Thorri und das Thorrablót

von Gunivortus Goos

Wer dem Titel zu entnehmen glaubt, dass dieser Beitrag von dem nordischen Gott Thor (altnordisch: Þórr) handelt, unterliegt einem Irrtum. Thorri bezieht sich auf eine andere Gestalt der nordischen Mythologie. Aber wer dieser Thorri (altnordisch: Þorri) nun eigentlich war, ist nicht sicher geklärt, die alten Quellen sind darüber leider nicht eindeutig und gleicher Ansicht. Nach der Orkneyinga Saga aus dem 13. Jahrhundert war Thorri der König eines frühen Königreichs in Norwegen. Aus historischer Sicht gibt es dafür keine Belege, es gehört deshalb auch wohl zur Mythologie, so wie das vermutlich auch bei dem dänischen König Rolf Krake (altnordisch: Hrólfr Kraki) der Fall ist.

Thorri soll von Fornjot (altnordisch: Fornjótr) abstammen und dieser Name kommt an mehreren Stellen in der skandinavischen Mythologie vor: In den Thulur (Nafnaþulur), dem letzten Teil der Skáldskaparmál, einem der Hauptteile der Prosa-Edda des Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert, kommt Fornjot als Name eines Riesen (Jöte, Jötunn) vor. Heute existiert die Ansicht, er könnte der Stammvater eines Reifriesengeschlechts sein. Im Flateyjarbók, einer Sammlung von Handschriften aus früh-isländischer Zeit, gibt es ein Dokument, das von der Besiedelung Norwegens (Hversu Nóregr byggðiskWie Norwegen besiedelt wurde) erzählt, und das enthält mehr Informationen über Thorri und seinen Ahn Fornjot. In der Orkneyinga Saga findet sich ein ähnlicher Abschnitt, und auch Rasmus B. Anderson schreibt in seiner englischen Übersetzung der Prosa-Edda über Thorri und seine Verwandten:

„Da war ein Mann, dessen Name Fornjot war. Er hatte drei Söhne; einer hieß Hlér (Ægir?), der zweite hieß Logi und der dritte Kári, der Herrscher war über die Winde. Logi war Herrscher über das Feuer und Hlér über das Meer. Kári hatte zahlreiche Nachkommen. Einer seiner Söhne hieß Jökul (Eisberg), eine anderer hieß Froste (Frost) und dessen Sohn war König Snae (Schnee). Ein dritter Sohn Káris hieß Thorri (strenger Frost) und nach ihm wurde der Wintermonat genannt: Thorramonat. Káris Töchter hießen Fonn (festgefahrener Schnee), Drifa (Schneeverwehung) und Mjóll (feiner Schnee). Alle diese Namen hängen zusammen mit Káris Namen, der »Wind« bedeutet.

Thorri hatte zwei Söhne Nor und Gar und eine Tochter Goe. Es wird erzählt, dass Goe verschwand und ihre Brüder nach ihr suchten. Schließlich fanden sie heraus, wer sie entführt hatte. Das war Hrolf vom Berg, ein Sohn des Riesen Svadi und Enkel von Asa-Thor. Sie bereinigten den Streit und darauf heiratete Hrolf seine Goe. Nor heiratete Hrolfs Schwester und sie ließen sich in einem Land nieder, das er nach seinen eigenen Namen nannte; Norvegr, also Norwegen.“

(Übersetzt nach Rasmus B. Anderson)

In dieser Beschreibung wird Thorri also als Sohn Káris verstanden. Die Historia Norwegiae (Geschichte Norwegens, geschrieben zwischen 1152 und 1266) bestätigt die Erklärung für das Entstehen des Namens Norwegen:

„Und Norwegen bekam seinen Namen von einen bestimmten König der Norr hieß.“

In einer zweiten Darstellung aus „Wie Norwegen besiedelt wurde“ wird Thorri nicht als Sohn Káris bezeichnet, sondern als Sohn von König Snae:

„Es gab einen Mann dessen Name Fornjót war. Er hatte drei Söhne; einer wurde Hlér(Ægir) genannt, der zweite hieß Logi und der dritte Kári. Der Dritte herrschte über die Winde, Logi über das Feuer und Hlér war Herrscher der Meere. Kári war der Vater von Jökul (Gletscher oder Eisberg) und der war der Vater von König Snae (Schnee). Die Söhne von König Snae hießen Þorri, Fönn, Drífa und Mjöll. Þorri war ein großartiger König. Er herrschte über Gotland, Kaenland, and Finland. Er förderte die Bewohner von Kaenland, indem er dafür sorgte, dass es genug Schnee gab, damit das Reisen per Ski einfach war. Wenn das soweit war, dann wurde gefeiert und die Feier fand in der Mitte des Winters statt. Ab dieser Zeit wurde dieser Monat der Thorrimonat genannt.“

(Frei übersetzt nach der George-L.-Hardman-Übersetzung der Hversu Noregr Byggðist)

Nach dieser Beschreibung wäre die Abstammungslinie des norwegischen Königshauses:

Fornjótr–Kári–Frosti–Snaer–Thorri–Nórr–Harald Schönhaar, usw.

Und die dritte Beschreibung entstammt der Orkneyingas Saga. Der entsprechende Abschnitt lautet:

„Es gab einmal einen König und der hieß Fornjot. Er herrschte über die Länder Finnland und Kvenland. Das liegt östlich der Meeresbucht, die sich nordwärts biegt bis Gandvik; wir nennen sie die Helsingbucht. Fornjot hatte drei Söhne; einer hieß Hler, den wir Ægir nennen, der zweite hieß Logi und der dritte Kari. Kari war der Vater von Frost, der Vater von Snae dem Alten, der Name seines Sohnes war Thorri. Er (Thorri) hatte zwei Söhne, der Name eines von beiden war Norr und der andere hieß Gorr und seine Tochter hieß Goi.

Thorri war ein großartiger Opferer, jedes Mal zur Wintersonnenwende zelebrierte er ein Opferritual. Man nannte es das Thorri-Opfer und der Monat wurde danach genannt. Als es einmal wieder die Zeit für das Thorri-Opfer war, bemerkte man, das Goi verschwunden und verloren war und sie suchten sie, aber Goi wurde nicht gefunden. Und als dann ein Monat vorbei war, ließ Thorri sie Opfer bringen, damit sie entdecken würden, wo Goi versteckt war. Das nannte man das Goi-Opfer, aber dennoch wurde sie nicht gefunden. Vier Winter nachdem die Brüder geschworen hatten ihre Schwester zu suchen, teilten sie das Gebiet auf in dem jeder suchen sollte. Norr sollte das Land absuchen und Gorr die abgelegenen Gebiete und die Inseln und er begab sich auf ein Schiff. Jeder der beiden Brüder hatte viele Männer dabei. Gorr fuhr mit seinem Schiff nordwärts entlang der Meeresbucht; nachdem er die schwedische Küstengebiete abgesucht hatte und auch alle Inseln, die dort in der Ostsee liegen bis hin zu den Ausläufern von Gothland, fuhr er nach Dänemark und suchte dort auf allen Inseln. Dort begegnete er seinen Angehörigen, die von Hlers Insel kamen (jetzt ist das Læsø im Kattegat). Von dort führte er seine Reise weiter, aber fand seine Schwester nicht.

Sein Bruder Norr wartete, bis auf allen Höhen Schnee lag und er gut auf Schneeschuhen vorankommen konnte. Nachdem er im Norden Kvenland erreicht hatte und entlang der Meeresbucht weiter ging, kam er dorthin, wo die Menschen Lappen genannt wurden, das ist weit weg in der Finnmark. Die Lappen verweigerten ihm den Durchgang und es kam zu einem Streit. Kraft und Magie waren an Norrs Seite und seine Gegner wurden von Angst ergriffen und flüchteten, sobald sie das Kriegsgeschrei und die gezogenen Waffen sahen. Norr reiste weiter entlang dem Gebirgsrücken, der zwischen Schweden und Norwegen liegt. dort wohnten keine Menschen und sie mussten Wildtiere und Vögel schießen, um an Nahrung zu kommen. Sie gingen immer weiter, bis sie an die Gewässer kamen, die westlich der Felsen flossen, und sie erreichten dann ein Meer und da war ein Fjord, der so groß war wie eine Meeresbucht. Sie sahen einen riesigen Iltis und schöne Täler führten zu dem Fjord.

Das Volk dort sammelte sich und stellte sich ihnen entgegen und sie machten sich bereit für den Krieg gegen Norr und suchten den Kampf. Sie fielen oder flüchteten aber, als Norr und seine Männer über sie her fielen, als seien sie bloß Unkraut in einem Kornfeld. Norr reiste durch das Land entlang der Fjorde und nahm es in Besitz, rief sich selber zu König aus über alle Gebiete, die an den Fjorden lagen. Norr wartete, bis der Sommer vorbei war und Schnee wieder auf die Feuer fiel. Dann setzte er seine Reise fort entlang dem Tal, das südlich des Fjords verlief. Dieser Fjord heißt heute der Trondheimfjord.

Er schickte einige seiner Männer aus, um den Küstenweg durch Mæren zu überprüfen, und er nahm alles Land, durch das er reiste, in Besitz.

Und als er dann den südlichen Hügelkamm passierte, der südlich der Talkurve lag, verfolgte er seinen Weg durch die Täler in südlicher Richtung, bis er bei einem großen Gewässer ankam, das dort Mjösen genannt wurde. Darauf zog er zu dem Hügelkamm im Westen, denn er hatte gehört, dass seine Männer Probleme gehabt hatten mit den König dort, der Sokni hieß. Sie erreichten das Gebiet Valders und begaben sich zum Meer und kamen zu einem langen und schmalen Fjord, der Sognefjord genannt wurde. Dort begegneten sie König Sokni. Dort fand eine große Schlacht statt, denn ihre Magie hatte keinen Einfluss auf Sogni. Norr ging dann unwiderstehlich nach vorne und bekämpfte Sogni, der dann fiel und viele seiner Männer auch.

Als das vorbei war, zog Norr zu dem Fjord, der nördlich von Sogne lag. Dort hatte Sogni geherrscht und das Gebiet heißt jetzt Sognis Tal. Norr verblieb dort lange Zeit und das Gewässer wurde seitdem Norafjord (Nordfjord?) genannt. Dort begegnete er seinem Bruder Gorr und keiner von beiden hatte etwas über ihre Schwester gehört. Gorr hatte auch alle Gebiete, durch die er gezogen war, in Besitz genommen, als er aus dem Süden angereist kam. Die Brüder teilten das Land unter sich auf. Norr bekam das ganze Festland und Gorr alle Inseln, an denen er in einem Schiff mit einem festgesetzten Ruder vorbeifahren konnte.

Dann zog Norr in das Hochland und erreichte Heidmörk (das heißt jetzt Hedemark). Der König, der dort herrschte, hieß Hrolf vom Berg; er war der Sohn von Svadi, dem Riesen, der nördlich des Dovrebergs wohnte. Und Hrolf hatte auch Kvenland Thorris Tochter Goi entführt. Hrolf ging sofort auf Norr zu und bot ihm einen Zweikampf an. Lange kämpften sie miteinander und keiner wurde verwundet. Danach legten sie ihren Streit bei, und Norr bekam Hrolfs Schwester und Hrolf bekam Goi zur Frau.

Darauf kehrte Norr zurück zu dem Reich, das er in Besitz genommen hatte, und nannte sein Land Norwegen. Er herrschte dort bis zu seinem Lebensende und seine Söhne nach ihm. Sie teilten aber das Land unter sich auf und deshalb wurden die Reiche immer kleiner, weil es auch immer mehr Könige gab. Das war der Grund, weshalb Norwegen in Provinzen unterteilt ist.“

(Übersetzt nach der englischen Übertragung von G. W. Dasent von 1894)

Weil zwei der drei hier zitierten Geschichten Thorri als einen Sohn von König Snae ansehen, sollte diese Sichtweise zwar bevorzugt werden. Gleichzeitig ist dabei aber Vorsicht geboten, denn vermutlich wurde der Abschnitt aus der Orkneyingas Saga für den Eintrag in „Wie Norwegen besiedelt wurde“ übernommen.

Wo das Kaenland, auch Kvenland geschrieben, nun genau lag, ist umstritten, es werden Gebiete in Schweden und Finnland genannt, wie auch irgendwo dazwischen an der nördlichen Ostsee. Thorris Feier begann damit, dass er dafür sorgte, dass es genug Schnee gab, um das Reisen auf Skiern zu fördern.

Aus dem Prolog der Prosa-Edda und aus der Gesta Danorum (um 1200) des dänischen Autors Saxo Grammaticus kennen wir die Idee, mythische Gestalten als Menschen zu sehen – dort werden die nordischen Gottheiten zu Menschen und das homerische Troja zu ihrer Urheimat. Das gleiche Phänomen finden wir auch in Bezug auf Thorri. Da aber Fornjot als (Reif)riese dargestellt wird und seine Söhne Hlér (das Meer), Logi (das Feuer) und Kári (der Wind) mythologische „Mächte“ sind – manchmal werden sie als personifizierte Naturkräfte interpretiert – und daher auch Thorri wohl auf der gleichen Ebene gesehen werden darf, ist die Vermenschlichung wohl als eine bewusste Herabsetzung nordischer Gottheiten zu verstehen. Diese Methode der Herabsetzung heidnischer Götter entstand bereits im klassischen Griechenland vor der Zeitenwende und setzte sich später über Klöster in das mittelalterliche Christentum hinein fort. (Für eine ausführlichere Erläuterung dazu vgl.: Odin – Ein mythologischer Spaziergang, S. 206ff.).

Thorri stammt von den Riesen ab, wie das auch von mehreren Göttern bekannt ist, die wir aus den Eddas kennen, z.B. Odin, Thor und Loki. Darüber hinaus gibt es noch eine mögliche Verwandtschaft mit dem Gott und Meeresriesen Ægir. Kapitel 1 der Skáldskaparmál fängt an mit:

„Einn maðr er nefndr Ægir eða Hlér“

und das bedeutet:

„Ein Mann wurde Ægir oder Hlér genannt.“

Wenn der Name Hlér auf die gleiche oben erwähnte Figur deutet, dann ist Thorris Vater oder Urgroßvater Kári der Bruder von Ægir. Die schon erwähnte Zeile aus der Orkneyingas Saga stützt diese Ansicht:

„Fornjot hatte drei Söhne; einer wurde Hlér genannt, den wir Ægir nennen.“

Das schon genannte Werk über die Besiedelung Norwegens berichtet über ein Mittwinter-Ritual, das Thorri gewidmet war. Das ist das Thorrablot. Weil Thorri darin geehrt wurde, ist die Schlussfolgerung vertretbar, dass Thorri als skandinavischer Wintergott gesehen wird. Dieses Mittwinterfest ist insbesondere auf Island belegt.

Mit der Christianisierung Islands ging das Verschwinden heidnischer Bräuche und Riten einher, und erst im 19. Jahrhundert – wohl unter dem Einfluss der Romantik – lebten sie wieder auf. Im Jahr 1873 sollen isländische Studenten in Kopenhagen zum ersten Mal wieder ein Thorrablót abgehalten haben, wie auch einige andere Gruppierungen, die nach der isländischen Unabhängigkeit strebten.

Aber auch zuvor wurde Thorri schon auf andere Art gefeiert: 1728 schrieb der isländische Pfarrer Jón Halldorson in einem Brief, dass er nicht wisse, ob er das Feiern Thorris als alten Brauch begrüßen oder als neumodische Idee des einfachen Volkes abtun solle. Er erklärt, dass er keine vernünftigen Menschen kenne, die in frivolen Kostümen an solchem Treiben teilnähmen, und er sich eigentlich schäme, solchen Unsinn zu Papier zu bringen, damit vornehme Menschen es lesen.

Beim Thorrablót handelt es sich um ein Abendessen, bei dem die Teilnehmer Ansprachen halten und Gedichte vortragen. Weil bei der Einführung dieses modernen Blóts auch auf Island Thorri oft mit dem Donnergott Thor verwechselt wurde, wird seitdem nicht immer, aber doch oftmals, auch Thor im Blót geehrt. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erreichte die Feier auf Island eine breitere Bekanntheit. Dafür war ein Restaurant in Reykjavík verantwortlich; dort wurde damit begonnen, spezielles Essen auf einer Servierplatte, einer Art Trog aus Holz anzubieten. Das Essen nannte man Þorramatur (Thorri-Mahlzeit). Das Essen bestand hauptsächlich aus in Scheiben und Stücke geschnittenem Fleisch und Fisch, beides zubereitet nach alten Rezepten vom Land, die inzwischen fast vergessen waren – also Zubereitungen auf der Basis von eingelegten, gesalzenen, getrockneten und geräucherten Nahrungsmitteln nach Konservierungsmethoden aus der Zeit, bevor es Kühl- und Gefrierschränke gab. Das Fest wird heute in der Zeit zwischen Mitte Januar und Mitte Februar von vielen Isländern gefeiert; ob Thor oder Thorri ist dabei für die Teilnehmer mehr oder weniger unerheblich. Statt auf einer Servierplatte werden die Gerichte heute meistens als Buffet angeboten.

Weiterführende Literatur

Anderson, Rasmus B. (translator): The Younger Edda. Also called Snorre’s Edda, or The Prose Edda, Author: Snorre, Chicago, 1901.

Dasent, George W. (translator): the Orkneyingers‘ Saga, 1894.

GardenStone: Odin – Ein mythologischer Spaziergang, Norderstedt, 2015.

Hardman, George L. (translator): Hversu Noregr Byggðist (How Norway was Settled), 2011.

Kunin, Devra (translator): A History of Norway (Historia Norwegiae) and the passion and miracles of the blessed Óláfr, Viking Society for Northern Research, London, 2001.