Osterquellen

von Petra Bolte

In der Ortschaft im Süden Schleswig-Holsteins, in der ich wohne, gibt es eine Osterquelle. So jedenfalls laut Internetauftritt der Stadt. Nach über 15 Jahren in diesem Ort hatte ich bis 2007 jedoch nie zuvor davon gehört. Erste Recherchen förderten nicht nur die heimische Osterquelle zutage, sondern auch weitere in ganz Deutschland. Und so kam ich dazu, zunächst der Osterquelle bei mir zu Hause buchstäblich „auf den Grund“ zu gehen und anschließend vier weiteren im Norden und Osten Deutschlands.

Die Osterquelle in Geesthacht

„Das Schöpfen heilkräftigen Wassers am Ostermorgen ist ein Brauch, der einst im Herzogtum Lauenburg weit verbreitet war, aber nur hier in Geesthacht hat der Name Osterquelle die Zeiten überdauert“, informiert die Internetseite der Kleinstadt im Osten von Hamburg. Die Nutzung der Quelle zum Schöpfen heilbringenden Wassers in früheren Zeiten ist belegt. Der Brauch verlangte, dass junge Frauen vor Sonnenaufgang am Ostermorgen das Wasser in absolutem Schweigen schöpften. Kam ihnen ein Wort über die Lippen, verwandelte sich das kostbare Nass in „Babbelwasser“ und wurde wertlos. Im Mittelalter soll es zeitweilig Brauch gewesen sein, gleich den ganzen Jahresvorrat Taufwasser an Ostern zu schöpfen.

Das wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt:

1. Seit wann wurde die Quelle zu rituellen Zwecken genutzt?
2. Welche Glaubensvorstellungen waren damit verbunden?
3. Lässt sich auf einen heidnischen Ursprung schließen?
4. Kann die Osterquelle auch heute noch ihren Zauber entfalten?

Zu Frage 1: Seit wann genau die Osterquelle zu rituellen Zwecken in Gebrauch ist, ist bisher nicht genau bestimmt worden. Sicher war gutes Quellwasser aber bereits den ersten Siedlern der Elbgeest wertvoll. Der große Strom mochte viel zu bieten haben – Fische, Treibgut – doch zur Gewinnung von Trinkwasser ist eine Quelle vorzuziehen. Bronzezeitliche Grabstätten keine 5 km östlich und gut 10 km westlich belegen, dass das nördliche Elbufer mit seinem Hinterland schon von den Menschen der Megalithkultur vor mehr als 3500 Jahren bewohnt und mit ihren Kulten belebt wurde. Später besiedelten Slawen und Germanen die Gegend. Eine Christianisierung erfolgte erst ab dem 11./12. Jahrhundert. Bis heute bekannte Geschichten aus dem Lauenburgischen illustrieren den Kampf zwischen christlichen und heidnischen Vorstellungen: Unterirdische, Riesen, unheimliche Pferde, Gespenster, sogar Werwölfe bewohnten Hügel, Äcker, Wälder und Grabstätten, bekämpft und dämonisiert von den Vertretern der neuen Religion. Bekannt waren auch der Wode mit seiner wilden Schar und eine vornehme Frau, die in den Zwölften auf dem Hellberg ihrer Jagdleidenschaft nachging.

Zu Frage 2: Überliefert ist die Vorstellung, das Wasser der Osterquelle am Fuße des Katzbergs sei heilig. Es verhieß Gesundheit und Schönheit, wenn man das Gesicht, speziell die Augen benetzte und wenn man es trank. Seine höchste Wirksamkeit entfaltete das Wasser, wenn es von jungen Frauen vor Sonnenaufgang am Ostermorgen geschöpft wurde, die kein Wort sprechen durften. Anschließend bestiegen die Frauen den Katzberg und warteten dort auf den Sonnenaufgang. Das Wasser der Osterquelle wurde in den christlichen Ritus als Taufwasser implementiert. Ähnliche oder weitgehend gleiche Vorstellungen verbanden sich mit anderen ebenfalls als Osterquellen überlieferten Orten in Deutschland, am bekanntesten wohl die auch Marienquelle genannte in Lübars, heute Berlin-Reinickendorf. Der Name Lübars soll möglicherweise auf Hlodyn (Jörd, Erde) zurückgehen. Bereits eine kurze Internet-Recherche führt zu weniger bekannten Osterquellen vorwiegend im östlichen Deutschland: Trebendorf nahe der Lausitz, Langewahl in den Dubrower Bergen (märkische Oder), Lehnamühle (Neumühle/Elster) im Landkreis Greiz, Tarnow im Landkreis Güstrow. Aber auch in Oberkirchen, Kreis Wendeln im Saarland gibt es eine Osterquelle, eine weitere soll sich in Bad Nauheim-Schwalheim im Wetteraukreis befinden. Als gemeinsames Merkmal all dieser Orte ist der Brauch des Wasserschöpfens in Schweigsamkeit zu Ostern festzuhalten.

Doch zurück nach Geesthacht.

Zu Frage 3: Gleich vorab: Belege aus heidnischer Zeit, die die rituelle Nutzung der Osterquelle bezeugen, liegen mir nicht vor. Allerdings ist auch sonst kaum etwas über das Brauchtum im Lauenburgischen vor der Christianisierung bekannt. Welche Annahmen aber wären plausibel? Wir wissen, dass die Vertreter der Kirche das christliche Taufritual heidnischen Bräuchen der Namensgebung anpassten. Während die christliche Taufe ursprünglich die Ganzkörpertaufe Erwachsener ohne Namensgebung war, in Anlehnung an die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer, sollen unsere Vorfahren Säuglingen ihren Namen verliehen haben, während diese mit Wasser besprengt wurden, dieser Vorgang ist überliefert als ausa vatni, was wiederum möglicherweise etymologisch quer durch die indoeuropäische Welt mit u.a. Austro, Aurora, Osten, Eostra und der eorthan modor zusammenhängt – was uns folgende Puzzleteile in die Hand gibt: die Himmelsrichtung Osten, die Morgenröte, den Ostermonat, die Erdmutter, das (heidnische) Taufwasser.

Wir sind heute zwar daran gewöhnt, jederzeit bestes Trinkwasser aus dem Wasserhahn zur Verfügung zu haben. Man muss sich jedoch vor Augen halten, dass für Menschen in einfacheren Lebensverhältnissen gutes Quellwasser eine Kostbarkeit und Köstlichkeit war und ist. Wasser, das direkt aus der Natur gewonnen wird, hat die beste Qualität am frühen Morgen (die kühlste Temperatur, die wenigsten Keime). Dieser Effekt wird durch das Ende des Winters noch gesteigert, wenn nach der kalten Jahreszeit besonders wenig Keime überlebt haben und durch die Schneeschmelze viel Wasser zur Verfügung steht. Dem zu Sonnenaufgang und im Übergang vom Winter zum Frühling geschöpften Quellwasser heilsame Wirkungen zuzuschreiben, ist daher naheliegend. Wenn zur Namensgebung Säuglinge mit Wasser besprengt wurden, welches Wasser wäre besser geeignet als dieses? Die christlichen Priester werden aus der Not eine Tugend gemacht und mit der Kindstaufe auch die Osterquelle für sich reklamiert haben. Immerhin blieb sie uns auf diese Weise erhalten.

Zu Frage 4: Im Sommer 2007 mache ich mich auf die Suche nach der wenig bekannten Osterquelle am Geesthang. Der Geesthang zieht sich in Ost-West-Richtung parallel zur Elbe hin. Am Fuße des Hangs führt ein schmaler Trampelpfad durch Dickicht, wenige Meter von einer alten Eisenbahnlinie und einer stark befahrenen Straße. Zwischen Elbe und Hang liegen vielleicht 30 Meter. Tatsächlich muss ich eine Weile suchen, um das kleine Rinnsal zu finden. Bäume und Büsche sind dicht belaubt, die Quelle daher kaum zu entdecken. Versuche, den Ort zu „zivilisieren“, sind zu erkennen: Die Quelle ist in Steine eingefasst und sprudelt nicht mehr frei, sondern wird durch ein Rohr aus dem Hang geleitet. Ursprünglich ergoss sie sich in die Elbe, doch nun staut sich das Wasser im Dickicht, so dass ein kleiner Tümpel und jede Menge Morast die Quelle fast unzugänglich machen. Gerade das verleiht dem Ort einen besonderen Charme.

Eigentlich will ich nur mal das Gelände sondieren, doch wo ich schon mal da bin, probiere ich auch das Wasser. Hm, wirklich köstlich und trotz der Jahreszeit schön kühl. Habe gar keine Lust wieder zu gehen, bleibe noch ein bisschen, schaue mir die Bäume näher an, trinke noch ein wenig Wasser. Als ich mich dann doch zum Gehen wende, hält mich etwas auf. Jemand ist zu Hause. Es wäre angebracht, diesem jemand eine Gegengabe dazulassen, wenn man sich hier schon an der Quelle bedient. Einer Eingebung folgend werfe ich ein paar Kupfermünzen in den Tümpel – Kupfer, das passt zur Morgenröte –, bedanke mich bei Ostara und kündige an, zur Tag-Nacht-Gleiche wiederzukommen. Dieser Ort hat seinen Zauber jedenfalls nicht eingebüßt.

Doch in den nächsten Wochen wird die Quelle in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt und zum Gegenstand von Presseberichten und Ausschusssitzungen. Sie soll touristisch nutzbar gemacht werden. Es wird beschlossen, einen Steg über den Morast zu bauen, um die Quelle trockenen Fußes erreichbar zu machen und das Schöpfen zu erleichtern. Ich verfolge diese Entwicklung misstrauisch. Der Steg wird kurz vor Ostern fertig. Da er über die Quelle hinwegführt, wird das Schöpfen eher erschwert. Doch hat man soviel Respekt gezeigt, Bäume und Büsche bei den Bauarbeiten nicht zu beschädigen.

Am 21. März 2008 – die Tag-Nacht-Gleiche erscheint mir für mein Vorhaben angemessen – stehe ich in aller Frühe auf und mache mich fein für meine Verabredung. In Begleitung unserer Hündin Hexe erreiche ich die Quelle gerade rechtzeitig vor Sonnenaufgang. Der Vollmond spendet genügend Helligkeit zur Orientierung. Hexe verzichtet darauf, das Territorium nahe der Quelle zu markieren. Braver Hund! Und nun? Wegen des Schweigegebotes kann ich Ostara nicht anrufen, und offen gestanden kommt es mir sehr entgegen, jetzt keinen Text deklamieren zu müssen. Ich wende mich also zur Quelle nach Norden und grüße nonverbal, danach wende ich mich den anderen Himmelsrichtungen zu. Anschließend krabbele ich vom Steg hinunter zur Quelle, fülle einige Flakons ab und trinke aus der hohlen Hand. Hexe, die abseits der Quelle wartet, bekommt auch eine Handvoll gebracht. Schließlich bedanke ich mich wortlos für das Wasser und werfe die extra gesammelten Kupfermünzen in den Tümpel. Da der Geesthang heutzutage bebaut und durch einen hohen Zaun geschützt ist, erwarte ich den Sonnenaufgang am Elbufer. Im diesigen Nieselwetter ist die Sonne hinter den Wolken nicht zu sehen, das Licht bricht aus dem Osten diffus hervor und erzeugt dieses fantastische Bild verschiedener Grautöne am Himmel, wie es so wohl nur in Norddeutschland zu sehen ist. Ein Anblick für Kenner.

Auf dem Rückweg zum Auto beschleicht mich eine Ahnung. Mit einer Plastiktüte kehre ich noch mal zur Quelle zurück. Das Tageslicht bestätigt meine Vermutung: Der gestiegene Bekanntheitsgrad der Quelle hat erste Spuren hinterlassen und ich sammle einen ganzen Beutel Müll ringsumher ein. Will mich schon ärgern, aber was soll’s? Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie das Wasser einst aus der nackten Erde sprudelte, Tiere ihren Durst stillen, Menschen in grobes Tuch gehüllt Wasser schöpfen, geschmückte Mädchen in feierlichen Prozessionen Krüge füllen, sehe sie kichern und die Krüge fallen lassen, Priester aus der Bibel lesen, Handwerker, die die Quelle in Stein fassen, Arbeiter, die einen Steg bauen. Sehe den Steg vermodern und die Steine aus der Wand brechen, das Wasser der Elbe über die Ufer treten und die Straße überschwemmen, sehe, wie das Rinnsal sich mit dem großen Fluss vereinigt. Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.

Eine Reise zu weiteren Osterquellen, Sommer 2008

Recherchen zur Geesthachter Osterquelle wiesen mich auf weitere Orte dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Hessen, Baden-Württemberg und im Saarland hin. Gern würde ich alle besuchen, aber die Wege zwischen diesen Orten sind doch sehr weit. Für einige Tage im Sommer 2008 stelle ich mir jedoch eine Route zusammen, die gut zu bewältigen ist. Und ohne allzu viel Vorbereitung machen Hündin Hexe und ich uns eines strahlenden Sommertags auf den Weg.

29. Juli 2008: Tarnow, Landkreis Güstrow, Mecklenburg-Vorpommern

Ankunft in Tarnow am 29. Juli. Ein Hotelzimmer habe ich gefunden in Groß Rauen, nahe dem Archäologischen Freilandmuseum. Ich hatte gehofft dort jemanden zu finden, der etwas über die Quelle weiß oder sie gar näher lokalisieren kann. Leider ist das Museumshaus wegen Bauarbeiten geschlossen, keine Archäologen da, mitten in den Sommerferien! Also fahre ich einfach von Groß Rauen aus nach Tarnow.

Hier gibt es eine Touristeninformation, die ich von zu Hause aus telefonisch nicht erreicht hatte, die nun aber geöffnet hat. Dort arbeiten Frau Sabine Perlick und Frau Rosi Brock. Beide sind sehr überrascht, als ich nach der Osterquelle von Tarnow frage, sie haben noch nie davon gehört. Erwartet hatten sie, dass ich mich für den bekannten bronzezeitlichen Steinkreis von Boitin interessiere und geben mir gleich zwei Broschüren dazu. Boitin liegt nur wenige Kilometer westlich von Tarnow. Ich zeige den beiden Damen Ausdrucke aus dem Internet von der Tarnower Osterquelle. Die Internetseite ist veraltet, aber die Quelle ist dort mit einem schönen Foto belegt. Frau Brock und Frau Perlick vermuten, dass wohl nur noch die ältesten Tarnower etwas darüber wissen können. Sie rufen die Bürgermeisterin an, die die Quelle auch nicht kennt, aber um meine Anschrift bittet, damit sie Kontakt zu mir aufnehmen kann, wenn sie etwas herausfindet. Auf der alten Internetseite steht, die Quelle „sucht sich ihren Weg zwischen Tarnow und Boitin entlang der Straße von Ost nach West.“ Frau Perlick und Frau Brock kommen zu dem Schluss, dass es sich nur um das kleine Rinnsal handeln kann, das hinter dem Ortsausgang unter der Straße von Nord nach Süd durchgeleitet wird und dann von Ost nach West an der Südseite der Straße entlang zwischen Tarnow und Boitin verläuft.

Nachdem ich mit den beiden Damen ein wenig über mein Interesse an der Osterquelle geplaudert habe, berichtet Frau Brock, dass auch sie in ihrer Jugend an einer Osterquelle zum Wasserschöpfen war, nämlich in Güstrow. Frau Brock berichtet, dass sie als junges Mädchen im Kinderheim von Güstrow lebte. Dort schlichen sich die Mädchen zu Ostern morgens gegen 5 Uhr aus dem Haus – was strengstens verboten war. Jede nahm einen Apfel mit. Das musste in absolutem Schweigen geschehen. Allerdings war es nicht nötig, die Quelle vor Sonnenaufgang zu erreichen, die Mädchen schlichen sich heraus, wenn es gerade hell wurde. Sie folgten diesem Brauch trotz des Verbotes aus der Überzeugung heraus, das Osterwasser mache schön. Deswegen, so Frau Brock, gebe es in Güstrow so schöne Mädchen! „Schreiben Sie das“, sagt sie, und ich schreibe…

Schließlich mache ich mich auf den Weg und finde das Rinnsal wie beschrieben am Ortsausgang von Tarnow Richtung Boitin. Die Beschreibung, die Quelle suche sich ihren Weg entlang der Straße, ist so nicht mehr zutreffend. Da rechts und links große Ackerflächen sind, wird das Rinnsal durch einen entlang der Straße laufenden Graben geleitet. An der Stelle nördlich der Straße, bevor das Rinnsal unter der Straße durchgeführt wird, stoße ich auf den Ort, der dem Foto der Quelle zumindest stark ähnelt. Zwischen etlichen Steinen sammelt sich das Wasser. Höchstwahrscheinlich ist dies die Quelle. Der genaue Verlauf ist jedoch schwer zu erkennen, da jetzt, im Hochsommer, alles hoch von Pflanzen überwuchert ist. Ich mache mehrere Aufnahmen. Mein Hund ist ganz aus dem Häuschen und will das Wasser sogleich trinken. Drum herum sind alles Äcker und um die Äcker herum sind Gräben angelegt zur Be- und Entwässerung. Ein solcher Graben geht auch unter dem Dickicht in die mutmaßliche Quelle über, die dadurch völlig verschlammt. Jetzt bei sommerlichen 30 °C ist sowieso nur wenig Wasser da, und es ist voller Insekten und Gewürm, daher fülle ich kein Wasser ab. Zur Sicherheit folge ich dem Entwässerungsgraben noch etliche hundert Meter entlang des Ackers, doch da ist nichts zu entdecken. Die Stelle zwischen den Steinen am Ortsausgang ist wohl wirklich die ursprüngliche Quelle. Ich halte fest: Die Quelle entspringt von Nord nach Süd, wird einige Meter unter der Straße hergeleitet und fließt dort im Graben längs von Ost nach West.

Auf dem Rückweg versuche ich einen Abstecher zum Steintanz von Boitin und mache eine seltsame Erfahrung: Mehrmals fahre ich den Weg Richtung Steintanz viele hundert Meter weit durch den Wald, komme aber schließlich wieder an eine Straße, ohne den Steintanz gesichtet zu haben. Es ist schon auch seltsam, dass die Touristenattraktion so wenig beschildert ist – als Stadtmensch bin ich darauf konditioniert, Schilder zu lesen, nicht Topografien. Schließlich und endlich akzeptiere ich, dass sich der Boitiner Steinkreis vor meinem Auge versteckt. Erst abends lese ich im Prospekt aus der Tourist-Information, dass es eine Eigenart des Boitiner Steinkreises ist, manchmal verborgen zu bleiben, auch wenn sich dies einer Erklärung entzieht.

Da die Musik auf den langen Fahrten im Auto einen erheblichen Einfluss auf die Atmosphäre des Tages hat, möchte ich sie hier – gewissermaßen off topic – nicht unerwähnt lassen.
Und die CD des Tages war J. J. Cale, „Greatest Hits“:

„I can’t count from one to ten, I don’t know the shape I’m in, I can’t tell if the sun’s gonna shine and I don’t know if you’ll ever be mine. But I make love to you any o’ time“. Schön, wenn die Prioritäten geklärt sind!

30. Juli 2008: Lübars, Bezirk Reinickendorf, Berlin

Am 30. Juli erreiche ich Lübars. Unterkunft habe ich im benachbarten Waidmannslust genommen bei einer freundlichen Wirtin, die meinen Airedale sogleich ins Herz schließt, aber leider nichts über den Osterbrauch weiß. Während Waidmannslust eher einen kleinstädtischen Eindruck macht, ist Lübars richtig dörflich, mit Landwirtschaft und Reitsport. Eigenartig, dass sich trotz des kargen Bodens, auf dem kaum etwas außer Lein und Raps gedeiht, gerade hier die Bauernhöfe halten.

Die Suche nach der Osterquelle gestaltet sich diesmal wohltuend einfach. Man fährt einfach die Hauptverkehrsstraße durch bis ans Ende von Lübars. Dort zweigt ausweislich des Berliner Stadtplans der Schildower Weg ab, ein Feldweg, den man vielleicht einen Kilometer weit wahlweise geht, joggt oder reitet. Hexe und ich wählen eine gemütliche Gangart durch die Fließlandschaft, denn es ist brütend heiß. Überbrückt von einem soliden Holzsteg finden wir die Quelle am Wegesrand. Es handelt sich wohl um die bekannteste und nie in Vergessenheit geratene Osterquelle Deutschlands. Bis Anfang 2008 war sie die einzige Osterquelle, die bei Wikipedia verzeichnet war. Man kennt sie auch als „Marienquelle“. Um die Fließlandschaft kümmert sich der Nabu, der auch die Quelle beschildert hat. Dem Schild ist zu entnehmen, dass es sich um eine Springquelle handelt, wie es deren mehrere in der Umgebung gibt. Der Nabu weist auch auf den Brauch des Osterwasserschöpfens hin, das kalkhaltige Wasser war sehr begehrt und sowohl Gesundheit wie Schönheit förderlich. Heute allerdings ist das Wasser für den Genuss zu mineralhaltig – wohl eine Folge jahrelanger Überdüngung der Äcker. Die Quelle ist sorgfältig in Stein gefasst in einem Halbkreis mit ca. 2 m Radius. Aus mehreren Öffnungen oben und unten in dem Halbkreis rinnt etwas Wasser. Trotz der Hitze ist das Wasser kühl und glasklar. Glücklich schöpfe ich eine Flasche Wasser und mache ein paar Aufnahmen von der Quelle, die mitsamt Einfassung trotz Weitwinkel nicht auf ein Bild passt. Ich bedanke mich bei Ostara und werfe im Tausch ein Mitbringsel in die Pfütze unterhalb der Quelle. Ich halte fest: Die Quelle entspringt von Süd nach Nord und fließt als Rinnsal in nördlicher Richtung weiter in das Fließtal. Man sieht deutlich, wie sich die Vegetation nahe des Rinnsals verändert. Es ist nicht nur die Bewässerung als solche, auch der besondere Mineralgehalt des Quellwassers, der hier Pflanzen gedeihen lässt, die in der weiteren Umgebung keine Chance haben. Es gibt wunderschöne Wanderwege in unmittelbarer Nähe der Quelle, die Hexe und ich erkunden, der Ausflug hierher hat sich auf alle Fälle gelohnt.

Die CD des Tages war Fats Domino: „Greatest Hits“:
„Baby, don’t you let your dog bite me.“ Keine Sorge, der will nur spielen…

31. Juli 2008: Langewahl, Landkreis Fürstenwalde, Brandenburg

Am 31. Juli erreiche ich Langewahl. Dieses winzige Dorf südlich von Fürstenwalde bietet Reisenden keine Übernachtungsmöglichkeiten, ich suche mir daher ein Zimmer in Neu Golm. Zwischen Neu Golm, Alt Golm und Langewahl liegen die Dubrower Berge (faktisch eher Hügel als Berge). Und die Dubrower Berge bergen eine unter den Einheimischen wohlbekannte Osterquelle.

Ich parke an einem der zahlreichen Waldwege, dort weist sogar ein Hinweisschild auf die Quelle hin. „Prima“, denke ich, „einfach den Wegweisern nach“. Auch mein Hund freut sich auf den Spaziergang im Wald. Wir ahnen ja nicht, dass wir von einem Labyrinth verschluckt werden, welches uns erst Stunden später wieder ausspucken wird. „Dub“ bedeutet im Sorbischen „Eiche“. Doch statt des Eichenhains, der hier früher mal stand, sind heute Nadelhölzer dicht an dicht als reiner Nutzwald gepflanzt, durchzogen von einem Netz von Waldwegen für die Fahrzeuge der Holzfäller. Alle Wege sehen mehr oder weniger gleich aus, alle Bäume ebenso. Ich stoße zwar auf ein weiteres Hinweisschild, aber leider nicht an den zahlreichen Weggabelungen und Kreuzungen, wo es wünschenswert wäre. Mein Orientierungssinn wird auf eine ernsthafte Probe gestellt und schließlich verlassen der Hund und ich die Wege, um einfach auf den höchsten Hügel zu klettern in der Hoffnung, einen Überblick zu gewinnen. Umsonst! Wir wandern weiter, einfach der Nase lang, bis wir schließlich doch fündig werden, tief, tief im Wald. Ein kräftiges Rinnsal, in Natursteine gefasst, entspringt einer Anhöhe aus einem Wasserspeier. Das Wasser ist klar, kühl und wohlschmeckend. Es soll Ammoniak enthalten. Ich halte fest: Die Quelle entspringt von Westen nach Osten, mündet in einen Goldfischteich und versickert nach vielleicht 30 m im Waldboden. Die Anlage, zu der auch ein Steg, ein größerer Platz und Sitzgelegenheiten gehören, wird von den örtlichen Anglern sorgsam gepflegt.

Traditionell gingen die jungen Frauen in bekannter Manier schweigend am frühen Morgen des Ostersonntags Wasser schöpfen, trinken und das Gesicht benetzen. Nicht selten wurden sie von den jungen Männern dort bereits erwartet, die an den Osterfeuern des Vorabends die Nacht verbracht hatten. Das Osterwasser aus Langewahl hat jedoch eine besondere Eigenschaft: Es bringt nicht nur Schönheit, sondern auch Kraft und Kühnheit. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass an der Langewahler Quelle mittlerweile Gleichberechtigung herrscht. Heutzutage treffen sich etwa 100 Jugendliche beiderlei Geschlechts aus der gesamten Umgebung am Ostersamstag, entzünden auf der Lichtung vor der Quelle Osterfeuer und feiern die Nacht durch, um sich dann morgens am Quellwasser zu laben. Natürlich fließt dabei heute nicht mehr nur reines Quellwasser sondern auch Hochprozentigeres, und mit dem absoluten Schweigen wird es wohl auch nicht mehr ganz so genau genommen. In der Lokalpresse wird auch gelegentlicher Vandalismus beklagt, der den Jugendlichen angelastet wird und dessen Spuren meist vom Anglerverein beseitigt werden. Dennoch freut es mich, dass an diesem beschaulichen und bezaubernden Ort jedes Jahr solch ein reges Treiben herrscht. Ostara wird ihre Gunst auch unter sich verändernden kulturellen Bedingungen verschenken, erst recht, wenn sie so enthusiastisch gefeiert wird. Ich selbst rufe die Götter und speziell Ostara an, fülle eine Halbliterflasche des guten Wassers und hinterlasse eine Gegengabe am Rinnsal.

Auch wenn die Dubrower Berge als Wald nicht mehr so attraktiv sein mögen wie früher einmal – denn vom Eichenhain, der den Bergen einst seinen Namen gegeben hat, ist kaum noch etwas zu ahnen –, der Ort um die Quelle selbst atmet den alten Geist.

Die CD des Tages war The Chieftains, „The Long Black Veil“:

„She walks these hills in a long black veil” – In welchem Gewand würde ich mir Ostara vorstellen? In einem fließenden Stoff, in leuchtendem Hellblau, keine Frage – in der Farbe, die die Farbe Marias werden sollte…

1. August 2008: Trebendorf, Landkreis Spree-Neiße, Brandenburg

Am 1. August erreiche ich Trebendorf. Das Dorf gehört zur Gemeinde Wiesengrund und liegt tief in der Niederlausitz, wo die Ortsschilder zweisprachig sind – sorbisch und deutsch. Die hiesige Osterquelle ist besonders einfach zu finden, denn sie hat eine Postanschrift, nämlich die von Familie Schwekutsch. Ein paar Tage zuvor hatte ich telefonisch Kontakt zum Ehepaar Schwekutsch aufgenommen, was einige Recherche erfordert hatte. Das Ehepaar war sehr verwundert, dass sich plötzlich jemand aus Schleswig-Holstein für ihre Quelle interessiert. Nun stehe ich vor ihrem Haus. Herr und Frau Schwekutsch sowie ihre Tochter Frau Tauche samt dem kleinen Tom begrüßen mich freundlich und führen mich in ihren Garten. Herr Schwekutsch, heute 70 Jahre alt, kam als Kind in dieses ehemals sorbisch geprägte Gebiet und war von klein auf fasziniert von der hiesigen Quelle und dem damit verbundenen Brauchtum. In späteren Jahren konnte er das Grundstück mit der Quelle erwerben. Seine Frau und seine Tochter schöpfen jedes Jahr aus der Quelle – wie auch andere Frauen und Mädchen der Umgebung, denn obwohl auf Privatgrund, ist die Quelle der Öffentlichkeit keineswegs entzogen. Sie wurde von Herrn Schwekutsch mit Freunden liebevoll hergerichtet. Nur hier darf das Wasser direkt aus dem sandigen Boden quillen. Ich halte fest: Eine genaue Himmelsrichtung kann ich nicht bestimmen; nachdem das Wasser ebenerdig entsprungen ist, sammelt es sich in einem in Stein gefassten L-förmigen Becken und versickert einige Meter weiter südlich in einer Lache unter einer schattigen Baumgruppe. Mein Hund ist begeistert und nimmt erst einmal ein Schlammbad. Im Schatten der Bäume haben die Schwekutschs Bank und Tisch für Besucher aufgestellt, die manchmal über den benachbarten Radweg zur Quelle kommen. Das lauschige Plätzchen an der Quelle erscheint mir wie eine kleine Oase an diesem heißen Sommertag. Es spendet Kühle und ist gänzlich frei von Mücken. Frau Tauche ist sehr kundig und kann ausführlich über die Region und ihre natürlichen Gegebenheiten berichten. Außer der Osterquelle bietet die Gemeinde Wiesengrund noch ein anderes Naturdenkmal, die Charlotteneiche. Sie wurde benannt nach der Mutter der berühmten preußischen Königin Luise. Es heißt, man brauche zwölf Männer, um diese Eiche zu umfassen. Etliche Springquellen in der Umgebung sorgen dafür, dass das Land auch in heißen Sommern nie austrocknet. Durch Flurbegradigung, Meliorisierung (Entwässerung) und intensive Landwirtschaft ist jedoch vieles in der Natur aus dem Gleichgewicht geraten. Auch der großflächige Braunkohletagebau nahe Cottbus, für den nicht nur zur DDR-Zeit, sondern auch heute auf Betreiben eines privatwirtschaftlichen „Energieriesen“ Ortschaften entvölkert und die Bodenschätze ausgebeutet werden, tut der Erde Gewalt an. Riesige Krater, die nach dem Tagebau in der Landschaft zurück bleiben, sollen zum Teil geflutet und renaturiert werden. Doch dadurch wird den Nachbarregionen Wasser entzogen. Dies ist auch eine Bedrohung für die Osterquelle von Trebendorf, die schon einmal in Folge von Meliorisierung versiegt war. Die Familie Schwekutsch/Tauche ist zu Recht stolz darauf, mit ihrem privaten Engagement die Trebendorfer Osterquelle erhalten und vor dem Zugriff anderer Interessen bewahrt zu haben.

Auch in Trebendorf verlangt der Brauch, dass die Mädchen und Frauen sich am Ostersonntagmorgen schweigend der Quelle nähern. Jungen verstecken sich im Unterholz, um die Mädchen zu erschrecken – wer aufschreit und das Schweigen bricht, hat sich umsonst aus dem Bett gequält. Auch das hiesige Wasser wird getrunken und zum Waschen des Gesichts benutzt, auch dieses Wasser macht besonders schön. Es ist wohlschmeckend und soll Eisenocker enthalten, wurde bislang aber noch nicht analysiert. Ich darf mir eine Flasche abfüllen. Es fällt schwer, sich von diesem wundersamen Ort loszureißen, doch ich verabschiede mich von meinen liebenswürdigen Gastgebern und danke Ostara diesmal im Stillen.

Die CD des Tages war Achim Reichel, „Wilder Wassermann“:

„Die Bäume, sie neigen sich tief und schweigen, und atmend horcht die Nachtigall.“ Eine Stimme, die mühelos Jahrhunderte überbrückt, ein verwandter Geist.

Zeit, heim zu fahren.

Literatur

www.geesthacht.de (Suchbegriff Osterquelle)

Claudia Tanck: Geschichten aus dem Lauenburger Land. Schwarzenbek, 2004

Matthäus 3, 13-17

Kurt Oertel: Ostara – eine germanische Göttin? in: Herdfeuer 8/2005. S. 20; auch online unter: https://eldaring.de/2005/04/27/goettin-ostara/

Erika Timm unter Mitarbeit von Gustav Adolf Beckmann: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten, Stuttgart, 2003

Theodor Fontane, Die Brück’ am Tay, in: Deutsche Gedichte II, Frankfurt/M.: Insel Vlg. 1984

Erschienen 2009 in Herdfeuer 24