Gab es einen altnordischen Glauben an Wiedergeburt?

Zu den historischen Hintergründen der angeblichen Quellen

von Bil Linzie
Übersetzung aus dem Englischen von Kurt Oertel

1. Einführung

Germanisches Heidentum zählt heute wieder zu den „alternativen Religionen“, und es ist zumindest unter dem Aspekt einzigartig, dass man dort unter einer Vielzahl nachtodlicher Vorstellungen wählen kann. Spätestens gegen Ende der Wikingerzeit gab es mindestens vier solcher Varianten, die in den schriftlichen Quellen dingfest gemacht werden können. Es gibt noch weitere, die sich möglicherweise aber erst nach der Bekehrung entwickelten. Dieser Artikel aber beschäftigt sich ausschließlich mit einer dieser Vorstellungen – dem immer hauptsächlich von armanisch beeinflussten Heiden postulierten Glauben an Reinkarnation bzw. Wiedergeburt bei den Germanen.

Der Glaube an Wiedergeburt ist heutzutage eine sehr beliebte Vorstellung, vermutlich deshalb, weil sie einem ansonsten oft sinnlos wirkenden Leben Symmetrie, Harmonie und Sinn zu verleihen scheint. Die gegenwärtigen Entwicklungen wissenschaftlicher Forschung haben das bislang vorherrschende christliche Konzept eines Lebens nach dem Tode zunehmend unterminiert, und die Vorstellung einer ganzheitlichen „Seelenwanderung“ fühlt sich tröstlich an und kann somit unabhängig von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen gedeihen. Heute gibt es eine Vielzahl von Glaubenssystemen, die die Vorstellung der Wiedergeburt vertreten, vor allem Wicca, wo es dessen Natur gemäß in unterschiedlichem kulturellen Gewand auftritt. Der heute allgemein damit verbundene Glaube sieht so aus, dass die „Seele“ eines Menschen nach seinem Tod in eine Art Wartebereich[1] gelangt, wo sie auf die Zeugung eines weiteren Kindes wartet, in dessen Fötus sie sich dann irgendwann vor dessen Geburt wieder einkörpert. Diese spezielle Vorstellung von Wiedergeburt verdankt sich ganz den Religionen und der Weltsicht Asiens, sie ist aber erheblich an westliche Bedürfnisse angepasst worden, sodass die Möglichkeit einer Wiedergeburt als Tier hierzulande gewöhnlich gerne ausgeblendet wird.

Diese westliche Vorstellung unterscheidet sich auch darin von ihren asiatischen Vorläufern, dass dem Individuum dabei mehr Einfluss zugeschrieben wird. Vor allem setzt sich der heutige platonisch-christliche Seelenbegriff zunehmend aus dem Ego, dem Unterbewusstsein und einer transpersonalen Form des Selbst zusammen, sodass bei der Reinkarnation bzw. Wiedergeburt eines Menschen angeblich das gesamte Selbst so wieder aufersteht, als sei dieser Mensch nie gestorben. Einige Varianten gehen von einem durch Erfahrungen weiterentwickelten Selbst aus, aber die Grundvorstellung bleibt dieselbe: Die gesamte Persönlichkeit wird einem kosmischen Gesetz zufolge wiedergeboren, um weitere Erfahrungen zu sammeln. 

2. Die Belege der Schriftquellen

Die altnordischen Schriftquellen bezüglich Wiedergeburt lassen sich in zwei unterschiedliche Kategorien einordnen:

1. Direkte Bezugnahmen, bei denen klar gesagt wird, ein Mensch sei wiedergeboren worden.

2. Indirekte Bezugnahmen, in die man eine Anspielung auf Wiedergeburt hineinlesen kann.

2.1. Fallbeispiel 1:

„Man sagt, Helgi und Sváva seien wiedergeboren worden.“[2]

Inhaltlich zugehöriger Text:

„König Helgi war ein gewaltiger Krieger. Er kam zu König Eylimi und warb um dessen Tochter Sváva. Helgi und Sváva leisteten einander Treueschwüre und liebten einander außerordentlich. Sváva war mit ihrem Vater zu Hause und Helgi auf Kriegszug; Sváva war noch eine Walküre wie zuvor. Heðinn war mit seinem Vater, König Hiörvarðr, zu Hause in Norwegen. Heðinn ging allein aus dem Wald nach Hause am Julabend und traf eine Hexe (Trollfrau); sie ritt auf einem Wolf und hatte Schlangen als Zügel, und sie bot Heðinn ihre Begleitung an. ‚Nein!‘ sagte er. Sie sagte: ‚Das sollst du bezahlen beim Festbecher!‘ Am Abend gab es ein Ablegen von Gelübden; es wurde der Zuchteber herbeigeführt; die Männer legten darauf ihre Hände und legten ein Gelübde ab beim Festbecher. Heðinn gelobte, Sváva, Eylimis Tochter, zu erringen, die Liebste seines Bruders Helgi, und bereute dies so sehr, daß er wegging auf verworrenen Wegen in die Länder südwärts, und er traf seinen Bruder Helgi.“[3]

2.2. Fallbeispiel 2:

„Ein König hieß Högni; seine Tochter war Sigrún; sie wurde eine Walküre und ritt durch die Luft und übers Meer; sie war so wiedergeboren.“[4]

2.3. Fallbeispiel 3:

„Sigrún starb früh vor Leid und Trauer. Das war der Glaube der Vorzeit, daß Menschen wiedergeboren würden, aber das wird nun Irrglaube alter Weiber genannt. Es heißt, daß Helgi und Sváva wiedergeboren wurden. Er hieß da Helgi Haddingiaskaði und sie Kára Hálfdanardóttir, so wie es im Káralioð gesagt wird, und sie war eine Walküre.“[5]

2.4. Fallbeispiel 4:

„Högni gab nur das zur Antwort: ‚Es hindere sie niemand am langen Gang, und niemals werde sie wiedergeboren! Krank schon kam sie vom Schoße der Mutter, einzig geboren zu lauter Leid und manchem Manne zu zum quälenden Kummer.‘“[6]

Die Fallbeispiele 1 bis 3 benutzen das altnordische Wort endrborinn, in Fallbeispiel 4 wird aptrborinn gebraucht, und beide Begriffe bedeuten wörtlich „wiedergeboren“, wobei die Möglichkeit einer inhaltlich anderen Bedeutung oder eine Falschlesung mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Die Aussage der Schriftquellen bezüglich der Intention ihrer Redaktoren bzw. Kompilatoren scheint hier also eindeutig zu sein. 

Alle weiteren literarischen Hinweise der Zeit stellen sich hauptsächlich als anekdotenhafte Informationen in einigen Sagas dar, die lediglich als Anspielungen darauf gelesen werden können, dass es in der altnordischen Welt einen Glauben an Wiedergeburt gegeben haben könnte.

2.5. Fallbeispiel 5:

In Flateyjarbók findet sich eine Version der Saga von Ólaf dem Heiligen, die in der folgenden Episode überliefert ist:

„Es wird erzählt, daß Ólaf einst mit einem seiner Gefolgsleute am Grabhügel des Ólaf Geirstaðalfr vorbei ritt, wobei ihn sein Gefolgsmann fragte: ‚Sage mir, Herr, ob du hier bestattet wurdest.‘ Der König antwortete ihm: ‚Meine Seele besaß niemals zwei Körper und das wird auch niemals der Fall sein, weder heute noch am Tage meiner Wiederauferstehung. Wenn ich anderes behaupten würde, besäße ich nicht den wahren Glauben.‘ Darauf sagte sein Gefolgsmann: ‚Aber Männer haben behauptet, dass du zuvor an diesen Ort gekommen seiest und gesagt hättest: Hier waren wir und hier sind wir.‘ Der König entgegnete: ‚Das habe ich nie gesagt und das würde ich auch nie sagen.‘ Der König war darüber zutiefst erschüttert und gab seinem Pferd heftig die Sporen, um diesen Ort schnell hinter sich zu lassen. Es war offensichtlich, daß Ólaf solch ketzerischen Aberglauben auszulöschen und zu vernichten wünschte.“[7]

Es gibt ein paar wenige weitere Stellen in der altisländischen Literatur (wie z.B. die Geschichte von Thórolf Renkfuß), die gelegentlich gerne als Belege für einen altnordischen Glauben an Wiedergeburt angeführt werden. Es kann aber nicht genug betont werden, dass es davon abgesehen keinen einzigen historischen Hinweis darauf gibt, dass der Glaube an Wiedergeburt im Glauben der Germanen zur Zeit der Bekehrung (und erst recht nicht davor) auch nur irgendeine Rolle gespielt hätte – weder in all den unzähligen christlichen Straf- und Bußkatalogen gegen heidnische Glaubenspraxis, in den Predigten oder Anweisungen an die Missionare (bzw. in deren Berichten), noch in allen anderen Nachrichten über das germanische Heidentum, weder bei Wandalen, Goten, Skandinaviern, Angelsachsen oder anderen. Die einzigen vermeintlichen Hinweise darauf finden sich ausschließlich in den oben erwähnten und sehr spärlichen Aussagen 200 Jahre nach der Christianisierung Islands. 

3. Die archäologischen Quellen

Die archäologischen Belege sind natürlich weit schwieriger zu deuten, vor allem wenn es darum geht, Aussagen über Glaubensinhalte zu treffen. Und das wird auch gerne von denen betont, die Hinweise auf den Glauben an Wiedergeburt zu finden hoffen. Aber selbst wenn das zu einem großen Teil richtig ist, lassen sich Aussagen über Bestattungspraktiken treffen, die eine bestimmte Interpretation der Schriftquellen fast zwingend machen.

3.1 Die germanischen Grabbefunde

Zwischen der Völkerwanderungszeit und der Zeit der Bekehrung in Skandinavien um etwa 1000 findet sich eine ungebrochene Kontinuität bei den Bestattungsbräuchen: Die Toten wurden für ein Weiterleben im Grabhügel ausgestattet. Alltagsgegenstände wie Scheren, Essgeschirr, Kämme, Trinkgefäße und Schüsseln mit Essen, Haustiere, Schmuck und Geld sind die häufigsten Grabbeigaben. Waffen für Männer und Nähuntensilien für Frauen wie Männer gleichermaßen waren ebenfalls häufig. Auch wenn der Stil der Gräber sich oft innerhalb relativ kurzer Zeit änderte und sich von Gegend zu Gegend auch zur selben Zeit unterschied, blieben die Sitte der Beigaben selbst und ihre Zusammensetzung unverändert und waren geradezu ein Markenzeichen germanisch-heidnischer Bestattungen. Natürlich missbilligte die Kirche der späten Wikingerzeit die Beigabensitte und versuchte sie auch schon vor der Bekehrung zu unterbinden, 200 Jahre danach aber fanden Bestattungen nur noch unter den strengen Augen der Kirche statt. Der unterschiedlichen Eschatologie wegen ist es meistens leicht erkennbar, ob es sich um heidnische oder christliche Bestattungen handelt, es sei denn, der Bestattete hätte beiden Religionen gleichzeitig angehangen (was in der Bekehrungszeit nicht selten vorkam). Der Stil der Gräber unterschied sich die Wikingerzeit hindurch allerdings erheblich. Simek führt die folgenden bekannten Varianten auf:

1. Einzelgräber
2. Brandbestattung
3. Hügelgräber
4. Pferdegräber
5. Wagengräber
6. Schiffsgräber[8] 

Es gab zwei Arten der Bestattungspraxis: Körperbestattung und Brandbestattung. Körperbestattung blieb dabei die vorherrschende Variante, wobei auch bei einer Verbrennung des Toten die Überreste oder zumindest Teile davon in der Erde bestattet wurden.[9] Es gibt Berichte, dass der Tote in einem Schiff verbrannt wurde (dass dieses dann brennend dem Meer übergeben wurde, findet sich allerdings ausschließlich in der mythischen Schilderung der Bestattung Baldurs), aber das scheinen einzelne Ausnahmen gewesen zu sein, die zudem nur für die späte Wikingerzeit bezeugt sind, weshalb man dabei kulturelle Einflüsse von außen nicht ausschließen kann. Dass so vor allem mit Anführern verfahren wurde, die in der Fremde bei einem Kriegszug gefallen waren, legt nahe, diese Beispiele getrennt auf die Möglichkeit fremder Kultureinflüsse und einer möglichen vernünftigen Erklärung für ein Bedürfnis danach zu untersuchen.[10]

Zu diesen archäologischen Befunden gibt es unzählige Untersuchungen, und bei aller Dürftigkeit der Erkenntnisse bezüglich mancher Aspekte machen sie aber doch eindeutig klar, dass die Toten ausnahmslos für ein Weiterleben im Grabhügel ausgestattet wurden.

3.2 Die Möglichkeit baltischen oder finno-ugrischen Einflusses

Zahlreiche Studien haben sich den religiösen Zuständen in den schwedischen Randgebieten gewidmet, dabei vor allem dem Verhältnis zwischen Saami und Germanen. Für die vorchristliche Zeit lässt sich dabei vor allem ein Hauptunterschied beobachten. Die Saami, die zumindest andeutungsweise tatsächlich ein Konzept der Wiedergeburt kennen (s.u.), bestatteten ihre Toten traditionell weitab in der Wildnis, locker mit Baumrinde umwickelt und mit Steinen bedeckt, sodass sich der Körper leicht zersetzen konnte, aber zugleich vor Aasfressern geschützt war. In allen untersuchten Gräbern gab es keine Spur von Beigaben. Für germanische Gräberfelder dagegen ist es typisch, dass sie in unmittelbarer Nähe der Siedlungen oder sogar innerhalb derer angelegt wurden, worin sich auch die fortgesetzte Ahnenverehrung widerspiegelt. Beigaben sind für diese Gräber ebenfalls typisch. Es zeigte sich zwar, dass bei engem Zusammenleben der beiden Völker Bestattungen der Saami zunehmend Elemente der germanischen Tradition übernahmen, umgekehrt aber bleiben die germanischen Bestattungen unverändert, auch wenn sie nun einzelne von den Saami verfertigte Grabbeigaben enthielten.

Die Glaubensvorstellungen hinter den Bestattungen der Saami und weiterer finno-ugrischen Völker sind sehr eingehend von Uno Holmberg in seiner Finno-Ugric Mythology untersucht worden,[11] und sein Werk wird wiederum von F. Guirand in der Larousse Encyclopedia of Mythology gut lesbar zusammengefasst:

„Die Seele ist aber untrennbar mit dem Körper verbunden, mit dem zusammen sie eine unteilbare Einheit bildet. Da sie keine unabhängige Existenz besitzt, stirbt sie zusammen mit dem Körper. Deshalb klagen die Ingrian nur so lange über dem Grab des Verstorbenen und legen dort Gaben nieder, wie es in etwa braucht, bis der Körper vergangen ist. Danach wird dem Grab keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt, weil dann nichts mehr von der Seele übrig ist.

Bei den Vogul gelten Herz und Lunge als Sitz der Seele. Deshalb verzehrten ihre Krieger Herz und Lunge der Besiegten, um sich ihre Lebenskraft bzw. ihre Seele einzuverleiben. Andere Stämme schrieben dem Skelett als Gerüst von Seele und Körper gleichermaßen große Bedeutung zu. Die Lappen z.B. zerbrechen keinen Knochen eines geopferten Tieres, weil sie glauben, dass die Götter daraus ein neues Tier erschaffen. Der Glaube, dass die Seele von der Existenz des Skeletts abhängig ist, wird auch aus den Zeremonien des Bärenfestes klar, über die uns das Kalevala einen merkwürdigen Bericht bietet. Nachdem der Bär erlegt und sein Fleisch verzehrt worden ist, werden seine Knochen zusammen mit Skiern, einem Messer und anderen Gegenständen in ein Grab gelegt. Das getötete Tier wird als Freund betrachtet und gebeten, allen anderen Bären zu berichten, wie sehr es von den Menschen geehrt worden ist.“[12]

Die Form der Wiedergeburt, an die diese Völker glaubten, beschränkt sich somit ausschließlich auf den Aspekt, dass die Grundkomponenten des Lebens – also das Skelett und die ihm anhaftende Lebenskraft – dazu dienten, daraus ein neues Geschöpf der selben Art zu erschaffen. Vermutlich erstreckte sich diese Vorstellung auch auf Menschen.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die archäologischen Befunde keinen einzigen Hinweis auf einen Glauben an Reinkarnation bzw. Wiedergeburt entdecken lassen. Natürlich ist dies für sich genommen noch kein Beweis für oder gegen die Existenz eines solchen Glaubens. Dafür bedarf es weiterer untermauernder Belege.

4. Wiedergeburt als christliche Häresie

Der echte Häretiker (bzw. Ketzer) definiert sich nach kirchlicher Meinung so:

„In der frühen Kirche wurde über Häresien zuweilen durch einen ausgewählten Bischofsrat oder ein ökumenisches Konzil entschieden, so wie bei dem Ersten Konzil von Nicaea. Auf einem solchen Konzil wurde die orthodoxe Meinung festgelegt, und alle, die sich danach weigerten, diese Meinung zu teilen, wurden fortan als Häretiker betrachtet.“[13]

Somit wurden Heiden im germanischen Nordeuropa zwar nicht zwangsläufig als Häretiker betrachtet – zumindest nicht von der Kirche –, sondern eben als Heiden. Aber natürlich galten die heidnischen Vorstellungen als ebenso falsch und waren Zielscheibe von Hohn, Spott und Verachtung. Die Schriften Wulfstans, des Erzbischofs von York (Amtszeit 1002 – 1023), aus der spätheidnischen angelsächsischen Zeit[14] dürften bezüglich der christlichen Haltung gegenüber den nordeuropäischen Heiden gegenüber wahrscheinlich typisch sein. In seiner Predigt über die falschen Götter zählt er auf:

1. Das Heidentum wird vom Teufel befördert.
2. Götzendienst ist ein Werk des Teufels.
3. Heiden sind die, die durch den Teufel verleitet von Gott abgefallen sind.
4. Sie beten Sonne und Mond als Götter an.
5. Sie verehren auch Feuer, Wasser und die Erde.
6. Heiden tun das aus freiem Willen heraus, der ihnen doch nur von Gott gegeben ist.
7. Heiden verehren sogar Riesen und gewalttätige Männer [hier werden speziell Saturn und Iuppiter genannt].
8. Heiden [die Dänen] lieben am meisten den Sohn Iuppiters [Tyr], der Thor genannt wird und der nur Streit und Kampf erzeugt.
9. Die Dänen haben aus Merkur [Odin] einen Gott gemacht und ihm geopfert.
10. All das wurde den Heiden vom Teufel eingegeben.
11. Venus hat geschlechtlich mit Iuppiter verkehrt und wurde so zu einer großen Göttin [vermutlich ist Freyja gemeint].
12. Danach haben die Heiden sich auch noch weitere Götter und Göttinnen ausgedacht.
13. Deshalb hat der Teufel rechtmäßigen Anspruch auf ihre unbußfertigen Seelen.[15]

Da die frühere Erklärung des Ersten Konzils von Konstantinopel von 385, die Annahme einer schon vor der Geburt existierenden Seele sei eine sündige Irrlehre, auf dem Zweiten Konzil zu Konstantinopel 553 nochmals nachhaltig bestätigt und ein solcher Glaube als häretische Irrlehre verdammt wurde, ist es sehr bezeichnend und aufschlussreich, dass es gerade für die gut belegte spätheidnische Zeit keine einzige Erwähnung von christlicher Hand bezüglich eines solchen angeblichen Glaubens bei den Germanen gibt. Lediglich in den wenigen oben zitierten Edda-Stellen und Sagas taucht dieses Motiv auf – und das erstmals 200 Jahre nach der Bekehrung.

Viel mehr noch: Für den gesamten Zeitraum vom ersten Beginn christlicher Missionierung unter den Germanen bis zur Bekehrung Skandinaviens – und dieser Zeitraum umfasst immerhin gut 700 Jahre! – gibt es keine einzige Erwähnung, dass der nach christlicher Ansicht „sündige Irrglaube“ der Wiedergeburt Teil germanischer Glaubensvorstellungen gewesen sei. Angesichts der unzähligen „Predigten gegen den falschen Glauben“, der detaillierten Bußkataloge, Kirchenstrafen, Berichte der Missionare, Briefen an die Päpste und umfangreichster Aufzählungen „heidnischer Irrlehren“, die zudem noch oft von Konvertiten der ersten Generation, die zuvor also selbst noch Heiden gewesen waren, verfasst wurden, lässt sich somit eindeutig sagen, dass der Glaube an Wiedergeburt angesichts des völligen Schweigens über diesen angeblichen Glauben, der ja ein heftiger theologischer Straftatbestand gewesen wäre, ganz klar kein Teil germanischer Weltsicht gewesen sein kann.

Wie oben schon gesagt, können die archäologischen Befunde weder von der einen noch der anderen Seite als beweiskräftig reklamiert werden. Die bizarre Annahme aber, dass allen Missionaren, Klerikern und vor allem Neubekehrten der ersten Generation über 700 Jahre hinweg ein solch vermeintlich zentrales und höchst „sündhaftes“ Element der germanisch-religiösen Geisteswelt gänzlich entgangen sein soll, ist angesichts der reichhaltigen Quellenlage dazu völlig unhaltbar. Zu einer Erklärung der entsprechenden altnordischen Zitate, die ja nach wie vor im Raum stehen, müssen wir unseren Blick also in eine ganz andere Richtung lenken.    

4.1 Der gesamteuropäische geschichtliche Hintergrund

Fast alle Studien, die sich dem Thema gewidmet haben, konzentrieren sich auf heidnisch-religionsgeschichtliche oder bestenfalls noch auf innerskandinavische Aspekte, blenden aufgrund dieses Tunnelblickes dabei aber den gleichzeitigen gesamteuropäischen kulturellen und historischen Hintergrund aus, dem die so reichhaltige isländische Literatur gerade ihre Entstehung und Blüte verdankt. Bevor wir uns dem zuwenden, seien unsere bisherigen Befunde aber nochmals zusammengefasst:

In dem gesamten archäologischen Befund von der Bronzezeit bis hin zum Ende der Wikingerzeit gibt es keinen einzigen Beleg, der für einen Glauben an Wiedergeburt sprechen könnte (auch wenn die nördlichen finno-ugrischen Nachbarvölker der Germanen einen solchen Glauben ansatzweise wohl kannten). Es gibt auch in all den unzähligen Gesetzgebungen, Bestimmungen, Bußkatalogen, Predigten usw. aus der Feder christlicher Autoren, für die der Glaube an Wiedergeburt spätestens seit 553 als sündhafte Ketzerei galt, nicht den geringsten Hinweis auf einen solchen Glauben bei den Germanen. Erstmals 200 Jahre nach der Chrisianisierung Islands wird plötzlich eine „wiedergeborenen Sváva“ erwähnt, ohne dass dafür irgendein Anlass oder eine Vorgeschichte erkennbar ist. Völlig überraschend und scheinbar wie aus dem Nichts taucht diese Idee von Wiedergeburt also plötzlich in vier Handschriften auf, von denen drei thematisch zusammenhängen, da sie dem Stoffkreis der Völsunga saga bzw. dem Nibelungenstoff entstammen, während die vierte Stelle bezeichnenderweise dem heiligen Oláf in den Mund gelegt wird, der den Christen als größter Märtyrer und Held ihres Glaubens in Skandinavien gilt. Diese Tatsachen schreien geradezu zu nach der Frage: Was war zu dieser Zeit in Europa denn eigentlich los, dass Wiedergeburt zu einem literarischen Thema werden konnte?

Es ist bekannt, dass es gelehrte Kleriker[16] waren, die die isländischen Handschriften verfassten, kopierten, herausgaben und kommentierten. Jónas Kristjánsson, einer der größten Fachleute für isländische Handschriften, beschreibt die Ausbildung dieser frühen skandinavischen Gelehrten so:

 „Woanders bildeten diese Gelehrten eine eigene Gesellschaftsschicht, die sich fern vom Leben des gewöhnlichen Volkes in ihren Klostermauern einschloss. Ihre Schriftsprache war das Lateinische und ihre Schriften hatten hauptsächlich christliche und erbauliche Inhalte. Auf Island dagegen waren diese Gelehrten zutiefst in der Alltagswelt ihrer direkten Umgebung verwurzelt und waren nicht nur mit den alten Überlieferungen vertraut, sondern hingen auch der Liebe zu den eigenen Traditionen an. So kam es dazu, dass sich die Schreibkunst auch schnell der eigenen überlieferten Stoffe annahm. Fast alle isländische Gelehrten schrieben in ihrer Muttersprache und nicht in Latein. Alle wesentlichen christlichen Schriften wurden ins Isländische übersetzt und andere wichtige Texte aus dem kontinentalen Europa ebenso.“[17]    

Das Entscheidende dabei aber ist, dass dadurch auf Island eine völlig eigene Literaturtradition von beträchtlichem Ausmaß und auf einem qualitativen Niveau entstand, das für diese Zeit in Europa einzigartig war. Die Schriftproduktion blieb dabei nicht auf die klösterlichen Bildungszentren beschränkt, sondern setzte sich auf den Bauernhöfen im ganzen Land fort. So wurde die bekannte Handschrift Flateyjarbók auf einem Gehöft im Norden niedergeschrieben. Schriftkenntnis war von Anfang an durch die ganz eigene klösterliche Lernkultur Islands weit verbreitet, und das sollte auch so bleiben. Auch die Klöster selbst hatten ein viel weltlicheres Gepräge als im übrigen Europa, da sich deren Mitglieder oft aus den alten Bauernhäuptlingen (Goden) zusammensetzten, die sich nach den Stürmen ihres Lebens dort einen ruhigeren Lebensabend  erhofften.   

„Die isländischen Gelehrten dieser Zeit standen in engem Kontakt mit den wichtigen Bildungszentren der Christenheit. Anfangs war England Hauptquelle für die christliche Lehre, ein Land zu dem es lange und enge Verbindungen gab. Die ersten Bischöfe von Skalholt, Isleif und sein Sohn Gizur, studierten beide in Deutschland, während Sæmund der Weise, Gizurs engster Mitarbeiter, jahrelange Studien in Frankreich absolvierte. Die zwei isländischen Bischofssitze unterstanden zunächst der Erzdiözese Bremen, dann dem Bistum Lund in Scania und seit 1153 schließlich dem von Trondheim in Norwegen. Auch wenn die Bindungen der Gelehrten untereinander in Skandinavien sehr eng waren, brachen aber die direkten Verbindungen zu den Britischen Inseln und dem europäischen Festland nie ab – sei es durch Studenten oder andere Reisende. Daraus erklärt sich auch der große Umfang und die Themenvielfalt der isländischen Literaturproduktion.“[18]

Wir haben es also mit christlichen Isländern zu tun, die „engen Kontakt mit den wichtigsten Bildungszentren der Christenheit“ unterhielten und auf Island einheimische Literatur produzierten. Es ist genau diese Verbindung und dieser intensive geistige Austausch, dem wir uns nun zuwenden müssen.

Von ein paar wenigen Randgebieten abgesehen war das kontinentale Europa um 1000 im wesentlichen katholisch, und die großen europäischen Städte – vor allem in Frankreich und Deutschland – waren eng mit der „Heiligen Katholischen Kirche“ verbunden. Gegen 1095 aber beginnt sich ein interessanter Prozess abzuzeichnen: Die Macht der Kirche war so angewachsen, dass sie – wie andere Reiche auch – zu „kolonisieren“ begann. Aber anders als bei weltlichen Reichen ging es dabei nicht um die Eroberung von Land, sondern um den Anspruch auf den angeblichen Geburtsort ihrer großen Gründungsfigur Jesus von Nazareth. Der Erste Kreuzzug scheiterte, aber dem folgte bald der nächste und diesem weitere, sodass die Zeitleiste Europas in der Zeit, als die ersten isländischen Handschriften entstanden, bis ins 14. Jahrhundert hinein folgendermaßen aussieht: 

Erster Kreuzzug (1095–1101)
Zweiter Kreuzzug (1147)
Dritter Kreuzzug (1187)
Vierter Kreuzzug (1202)
Albigenser-Kreuzzug (1209, gegen die Katharer in Frankreich)
Kinder-Kreuzzug (1212, möglicherweise eine reine Legende)
Fünfter Kreuzzug (1215)
Sechster Kreuzzug (1228)
Siebenter Kreuzzug (1243)
Achter Kreuzzug (1270)
Neunter Kreuzzug (1271)
Kreuzzüge gegen die Balten und Ketzer in Mitteleuropa (12.–16. Jahrhundert).

Die enge Verstrickung der großen europäischen Stadtstaaten und ihrer politischen Führung mit den kirchlichen Machthabern und deren Forderung, Jerusalem einzunehmen und zu christianisieren, ist offensichtlich und bedarf hier keiner besonderen Darstellung. Nicht oder zumindest noch nicht so offensichtlich ist aber die Beziehung zwischen den Kreuzzügen und der Tatsache, dass 200 Jahre nach der Christianisierung in isländischen Handschriften plötzlich erstmals das Thema Wiedergeburt auftaucht. Aber genau darauf kommen wir nun.

4.2 Die Häresie der Katharer

Die Zeit der Kreuzzüge ließen religiös-kriegerische Gruppen wie die bekannten Tempelritter oder die Johanniter entstehen, aber auch seltsame gnostische Sekten wie die Katharer. Obwohl solche Sekten von der Kirche mit sehr argwöhnischem und fast schon paranoidem Blick betrachtet wurden und in unterschiedlichem Ausmaß alle verfolgt wurden, im Allgemeinen mit der Beschuldigung, sie würden häretische Lehren verbreiten, wurden nur die Katharer (auch als Albigenser bezeichnet) als so ketzerisch betrachtet, dass 1209 ein Kreuzzug gegen sie begonnen wurde:

„Der Krieg endete mit dem Vertrag von Paris (1229), mit dem der französische König dem Haus von Toulouse die meisten und dem Haus von Beziers alle Lehen entzog. Damit hatte die Unabhängigkeit der Fürsten in Südfrankreich ein Ende. Aber trotz der umfassenden Massaker an den Katharern während des Krieges waren ihre Lehren damit noch nicht ausgerottet.“[19]

Ihre Entstehung wie auch ihre Praktiken und Glaubenslehren sind immer noch von so manchen Geheimnissen umgeben, da sie vieles davon geheim hielten, aber in Südfrankreich wuchs die Zahl ihrer Mitglieder so rasch an, dass dies gleichermaßen den französischen König wie auch Papst Innozenz III. aufschrecken musste. 

„Die ersten französischen Katharer traten zwischen 1012 und 1020 in Limousin auf. Etliche wurden entdeckt und 1022 in Toulouse hingerichtet. Die Synoden von Charroux (Vienne, 1028) und Toulouse (1056) verdammten die wachsende Sekte. Ab 1100 wurden Prediger in die Gegenden um Agenais und Toulouse entsandt, um die Lehren der Katharer zu bekämpfen. Aber die Katharer gewannen zunehmend an Boden, auch dank der Protektion durch Herzog William von Aquitanien und eines beträchtlichen Teiles des südfranzösischen Adels. Die Menschen waren von den bons hommes und den antiklerikalen Predigten eines Peter de Bruys und Henry de Lausanne in Prigord beeindruckt.“[20]

Sie wurden von der Kirche zahlreicher Häresien beschuldigt, als schlimmste und sündhafteste ihrer Irrlehren aber ragte angeblich vor allem eine heraus: der Glaube an Wiedergeburt.

„Das Katharertum war eine religiöse Bewegung mit gnostischen Elementen, die sich gegen Mitte des 10. Jahrhunderts entwickelt haben muss und die von der damaligen römisch-katholischen Kirche als Häresie bezeichnet wurde. Sie existierte in vielen Gegenden West-Europas, ihre eigentliche Heimat aber war das Languedoc und die angrenzenden Gebiete in Süd-Frankreich.“[21]

Ihre Glaubenslehren kümmerten sich nicht im geringsten um die Beschlüsse des Zweiten Konzils von Konstantinopel (553), und deswegen wurden sie mit dem Kirchenbann belegt.

„Das Ziel der katharischen Eschatologie war die Befreiung aus dem Reich der Beschränktheit und Verderbtheit, die mit der materiellen Existenz gleichgesetzt wurde. Der Weg zu dieser Befreiung erforderte zunächst das Erkennen der innerlichen Verderbtheit der mittelalterlichen ‚Konsens-Wirklichkeit‘ einschließlich ihrer kirchlichen, dogmatischen und sozialen Strukturen. Hat man die schlimme grundlegende Wirklichkeit der menschlichen Existenz (den ‚Kerker‘ der stofflichen Substanz) erst einmal erkannt, wird der Weg zu spiritueller Befreiung klar: Die Fesseln, die den stofflichen Körper gefangen halten, müssen gebrochen werden. Das war ein schrittweiser Prozess, der von jedem Menschen in individuell unterschiedlichem Maß bewältigt wurde. Dabei erkannten die Katharer offenbar das Potenzial des Glaubens an Wiedergeburt. Wer es nicht schaffte, diese Befreiung während der Reise durch die jetzige sterbliche Existenz zu erreichen, würde zurückkehren, um dieses Ringen weiterzuführen. Daraus wird auch klar, dass Wiedergeburt weder als zwangsläufiges noch als wünschenswertes Schicksal verstanden wurde, sondern nur als Folge dessen, dass nicht alle Menschen in der Lage waren, die Fesseln der stofflichen Materie innerhalb eines einzigen Lebens überwinden zu können.“[22]

Ein weiterer interessanter Punkt unserer Betrachtung besteht in der Tatsache, dass sich in den archäologischen Befunden baltischer Bestattungen ab etwa 1000 ein erheblicher Wandel bemerkbar macht. Sie ähneln nun überhaupt nicht mehr denen ihrer germanischen „Vettern“ wie bisher, sondern nehmen nun zunehmend charakteristische Züge jener asiatischen Völkerschaften an, die sich durch Handel, Migration und Eroberung immer mehr in den Westen und damit in die Nachbarschaft der Balten ausgebreitet hatten. Als Folge dessen hatten die Balten ab dem 13. Jahrhundert eine Form von Wiedergeburtsglauben in ihre eigene Eschatologie übernommen, aber bereits seit dem 12. Jahrhundert wurden sie Opfer dessen, was wir heute als die Kreuzüge im Norden bezeichnen.

„Die Kreuzzüge im Gebiet der Ostsee und in Mittel-Europa waren Versuche der (hauptsächlich deutschen) Christen, die dortigen Völker zu unterwerfen und zum Christentum zu bekehren. Diese Kreuzzüge begannen etwa zeitgleich mit dem Zweiten Kreuzzug im 12. Jahrhundert und erstreckten sich bis ins 16. Jahrhundert hinein.“[23]

In dem Zeitraum zwischen der „christlichen Behandlung“ der Katharer und derjenigen der Balten und Finnen, hatte sich Häresie immer mehr zu einem gewaltigen Problem für die „heilige Mutter Kirche“ und die christlichen Königreiche Europas entwickelt. Die stets bevorzugte Praxis zur Lösung des Problems bestand in Ausrottung, was das Aufspüren solcher Enklaven und Entsendung militärischer Truppen dorthin erforderte, um den Feind zu vernichten. 

„Gehetzt von der Inquisition und vom Adel nun im Stich gelassen, wurden die Albigenser zu einer zersplitterten Minderheit, die sich in den Wäldern und Bergen verstecken mussten und sich nur noch in größter Heimlichkeit treffen konnten. Zwar gab es durchaus Versuche, der Inquisition und Frankreich auch militärisch entgegenzutreten, aber unter der Führung von Bernard de Fois und Aimerv de Narbonne kam es zu Beginn des 14. Jahrhunderts auch zu Aufruhr und Machtkämpfen innerhalb der Katharer selbst. Gleichzeitig kam es zu gewaltigen Massenprozessen durch die Inquisition, die ihre Anstrengungen nun verstärkt auf die entsprechenden Gegenden richtete. Genaue Hinweise darauf finden sich in den Verzeichnissen der Inquisitoren Bernard von Caux, Jean de St. Pierre, Geoffroy d’Ablis und anderer. Die Sekte der Katharer war erschöpft, ausgeblutet und fand keine neuen Anhänger mehr. Der letzte Parfait der Katharer, Guillaume Bélibaste, wurde 1321 hingerichtet. Ähnliche Bewegungen wie die Waldenser oder die ‚Brüder vom armen Leben‘ überlebten bis in das 14. und 15. Jahrhundert hinein, bis sie nach und nach durch die ersten protestantischen Bewegungen – wie z.B. die der Hussiten – gegenstandslos wurden bzw. in ihnen aufgingen.“[24]

4.3 Weitere Möglichkeiten

Die Katharer waren natürlich nicht die einzigen, die der „sündhaften Irrlehre“ des Glaubens an die Wiedergeburt bezichtigt wurden. Die Inquisition war damals gerade erst entstanden und sah es als ihre Hauptaufgabe an, diejenigen Christen aufzuspüren, die falsche heidnische Lehren aufgenommen haben mochten, um sie zu Einsicht und Buße zu bringen, was als eine Art spirituelles Impfserum gesehen wurde, um die Ausbreitung der Krankheit „Häresie“ zu unterdrücken. Das richtete sich auch gegen Juden, lokale Kultpraktiken, die Verdacht erregten, und natürlich auch gegen die Heiden, die sich im Norden und Osten der Bekehrung widersetzten, also die skandinavischen Germanen sowie die finno-ugrischen und baltischen Völker. Geht man Wulfstans Anschuldigungen gegen die Heiden durch, kann man daraus leicht entnehmen, dass sich gerade christliche Bischöfe nicht zu gut dafür waren, die Meinung ihrer christlichen Anhänger mit den üblichen Techniken der Propaganda so weit zu verbiegen, dass letztlich auch unmenschliche Methoden der Bekehrung als gerechtfertigt empfunden wurden. Manchmal fällt es allerdings schwer zu entscheiden, ob die verzerrte Darstellung heidnischen Glaubens und dessen Praktiken bewusst erfolgte oder ob es sich dabei einfach nur um grobe Missverständnisse handelte. Aber klar wird allemal, dass Christen die heidnische Weltsicht überhaupt nicht begriffen – und das wohl auch gar nicht wollten. Es gibt eigentlich keine christlichen Autoren, die für den heidnischen Widerstand Mitgefühl oder auch nur Verständnis aufbrachten. Selbst Snorri – bei allem Stolz auf seine Kultur und deren Vergangenheit – betrachtete Heiden als in Unwissenheit lebend, darin den Schriftstellern der Romantik wie Hawthorne, Tennyson und Wordsworth ähnlich, die den „edlen Wilden“ im Amerika vor 200 Jahren genau so gesehen hatten.

Angesichts der archäologischen und literarischen Belege gibt es keinen vernünftigen Grund, die völlig isolierten Aussagen über Wiedergeburt als irgendetwas anderes zu betrachten als eine Fortsetzung der allgegenwärtigen christlichen Propaganda aus genau der Zeit, zu der die Gedichte niedergeschrieben wurden.      

4.4 Der Kreis schließt sich

Kommen wir also zu einer endgültigen Zusammenfassung: Zunächst gibt es keinen einzigen Hinweis auf Wiedergeburt für irgendeinen Zweig der germanischen Völker, weder in den Schriftquellen noch in dem archäologischen Material. Schon dieser Befund sollte klarmachen, dass es einen solchen Glauben einfach nicht gab und dass man ihm offenbar sogar in den schwedischen Grenzgebieten ablehnend gegenüberstand, wo bei den schamanischen Saami und Balto-Finnen zumindest ansatzweise ein solcher Glauben existierte. Es gibt somit aus der gesamten Bekehrungsgeschichte der Germanen über 700 Jahre hinweg weder durch Selbstzeugnisse, Missionare oder Neubekehrte der ersten Generation auch nur einen einzigen Beleg für den Glauben an Wiedergeburt bei den Germanen vor den besagten isländischen Stellen 200 Jahre nach der Bekehrung.

Richtet man den Blick auf den genauen Zeitpunkt, zu dem Wiedergeburt in isländischen Handschriften erstmals erwähnt wird, fällt auf, dass er genau mit den Kreuzzügen gegen die Katharer in Frankreich zusammenfällt, denen man vorwarf, an eine Seelenwanderung durch eine Reihe von Wiedergeburten zu glauben. Diese zeitliche Übereinstimmung sowie auch die Tatsache, dass gerade dieser Glaube dadurch in Europa zum allgemeinen Gesprächsthema und und geradezu zu einem Hauptmerkmal für Häresie und Heidentum geworden war, ist sehr bedeutsam, und eben das ist bisher gerne übersehen worden. 

Island war zu diesem Zeitpunkt schon seit langer Zeit völlig christianisert, und dort produzierte man nicht nur eifrig Handschriften, sondern wandte sich dabei mit den Eddas und Sagas auch noch Stoffen der eigenen Kultur zu, die locker auf mündlicher Überlieferung aus der Vergangenheit beruhten. Die wichtigsten Bildungszentren dieser Autoren waren die christlichen Universitäten Mitteleuropas. Auch wenn niemand behaupten will, die isländischen Verfasser hätten die Behauptung, Wiedergeburt sei ein alter heidnischer „Glaube der Vorzeit, der heute aber für Altweibergewäsch gehalten würde“, in einem der Bildungszentren in Deutschland oder Frankreich aufgeschnappt und übernommen, ist die Wahrscheinlichkeit aber sehr hoch, dass die Isländer dort mit vielen anderen Gebildeten über die gleichzeitige Verfolgung der Katharer und ihrer Häresie ins Gespräch gekommen sind. Diese Möglichkeit eines Informations-Transfers ist auch sehr viel naheliegender als die Möglichkeit, einer dieser Autoren sei zufällig in Island oder sonstwo in Skandinavien auf eine geheime Sekte gestoßen, die dem Glauben an Wiedergeburt angehangen hätte. Aber selbst wenn man auf solch eine Gruppe gestoßen wäre, wären das mit ziemlicher Sicherheit Katharer auf der Flucht vor ihren Verfolgern gewesen.

Alle Belege aus heidnischen Quellen selbst legen vielmehr nahe, dass die heidnische Weltsicht dem Glauben an ein Weiterleben im Grabhügel anhing. Auch aus der Anlage der Gräber in unmittelbarer Nähe der Siedlungen sowie aus den zahlreichen Berichten darüber, wie man mit den Toten verkehrte, lässt sich ablesen, dass die Beziehung zwischen den Lebenden und Toten und die Ahnenverehrung bei den germanischen Völkern als über einen sehr langen Zeitraum hinweg angelegt verstanden wurde – im Gegensatz zu den benachbarten baltischen und finno-ugrischen Völkern. 

Thomas DuBois hat vermutet, dass diese sich über viele Generationen erstreckende Beziehung der Germanen mit ihren Ahnen und die Nähe der Gräberfelder zu den Siedlungen Spuren bei einigen finno-ugrischen Völkern hinterlassen hat und möglicherweise Quelle für die Erzählungen der Stallo und Hiisi waren, in denen ein Wiedergänger germanischer Herkunft diejenigen angriff, verstümmelte oder tötete, die als Feinde der germanischen Lebensart betrachtet wurden. Diese Dämonen aus den heidnischen Grabhügeln waren mit Zähnen aus Eisen ausgestattet, hatten ein Verlangen nach Menschenfleisch und lebten in den Hügelgräbern (wie sie nur von Germanen errichtet wurden).[25]

Die gegenseitige Beeinflussung zwischen Christentum und Heidentum begann lange vor der eigentlichen Bekehrung, die auf Island im Jahr 1000 erfolgte:

„Christliche Bestattungsbräuche, die sich in vielfacher Hinsicht sehr [von den heidnischen] unterschieden, begannen lange vor der tatsächlichen Missionierung, sich Schneisen in die Kultpraxis der nordischen Heiden zu bahnen, und veränderten langsam uralte Bestattungstraditionen, die allerdings immer schon variabel gewesen waren. Auch die Vorstellungen einer nachtodlichen Existenz durchliefen Veränderungen, wobei die heidnische Bevölkerung von christlichen Vorstellungen ebenfalls nicht unbeeinflusst blieb – abermals schon lange vor der Missionierung. Es ist gut möglich, dass christliche Riten und Vorstellungen sich auf Traditionen wie das Schiffsbegräbnis oder auf Vorstellungen von Walhall und Ragnarök auswirkten, die gerade in spätheidnischer Zeit erst ihren Aufschwung erlebten. Umgekehrt hatten die Christen des 13. Jahrhunderts immer noch Erinnerungen an die Kultur vorchristlicher Bestattungsbräuche und Glaubensinhalte bewahrt, formten sie aber unter dem Einfluss christlicher Dämonologie und Heiligenlegenden um. Dieses komplizierte Geflecht der Transformation unterstreicht die Wechselbeziehung zwischen heidnischen und christlichen Vorstellungen in der Wikingerzeit und die immense Vielschichtigkeit des Bekehrungsprozesses im germanischen Norden.“[26]

Natürlich ist es nicht undenkbar, dass sich in heidnischer Zeit neue Kultpraktiken oder Glaubensinhalte entwickelten – und auch wieder verschwanden –, ohne dass sie sich in den archäologischen oder schriftlichen Quellen niedergeschlagen hätten. Ohne solche Quellen aber können wir nur zu dem einzig möglichen Schluss kommen, dass die Vorstellung von Wiedergeburt überhaupt nicht mit dem in Einklang zu bringen ist, was wir tatsächlich über die Weltsicht der heidnischen Zeit wissen, in der es den platonisch-christlichen Begriff einer „Seele“ als einer parallel zum Körper existierenden eigenen Wesenheit ja gar nicht gab,[27] sondern die nichtmateriellen Persönlichkeitsaspekte untrennbar mit dem im Grabhügel lebenden Körper verbunden waren. Daraus ergibt sich klar, dass die kärglichen Behauptungen eines angeblichen Glaubens an Wiedergeburt, die sich ausnahmslos in erst 200 Jahre nach der Bekehrung verschriftlichten Texten finden, plumpe Versuche christlicher Interpreten sind, diese Vorstellungen dem alten Heidentum nachträglich überzustülpen, da zu eben dieser Zeit auf Grund der zeitgleichen Katharer-Verfolgung der Glaube an Wiedergeburt in ganz Europa geradezu zu einem Markenzeichen für Häresie – und damit auch für Heidentum – geworden war. Daraus wird ebenfalls deutlich, dass diese christlichen Schreiber damit auf gehässige Weise das germanische Heidentum als falsche Irrlehre brandmarken wollten, was vor dem damaligen ideologischen Hintergrund klar das Ziel verfolgte, ein mögliches Wiederaufleben germanischen Heidentums nachhaltig zu verhindern, stand die Christenheit zu eben dieser Zeit doch in einem militärischen Kampf um die spirituelle Vorherrschaft, nicht nur gegen die Katharer, sondern auch gegen die noch verbliebenen Heiden der baltischen Gebiete in Ost-Europa.

Endnoten

[1] Im Wicca, vor allem innerhalb der Tradition, die sich auf  Gerald Gardener oder Alex Sanders beruft, wird dieser Wartebereich als „Sommerland“ bezeichnet.

[2] Helgakviða Hiörvarðssonar (Das Lied von Helgi, dem Sohne Hjörwards), Str. 43 pr.

[3] Ebenda, Str. 30 pr.

[4] Helgakviða Hundingsbana II (Das Zweite Lied von Helgi, dem Töter Hundings), Str. 4 pr.

[5] Ebenda, Str. 51 pr.

[6] Sigurd-Lied Str. 45.

[7] Turville-Petre, E. O. G. Myth and Relgion of the North, 1964, reprinted 1975 (Greenwood Press; Westport, CN), S. 194.

[8] Rudolf Simek: Der Glaube der Germanen. Kevelaer 2005, S. 105ff.

[9] Dabei wurden Schädel, Becken und Langknochen zuweilen ebenfalls mit Beigaben begraben, was vermuten lässt, dass diese Körperteile als repräsentativ für den ganzen Menschen angesehen wurden (Simek, ebenda).

[10] Als Grund dafür wurde vermutet, dass Verbrennung den Rücktransport der sterblichen Überreste in die Heimat für ein angemessenes Begräbnis erheblich erleichterte, da Größe, Umfang und Gewicht des Toten dadurch sehr reduziert wurden. Das wurde zwar nie bewiesen (was auch nicht möglich sein dürfte), aber die Annahme ist zumindest logisch. Im Fall von z.B. 100 Gefallenen mag es aber als angemessener betrachtet worden sein, sie innerhalb ihres „Zuhauses“ (des Schiffes) zu bestatten, gerüstet zum Kampf, sodass sie sich auch weiterhin selbst verteidigen konnten. Aber das ist natürlich lediglich eine Spekulation. 

[11] Holmberg, Uno Finno-Ugric Mythology, 1928, in the series Mythology of All Races    edited by J. A. MacCulloch

[12] Guirand, F. in Larousse Encyclopedia of Mythology, 1959, edited by Felix Guirand. (Prometheus Press; New York, NY), S. 317. Eine gute zeitgenössische Beschreibung der „Bärenlieder“ bei den Khanty zusammen mit Artikeln über das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten finden sich unter http://haldjas.folklore.ee/folklore/ksisu.htm

[13] http://en.wikipedia.org/wiki/Heresy#Catholic response to heresy

[14] [Anm. d. Übers.:] Natürlich waren die eigentlichen Angelsachsen schon Jahrhunderte zuvor bekehrt worden. Durch die dänische Eroberung Englands im 10 Jh. und der nachfolgenden Einwanderung zahlreicher heidnischer Neusiedler aus Dänemark wurden große Gebiet Englands aber wieder heidnisch.

[15] Anglo-Saxon Prose, translated and edited by Michael Swanton, 1993 (J. M. Dent-Orion Publishing House; London, UK), S. 185-187.

[16] [Anm. d. Übers.:] Der Begriff „Kleriker“ bezeichnete zu der Zeit lediglich des Lesens und Schreibens kundige Leute, die diese Fähigkeiten und andere Fertigkeiten zwar durchweg in klösterlichem Umfeld gelernt hatten, ohne dass sie deshalb aber zwangsläufig selbst Geistliche waren. 

[17] Jonas Kristjánsson: Icelandic Sagas and Manuscripts, 1980 (Iceland Review; Rekjavík, Iceland), S. 29-33.

[18] Ebenda

[19] http://en.wikipedia.org/wiki/Cathars

[20] http://en.wikipedia.org/wiki/Cathar#Origins

[21] http://en.wikipedia.org/wiki/Cathars

[22] http://en.wikipedia.org/wiki/Cathars#Origins

[23] http://en.wikipedia.org/wiki/Crusades

[24] http://en.wikipedia.org/wiki/Cathars#Origins

[25] Vgl. Thomas DuBois: Nordic Religions in the Viking Age. Philadelphia, 1999. S. 84-85.

[26] Ebenda, S. 91.

[27] Vgl. dazu ausführlich Kurt Oertel: Von den Beschwernissen der letzten Reise – Jenseitsglaube und Seelenvorstellungen, in: Heidnisches Jahrbuch 3/2008, S. 179-220; auch zu finden unter https://eldaring.de/2013/12/01/von-den-beschwernissen-der-letzten-reise-jenseitsvorstellungen-und-seelenglaube/

Erschienen 2011 in Herdfeuer 31