nun, mit den Stellvertretern an der Problemstellung des Klienten zu arbeiten. Die Stellvertreter agieren ausschließlich auf Basis ihrer Intuition ohne weitere Informationen zu erhalten. Die Aufstellung wird in der Regel solange fortgeführt, bis das Problem abgearbeitet ist, was oftmals in einer Versöhnung zwischen bestimmten Personen oder Kräften des Klienten-Systems mündet. Für die Klienten ist dies eine innerlich aufwühlende Angelegenheit, allerdings zeitigen sich oft kurzfristig positive, als heilsam empfundene Effekte, insofern die von den Stellvertretern erarbeitete Problemlösung – im Idealfall eine Versöhnung – als eine real vollzogene erlebt wird.

A und O ist bei alledem ein verantwortungsvoller Aufsteller, der das Wohl seines Klienten in den Vordergrund stellt, auf Bevormundung verzichtet, Achtsamkeit gegen alle Teilnehmer walten lässt und zugleich allen Beteiligten Sicherheit vermittelt.

Die Methode ist wohl deswegen umstritten, weil sie in hohem Maße auf dem intuitiven Handeln der Teilnehmer fußt und bis heute die Ansätze, eine Wirksamkeit systemischer Aufstellungen wissenschaftlich fundiert herzuleiten, eher bemüht wirken. Auch ich selbst habe die Wirksamkeit der Methode Familienaufstellung erst akzeptieren können, nachdem ich daran teilgenommen und ihre heilsamen Effekte selbst erfahren habe. Das gilt erst recht für Hermann, der mit großen Vorbehalten und eher mir zuliebe an einer Aufstellung teilnahm und nach dieser Erfahrung und dem überaus positiven Feedback der Teilnehmer seine anfangs ablehnende Haltung überdachte. Getreu der Logik: Wer heilt, hat recht!

Als germanischer Heidin ist mir die Verehrung der Ahnen zentraler Bestandteil meiner rituellen Praxis neben der Verehrung der Götter. Daher sah ich gerade in der Familienaufstellung, zumal diese bisweilen auch die bereits Verstorbenen eines Familiensystems einbezieht, eine enorme Chance, therapeutische Methodik und heidnisches Ritual in einen fruchtbaren Austausch zu bringen.

Vorbereitung

Das Konzept für das Aufstellungsritual beim Eldathing beinhaltet eine Einstimmung auf das Thema anhand einer historischen Übersicht zu den Jahren des I. Weltkriegs, die nicht nur den Krieg mit seinen Folgen, sondern insbesondere auch die zeitgenössische Kultur in Erinnerung ruft. Gleichsam ist dies eine Einladung an die Ahnen dieser Zeit, an die wir anknüpfen.

Wir erstellten eine Materialliste für das Ritual. Um den richtigen Rahmen zu schaffen, der eine Einladung an Ahnen und göttliche Mächte ausstrahlen sollte, beschafften wir eine Reihe Accessoires, die von ihrer Farbe oder Beschaffenheit her an göttliche Attribute anknüpfen.

Wichtig war natürlich ein Konzept für das Ritual selbst, um sich die Methodik der systemischen Familienaufstellung für einen symbolischen Austausch mit Ahnen und Göttern zu Nutze zu machen. Ich hatte dazu ein klares, aber komplexes Bild im Sinn, dass in Träumen und durch unvermittelte Eingebungen auf mich gekommen war. Dieses Bild musste ich mithilfe der Ritualgegenstände und der zu stellenden Personen und Kräfte in das Hier und Jetzt der Aufstellung holen und in den Kontext germanisch-heidnischer Kosmologie einsortieren. Dazu entwickelten wir eine Art Drehbuch oder Choreographie, nach der wir die repräsentativen Charaktere einerseits und göttliche Kräfte andererseits miteinander in Interaktion bringen wollten. Eine Herausforderung bei der Planung war, dass wir im Vorwege nicht wissen konnten, wie viele Teilnehmer sich einstellen würden. Daher überlegten wir uns für den Fall, dass wir sehr wenige Teilnehmer haben würden, einen Plan B.

Mit Bedacht entschieden wir uns, „göttliche Kräfte“ und nicht Gottheiten selbst in das Ritual zu rufen. Zum einen aus Respekt vor den Hohen und zum anderen, um nicht mehr Energie in das Ritual zu holen, als für unser Anliegen notwendig und für die Teilnehmer zumutbar sein würde.

Die Ritualgegenstände würden helfen, den Raum zu definieren als Brücke zu den Welten der Ahnen und der Hohen. Da wir kein individuelles Klienten-Anliegen, sondern ein übergeordnetes, historisches Thema bearbeiten bzw. „stellen“ wollten, entwarfen wir fiktive, aber (arche)typische Charaktere, die repräsentativ für viele Schicksale aus der Zeit von 1914-1918 standen.

Hermann kümmerte sich um einen geschützten Rahmen, der den Teilnehmern ermöglichte, sich störungsfrei und vertrauensvoll dem Ritual widmen zu können. In der Herberge Borgwedel fand sich ein teilbarer Raum mit schönem Ausblick auf die Schlei, der der Gruppengröße angepasst werden konnte.4

Außerdem vereinbarten wir, unseren professionellen Hintergrund vorzustellen, um den Teilnehmern die Sicherheit zu vermitteln, sich in erfahrene Hände zu begeben.5

Meine Aufgabe würde es sein, als Aufstellerin das eigentliche Ritual zu leiten, Hermanns Aufgabe bestand in der „Sicherung“, d.h. er stand bereit, Unterstützung zu gewähren, falls ein Teilnehmer überfordert sein würde oder andere unvorhergesehene Dinge einträten; zudem gestaltete er die historische Übersicht.

Historische Übersicht zur Einstimmung in die Epoche

Um die Teilnehmer an die Epoche (Gründerzeit) und an das Thema I. Weltkrieg heran zu führen, bereitete Hermann eine historische Übersicht vor, die wir in der Jugendherberge in Borgwedel aushängten.

Die Epoche, in die der I. Weltkrieg einschnitt, war fürwahr eine kulturelle Blütezeit in Europa.

Auszug aus der historischen Übersicht:

Architektur – Jugendstil, erste Bauhaus-Arbeiten. Wegbereiter: u.a. Walter Gropius

Naturwissenschaft – Allgemeine Relativitätstheorie, Quantenphysik, Strahlenbehandlung: Albert Einstein, Marie Curie, Niels Bohr u.a.

Malerei – Expressionismus: u.a. Franz Marc (gefallen 1916)

Musik – Operette: u.a. Franz Lehar, Emmerich Kalman

Volkslieder, z.B. das folgende:

Am Bachbett brennt die bittre Beere (1914)

„Am Bachbett brennt die bittre Beere
in ihrer Reife tiefstem Rot
Mir ist’s, als wenn es Herzblut wäre
von Kameraden, wund und tot
Da ruhn die Treuen still beisammen
gebettet all zum letzten Schlaf
verklärt im Glanz der Sonnenflammen
all die, die heut die Kugel traf
Und auch mein Freund ruht in der Erden
mein Herz, was schlägst du laut und jach
auch du musst balde stille werden
Drum still, mein Freund, ich komme nach.“6

Der I. Weltkrieg hatte im Wortsinne verheerende Auswirkungen auf Europa und insbesondere auf Deutschland. In Deutschland wurde die Generation junger Männer um ein Drittel dezimiert:

„Es fielen mehr als 35 Prozent aller deutschen Männer, die bei Ausbruch des Krieges zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, und viele weitere wurden schwer verwundet.“7

Hinzu kam eine Grippe-Pandemie, der man in der Folge des Krieges nichts entgegen zu setzen hatte und die europaweit viele Millionen Menschenleben forderte.

Das Aufstellungsritual

Zum Aufstellungsritual fanden sich 18 Personen einschließlich der Moderatoren ein. Es sollte sich herausstellen, dass sich damit die perfekte Anzahl gefunden hatte.

Die Teilnehmer nahmen Platz in einem äußeren Stuhlkreis.

Zunächst verankerten wir das raumzeitliche Feld des Rituals in der germanischen Kosmologie. Dazu wurden acht Stühle in einem inneren Stuhlkreis platziert, die für acht Himmelsrichtungen, Tageszeiten, Farben, Lebensphasen und Jahreskreisfeste standen. Ein Sisalseil als Sinnbild des Wyrd wurde um den Stuhlkreis ausgelegt. Die Mitte als neunter Punkt stand für den Urdbrunnen, symbolisiert durch eine Schale Wasser aus der Schlei. Das Feld entsprach einem Rad mit acht Speichen.

Die acht Stühle im inneren Kreis waren nach Himmelsrichtungen ausgerichtet. Jeder Stuhl wurde mit einem Tuch in einer symbolträchtigen Farbe markiert:

  • Im Norden schwarz für die tiefste Dunkelheit,
  • im Nordosten weiß für den Frühjahrsschnee,
  • im Osten blau für das Wasser der Osterquellen,
  • im Südosten grün für die sprießenden Pflanzen,
  • im Süden gelb für die Mittsommersonne,
  • im Südwesten orange für die reifenden Früchte,
  • im Westen rot für den Sonnenuntergang,
  • im Nordwesten lila für den letzten Versuch.

Doch zunächst blieben alle Teilnehmer im äußeren Stuhlkreis. Hermann eröffnete den Workshop, indem er eine kleine Irminsul für eine Vorstellungsrunde kreisen ließ. Indem jeder Teilnehmende die Irminsul in die Hände nahm und seinen Namen nannte, trat er in das Ritual ein. Dazu sagte jeder ein paar Worte, z.B. zu seinen Erwartungen oder Vorerfahrungen. Die meisten der Teilnehmer hatten keine Erfahrungen mit Aufstellungen, wussten nicht, was sie erwartete und brachten insofern viel Vertrauen mit.

Dann wurde das Verfahren erklärt: Im Zuge der Aufstellung würde ich Teilnehmer bitten, als Stellvertreter mitzuwirken. Zum einen als Stellvertreter für göttliche Kräfte, zum anderen als Stellvertreter für archetypische Schicksale aus der Zeit des I. Weltkriegs. Ich erklärte auch, dass es in der Aufstellung emotional werden kann und darf, und dass ich die Teilnehmer auch anfassen würde, z.B. um sie zu führen oder zu stützen.

Hermann stellte heraus, dass die Erlebnisse in einer Aufstellung der Vertraulichkeit unterliegen, weswegen die Teilnehmer nicht namentlich in diesem Artikel benannt sind und nicht alles im Detail beschrieben wird.8

Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jeder ablehnen darf, eine bestimmte Stellvertretung zu übernehmen oder auch prinzipiell verneinen kann, überhaupt als Stellvertreter mitzuwirken.

Hermann erläuterte, dass eine Stellvertretung nicht an Alter oder Geschlecht gebunden ist – ein alter Mann kann ein junges Mädchen stellvertreten, ein junger Mann eine alte Frau usw. – wie bereits von Moreno für das Psychodrama festgehalten:

„Es gibt kein Geschlecht im Psychodrama. Ein alter Mann kann ein Kind darstellen, ein Kind einen Greis. Es gibt kein Alter im Psychodrama. Ein Toter kann ins Leben zurückgerufen werden. Es gibt keinen Tod im Psychodrama.

Das Psychodrama ist die Rückkehr der Magie in die Wissenschaft. Es setzt quasi den ganzen Kosmos in Szene.“9

Zu Beginn des eigentlichen Aufstellens verschwanden alle störenden Gedanken und ich umrundete den Kreis, als nähme mein Geist Anlauf für die Aufgabe. Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich mich hier in eine leichte Trance begab, die eine erhöhte Fokussiertheit mit sich bringt. Dann sprach ich aus der Intuition heraus Teilnehmende an, ob sie als Stellvertreter für eine bestimmte Position mitwirken würden. Ein jeder, der eine Stellvertretung annahm, bestätigte dies mit einem klaren „Ja“ und wechselte damit in die Aufgabe des Stellvertreters.

Eine Teilnehmerin äußerte klar, dass sie keine Stellvertretung übernehmen, sondern lediglich aus dem äußeren Kreis heraus zuschauen möchte. Sie nahm damit die wichtige Rolle einer Zeugin ein, die dem Geschehen beiwohnt.

Zunächst bat ich nacheinander acht Personen, die Stellvertretung für acht göttliche Kräfte mit deren jeweiliger Assoziation zu Jahreszeit, Brauchtum und Lebensphase zu übernehmen. Diese acht Stellvertreter nahmen auf den acht Stühlen des Innenkreises Platz. Durch die Besetzung dieser Plätze wurde die heidnisch-magische Kosmologie für das Ritual vervollständigt.

Danach leitete ich die Begegnung der Weltkriegs-Charaktere mit den göttlichen Kräften ein. Jede dieser Gegenüberstellungen hatten Hermann und ich im Vorwege sorgfältig durchdacht: Das „Matching“ sollte stimmig sein, jeder Charakter sollte einer göttlichen Kraft begegnen, bei der sein Schicksal besonders gut aufgehoben war.

Im Folgenden werden die acht Positionen näher beschrieben und die göttlichen Kräfte benannt, die von Stellvertretern aus dem Kreise der Teilnehmer verkörpert wurden. (Vergleiche hierzu auch Schaubild 1.)

1. Position: Nordost, Frühjahr, Geburt, Disenblot.

Ich fragte die erste der verbliebenen Personen im Außenkreis, ob sie die Stellvertretung für einen totgeborenen Säugling übernehmen würde. Nach Bejahung führte ich die Stellvertreterin des totgeborenen Säuglings zur Stellvertreterin der Kraft Frau Holles. Beide gingen unter meiner Anleitung in ein Zwiegespräch, in dem das totgeborene Kind seine Enttäuschung über die verpasste Lebenschance vortrug. Die Kraft Frau Holles konnte dem totgeborenen Kind Trost spenden.

2. Position: Ost, Äquinox, Kindheit, Ostara.

Der nächste Teilnehmer willigte in die Stellvertretung für ein Kind, das seinen eingezogenen Vater entbehrt, ein. Ich führte ihn dem Stellvertreter für die verheißungsvolle Kraft der Ostara zu. Beide gingen in Zwiesprache. Es war faszinierend zu erleben, wie vormals Unbeteiligte die Gefühle der Charaktere und Kräfte, die sie vertreten, aufnahmen und ausübten. Das Kind, das seinen Vater entbehrt, klagte seinen Kummer, und die Kraft Ostaras war in der Lage, das Kind der Liebe seines abwesenden Vaters zu versichern.

3. Position: Südost, Frühling, Adoleszenz, Hohenmaien.

Die lebenslustige Kraft Freyrs wurde von einer vor Energie sprühenden Stellvertreterin in der Position des Frühlings verkörpert, der die Jugendliche, deren Liebster in den Krieg gezogen war, gegenübergestellt wurde. Der Stellvertreter der Jugendlichen brachte die Angst und Verwirrung der verliebten Jugendlichen zum Ausdruck und die Stellvertreterin der Freyr-Kraft konnte der Jugendlichen Zuversicht spenden.

4. Position: Süd, Sommersonnenwende, Familiengründung, Mittsommer.

Die Mittsommer-Position war mit der stärkenden Kraft Thors besetzt. Dieser wurde der Stellvertreter des Soldaten im Schützengraben, dessen Kräfte nachlassen, zugeführt. Er verkörperte das Leid des Geschwächten, der in der Zeit der Freudenfeste die Lebenskraft schwinden fühlt. Der Stellvertreter der Kraft Thors zitterte am ganzen Körper, so mächtig war die auf ihn gekommene Kraft, mit der er dem Soldaten Stärke schenkte. Als Aufstellerin unterstützte ich ihn mit einer Hand in seinem Rücken.

5. Position: Südwest, Hochsommer, reifes Erwachsensein, Schnitterfest.

Das Schnitterfest wird gern mit Sifs goldenem Haar in Verbindung gebracht, von daher fiel der reifenden Kraft der Sif diese Position wie von selbst zu. Ihr wurde der Stellvertreter der Kriegerwitwe, die ihre Kinder allein aufziehen muss, entgegengestellt. Auch in dieser schwierigen Gegenüberstellung konnte der Stellvertreter der Sif der Kriegerwitwe Ermutigung geben.

6. Position: West, Äquinox, Alter, Erntedank.

Das Alter bringt oftmals Milde, Einkehr und Reflexion mit sich. Daher wurde hier die Stellvertreterin des dekorierten Veteranen, den im Rückblick das Gewissen quält, der Stellvertreterin der gerechten Kraft Tyrs gegenübergestellt. Konfrontiert mit dem, wofür Tyr steht, verfiel der Veteran in Selbstbezichtigung und Reue über Kriegstaten, die den Mächtigen dienten, aber dem Volk schadeten. Die Stellvertreterin der Kraft Tyrs nahm die Reue des Veteranen an.

7. Position: Nordwest, Herbst, Sterben, Samhain.

Welcher Gott kennt sich mit dem Sterben aus? Wir wählten Balder für diese Position, obwohl er sonst gern mit der Sonnenwende assoziiert wird. Der Stellvertreterin für Balders tröstende Kraft wurde ein aufstellungserfahrener Stellvertreter als sterbender Soldat zugeführt. Das furchtbare Leid, dem der Sterbende ausgesetzt war, verkörperte sich greifbar in dieser Begegnung. Die Stellvertreterin der Balder-Kraft konnte, aus Balders Unterwelt-Erfahrung schöpfend, zwar beruhigend auf den sterbenden Soldaten einwirken. Dieser konnte sein Schicksal jedoch nicht ohne Weiteres akzeptieren und erlitt einen heftigen Gefühlsausbruch. In dieser Situation verließ die Kraft der Frau Holle ihre Position (Nordost) und kam unterstützend und Liebe verströmend hinzu. Sich langsam aus der Verkrampfung lösend und mit letzter Kraft schleppte sich der Sterbende zur nächsten Position, der des Todes:

8. Position: Nord, Wintersonnenwende, Tod, Mittwinter.

Hier fing ihn die erfahrene Stellvertreterin der gastgebenden Kraft Hels auf. Die Stellvertreterin war ursprünglich für die gebündelten Kräfte der den Jenseits-Vorstellungen verbundenen Gottheiten Hel, Odin, Freya und Ran vorgesehen. Es setzte sich in dieser Konstellation jedoch die Kraft der Hel durch. Die Güte der Hel-Kraft übte eine starke Anziehung aus, die auf alle ausstrahlte. Von der Geburtsposition ausgehend sammelte ich alle Stellvertreter – Archetypen und göttliche Kräfte – ein und führte sie zur Nord-Position. Dort bildeten die Stellvertreterinnen der Kräfte Hel (Tod) und Holle (Geburt) ein Tor, das alle durchschritten und sich so mit den Ahnen vereinigten. Schließlich fanden sich sämtliche Teilnehmer einschließlich der Zeugin, Hermann und mir im Ahnen-Pool ein.

Ende des Rituals, Übergang in die Normalität

Das Ritual endete in befreitem Lachen. Ich entließ alle Stellvertreter aus ihren Rollen.

Alle setzten sich nochmal zu einer Abschlussrunde zusammen, in der Hermann wieder die Irminsul kreisen ließ. Jeder konnte nochmal einen Kommentar abgeben – oder auch schweigen.

Hermann sammelte das Sisalseil ein, während ich das Wasser aus dem sinnbildlichen Urdbrunnen in die Schlei zurück goss.

Unser Ziel, Aussöhnung und Frieden für unsere Vorfahren aus dem I. Weltkrieg zumindest auf dieser symbolischen Ebene zu erwirken, war erreicht.

Danke allen Teilnehmern!

Schaubild 1: Räumliche Anordnung

Endnoten

1 Hier ist der Text zu finden: http://ericbogle.net/lyrics/lyricspdf/nomansland.pdf (Recherche 24.04.2016)

2 Siehe Daan van Kampenhout, Die Tränen der Ahnen – Opfer und Täter in der kollektiven Seele, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme 2008.

3 Zu Morenos Psychodrama siehe http://www.psychodrama-netz.de/content/psychodrama, Recherche 21.04.2017

4 An dieser Stelle ein besonderer Dank an die Eldathing-Gastgeber Martje und Ralf, die uns bei der Raumsuche sehr unterstützt haben.

5 Hermann: Dipl.-Sozialarbeiter und Historiker M.A., Wicca-Ausbildung; Petra: Ethnologie, Religionswissenschaft und Geschichte M.A., Senior Consultant; beide: Fortbildung in systemischer Aufstellung.

6 http://www.volksliederarchiv.de/am-bachbett-brennt-die-bittre-beere/, (Recherche 24.04.2016)

7 Adam Hochschild, Der große Krieg : Der Untergang des alten Europa im ersten Weltkrieg. Stuttgart: Klett-Cotta 1. Aufl. 2013, S. 10

8 Insbesondere über die Gefühlsregungen, z.T. Gefühlsausbrüche der Stellvertreter wird in diesem Artikel bewusst zurückhaltend geschrieben, wenngleich die Schilderung deswegen etwas hölzern erscheinen mag.

9 Jacob Levy Moreno, Die Grundlagen der Soziometrie. Opladen, 1974, S. 420

Erscheinen 2018 in Herdfeuer 48