Lokis Spuren auf den Färöern

von Kurt Oertel

Die abgelegenen Färöer, eine Gruppe von ca. 25 baumlosen Felseninseln im Nordadtlantik zwischen Schottland und Island, von denen 17 bewohnt sind, wurden (genau wie Island) ab ca. 800 von Norwegen aus besiedelt. Die Inseln sind meist nur durch schmale Sunde mit starker Gezeitenströmung voneinander getrennt, und ihre Hauptstadt trägt noch den sympathischen Namen Tórshavn. Bis 1035 waren sie unabhängig, gehörten dann zu Norwegen und fielen mit diesem 1380 an Dänemark. Zu Dänemark gehören sie auch heute noch, gleichwohl sie 1948 Autonomie in allen inneren Angelegenheiten erhielten. Die färöische Sprache geht direkt auf das Altnordische zurück, zerfiel aber trotz des sehr überschaubaren Gebietes in etliche Dialekte und ist heute Muttersprache von lediglich ca. 45.000 Menschen. Ab dem 14. Jahrhundert verlor sich auf den Inseln jegliche Schriftkenntnis, sodass die Gesellschaft bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine gänzlich schriftlose Kultur darstellte, ein für die Neuzeit in Europa einzigartiger Fall. Erst ab 1846 schuf V. U. Hammershaimb eine moderne färöische Rechtschreibung, und da er das nach rein etymologischen Prinzipien ohne Rücksicht auf die Aussprache tat, steht die heutige Schriftform des Färöischen dem ursprünglichen Altnordischen noch ebenso nahe wie das moderne Isländisch.

Aufgrund geographischer Isolation, Inselmentalität und ausschließlich mündlicher Traditionen überrascht es denn auch nicht, dass sich dort ungestörtere Überlieferungen finden als anderswo. So haben dort in Form von Tanzballaden z.B. ca. 600 Strophen der Sjúrðar kvæði (Sigurdlieder) überlebt, eine sehr altertümliche Variante des Nibelungenstoffes. Und während die Erinnerung an Loki im übrigen Skandinavien einschließlich Islands in der jüngeren Folklore lediglich in etlichen Sprichwörtern, bildhaften Redewendungen u.Ä. überlebt hat, kann die färöische Überlieferung auch hier glücklicherweise mit ein paar zusammenhängenderen Fundstücken aufwarten, die der Betrachtung wert sind.

Da ist zunächst das Volksmärchen Risin og Lokki (Der Riese und Loki). Darin nimmt ein Riese einen Mann in seinen Dienst, der sich als Loki vorstellt. Dieser spielt seinem Herrn aber fortgesetzt Streiche, die dazu führen, dass der Riese alle Arbeiten selbst erledigen muss und Loki sich dabei immer noch unangreifbar herausredet. So lässt er ihn einen Ochsen heranschaffen, auf den sich Loki dabei selber setzt. Er lässt ihn Holz herbeischleppen und Wasser ins Haus tragen. Als sie ihre Suppe aus dem gemeinsamen Topf essen, bringt Loki das ganze Fett und die besten Stücke auf seine Schüsselseite und lässt auf der anderen Seite nur die Knochen und ein winziges Stück Fleisch übrig. In der Nacht schließlich schlüpft er aus seinem Bett, klettert auf den Firstbalken und kräht wie ein Hahn. Als der Riese daraufhin aufsteht, stößt er ihm eine glühende Eisenstange ins Auge. Der Riese stirbt und Loki macht sich mit dem ganzen Reichtum des Riesen davon.

Vom Ende der Geschichte abgesehen, das ein Motiv der Polyphem-Episode der Odyssee darstellt (was nicht unbedingt eine Abhängigkeit postulieren soll), erinnert Lokis Treiben hier eher an Eulenspiegeleien, und der echte mythologische Gehalt dieser Geschichte dürfte gering sein. Man hat sich aber wohl gut genug an gewisse Aspekte von Lokis Charakter erinnert, um ihn als ideale Besetzung für diese Rolle zu empfinden.

Unser zweites Belegstück könnte mythologisch interessanter sein, denn hier schimmern Motive durch, die uns auch aus alten Quellen bekannt sind. Es handelt sich um eine Erzählung über Lokis Tierverwandlungen, die laut Aussage eines färöischen Hirten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebendiges Erzählgut war (Olrik 1, S. 197). Darin hatte Loki sich der Reihe nach in alle Tiere verwandelt, um herauszufinden, welches Tier das schwerste Leben hat. Daraufhin erzählte er den Göttern, dass er als Seehund große Mühe hatte, den Wellen des Meeres standzuhalten, dass es noch schlimmer war, ein „Vogel mit Ei“ zu sein, dass er aber seine schlimmste Zeit als Stute hatte, als er Grani in seinem Bauch trug.

Grani, der hier an Stelle Sleipnirs genannt wird, war in der nordischen Nibelungen-Variante das Pferd Sigurds, auch das also in jedem Fall ein recht altertümlicher Zug. Was Lokis Verwandlung in einen Seehund betrifft, gibt es einige schwer verständliche skaldische Umschreibungen aus dem 9. Jahrhundert, die das Bestehen einer Tradition bezeugen, nach der Loki einen kostbaren Gegenstand gestohlen haben soll (allem Anschein nach Freyias Schmuck Brísingamen), in deren Verlauf Loki und Heimdall in Seehundgestalt einen Kampf gegeneinander ausfechten. Diese getreu bewahrte färöische Erinnerung an alte Mythensplitter lässt somit also zumindest die Vermutung zu, dass auch Lokis Existenz als „Vogel mit Ei“ auf eine uns unbekannte und verlorene alte Geschichte zurückgehen könnte.

Das mit Abstand spektakulärste, unterhaltsamste und auch von seinem Umfang her erstaunlichste Fundstück aber ist Lokka táttur (Lokis Erzählung), das deshalb hier nicht nur im vollen Wortlaut, sondern auch in einer speziell für diesen Beitrag erfolgten Neuübersetzung vorgestellt werden soll. Dabei handelt es sich um eine färöische Volksballade, die erstmals in der 1822 erschienen Liedersammlung des dänischen Geistlichen H. C. Lyngbye im Druck erschien. Da der das Färöische aber nicht beherrschte, enthielt die Ausgabe viele Schreib- und andere Fehler. Ein verlässlicher Abdruck erfolgte knapp 30 Jahre später durch V. U. Hammershaimb in seiner Sammlung färöischer Balladen. Die erste (und bisher einzige) Übersetzung ins Deutsche wurde 1878 durch Karl Simrock in seiner 5. Auflage des Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen vorgelegt, wobei wohl von einer Übersetzung durch Simrock selbst auszugehen ist. Simrocks Verwendung eines für das Lyrik-Verständnis des 19. Jahrhunderts berüchtigten Sprachgebrauchs sowie inhaltliche Freiheiten, Übersetzungsfehler, Auslassungen und eine vor allem oft holprige Vers-Rhythmik (was bei den an griechischen Hexametern geschulten Gelehrten dieser Zeit eher erstaunt), machten diese Neuübersetzung aus dem färöischen Original deshalb geradezu zwingend. So wird z.B. der Riese im Originaltext mehrfach als skrímslið bezeichnet, was Simrock als Eigenname missdeutet und demzufolge einen „Skrymsli“ daraus macht. Dieser Name würde natürlich sofort an Skrýmir denken lassen, der in Snorris Erzählung Utgard-Loki in Verkleidung ist. Hier ist der Name aber wohl eher von dem altnordischen skrímsli (Ungeheuer, Monstrum) abzuleiten, während der Name Skrýmir auf altnordisch skruma (schreien, prahlen) zurückgeht. Dafür spricht auch eindeutig, dass skrímslið im Gegensatz zu den anderen Namen im Text klein geschrieben ist, also kein Eigenname sein kann.

Da das Original im modernen Endreim und nicht in einem der alten eddischen Versmaße gehalten ist, wurde der auch für diese Neuübersetzung angestrebt. Das zwang zu minimalen Freiheiten im Text, die aber nie solch inhaltliche oder gar sinnentstellende Abweichungen bedingen wie bei Simrock. Zudem geht es in diesem Fall auch nicht vordringlich um philologisch-wissenschaftliche Edition, sondern einfach um die Vorstellung einer prächtigen und unterhaltsamen Geschichte, die man mit großem Vergnügen lesen kann und die – wie alle färöischen Quellen – den meisten heutigen Heiden weitgehend unbekannt sein dürfte. Die Stropheneinteilung habe ich heutigem Leseverständnis angepasst, um den Textfluss möglichst verständlich zu halten. Im Original handelt es sich um 95 Zweizeiler. Auf zusätzliche Sprecherangaben in Klammern bei wörtlicher Rede wurde verzichtet, weil durchweg klar ist, wer jeweils redet.

Zur Handlung: Ein Bauer hat sich mit einem Riesen auf ein Spiel eingelassen, das der Riese gewinnt und als Preis dafür den Sohn des Bauern fordert, den er zu töten gedenkt. Der Bauer ruft in seiner Not nun die alten Götter an, die auch prompt und verlässlich zur Stelle sind. Allerdings erweisen sich Wirkmächtigkeit und Einfallsreichtum der Götter als von unterschiedlicher Natur.

Refrain:

Was nützt mir die Harfe in meiner Hand,
Wenn keiner mir folgt in das andere Land?

Strophen:

1.
Bauer und Riese spielten lang,
Der Bauer verlor, der Riese gewann.
„Gewonnen ist das Spiel mir schon,
Nun will ich haben deinen Sohn.
Haben will ich den Sohn von dir,
Nicht schützen kannst du ihn vor mir.“

Der Bauer rief den Knecht herbei:
„Bitt‘ Odin, dass er mit uns sei.
Zu Odin fleh in unseren Sorgen,
Der könnte mein Kind wohl halten verborgen.
Wäre der König der Asen hier,
So wüsste ich, der schützt ihn mir.“

Das Wort war ihm noch kaum entwischt,
Stand Odin auch schon vor dem Tisch.
„Höre mich, Odin, ich rufe zu dir,
Den Sohn sollst du verstecken mir.“
Odin ging mit dem Knaben hinaus,
Voll Sorge saßen die Eltern zu Haus.

Ein Kornfeld ließ da Odins Macht
Wachsen und reifen in einer Nacht.
In des Ackers Mitte verbarg alsbald
Odin den Knaben in Ährengestalt.
In einer Ähre ward er mitten im Feld
Als Gerstenkorn zu den anderen gestellt.

„Nun stehe ohne Sorge hier,
Und wenn ich dich rufe, so komm zu mir.
Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
Und wenn ich dich rufe, so komm heraus.“

Des Riesen Herz war hart wie Horn,
Er füllte den Schoß sich voll mit Korn.
Er prüft‘ alles Korn auf dem Ackerland
Und trug ein scharfes Schwert in der Hand.
Ein scharfes Schwert sah man ihn tragen,
Den Knaben wollte er damit erschlagen.

Der Knabe in großer Not sich fand,
Dem Riesen sprang ein Korn aus der Hand.
Dem Knaben graute vor dem Tod,
Da rief ihn Odin in der Not.
Odin brachte ihn heim geschwind,
Und die Eltern umarmten ihr lebendes Kind.

„Hier ist dein Kind, doch wie dem auch sei,
Mit meinem Schutz ist es nun vorbei.“

2.
Der Bauer rief den Knecht herbei:
„Bitt‘ Hönir, dass er mit uns sei.
Zu Hönir fleh‘ in unseren Sorgen,
Der könnte mein Kind wohl halten verborgen.
Wäre Hönir, der Gott, jetzt hier,
So wüsste ich, der schützt ihn mir.“

Das Wort war ihm noch kaum entwischt,
Stand Hönir auch schon vor dem Tisch.
„Höre mich, Hönir, ich rufe zu dir,
Den Sohn sollst du verstecken mir.“
Hönir ging mit dem Knaben hinaus,
Voll Sorge saßen die Eltern zu Haus.

Hönir ging in den grünen Grund,
Sieben Schwäne überflogen den Sund.
Zwei Schwäne bogen nach Osten ab
Und ließen sich neben Hönir herab.
An eines Schwanes Kopf alsbald
Verbarg Hönir den Knaben in Flaum-Gestalt.

„Nun weile ohne Sorge hier,
Und wenn ich dich rufe, so komm zu mir.
Weile hier ohne Furcht und Graus,
Und wenn ich dich rufe, so komm heraus.“

Das Monstrum kam in den grünen Grund,
Sieben Schwäne überflogen den Sund.
Der Riese ein Knie zur Erde bog,
Den ersten Schwan er zu sich zog.
In den ersten Schwan er heftig biss,
Den Kopf er ihm von den Schultern riss.

Den Knaben hielt vor Furcht es kaum,
Vom Maul des Riesen flog ein Flaum.
Dem Knaben graute vor dem Tod,
Da rief ihn Hönir in der Not.
Hönir brachte ihn heim geschwind,
Und die Eltern umarmten ihr lebendes Kind.

„Hier ist dein Kind, doch wie dem auch sei,
Mit meinem Schutz ist es nun vorbei.“

3.
Der Bauer rief den Knecht herbei:
„Bitt‘ Loki, dass er mit uns sei.
Ich wünschte, Loki wär‘ jetzt hier.
Dann wüsste ich, der schützt ihn mir.“

Das Wort war ihm noch kaum entwischt,
Stand Loki auch schon vor dem Tisch.
„Du kennst nicht, Loki, meine Not,
Der Riese wünscht meinem Sohn den Tod.
Höre mich, Loki, ich rufe zu dir,
den Sohn sollst du verstecken mir.
Versteck‘ ihn gut mit deiner List,
Damit das Monstrum nicht ahnt, wo er ist.“

„Soll ich deinen Sohn beschützen,
So folg‘ meinem Wort, es wird dir nützen.
Ein Bootshaus lass erbauen dort,
Wenn ich bin mit dem Knaben fort.
Ein großes Fenster brich hinein,
Lass Eisenstangen dahinter sein.“

Loki ging mit dem Knaben hinaus,
Sorgend saßen die Eltern zu Haus.
Loki eilte zum Meeresstrand,
Da schwamm ein Schifflein dicht am Land.
Die fernsten Fischgründe waren sein Ziel,
(So heißt es in alten Liedern viel).

Loki sprach kein einziges Wort,
Er warf die Angel über Bord.
Haken und Köder zu Grunde fuhr,
Eine Flunder zog er herauf an der Schnur.
Eine zweite zog er aus den Wogen,
Die dritte war schwärzlich, weil voll von Rogen.

Loki verbarg den Knaben alsbald
Mitten im Rogen in Ei-Gestalt.
„Nun weile ohne Sorge hier;
Und wenn ich dich rufe, so komm zu mir.
Weile hier ohne Furcht und Graus,
Und wenn ich dich rufe, so komm heraus.“

Loki ruderte wieder an Land,
Da stand vor ihm der Riese im Sand.
Der Riese fragte mit Bedacht:
„Loki, wo warst du die ganze Nacht?“

„Ach, wenig Ruhe hatte ich nur,
Das weite Meer ich überfuhr.“
Sein Eisen-Boot stieß der Riese in’s Meer;
Loki warnte: „Die See stürmt sehr!“
Loki sprach den Riesen an:
„Riese, nimm mich mit in den Kahn.“

Der Riese nahm das Steuer zur Hand,
Mit den Rudern stieß Loki ab vom Land.
Loki ruderte stark und erpicht,
Das Riesenboot aber rührte sich nicht.
Da schwor Loki dem Riesen zu:
„Vom Steuern verstehe ich mehr als du.“

Der Riese saß nun am Ruderbord,
Und der Kahn flog durch die See nur so fort.
Er schonte sich beim Rudern nicht,
Auch Loki tat brav seine Pflicht.
Die fernsten Fischgründe waren sein Ziel,
(So heißt es in alten Liedern viel).

Der Riese sprach kein einziges Wort,
Er warf die Angel über Bord.
Haken und Köder zu Grunde fuhr,
Eine Flunder zog er herauf an der Schnur.
Eine zweite zog er aus den Wogen,
Die dritte war schwärzlich, weil voll von Rogen.

Loki sprach da schmeichlerisch:
„Riese, gib mir doch den Fisch.“
Der Riese aber sagte: „Nein,
Nein, mein Loki, das kann nicht sein.“
Zwischen die Knie den Fisch gezogen,
Zählte er jedes Ei im Rogen.
Kein Ei blieb ungezählt im Fische,
Damit er nun das Kind erwische.

In größter Not der Knabe stand,
Ein Ei sprang aus des Riesen Hand.
Dem Knaben graute vor dem Tod,
Da rief ihn Loki in der Not.
„Versteck dich, Knabe! Hinter mich!
Lass nicht den Riesen sehen dich!
Sei leichten Fußes zurück an Land,
Und keine Spur drück in den Sand.“

Der Riese fuhr zurück den Kahn
Und Loki war wieder Steuermann.
Rasch ruderte man dem Ufer zu,
Und sie erreichten es im Nu.
Zu landen war man im Begriff,
Da wandte Loki schnell das Schiff.
Der Achtersteven knirschte im Sand,
Der Knabe sprang rasch hoch an Land.

Der Riese glotzte den Strand hinauf,
Und prompt fiel ihm der Knabe auf.
Leichtfüßig lief der über Land,
Man merkte keine Spur im Sand.
Schwer stapft‘ der Riese hinterdrein,
Brach bis zum Knie im Sande ein.

Zum Bootshaus, das sein Vater schuf,
Lief der Knabe auf Lokis Ruf.
Durchs Fenster schlüpfte er mit Bedacht,
Der Riese auch – mit großer Macht.
Er steckte im Fenster fest, oh Schmach!
An der Eisenstange sein Kopf zerbrach.

Nun galt es für Loki, rasch zu sein,
Er hieb dem Riesen ab ein Bein.
Das tat dem Riesen nicht Gewalt,
Zusammen wuchs die Wunde bald.
Und wieder galt es, rasch zu sein,
Er hieb ihm ab das andere Bein.

Er hieb ihm ab das andere Bein
Und warf dazwischen Stock und Stein.
Da sah der Knabe mit Wohlgefallen
Den Riesen in viele Stücke zerfallen.
Loki brachte ihn heim geschwind,
Und die Eltern umarmten ihr lebendes Kind.

„Hier ist dein Kind, doch wie dem auch sei,
Mit meinem Schutz ist es nun vorbei.
Die Treue hielt ich dir doch sehr,
und der Riese lebt nicht mehr.“

Soweit der Text dieser prächtigen Ballade. Da die genaue Entstehungszeit nicht bestimmbar ist, kann man das Lied nicht einfach als „wiederentdeckte vorchristliche Quelle“ betrachten, nur weil hier die alten Götter auftreten. Das hat so dreist zwar auch niemand behauptet, dennoch gab es nach den ersten Veröffentlichungen des Textes enthusiastische Stimmen, die sich dazu verstiegen, hier ein „verlorenes Edda-Lied“ wiederentdeckt haben zu wollen. Den Göttermythen kann der Text aber weder in inhaltlicher noch formaler Hinsicht zugeordnet werden, weil hier ja im Gegenteil der menschliche Bauer und sein Sohn die Figuren sind, um die es eigentlich geht. Zudem folgen Versmaß und Reim eben nicht altnordischen Vorbildern, sondern sind so erstmals in jüngeren spätmittelalterlichen Balladen nachweisbar.

Das 19. Jahrhundert aber, das religionswissenschaftlich von einer Zuordnungssucht der Götter zu Naturelementen geprägt war, nahm dieses Volkslied höchst dankbar auf und leitete daraus eifrig eine Verbindung Odins zu den Feldfrüchten, Hönirs zu den Vögeln und Lokis zu den Wassertieren ab, wobei in letzterem Fall Lokis Verwandlung in einen Lachs bei Snorri als zusätzliches Argument ins Feld geführt wurde. Das aber ergab die Schwierigkeit, Loki gleichzeitig dem Feuer „zuzuordnen“, wie es davor und danach eher Mode war. Man versuchte deshalb, Elemente der Geschichten um Wäinämöinen und Ilmarinen aus dem finnischen Kalevala mit dem Lied zu verbinden, was sich in heute nicht mehr überzeugenden Spekulationen niederschlug, da die finnischen Mythen nicht dem indoeuropäischen Bereich zuzuordnen sind, wenn auch durch die enge Nachbarschaft der entsprechenden Völker in Skandinavien mögliche gegenseitige Beeinflussungen immer denkbar erscheinen können.

Keine andere Figur der nordischen Mythologie hat die Forschung so herausgefordert wie Loki, und es gibt kaum eine Rolle, die ihm nicht zugesprochen worden wäre: Gott, Riese, Zwerg, Dämon oder gar christlicher Teufel. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts kam es außerdem zu einem zunehmenden Disput nicht nur über Loki selbst, sondern auch über die Bewertung des jüngeren volkskundlichen Materials über ihn, was sich in etlichen eigenständigen und wichtigen Veröffentlichungen niederschlug, auf die hier zumindest ein kurzes Schlaglicht geworfen werden soll. Das aber kann aus Platzgründen nur im Telegrammstil und auf die wichtigsten Positionen beschränkt erfolgen, der den durchweg tiefgreifenden Publikationen allein schon durch diese ungebührliche Verkürzung Unrecht tun oder gar verzerrend wirken mag. Vor allem auf den in allen genannten Arbeiten im Mittelpunkt stehenden Baldr-Mythos (und Lokis vermeintliche Verstrickung darin) kann hier nicht einmal ansatzweise eingegangen werden, da das den Rahmen dieses Artikels völlig sprengen würde. Weitergehend Interessierte seien deshalb ausdrücklich auf die lohnende Lektüre der Originaltexte selbst verwiesen (siehe Litereraturverzeichnis) – oder am besten gleich auf das Buch von Yvonne S. Bonnetain (s.u.), da dort auch die gesamte Forschungsgeschichte allgemein verständlich referiert wird.

1908/09 veröffentlichte Axel Olrik erstmals eine systematische Zusammenstellung neuerer Loki-Quellen aus der Volksüberlieferung (Loke i nyere folkeoverlevering), aufgrund deren er zu dem Ergebnis kam, Loki müsse ursprünglich ein mit dem Feuer verbundener Zwerg oder Kobold gewesen sein, dessen Charakter als Lügner und Dieb sich bestens mit den älteren Quellen decke. 1911 erweiterte er diese These nach Untersuchung der Mythenkreise um Thor/Loki und Odin/Loki. Er bestand zwar weiter auf Lokis Herkunft als „Feuer-Dämon“, sah dessen ursprüngliche Hauptfunktion aber nun in der Rolle als Thors Diener. Dabei zog er den seltsamen Schluss, die boshafte Form Lokis sei müsse eine völkerwanderungszeitliche Schöpfung der Goten sein und von dort in die altnordische Tradition eingewandert.

Gleichzeitig und unabhängig davon veröffentlichte Hilding Celander Lokes mytiska ursprung. Sein wesentlicher Beitrag lag in dem Hinweis darauf, dass in dem südschwedischen Dialekt von Götaland die Spinne als locke und ihr Netz als lockanät bezeichnet wird. Da ein anderer Ausdruck dafür dvärganät (Zwergennetz) ist und die Kunst des Webens für den Autor zwergenhafte Züge enthielt, schloss Celander daraus, Loki müsse ursprünglich ebenfalls ein Zwerg gewesen sein. Als weiteres Indiz führte er die mögliche Verwandtschaft von Lokis Namen mit dem Wort luka (verschließen, abschließen, zu Ende bringen) an, ein „Verschließen“, das er als unterirdisch verstand und deshalb auf einen ursprünglichen Berggeist, Zwerg oder ein anderes chtonisches Wesen schloss.

Einen methodologischen Fortschritt erreichte die niederländische Autorin Elizabeth J. Gras 1931 in ihrer Veröffentlichung De Noordse Loki-Mythen in hun onderling verband, die postulierte, dass die Mythen um Loki in seiner boshaften Form seinen ursprünglichen Charakter schon allein deshalb nicht entschlüsseln könnten, weil sie bereits zu sehr von märchenhaften und folkloristischen Motiven überwuchert seien, um ein ursprünglich religiöses Phänomen erklären zu können. Sie plädiert für Loki als „vielseitigen Dämon“ und „Erneuerer“, tappt dabei aber in genau dieselbe Falle, vor der sie zuvor nicht genug warnen konnte, da ihre eigenen Schlussfolgerungen notwendigerweise natürlich auf eben denselben Quellen beruhen müssen, die sie zuvor als zu „folkloristisch überwuchert“ kritisiert hat – denn das sind nun einmal die einzigen uns heute zugänglichen Quellen über Loki. Trotz der „folkloristischen“ Natur des Gesamtmaterials kommt sie außerdem zu dem Schluss, dass die Verbindung Lokis mit Odin sehr viel älter sein muss, als die mit Thor, und lehnt deshalb Olriks Charakterisierung ab, Lokis Hauptfunktion sei die von Thors Diener gewesen. Sie verbindet Loki stattdessen nun ebenfalls mit dem Wasserelement, indem sie ihn mit der populären niederländischen Überlieferung eines Wassergeistes namens Lodder (oder Kludde) gleichsetzt. Somit sei Loki ebenso bei den westgermanischen Völkern wie in Skandinavien bekannt gewesen, was auch durch die Nordendorfer Spange belegt sei, auf der runisch der Name Logaþore als Teil einer Göttertrias auftaucht. Der Wert von Gras’ Arbeit liegt vor allem in der systematischen Zusammenstellung der Quellen und ihrer ausführlichen Zitierung, was früheren Arbeiten ermangelte. Und vor allem bringt sie erstmals ein Hauptproblem auf den Punkt: Wenn man sich gerade den altnordischen Quellen nähert, muss man sie als das akzeptieren, was sie sind – nämlich fiktionale Literatur und nicht an erster Stelle religionswissenschaftliche Fakten – und muss sie deshalb auch mit literaturwissenschaftlichem Untersuchungsinstrumenten angehen.

1933 veröffentlichte der ebenfalls niederländische Wissenschaftler Jan de Vries The Problem of Loki, wobei er sich einer erstaunlich grundkritischen Haltung gegenüber dem gesamten Quellenmaterial befleißigt. Diese Haltung dient ihm als „objektiver Ansatz, die grundsätzlichen Erkenntnismöglichkeiten des Materials zu prüfen, bevor man endgültige Schlüsse daraus ziehen kann“. Das klingt lobenswert, ist im Fall von Vries’ stets sehr scharfsinnigen Ausführungen auch höchst lesenswert und unterhaltsam, entpuppt sich im Folgenden aber als nicht ganz so wertfrei wie behauptet. Bereits zuvor waren durch Friedrich von der Leyen erste zaghafte Vergleiche Lokis mit der mythologischen Figur des „Trickster“ gewagt worden, und die versucht de Vries in seiner Arbeit nun auf solide Füße zu stellen und zu vollenden. Dazu ist er aber genötigt, Lokis Anteil an Baldrs Tod herunterzuspielen oder ganz zu verneinen (worin ihm die neuere Forschung folgt), denn Snorris Version von Loki als eigentlichem Täter würde der „Trickster-These“ völlig widersprechen. Dabei unterteilt de Vries die altisländische Überlieferung in drei Phasen:

1. Eine vom Christentum gänzlich unbeeinflusste Tradition rein heidnischer Glaubensinhalte.

2. Eine Zeit der Unterdrückung heidnischer Glaubensinhalte durch christliche Überlagerung.

3. Eine zweite poetische Blüte der Mythen, wenn auch durch „Wildwuchs“ in unkontrollierbarer Form.

So plausibel diese Unterteilung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, so schnell führt sie doch in neue Fallen. Vries kann somit nämlich nicht umhin, die Quellen diesem Schema auch zuordnen zu müssen. Diese Zuordnung aber muss zwangsläufig sehr willkürlich ausfallen und entbehrt im Einzelfall jeglicher Beweismöglichkeit. Zwar lassen sich erhaltene Manuskripte aufgrund paläographischer, orthographischer und linguistischer Kriterien problemlos datieren, auch die gegenseitige inhaltliche Abhängigkeit von Texten lässt sich mit literaturwissenschaftlichen Techniken bestimmen oder zumindest wahrscheinlich machen, auf das eigentliche Alter der darin mitgeteilten mythologischen Inhalte trifft das aber keineswegs immer zu. Man kann nicht automatisch davon ausgehen, dass die Inhalte älterer Handschriften auch ältere Traditionen als jüngere Handschriften verkörpern. Anders als Olrik und Celander billigt de Vries dem jüngeren Material aber kaum Wert zu, da man „religiöse Erscheinungen einer bestimmten Zeit nicht in Begriffen einer anderen ausdrücken kann“, und er sagt ausdrücklich: „Wenn unsere Ergebnisse aus den alten Quellen durch jüngeres Material gestützt werden, können wir das als nette Bestätigung ansehen – wenn nicht, sollten wir nicht versuchen, unsere Sichtweise mit Hilfe des jüngeren Materials korrigieren zu wollen, sondern müssen die davon ganz unabhängige Frage nach dem Ursprung der jüngeren folkloristischen Traditionen Lokis beantworten“ (S. 27). Es kann methodologisch aber nicht angehen, jüngeres Material nur dann als authentisch zu akzeptieren, wenn es den älteren Quellen entspricht, es jedoch abzulehnen, wenn das nicht der Fall ist. Entweder betrachtet man das Material in seiner Gesamtheit als Quelle, oder man tut das nicht – dann aber sollte man sich zurückhalten, eventuelle Übereinstimmungen als „nette Bestätigung“ für die eigenen Theorien zu geltend zu machen. In seiner Definition von Lokis Rolle als „Trickster“ wie auch in der Feststellung, dass Lokis Rolle beim Tod Baldrs eine verzerrte Darstellung ist, die ausschließlich auf Snorris Bearbeitung zurückgeht, gilt diese Studie aber bis heute als wegweisend und im Kern richtig. Leider ruderte Vries nach der Veröffentlichung Dumézils zurück und distanzierte sich von einigen seiner eigenen Ergebnisse, was sich als unnötig und verfehlt erweisen sollte.

Georges Dumézils Arbeit mit dem Titel Loki. Les dieux et les hommes von 1948 wartete mit einer Überraschung auf, die innerhalb der damaligen Forschungslandschaft als Sensation empfunden wurde. Denn darin wertet Dumézil einen der westlichen Forschung bis dahin weithin unbekannten Mythenkreis der im Kaukasus lebenden indoeuropäischen Osseten aus, der mit einer Figur namens Syrdon einen Charakter hervorgebracht hat, der Loki bis hin zu vielen Details genau entspricht. Dadurch wurden schlagartig zumindest all jene Kritiker mundtot gemacht, die Loki als späte Einführung eines christlichen Teufels in das altnordische Pantheon betrachtet hatten. Von Anfang an wenig überzeugend war dabei allerdings Dumézils Gleichsetzung des Konflikts Soslan-Sosrykos mit dem Baldr-Mythos, denn die einzige Parallele dabei war der Aspekt der Unverwundbarkeit, der sich aber weltweit in allen Mythen und Helden-Epen findet. Dumézil hat etliche weitere Kritik erfahren müssen, wobei in diesem konkreten Fall in einer Hinsicht aber oft des Guten zuviel getan wurde: Da Dumézil bei seinen indoeuropäischen Vergleichsstudien der komparatistischen Schule angehörte, überlasen nämlich viele, dass er in diesem Fall gerade nicht eine hypothetische ur-indoeuropäische Verwandtschaft der Mythen postuliert. Er argumentiert sogar genau andersherum: Er betont das Entstehen zwei völlig voneinander unabhängiger und dennoch strukturell identischer religiöser Komplexe als religionshistorischen Typus, und genau das ist sein Argument für die Authentizität Lokis. Darüber hinaus enthält er sich jeglicher historischer Analyse bezüglich einer möglichen Beziehung der Mythen zueinander. Damit nahm er erstmals Abstand von allen bisherigen Ansätzen, Loki aus einer religiösen Entwicklungsgeschichte heraus zu erklären. Übrig bleibt die angeblich universelle Struktur eines phänomenologischen Typus.

Dieser Ansatz fand 1956 grundsätzliche Kritik durch Folke Ström (Loki. Ein mythologisches Problem): „Dass gewisse komplexe mythische Typen sozusagen fix und fertig sind und, ohne dass sie einer kultischen Funktion entsprechen, einer angeblichen socialen [sic], in verschiedenen Kulturkreisen vorkommenden Situation entsprungen sind, ist kein überzeugender Gedanke […] Belege für die als eine Voraussetzung einer solchen Typenbildung angegebenen Übereinstimmungen in bezug [sic] auf die soziale Unterlage werden uns auch nicht gegeben“ (S. 8). Ström widmet sich daraufhin (wie alle Genannten) einer genauen Untersuchung der Loki-Mythen und kommt (wie E. J. Gras) zu dem Ergebnis, Lokis Verbindung mit Odin müsse sehr viel ursprünglicher sein als die mit Thor. Da beide Gottheiten manche negative Wesenszüge teilen (der Vorwurf von ergi / Unmännlichkeit, betrügerisches Verhalten, Unberechenbarkeit usw.), hält Ström die Möglichkeit für wahrscheinlich, Loki müsse eine frühe Hypostase, also Abspaltung von Odin gewesen sein, die quasi als Stellvertreter und Alter Ego dessen negative Seiten in dem Maße in sich aufnahm, in dem Odin zu einer immer wichtigeren Gottheit wurde. Das sei auch der eigentliche Ursprung ihrer angeblichen Blutsbrüderschaft.

Eine weitere ausführliche Arbeit zu Loki erfolgte 1961 durch Anna Birgitta Rooth. Ihr besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf Lokis Rolle als „Versorger“ bzw. „Wiederbeschaffer“ (Gungnir, Mjöllnir, Idun usw.) In dem volkskundlichen neueren Material folgt sie der alten Spur Celanders von Lokis Verbindung als Erfinder des Netzes (bei Snorri) und bringt zusätzliche Argumente für eine offensichtliche Verbindung Lokis zur Spinne. Ein neuer Aspekt aber sind die hier aufgezeigten Parallelen zu keltischen Quellen von den britischen Inseln: Die Mythen um Aided Fergusa und vor allem Lugh und Balor können laut Rooth keine zufälligen Parallelen sein, sondern sind trotz unterschiedlicher (und im letztgenannten Fall ödipalischer) Grundstruktur möglicherweise Anregung für die Gestaltung (hier vor allem des Baldr-Mythos) durch Snorri gewesen. In einem überzeugenden Schlussteil geht Rooth nochmals auf einen Aspekt ein, der bereits bei Elizabeth J. Gras zentrales Thema war, und der gerade in der älteren Forschung viel zu wenig Beachtung gefunden hat: Göttermythen sind nicht die Religion selbst, sondern in erster Linie zunächst einmal Literatur. Die eddische Dichtung – wie auch alle anderen Götter- und Heldenepen der Welt – sind Werke, die zum Vortragen und Zuhören bestimmt waren und die deshalb auch jenen literarischen Notwendigkeiten folgen müssen, die universal gültig sind, um Menschen zu unterhalten, belehren, amüsieren oder auch weinen und mitzittern lassen zu können. Das geht nicht ohne eine gewisse dichterische Dramatik, die wiederum immer nur aus Konfliktsituationen entstehen kann. Und hier war Loki natürlich eine Figur mit idealen dichterischen Einsatzmöglichkeiten, die offensichtlich auch gerne genutzt wurden. Man sollte nicht in den Fehler verfallen, den alten Dichtern weniger poetische Fähigkeiten als denen unserer Zeit zuzubilligen. Deshalb kann man nicht jeder Wendung altnordischer Götterdichtung immer sofort einen uralten Naturmythos als Ursprung zusprechen, wie es das 19. Jahrhundert mit Vorliebe tat, dem die Wege und Mechanismen von Dichtung und mündlicher Überlieferung in schriftlosen Gesellschaften noch gänzlich unbekannt waren, die heute aber ein gut beackertes und somit fruchtbares Forschungsfeld darstellen.

Zu diesem Ergebnis kommt auch die neueste Gesamtstudie zu Loki von Yvonne S. Bonnetain (Loki. Beweger der Geschichten, 2013), die auf die Dissertation der Verfasserin von 2005 zurückgeht. Das Werk, das sowohl seines Umfangs (fast 500 Seiten!), seiner Gründlichkeit als auch seiner allgemeinverständlichen Lesbarkeit wegen beeindruckt, geht zudem auf die gesamte Forschungsgeschichte zu Loki ein und legt für alle bisherigen Ansätze dar, warum keine dieser Ursprungserklärungen befriedigen, sondern bestenfalls bruchstückhafte Teilantworten liefern konnte. Die Arbeit verzichtet bewusst darauf, Loki in irgendwelche Kategorien zu zwängen und zeigt auf, dass die vermeintliche Widersprüchlichkeit Lokis vor allem darauf zurückzuführen ist, dass wir die altnordische Mythologie ausschließlich durch eine moderne Brille wahrnehmen, die viel zu sehr dem Denken in Kategorien und Systemen verhaftet ist. Bonnetain zeigt überzeugend auf, wie wenig wir trotz mythologischer Überlieferungen von der tatsächlichen Religion des alten Skandinaviens wissen, aber eines scheint zunehmend klarer: Loki war keine Gottheit, die sich kultischer Verehrung erfreuen konnte, sondern eine rein literarische Kunst-Figur, die ihre Existenz vor allem den Notwendigkeiten erzählerischer Dramatik verdankt. Somit sind zahlreiche Forschungsansätze und Fragestellungen nach mythischem Ursprung und Natur dieser zwielichtigen Gestalt schon vom methodologischen Ansatz her falsch oder zumindest irreführend.

Und diese Erkenntnis führt uns zurück zu zu unseren färöischen Fundstücken. Gerade die schöne Volksballade Lokka táttur ist unter diesem Aspekt nämlich nicht mehr, als sie zu sein vorgibt, eben eine amüsante und unterhaltsame Dichtung, die mit überlieferten Motiven spielt. Das soll aber keineswegs einer mythologischen Abwertung das Wort reden, denn in diesen überlieferten Motiven liegt ja gerade der Wert. Man hat sich auf den Färöern nicht nur erstaunlich getreu der uralten Göttertrias Odin–Hönir–Loki erinnert (wobei die Gleichsetzung Lokis mit Loður bei aller Vorsicht als allgemein akzeptiert gilt), es ergibt sich sich aus dem Lied vor allem ein weiterer bedeutsamer Erkenntnisgewinn. Hier wie in den übrigen vorgestellten Quellen entspricht Loki nämlich sehr genau dem Bild, das wir auch aus den altnordischen Texten herauslesen: Loki als unberechenbarer Störenfried, dessen Streiche von übermütig über gehässig bis hin zu gemeingefährlich reichen und zuweilen rücksichtslos nur auf eigenen Vorteil bedacht sind („Der Riese und Loki“), der als experimentierfreudiger Grenzüberschreiter riskantes Neuland zu erforschen bereit ist („Lokis Tierverwandlungen“), aber auch selbstlos als verlässlicher Nothelfer auftreten kann (Lokka táttur), wobei seine Findigkeit die Hönirs – und sogar die Odins – übertrifft, er von dem Riesen als alter Bekannter behandelt wird („mein Loki“) und er auch den magischen Trick kennt, der die Zauberkräfte des Riesen schließlich besiegt (als er „Stock und Stein“ zwischen dessen abgeschlagene Gliedmaßen wirft, eine Redewendung, die im Altnordischen bereits ebenso sprichwörtlich war wie noch im heutigen Deutsch). All das ist uns auch aus den alten Mythen geläufig. Dass Loki bis in die neuere Folklore so überlebt hat, darf deshalb mit aller Vorsicht als Bestätigung dafür gelten, dass wir dieses Bild auch in den alten Quellen richtig deuten. Und darin liegt – abgesehen von ihrem Unterhaltungswert – der wahre Wert dieser Fundstücke, und als solche stellen sie wertvolle Dokumente dar, die ein bezeichnendes Licht auf literarische Traditionen und mündliche Überlieferungen werfen.

Literatur

Bonnetain, Yvonne S.: Loki. Beweger der Geschichten. Rudolstadt 2013

Celander, Hilding: Lokes mytiska ursprung. Uppsala 1911

Dumézil, Georges: Loki. (Les dieux et les hommes. Bd. 1). Paris 1948 (deutsch 1956)

Gras, Elizabeth Johanna: De Noordse Loki-Mythen in hun onderling verband. Haarlem 1931

Hammershaimb, Venceslaus Ulricus: Færøsk anthologi. København 1886-91

Hammershaimb, Venceslaus Ulricus: Færøiske kvæðer. København 1851-55

Hammershaimb, Venceslaus Ulricus: Sjúrðar kvæði. København 1851

Leyen, Friedrich von der: Der gefesselte Unhold. Eine mythologische Studie. Prag 1908

Leyen, Friedrich von der: Die Götter und Göttersagen der Germanen. München 1909

Lyngbye, Hans Christian: Færøiske Qvaeder om Sigurd Fofnersbane og hans Aet. Randers 1822

Mogk, Eugen.: Lokis Anteil an Baldrs Tode. Helsinki 1925

Mogk, Eugen: Novellistische Darstellung mythologischer Stoffe Snorris. Helsinki 1923

Olrik, Axel: Loke i nyere folkeoverlevering (in: Danske Studier). København 1908-09

Olrik, Axel: Myterne om Loke (Festskrift til H.F. Feilberg). København 1911.

Rooth, Anna Birgitta: Loki in Scandinavian Mythology. Lund 1961

Ström, Folke: Loki. Ein mythologisches Problem. Göteborg 1956

Vries, Jan de: The Problem of Loki. Helsinki 1933

Erschienen 2005 in Herdfeuer 7
(leicht überarbeitet 2019)