Götterbeweise aus germanisch-heidnischer Sicht

von Gunivortus Goos

„Das Unbekannte mit dem Bekannten zu erklären, ist ein logisches Verfahren; das Bekannte mit dem Unbekannten zu erklären, ist eine Form des theologischen Irrsinns.”

Konfuzius

Nach Beweisen für die Existenz eines Gottes oder mehrerer Götter ist schon oft gesucht worden, und es wurden viele Bücher damit gefüllt, manche auf solch theoretischen Höhen, dass sie für fast jeden Menschen völlig unverständlich sind. Hier will ich versuchen, das Problem allgemein verständlich zu beschreiben.

Unter Beweis verstehen wir im Allgemeinen eine durch Tatsachen oder Erklärungen erreichte Unwiderlegbarkeit einer Behauptung oder eines Sachverhaltes. Das schließt auch den Weg der Schlussfolgerung nach den Denkregeln bzw. der Logik mit ein, die dahinter steckt. Und natürlich stellt sich die Frage, ob man auch seinen Glauben an bestimmte Götter durch unwiderlegbare Tatsachen oder Erklärungen unterstützen kann.

In Tacitus’ Germania werden Götternamen genannt, Götter, an die die entsprechenden Stämme glaubten, jedenfalls nach Auffassung des Autors. In den beiden Eddas und in vielen Sagen und Mythen werden ebenfalls Götternamen genannt, manche öfters, manche nur einmal – aber auch dabei handelt es sich um Götter, an deren Existenz bestimmte Germanen glaubten, und die auch einen Großteil des Alltagsleben bestimmten – zumindest nehmen wir das an. Aber gab es alle oder einige dieser Götter auch wirklich?

Unsere Quellen jedenfalls enthalten dafür keine Beweise. Es ist aber erstaunlich, wie oft lediglich die reine Erwähnung solcher Namen in den Quellen als Beweis für ihre Existenz gesehen wird, als Götterbeweise. Wenn bestimmte Götter mehrfach in unterschiedlichen Quellen genannt werden, kann das bedeuten, dass sie in bestimmten Bereichen des damaligen Lebens als wichtig angesehen wurden. Wir haben heutzutage aber eine ganz andere Gesellschaft als damals, für uns sind andere Lebensbereiche wichtig, wir haben sogar Lebensbereiche, die es bei den Germanenstämmen möglicherweise gar nicht gab, oder nur in rudimentärer Form. Die Götter der damals wichtigen Lebensbereiche sollten demzufolge in den Quellen auch öfter genannt werden, die der damals unwichtigen Bereiche kaum oder vielleicht gar nicht. Logisch gesehen würde das bedeuten, dass wir entweder andere Götter brauchen oder die Zuständigkeitsbereiche einiger Götter ändern müssten.

Einige Namen unserer Götter lassen sich über bestimmte Zeitabschnitte zurück verfolgen, und über sprachwissenschaftliche Herleitungen nehmen wir an, dass es bei unterschiedlichen Völkern teilweise dieselben Namen gab. Ob es dabei dann jedes Mal auch um die gleiche Gottheit geht, ist aber nicht feststellbar. Möglich ist es, aber es bleibt eine Annahme. Wenn man die Logik hinter solchen Annahmen akzeptiert, dann wird so etwas schnell als Tatsache gesehen, letztendlich bleiben es aber Annahmen aufgrund von Überzeugungen, aber das wird meistens vergessen oder noch nicht einmal verstanden.

In den Quellen tauchen auch Namen auf, die wir mit unseren Kenntnissen nicht herleiten können, oft wissen wir nicht einmal sicher, ob es sich dabei überhaupt um eine Gottheit handelt und für welche Zuständigkeitsbereiche sie stehen könnte. Deren Existenz dann einfach abzulehnen, wäre aber wohl doch zu einfach. Denn wenn jemand unter uns sich einer solchen Gottheit widmet, dann wird es sich doch wohl um ein Gott oder eine Göttin handeln, das ist sicher, wenn man davon ausgehen darf, dass wir von unseren Göttern ‚gerufen‘ werden, dass wir unsere Götter erfahren. Wenn wir damit anfangen, einander die Existenz unserer jeweiligen Götter abzustreiten, dann könnten wir besser sofort alle Agnostiker werden, denn letztendlich kann man die Existenz jeder Gottheit mit Argumenten abstreiten, guten Argumenten, wenn die ihnen zu Grunde liegenden Annahmen akzeptiert werden.

Mythologische Quellen sind kein Beweis für die Existenz der Götter. Wenn Götter nicht in solchen Quellen genannt werden, beweist das auch nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Das haben Theologen vieler Religionen auch verstanden, und deshalb suchen sie ihre Gottesbeweise in theoretischen Gedankenkonstruktionen. Da gibt es z.B. das Suchen nach einer Antwort auf die Frage nach der Existenz eines oder mehrerer ‚Weltenlenker‘, die über Gut und Böse bestimmen und eine Erklärung für den Sinn unseres Daseins bieten. Dazu gehört dann auch die Frage, welche Absichten diese Götter mit uns haben.

Es hat schon viele Versuche gegeben, die Existenz einer oder mehrerer Gottheiten zu beweisen; diese Beweise beruhen aber nicht darauf, wo oder wie oft ein Name in mythologischen Quellen vorkommt und wie glaubhaft diese Quellen sind, sondern auf Gedankenkonstrukten, auf menschlicher Logik, auf philosophischen Schlussfolgerungen, auf theoretischen Überlegungen, auf einer Anordnung nicht nachprüfbarer Indizien.

Die Existenz der Götter wurde bis vor wenigen Jahrhunderte nicht ernsthaft bezweifelt. Die theoretischen Überlegungen sollten lediglich die vorhandene Grundüberzeugung stützen. Erst mit dem Aufkommen des „aufklärerischen“ Denkens und einer zunehmenden Säkularisierung unserer Gesellschaft tauchte die Frage nach Götterbeweisen immer öfter auf und wurde z.B. im Christentum sogar zu einer eigenständigen philosophischen Disziplin.

Auch jetzt noch, auch unter uns Asatru-Anhängern, besteht bei vielen eine solche Grundüberzeugung der Existenz von Göttern, und es wird lediglich nach logischen Erklärungen gesucht, die den Hang nach handfesten, allgemein gültigen Beweisen für den Glauben unterstützen. An sich muss das nicht negativ sein, wenn aber damit der Glaube Anderer beurteilt wird, als weniger glaubwürdig und spekulativ angesehen wird, dann darf man wohl von Verirrung sprechen.

Religion ist für einen gläubigen Menschen nie abstrakt. Für Gläubige im Asatru gibt es die von ihnen verehrten Götter so sicher wie wahrgenommene Dinge. Und für die Mythen gilt dasselbe auch. Wenn jemand aber seinen Glauben an irgendeine Gottheit daran aufhängt, wo und wie oft diese Gottheit in Mythen, Sagen, usw. genannt wird, entbehrt er oder sie wohl des richtigen Glaubens. Nach unseren wissenschaftlichen Standards ist also die Existenz einer oder mehrere Gottheiten nicht beweisbar, letztendlich kommt es immer auf den Glauben an, auf die Annahme einer Voraussetzung. Das könnte z.B. sein, dass es „etwas Höheres“ geben muss, dem wir unser Bestehen verdanken, etwas „Absolutes“, etwas „Allmächtiges“, etwas Unbegreifliches, etwas absolut-Notwendiges, im Gegensatz zu uns als nicht-unbedingt-Notwendigem….

Für die Mathematiker unter uns gibt es dann auch noch den sogenannten „mathematischen Götterbeweis“. Ein angepasstes Zitat:

„Ein Gott oder eine Göttin ist das Supremum und Infinitum einer Funktion innerhalb einer Funktionsreihe, oder ist diese allgemein. Dabei wird die jeweilige Vorstellung einer Religion berücksichtigt. Bspw. ist ein dualistischer Gott (Ambivalenz) entweder Infinitum oder Supremum. Der Mensch stellt dabei einen qualifizierten Reihenwert dar.“

Verstanden? … <*schmunzel*>

Um etwas zu beweisen, sind Erklärungen notwendig. Erklären bedeutet aber, etwas Unbekanntes auf Bekanntes zurückführen. Zwingend erforderlich dafür ist eine Kette aus Erkennen – Erklären – Verstehen. Ohne Erkennen kann es kein Erklären geben, ohne Erklären kein Verstehen – und da Götter nicht erkennbar sind, kann man sie auch nicht erklären oder verstehen. Das macht jeden Beweis spekulativ – und es läuft auf das Annehmen, auf „Glauben“ hinaus.

Die Frage ist, ob wir ohne den Glauben an Götter unsere moralischen Werte aufrecht erhalten können: Wenn es keine zusehende und eingreifende Gottheit gäbe, wenn nicht der Glaube da wäre, nach dem irdischen Ableben lebe man in der Nähe einer Gottheit weiter, würde dann nicht eine möglicherweise entscheidende und überlebenswichtige Schwelle für unser sittliches Verhalten wegfallen? Argumente für die Existenz unserer Götter gibt es schon – nur Beweise nicht…

Ist es nicht völlig absurd zu behaupten, mein Glaube sei logischer als deiner, weil der Name meiner Gottheit in irgend welchen Schriften öfter vorkommt als deiner? Ist es nicht ebenso absurd zu behaupten, die Existenz deiner verehrten Gottheit sei fragwürdig, jedenfalls fragwürdiger als die meiner, weil deine Gottheit kaum oder nicht in alten Quellen vorkommt? Denn auch wenn ein Name nicht vorkommt, beweist es nicht, dass es eine solche Gottheit nicht gibt und auch schon damals nicht gegeben hätte. Vielleicht unter einem anderen Namen. Und wenn, weshalb sollte man dann nicht akzeptieren dürfen, dass eine solche Gottheit auch unter einem anderen Namen ansprechbar ist?

Vielleicht würde eine Gottheit gar nicht mehr auf einen alten Namen hören: Wer seinen Hund Wotan oder Balder nennt, seine Katze Freia, seinen Computer Forseti, sein Kanarienvogel Gerda, sich selber als Pseudonym Frigga zulegt, und seinen Sohn Thor nennt – kann der oder die dann noch erwarten, dass eine dieser Gottheiten reagiert, wenn er sie unter diesem Namen anruft?

Es gibt manche im Asatru, die meine Darstellungen der Götter inklusive deren Namen aus meinem Götterkatalog als äußerst spekulativ ansehen und sie deshalb auch ablehnen. Dabei stützen sie sich aber auf ebenfalls spekulative Quellen, Quellen, über deren Inhalte schon seit Jahrhunderten von Fachleuten gestritten wird, für die es in unregelmäßigen Abständen immer wieder neue Erklärungen gibt, wobei dann freilich bestehende Erklärungen abgestritten oder sogar ins Lächerliche gezogen werden.

Im Asatru muss man in vielen Fällen gegenüber der Umwelt ein dickes Fell haben. Wenn man aber wegen seines Glaubens an eine bestimmte, kaum genannte Gottheit oder mehrere „unbekannte“ Götter auch noch innerhalb der Asatrugemeinschaft angegriffen, belächelt, heimlich oder öffentlich kritisiert oder ignoriert wird, dann mag das schon auf bedenkliche Symptome dieser Gemeinschaft hinweisen.

Wir sollten ohne Voreingenommenheit positiv und offen nicht nur denen begegnen, die sich Odin, Thor und Freyja widmen, sondern gleichermaßen auch denen, die sich Lytir, Loll, Ostara, Thysa, Vagdavercustis, Perchta, usw. widmen, und uns an dem Austausch mit ihnen freuen. Dann können wir die im Grunde lächerliche Frage nach Beweisen der jeweiligen anderen Gottheit hinter uns lassen, jedenfalls soweit es Glaube und Religion betrifft.

Erschienen 2005 in Herdfeuer 9