Der germanische Mondkalender

von Peter Walthard

Dass der Kalender unserer germanischen Vorfahren in den Wirren der Geschichte unwiederbringlich verloren gegangen ist, wird uns immer wieder dann schmerzlich bewusst, wenn wir die Feste des Jahreslaufes feiern wollen und und uns dabei auf einen päpstlichen Kalender verlassen müssen, der die Jahre nach der angeblichen Geburt der obskuren „Gottheit“ Jesus Christus zählt. Der Wunsch nach einem eigenen Kalender, der dem verlorenen germanischen möglichst nahe kommt, erhebt sich an immer mehr heidnischen Herdfeuern. Dabei ist über die Zeitmessung der alten Germanen erstaunlich viel bekannt, auch existieren bereits mehrere rekonstruierte Kalender. Snorri Sturluson und Beda Venerabilis hinterließen uns außerdem zwei detaillierte Beschreibungen germanisch-heidnischer Kalender.

Sonne und Mond

Mond bei den Menschen,
Mindrer bei den Göttern,
Himmelsrad bei Hel,
Eiler bei den Riesen,
bei den Elben Schein,
bei den Zwergen Zeitmesser.

(Alvissmál)

Es wird kaum mehr bezweifelt, dass die Germanen einen lunaren Kalender hatten. Die oben zitierte Eddastelle, die Auskunft über die Namen des Mondes gibt, deckt sich mit den Erkenntnissen der modernen Sprachforschung, nach der „Mond“ auf eine indoeuropäische Wurzel *me- mit der Bedeutung „messen“ zurückgeht. Mondkalender gab es in vielen antiken Kulturen und waren – so Jan de Vries – den meisten indoeuropäischen Völker gemeinsam. In seiner Germania bestätigt Tacitus unsere Annahme:

„Man versammelt sich […] an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond, dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit. Die Nacht geht dem Tage voraus.“

Gerade die letzte Bemerkung spricht für einen Mondkalender. Da in den meisten bekannten Mondkalendern der Monat mit der ersten Sichtung der Neumondsichel beginnt, also zumeist am Abend oder in der Nacht, wäre es unsinnig, einen Tag am Morgen beginnen zu lassen: Er gehörte dann ja zu zwei Monaten gleichzeitig. Auch Beda Venerabilis gibt in seiner Schrift De Temporum Ratione (die uns später noch beschäftigen wird) an, die Angelsachsen hätten Mondmonate verwendet. Wir dürfen uns in dieser Sache also ziemlich sicher sein.

Die große Schwierigkeit eines Mondkalender ist, dass er mit zwölf Lunationen zu 29,5 Tagen sich um jährlich 11,24 Tage vom solaren Jahr löst und der Jahresanfang dabei alle Jahreszeiten durchwandert. Das deshalb ein solches System für ein Bauernvolk in Nordeuropa, dessen Leben mit dem Lauf der Jahreszeiten aufs innigste verflochten ist, nicht in Frage kommt, ergibt sich von selbst. Die Germanen müssen ein System der Interkalation gekannt haben, mit dem sie mittels Schaltmonaten Sonnenjahr und Mondmonate so zusammenhalten konnten, dass der Kalender die Jahreszeiten einhielt. Es gibt raffiniertere Methoden, Schaltjahre zu bestimmen, die einfachste ist jedoch, ein bestimmtes Datum im Sonnenlauf als Stichtag zu nehmen, etwa eine Sonnenwende. Zu Unrecht ist bezweifelt worden, dies sei den Germanen gar nicht möglich gewesen. Die Steinsetzungen der Megalithzeit, das Grab von Newgrange, das Belchendreieck bei Basel und die Schiffsetzung bei Kaasehuvud in Schweden beweisen, dass das archaische Europa nicht nur in der Lage war, Sommer- und Wintersonnwende genau zu bestimmen, sondern dies offensichtlich auch tat.

Die Angaben des „ehrwürdigen“ Beda

Wie oben erwähnt, sind uns aus dem frühen Mittelalter zwei Beschreibungen eines heidnischen Kalenders erhalten, die des altisländischen und die des altenglischen. Der altisländische Kalender ist für uns hochinteressant. So gibt er die altnordischen Monatsnamen an und überliefert uns eine Zweiteilung des Jahres in Sommer und Winter. Die Scheidepunkte zwischen beiden lagen Mitte Oktober bzw. April und wurden – glaubt man den Angaben der Sagas – jeweils mit einem Opfergelage gefeiert. In der Mitte des Winters, also um den 15. Januar, fand ein weiteres Fest statt, ohne Zweifel das Julfest. Da der isländische Kalender aber kein Mondkalender (mehr) ist, kommt er für unsere Rekonstruktion nicht in Frage.

Interessanter sind hier die Angaben, die der angelsächsische Mönch Beda Venerabilis um 730 in seiner Schrift De Temporum Ratione macht. Analog zum nordischen Kalender finden wir auch bei ihm eine Zweiteilung des Jahres in Monate, in denen die Tage länger als die Nächte (Sommer) und solche, in denen die Nächte länger als die Tage sind (Winter). Als Beginn des Winters wird interessanterweise der Vollmond des Winterfylleth angegeben, was an die nordische Jahreseinteilung erinnert, die Sommer und Winter ebenfalls in der Monatsmitte beginnen lässt. Im Gegensatz zu den nordischen Quellen bestätigt Beda jedoch, dass ein Monat einer Lunation entsprach. Über die genaue Regelung der notwendigen Interkalation schweigt sich Beda allerdings aus.

Auffällig an Bedas Kalender ist, dass Dezember/Januar und Juni/Juli jeweils Doppelmonate bilden. Im Winter das erste und das zweite Geola, ein Name, den Beda mit der Wintersonnenwende in Zusammenhang bringt und in dem wir das skandinavische Jól/Jul erkennen, im Sommer das erste und zweite Lidha, dessen Name dunkel und wahrscheinlich sehr alt ist. Als Jahresbeginn gibt Beda die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember an, die „Nacht der Mütter“. Aufgrund dieser Angaben unternahm John Robert Stone 1997 mit seiner Schrift Observing Bede’s Anglo-Saxon Calendar einen Versuch, den Angelsächsischen Kalender zu rekonstruieren (nicht den ersten – wohlbemerkt – und auch wohl noch lange nicht den letzten.)

Stone geht dabei von der Beobachtung aus, dass die beiden Doppelmonate die Sonnenwenden „wie Buchdeckel umschließen“. Bedas Bemerkung, es habe auch Jahre mit einem dritten „Lidha“ gegeben, veranlasste ihn zu der Vermutung, dass die Angelsachsen eine Schaltjahrregel verwendeten, die das zweite Geola bzw. Lidha stets nach der betreffenden Sonnenwende fixierte. Stone nimmt die Mittsommernacht nach ihrer englischen Datierung am 23. Juni als Stichtag an. Er schlägt vor, nach der Sommersonnwende eine Pufferspanne von elf Tagen (die Differenz zwischen Sonnen- und Mondjahr) einzurichten. Erscheint die erste Sichel des neuen Lidhas, folgt ein Schaltmonat. Stone testete seinen Kalender mit dem Metonischen Zyklus und kam zu dem Ergebnis, dass sich „der alte Kalender um dieselben Daten rankt, egal welche Regel man verwendet“.

Die größte Schwierigkeit von Scotts Modell ist, dass der von Beda angegebene Neujahrstag am 24. Dezember nicht nur dem Mondkalender widerspricht, sondern sich auch noch auf den christlichen Kalender beruft. Zur Zeit Bedas dürfte der angelsächsische Kalender nur noch neben dem julianischen koexistiert haben. Die römischen Wochentagsnamen wurden von den Germanen vermutlich im zweiten oder dritten Jahrhundert übernommen, und es ist gut möglich, dass damit der ganze julianische Kalender in Gebrauch kam. Viele Germanen kämpften zu jener Zeit in den römischen Legionen. Stone vermutet deshalb, dass der 25. Dezember von den Germanen als Datum der Sonnenwende angenommen worden ist, wie es im unter römischen Soldaten weit verbreiteten Mithraskult Brauch war. Ursprünglich hatte man wohl eine beobachtete Sonnenwende als Fixpunkt genommen. Interessanterweise bieten die zwölf Nächte zwischen Weihnacht und Neujahr im synkretistischen Volksglauben genau eine solche Pufferzone an, wie sie Scott in seinem Kalendermodell vermutet. Das neue Jahr hätte dann mit der ersten Sichtung des zweiten Geola-Mondes irgendwann zwischen Sonnenwende und Mitte Januar begonnen. Diese Annahme deckt sich mit der Vermutung von Jan de Vries, der das germanische Mittwinterfest ebenfalls in den Januar verlegt. Aus Skandinavien wissen wir, dass Jul ursprünglich in der Nacht des höku, der Mittwinternacht, gefeiert worden war und drei Nächte dauerte. Diese drei Nächte könnten dann in die Zeit vom Verschwinden der alten Mondsichel bis zum Erscheinen der neuen gefallen sein. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass der Name „Nacht der Mütter“ stark an das skandinavische Disablót erinnert.

Eine mögliche Regel

Fassen wir also unsere Vermutungen zusammen. Das Jahr begann mit dem Auftauchen der ersten Neumondsichel nach der Wintersonnenwende. Erschien die Mondsichel schon in den ersten zwölf Nächten nach der Sonnenwende, wurde im Sommer ein Schaltmonat, das dritte Lidha eingeführt. Der Beginn des Jahres wurde mit einem großen Fest gefeiert, dass unter anderem den „Müttern“ geweiht war. Der Beginn des Sommers und des Winters wurden ebenfalls mit einem Fest gefeiert. Die „Tage” begannen mit den Nächten.

Angelsächsischer oder germanischer Kalender?

Natürlich mag es sehr fraglich sein, den rekonstruierten Kalender eines Einzelstammes zum „altgermanischen Jahr” erheben zu wollen. Trotzdem haben wir uns erlaubt, einen eigenen Kalender auf der Basis von Stones Rekonstruktion zu verwenden. Es ist kaum anzunehmen, dass dieser Mondkalender eine Erfindung der Angelsachsen war. Er erscheint im Gegenteil als Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Das präzisere Kalendersystem der damals weltbeherrschenden Römer dürfte den germanischen Mondkalender, der zwar gut zur Bestimmung der Jahreszeiten geeignet, aber äußerst unpraktisch zur genauen Datierung von Ereignissen war, langsam verdrängt haben. Wenn der Kalender aber ein Relikt aus der Zeit vor dem Aufkommen des römischen Kalenders in der Germania war, und für diesen Zeitpunkt nehmen wir das zweite und dritte Jahrhundert an, da zu jener Zeit auch die römische Woche übernommen wurde, so muss er schon unter den Festlandgermanen benutzt worden sein. Dort hatten die Angeln zum Verband der Sueben gehört. Es ist kaum zu vermuten, dass gerade diese einen grundlegend anderen Kalender als ihre Nachbarn verwendet haben. Es ist gut möglich, dass auch der nordische Kalender, der die nämliche Einteilung in zwei Halbjahre kennt, aus demselben hervorgegangen ist. Für uns ist von besonderem Interesse, dass sich der von Beda angegebene Monatsname Hreþmonað (März) auch in der Appenzeller Chronik als Redimonet (Hornung) findet.

Eine Lösung für Neuheiden?

Unberührt von der Frage, ob der angelsächsische Kalender, wie er von Scott rekonstruiert wurde, einst gemeingermanisch war oder nicht, bietet er sich den neuheidnischen Gemeinschaften, die nach alter germanischer Sitte zu leben suchen, als möglicher neuer Kalender an. Seine Vorzüge liegen zum einen in seiner Einfachheit, zum andern in der engen Anlehnung an historische Quellen. Zu guter Letzt ist er der einzige mir bekannte überprüfte, funktionierende und nicht mit esoterischem Ballast überladene „germanische” Kalender.

Sommer und Winter

Wie der nordische teilte auch der angelsächsische Kalender das Jahr in eine Hälfte, in der die Tage, und eine, in der die Nächte länger sind. Sommer und Winter waren wohl die beiden ersten Jahreszeiten, die die Germanen kannten, und es sind auch heute noch die einzigen, deren Namen im gesamten germanischen Sprachraum gleich lauten. Das neue Jahr begann mit der Nacht der Mütter um die Wintersonnenwende herum im Monat Giuli (Jul), der Winter mit dem Wintervollmond (Winterfilleð) im Oktober und der Sommer mit dem Eostremonað (Ostermonat) im April. Gezählt wurde im gesamten germanischen Raum nicht nach Jahren, sondern nach Wintern.

Die drei Eckdaten des von Beda beschriebenen Mondkalenders passen genau zu den drei Festen des Jahres, die die nordischen Quellen für den skandinavischen Raum belegen. Drei Opfergelage sollen jedes Jahr – genauer: jeden „Winter“ – abgehalten worden sein. Eines zu Beginn des Winters um Jahresbesserung, eines zu Mittwinter um Fruchtbarkeit und eines gegen Sommer um Siege. Jan de Vries spricht in diesem Zusammenhang von einem Ernte-, einem Dresch- und einem Saatfest. Das Erntefest zu Beginn des Winters dürfte wohl aufgrund der reichlich vorhandenen Vorräte das üppigste gewesen sein. Im nordischen Raum tritt es uns als „die Winternächte” entgegen, in denen die größten Gastereien des Jahres stattfanden.

Auch das Neujahrsfest um die Zeit der Wintersonnenwende herum ist in den nordischen Quellen bekannt. Es ist das Jólfest, dessen Namen mit Bedes Giuli identisch ist. Dieses Mittwinteropfer hieß auch Disablót oder Alfablót und geschah um Fruchtbarkeit. Bedas „Nacht der Mütter” fügt sich in diese Thematik lückenlos ein. Dem Wintervollmond entgegengesetzt stand der Eostremonað, der Ostermonat. Beda erwähnt ausdrücklich, dass Eostre, deren gemeingermanischer Name Ostara oder Austro gelautet haben müsste, eine heidnische Göttin war und dem Frühlingsfest vorstand. Diese Ostara dürfte auf dieselbe altindoeuropäische Gottheit zurück gehen wie die indische Usas und die römische Aurora, denen sie wenigstens dem Namen nach genaustens entspricht. Diese Usas erscheint in den Veden nicht nur als Göttin der Morgenröte, sondern auch als Göttin der Siege, was uns wieder auf das nordische Sigrblót zurückführt. Sowohl die skandinavischen Quellen als auch Bedas Kalender sind offenbar denselben Vorstellungen verhaftet. Von diesen zwei Seiten belichtet, gewinnt das germanische Jahr deutliche Konturen.

Neumond und Vollmond

In nahezu allen Mondkalendern beginnt der Monat mit der ersten Sichtung der noch dünnen Mondsichel, der Vollmond bildet die Mitte des Monats. Die Zeit des zunehmenden und abnehmenden Mondes zerfällt in je zwei Viertel von etwa sieben Tagen. „Ein nuwe und ein wedil, daz sint vier wochin”, meldet das Mülhauser Statut aus dem 13. Jahrhundert und gibt dabei gleich die alten deutschen Bezeichnungen für Neu- und Vollmond an. Grimm vermutete eine Beziehung zwischen dem deutschen „Wedel” und dem Sanskritwort vidhu (Mond). Der Begriff scheint ein sehr hohes Alter zu haben. Beda nennt den Vollmond Filleð, was auch dem gotischen Wort Fullið entspricht. Grimm vermutet Niuwid und Fullid als althochdeutsche Bezeichnungen der Mondphasen. Im Altnordischen bezeichnete ny das neue Licht des zunehmenden, und nið das schwindende des abnehmenden Mondes. Nyji und Nidhi sind denn auch die Namen zweier Zwerge, die in der Edda auftreten. Das Interlunium, die Zeit, da der Mond nicht zu sehen ist, zählte offenbar zum nið, zum abnehmenden Mond, wie die schwedische Bezeichnung nedmörk für „stockfinster” beweist. Im Deutschen heißen die beiden Mondphasen traditionell im obsigenden und im nidsigenden Mond. Die Bezeichnung Nid si gehend legt nahe, dass auch nier mit Nid das Interlunium gemeint ist. Der Mondmonat beginnt also mit dem ersten Erscheinen des neuen Lichts, dem Nuwe oder Neu, ist dann obsigend bis zum Erreichen des Vollmondes, des Wedels oder Fullids, und nidsigend bis zum erreichen des Nid, der lichtlosen Zeit, die das Ende des Monats darstellt.

Tag und Nacht

Teilt man die obsigende und die nidsigende Hälfte des Monats in zwei Teile, erhält man Wochen zu sieben Tagen. Die Woche ist eine Erfindung der Astronomen des alten Orients. Sie ordneten jeden der sieben Tage einem bestimmten Planeten und damit einer bestimmten Gottheit zu. Die Römer übernahmen diese Einteilung, und zur Zeit des römischen Imperiums in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung verbreiteten sie sich – wohl zusammen mit dem julianischen Kalender – auch im germanischen Raum. Dabei wurden die römischen Götternamen durch germanische ersetzt. So wurde zum Beispiel aus dem babylonischen Tag des Marduk der Tag des Ares, dann der des Mars und schließlich des germanischen Zius. Die Wochentagsnamen seien hier kurz aufgeführt.

Sonntag: Wenn der Mittwoch, wie sein Name vorgibt, einst die Mitte der Woche dargestellt hat, begann die germanische Woche mit dem Sonntag, dem Tag der Sonne. Da sich im romanischen Bereich ab dem 4. Jahrhundert der Name Dies Dominica – Tag des Herrn – durchsetzte, müssen die Germanen die Wochentage bereits im zweiten oder dritten Jahrhundert übernommen haben.

Montag: Der Tag des Mondes. Seine althochdeutsche Form Manatag ist im Dialektwort „Määntig” erhalten geblieben.

Dienstag / Ziistag: Der römische Mars wurde von germanischen Söldnern gemeinhin mit Ziu / Teiwaz gleichgesetzt. Die Bezeichnung „Ziistag” hat sich im alemannischen Raum gehalten und entspricht genau dem altnordischen týrsdagr. Die hochdeutsche Form „Dienstag” erklärt sich damit, dass Ziu als Mars Thingsus der Schutzgott des Dings / Things war. In Bayern heisst der Dienstag „Ertag”, was auf den griechischen Ares oder den Bischof Arius bezogen werden kann. Das schwäbische „Aftermontag” geht offensichtlich auf eine kirchliche Intervention zurück.

Mittwoch / Gudenstag: Eine solche erklärt ebenfalls den deutschen Namen Mittwoch. Diese „harmlose” Bezeichnung sollte den dem römischen Tag des Merkurs entsprechenden Wuodanestag ersetzen. Im Nordwesten Deutschlands hat sich der “Gudenstag” erhalten, auch im friesischen Wönsdei und im altnordischen Oðinnsdagr zeigt sich der alte germanische Name, der im englischen Wednesday heute weltweit verbreitet ist.

Donnerstag: Der Dies Jovis, der Tag des Blitzeschleuderers Zeus-Jupiter, wurde von den Germanen als „Donarstag” aufgefasst. Außer im Bayerischen, wo „Pfinztag” eine weitere kirchliche Korrektur widerspiegelt, hat sich der Name im ganzen deutschen Raum erhalten.

Freitag: Die römische Göttin Venus wurde von den Germanen der Frîja (Frigg) gleichgesetzt. Tatsächlich sind beide Namen mit dem altindischen prya (Geliebte) verwandt. Im Alemannischen hat sich die althochdeutsche Form „Friijatag” in “Friitig” erhalten, sie stimmt zum altisländischen Friadagr. In Bayern wurde auch dieser Wochentag mit einem christlichen Namen belegt. Der „Pferintag” bezeichnete den Rüsttag zum Sabbat. Dieser Begriff ist aber mittlerweile ausgestorben.

Samstag / Sonnabend: Der Samstag ist der einzige Tag, dessen Benennung nichts mit den germanischen Göttern zu tun hat. Er ist aus dem Griechischen ins Bayerische gewandert. Das althochdeutsche „Sambaztag” geht wohl auf griechisch Sambaton zurück. Im Nordwesten Deutschlands hat sich wie in England die Bezeichnung „Saterstag“ – eine direkte Übertragung des lateinischen Dies Saturni – erhalten. Offenbar gab es keine germanische Gottheit, die diesem altlateinischen Gott entsprochen hätte. Im Norden hieß der Samstag Laugardagr (Wasch- oder Badetag). Das samstägliche Baden und Waschen war auch im deutschen Raum bekannt und hat sich in den Alpen bis zu heutigen Tag gehalten. Der Brauch ist entweder uralt oder erst nach der Christianisierung entstanden, da man am „Tag des Herrn” sauber zu sein hatte. Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass Grimm über eine Verbindung des laugardagrs zu Loki und damit zu Saturn spekulierte. In Nordeutschland heißt der Samstag Sonnabend. Diese Bezeichnung meint eigentlich den Vorabend des Sonntags und weist auf eine weitere Besonderheit des germanischen Kalenders hin.

In allen germanischen Sprachen wird nämlich der Vorabend zum folgenden Tag gezählt. Der „Heilige Abend” ist der Vorabend von Weihnachten, der „Sankthansaften” der Vorabend von Johanni, der „Werkabend” der Vorabend eines Werktages. Wie statt in Jahren in Wintern, wurde nicht in Tagen, sondern in Nächten gerechnet. Auch Feste verlegte man im germanischen Kulturraum in die Nacht, neben dem obigen Beispiel sei noch an Bedas “Nacht der Mütter”, die Fasnacht und die Walpurgisnacht erinnert.

Der Tag endete also mit dem Abend, und die einbrechende Nacht gehörte bereits zum folgenden Tag. So ging die Wuodans-Nacht dem Wuodans-Tag voran, so folgte auf den Donars-Tag mit dem Eindunkeln die Frija-Nacht. Der Beginn der Nacht dürfte durch das Erscheinen des Abendsterns gekennzeichnet gewesen sein, der Übergang zum Tag mit dem Erscheinen des Morgensterns. Das Aufgehen der Sonne ist eine alte deutsche Sprachwendung, die Bezeichnung „Sonnenuntergang” aber wird – vielleicht wegen ihres apokalyptischen Beiklangs – noch heute von bodenständigen Dialektsprechern im Alpenraum vermieden. Gemäß mittelhochdeutscher Sprechweise geht die Sonne niemals unter, sondern „zu Rast und Gnaden”. Es war früher eine allgemeine Sitte, beim Anblick von Sonne und Mond freundlich den Hut zu ziehen und die Gestirne zu grüssen.

Die Monate

Wie bereits erläutert, begann das neue Jahr mit dem Beginn des Monats se Aftera Geola, dem „späteren Jul”. Das Neujahrsfest Jól dürfte unmittelbar vorher “zwischen” den beiden Monaten Jul stattgefunden haben. Aus Skandinavien wissen wir, dass Jól ursprünglich in der Mittwinternacht gefeiert wurde und drei Nächte währte. Dies könnte sich auf das drei bis vier Nächte dauernde Interlunium vor dem Beginn des „späteren Jul” bezogen haben. In Skandinavien hieß der auf das Jólfest folgende Monat Þórri, ein mythischer Name, der aber nichts mit Thor zu tun hat, sondern sich wohl auf einen Winterriesen bezieht. Þórri war und ist der härteste Monat in Island. Dort wird nach Jól das Þórrablót gefeiert. Auch der althochdeutsche Monatsname Hartung trägt dem strengen Charakter des ersten Monats Rechnung.

Mit dem Solmonað endete die Julzeit. Der angelsächsische Name dürfte soviel wie „Sonnenmonat” bedeuten, denn nun ist die dunkle Julzeit vorbei und die Tage werden spürbar länger. Beda berichtet, dass in diesem Monat den Göttern Kuchen geopfert worden seien. In dieser Bemerkung spiegelt sich wahrscheinlich römisches Brauchtum wieder, denn der Februar war der Monat der Parentalia, des römischen Ahnengedenkens, das mit dem Backen von Seelenbroten begangen wurde. In Skandinavien trug er den Namen Gói. Góa war wohl eine Fruchtbarkeitsgottheit, die Sage nennt sie als Tochter des mythischen Königs Þórri, und ihr Name erinnert an die in der nordeutschen Sagenwelt auftretende Frau Gaue. Das schwedische Disenopfer soll ebenfalls im Monat Gói stattgefunden haben. Das Thema der Fruchtbarkeit scheint eng mit diesem Monat verknüpft zu sein. Im Deutschen heißt er Hornung, was soviel wie „Bastard” bedeutet und sich auf seine geringe Länge im julianischen Kalender bezieht. Der Hornung ist bis heute die Zeit der Fasnacht und der Frühlingsfeuer.

Der Hreðmonað, den Beda mit einer Göttin Hrethe in Verbindung bringt, ist auch in der Appenzeller Chronik als Redimonat erwähnt. Der Name Hrethe ist verschiedentlich mit der Göttin Nerthus in Verbindung gebracht worden. Der althochdeutsche Name für diesen dem März entsprechenden Monat ist aber Lenzing, was sich vom germanischen Wort langat-tin herleitet und die Zeit der länger werdenden Tage bezeichnet. Der nordische Name einmánuðr bleibt dunkel.

Mit dem Eostremonað beginnt der Sommer. Beda nennt Eostre als heidnische Frühlingsgöttin, der in diesem Monat ein Fest gewidmet war. Dieses Fest bezeichnete zweifellos den Sommerbeginn und fand entweder am Neu- oder Vollmond des Monats statt. Die althochdeutsche Bezeichnung Ostaramanoth stimmt mit dem überein. Auch in Skandinavien begann das Sommerhalbjahr im April, der Snorri zufolge gaukmánuðr ok sáðtið – Monat des Kuckucks und Zeit der Aussaat – hieß. Zweifellos fand auch das nordische Frühlingsfest zu dieser Zeit statt.

Den folgenden – dem Mai entsprechenden – Monat nennt Beda Dhrimilchi, weil zu dieser Zeit die Kühe dreimal täglich gemolken worden seien. Der deutsche Name ist „Wonnemonat”, was sich weniger auf die Freuden des beginnenden Sommers, sondern vielmehr auf die ursprüngliche Bedeutung von „Wonne” (= Weide) bezieht. Beide Namen entsprechen demselben Bauernjahr. Nach einem schier endlosen Winter konnte das Vieh endlich wieder auf die Weiden getrieben werden, womit auch der Milchertrag wieder kräftig anstieg. In Island war es dafür noch zu früh. Snorri nennt den Monat eggtíð ok stekktíð, die Zeit der Eier und die Zeit, Fleisch zu braten. Lögarðsönn, der Zeitpunkt, an dem man die gesetzlichen Grenzen seines Bauernhofs absteckte, fiel ebenfalls in diesen Monat.

Die Zeit der Sommersonnenwende nennt Beda Litha, wobei analog zu den beiden Julmonaten im Winter ein früheres und ein späteres Litha die Sonnenwende umgaben. Der erste Mittsommermonat hieß in Island sólmanuðr, Monat der Sonne. Die Sommersonnenwende bezeichnete in Island den Zeitpunkt des Allthings. Auch Karl der Große hielt auf diese Zeit Volksversammlungen ab. Die Landsgemeinden der Schweiz – Überbleibsel der germanischen Thingdemokratie – finden ebenfalls im Frühsommer statt. Dahinter stand die Idee, dass das Recht nur am Tag und nur während der sonnigsten Jahreszeit gesprochen werden dürfe. Noch im 18. Jahrhundert wurde an den Landsgemeinden gefragt, „ob die Sonne hoch genug stehe, dass es Zeyt sey, über das Blut zu richten”. Der deutsche Name für den Juni ist Brachet, ein Begriff aus der mittelalterlichen Dreifelderwirtschaft.

Der zweite Monat Litha war im gesamten germanischen Gebiet dem Einbringen des Winterfutters gewidmet. Nach der Heuernte hiess er in Island heyannir, in deutschen Landen Heuet.

In Schaltjahren wurde laut Beda ein drittes Litha eingeschoben. In den nordischen Monatsnamen findet sich ebenfalls eine Spur dieses Schaltmonats. Der August heißt hier auch tvímanuðr (Zwillingsmonat). Liegen wir mit unseren Vermutungen richtig, wurde er in Schaltjahren „verdoppelt” und umfasste zwei Mondmonate.

Der eigentliche Name des Augusts ist im Nordischen kornskurðarmánuðr (Monat des Kornschnitts), was sich mit dem deutschen Ernting inhaltlich deckt. Getreidernte und Heuschnitt gingen ineinander über und waren eine wahre Löwenarbeit. Bedas Name Weodmonað (Monat des Krauts) bezieht sich auf dieselbe bäuerliche Plackerei.

Der letzte Monat des Sommers war der Haligmonað (heiliger Monat). Beda nennt ihn einen „Monat der Opfer”. Auch dem isländischen Namen haustmanuðr (Herbstmonat) steht ein haustblót (Herbstopfer) zur Seite. Zweifellos handelte es sich dabei um Erntedankopfer. Im deutschen Bauernkalender heißt der September ebenfalls Herbstmonat. Ein weiterer deutscher Name ist Scheiding, was sich wohl auf den scheidenden Sommer bezieht.

Mit dem Winterfylleð begann der Winter. Beda erklärt diesen Namen als Wintervollmond, und es bleibt offen, ob der Winter mit dem Neu- oder mit dem Vollmond begann. Ein Fest um den Wintervollmond entspräche zeitlich in etwa den skandinavischen Winternächten, ein Herbstopfer vor dem Erscheinen des neuen Mondes würde zu Bedas Behauptung passen, der Halegmonað sei ein Monat der Opfer gewesen. In Island hieß der Oktober gormanúðr, ein Name, dessen Bedeutung wir nicht kennen, im deutschen Bauernkalender „Weinmonat” oder Gilbhard, was sich auf die Färbung des Laubs bezieht.

Der dem November entsprechende Monat heißt bei Beda Blótmonað (Opfermonat). Der November war und ist die traditionelle Schlachtzeit im gesamten germanischen Raum. Es gibt Hinweise darauf, dass gerade die Angelsachsen das Schlachten des Viehs als heilige Angelegenheit betrachteten und die zu tötenden Tiere als Opfer weihten. Auch im deutschsprachigen Raum heißt der November „Schlachtmonat”, in der Schweiz „Wintermonat”. Ein weiterer Name ist Neblung, was sich auf die Novembernebel bezieht. Die Bedeutung des isländischen Namens frermanuðr (Friermonat) wiederum bedarf keiner Erläuterung.

Der letzte Monat des Jahres war das frühere Jul (se Aerra Geola), in das die Wintersonnenwende und das Julfest fielen. Im Althochdeutschen hieß der Monat Heilagmanod, im Bauernkalender Christmonat. Der isländische Name hrútmanuðr wiederum bedeutet Widdermonat.

Ein Taktgeber des Bauernjahres

Der germanische Kalender richtete sich vor allem nach dem ländlichen Leben. Als Datierungsinstrument war ihm der Julianische Kalender weit überlegen, und er wurde wohl schon recht früh von diesem verdrängt. Zur Zeit Bedas scheint der angelsächsische Kalender nur noch neben dem Julianischen Kalender verwendet worden zu sein. Der germanische Mondkalender half den Bauern bei der Bestimmung der Jahreszeiten, anhand des Mondes konnten Fristen und Feste bestimmt werden. Ob man aber die einzelnen Tage zählte, ist fraglich. Auch von einer chronologischen Jahreszählung, wie sie Römer und Christen kannten, ist uns aus dem germanischen Raum nur wenig überliefert.

Eine gewisse Bedeutung scheint einem Zyklus von jeweils neun Jahren zugekommen zu sein. In Uppsala fand alle neun Jahre ein großes Opferfest statt. Dank den Forschungen von H. Ljungberg sind uns die Daten dieser Zyklen bekannt. Er stellte anhand von Annalen fest, dass antichristliche Reaktionen von Seiten der Heiden wie zufällig alle neun Jahre erfolgten: 1057, 1066, 1075, 1084. Dies waren ohne Zweifel die Jahre, in denen das heidnische Opferfest hätte stattfinden sollen. Bei den Angelsachsen, Franken oder Alemannen bietet sich eine Jahreszählung ab „Beginn der Landnahme” analog zum römischen Ab urbe condita an.

Zusammenfassung

Der Kalender der alten Germanen war ein Mondkalender, der über eine bestimmte Schaltregel mit dem Sonnenjahr verknüpft war. Sein Sinn und Zweck bestand im Bestimmen von Fristen, Festen und den Jahreszeiten. Die Monatsnamen entsprachen hauptsächlich dem bäuerlichen Jahr, waren regional verschieden, spiegelten aber dieselben landwirtschaftlichen Realitäten wieder. Für das Erstellen genauer Daten dürfte der Kalender wenig geeignet gewesen sein.

Neben kleineren, regionalen Festen ergeben der Jahresbeginn um die Wintersonnenwende herum und die Teilung des Jahres in Sommer und Winter drei Eckdaten, an denen wohl die wichtigsten religiösen Feste gefeiert wurden.

Leider ist die Schaltregel im Laufe der Zeit verloren gegangen. Durch eine Schaltregel, wie sie oben in diesem Artikel vorgeschlagen wurde, lässt sich eine Rekonstruktion erstellen, die weder den Angaben von Tacitus noch denen von Beda widerspricht, mit den klimatischen Gegebenheiten Nord- und Mitteleuropas übereinstimmt und sich mit den von Snorri überlieferten Angaben zum altnordischen Jahr (aber nicht mit dem isländischen Kalender selbst) in groben Zügen deckt. Auch das bäuerliche Brauchtum im germanischen Gebiet scheint die Spuren der drei germanischen Hauptfeste erhalten zu haben.

Obwohl die im ersten Teil des Artikels vorgeschlagene Kalenderregel nicht den Anspruch erheben kann, nachweislich in altgermanischer Zeit verwendet worden zu sein, bietet sich ein aufgrund der hier vorgestellten Grundlagen erstellter Kalender für die neuheidnischen Gemeinschaften in Europa für den religiösen Jahreslauf an. Wenn schon keine genaue Rekonstruktion, so bietet er zumindest eine enge Annäherung an den tatsächlich verwendeten germanischen Mondkalender.

Erschienen 2010 in Herdfeuer 30