Faschismus und Antifaschismus

von Hermann Ritter

Dem jungen Hans „Haschu“ Schumacher gewidmet.

Es gibt antagonistische Gegensätze wie Licht und Finsternis oder männlich und weiblich. Hier sind Auseinandersetzungen vorprogrammiert, weil sich Gegensätze eben doch abstoßen und anziehen, immer wieder in Streit geraten und sich doch gegenseitig brauchen, um zu existieren.

Die meisten in den letzten Jahrzehnten diskutierten antagonistischen Gegensätze sind aber eigentlich Auseinandersetzungen im (begrenzten) Meinungspool. So negiert der Streit Europa gegen Afrika, vulgo Weiß gegen Schwarz, die Existenz anderer Kontinente und Hautfarben. Die Streitigkeiten zwischen Christen und Moslems, oft zum Kampf zur Erhaltung des christlichen Abendlandes hochstilisiert, ignorieren nicht nur die längst zumindest in Deutschland eingezogene multikulturelle Gesellschaft fern der reinen Heilslehre der großen christlichen Kirchen, sie bieten auch ein Bild der „Bastion Europa“, das nach außen kommuniziert uns in den mentalen Schutzwall dunkler Zeitalter zurückfallen lässt. Und nicht erst die Ringparabel hat bewiesen, dass Christentum und Islam aus ähnlichen Wurzeln sprossen, sodass hier der antagonistische Gegensatz eher dem Zwist zwischen Brüdern (oder seien wir ehrlich: Cousins) denn ein Streit um grundsätzliche Unterschiede ist.

Auch die europäische Auseinandersetzung zwischen Faschisten und Kommunisten – zu Unrecht von Rechten hochstilisiert zu dem Konflikt des 20. Jahrhunderts – bietet hier nicht viel Grundlage, weil beide System in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg ähnlich undemokratisch, starr und menschenfeindlich waren, von daher die Zahl der Gemeinsamkeiten höher war als die Zahl der zu verteidigenden Differenzen.

Diese Streitigkeiten wirken oft wie tektonische Risse in den kontinentalen Platten der gemeinsamen Ideologie. Sie sind keine echten Streits, nur aufgesetzte Debatten, die von den echten Problemen ablenken sollen, indem ein neues „Wir“ und ein neues „Die anderen“ definiert wird. Wieder einmal werden Stacheldrahtzäune um den eigenen Hof gezogen und wehe, wenn die Kuh des Nachbarn sich herüberbeugt, um von den grünen Blättern der eigenen Wiese zu zupfen.

Wir alle sind doch durch ein Bündel von unterschiedlichen Zugehörigkeiten gezeichnet. Ein männlicher, homosexueller, weißer, kommunistischer Heide lebt mit vielen Bruchzonen, die sich durch seine Biographie ziehen. Er könnte gar nicht bei allen Streitigkeiten eine Barrikade bemannen, weil er dafür zu wenige Leben gleichzeitig führt.

Jeder Mensch ist ein Teil verschiedener Gruppen, die sich nicht ausschließen, da sie nicht gegensätzlich sind oder verschiedene Meinungspools betreffen. Deswegen ist es meine These, dass es heidnische Faschisten gibt, geben muss. Faschismus und Heidentum sind keine Gegensätze, da sie verschiedenen Meinungspools zugehörig sind.

Erschwerend kommt natürlich hinzu, dass beide Begriffe schrecklich unscharf sind. Wie definiert man Heiden? Nicht nur, dass die Begrifflichkeit schon im Heidentum unscharf ist (was sind „Heathen“ und „Pagans“?), auch die ursprüngliche Bedeutung als Nichtchristen ist heute nicht mehr griffig. Wenn wir die sogenannten Buchreligionen (welche im Besitz eines oder mehrerer Werke sind, die als Grundlagen der Religion gelten) als Gruppe nehmen, dann bleiben genug Buch-lose Weltreligionen übrig, die wir nicht als Heiden verstehen.

Ähnlich ist es mit Faschisten und Nazis. Sind alle Faschisten Nazis und alle Nazis Faschisten? Hat der italienische Faschismus die selben Wurzeln wie der spanische und wie der deutsche? Wie bezeichnet man das japanische Reich des 2. Weltkriegs – auch als faschistisch, weil es mit Hitlers Deutschland verbündet war? Das war die Sowjetunion auch (wenn auch nur zeitweise), und da wäre der Begriff faschistisch wohl eher untragbar.

Ich würde einen Definitionsversuch für das Heidentum versuchen, der mit den eben genannten Einschränkungen zu lesen ist. Dann wären Heiden europäische, nicht abrahamitische religiöse Menschen, die aus einer Verbindung von antiken und Renaissance-Einflüssen mit ökologischen Elementen (ich verweise nur auf die Naturnähe und Begriffe wie Gaia) entstanden sind, wobei auf die Wurzeln der Romantik zurückgegriffen wird.

Faschismus wäre dann eine männerbündische, fremdenfeindliche Weltanschauung, die auf einer erfundenen Rückbesinnung auf Scholle und einer historischen Hochzeit in einer mythischem Mittelalter mit weisen Herrschen, weiten Grenzen und mythischen, zeitlosen Orten beruht. Freundschaft und Mut stehen neben Barbarei und atavistischer Unmoral. Hier treffen sich die Phänomene des 20. Jahrhunderts: Technikangst und Technikbegeisterung, Massenmord, Schwüre und goldbetresste Uniformen in einem eigenartigen Anschauungspool.

Schon dieser Umriss dürfte zeigen, dass beide Begriffe auf unterschiedliche Quellen Bezug nehmen, die sich ähneln oder deckungsgleich sind. Ohne eine umfassende Analyse liefern zu wollen, sei der Verweis auf die Bedeutung von mythischen Zeitaltern, weiser Herrschaft und Natur in beiden Weltanschauungen erlaubt.

Im momentan mal wieder im Heidentum an die Oberfläche drängenden vordergründigen Antifaschismus bekämpft sich im Fremden oft das Selbst. Mit selten erreichter Heuchelei werden heidnische Versuche totgetreten, die den Ruch des Faschismus tragen.

Doch: Jener dunkle Ort, an dem Blut Sinn, Freundschaft und Verbindung stiftet, wo mythische Bilder, Fackeln, Trommeln und romantische Sprache Sinn und Bedeutung zu stiften trachten, wo hinter dem Rauschen der Wälder ein mythisches Raunen liegt, nährt zwei Quellen, die zum faschistischen und zum heidnischen Fluss werden.

Den Faschismus zu bekämpfen muss Ziel jedes freiheitlich denkenden Menschen sein. Wenn dieser freiheitlich denkende Mensch auch Heide ist, so bekämpft er sicherlich auch den Faschismus – einen grundliegenden Antagonismus Heidentum und Faschismus kann ich nicht sehen, weil beide Begriffe „in unterschiedlichen Kategorien boxen“, um es etwas salopp zu formulieren.

Darüber hinaus sind sich beide Richtungen (trotz der verschiedenen Meinungspools) ähnlich, weil sie aus identischen (oder benachbarten) Quellen gespeist werden. Ein Streit zwischen ihnen ist in ihrer Struktur nicht angelegt, weil sie verschiedene Meinungsfelder beackern. Der Streit zwischen ihnen entsteht meiner Ansicht nach daraus, dass viele Heiden auch freiheitlich denkende Menschen sind und daher sich gegen den Faschismus aussprechen. Als politische Menschen, nicht als Heiden. Leider vergessen das viele Heiden.

Woher kommt dann der Konflikt, der immer wieder durch antifaschistische Ausfälle (anders kann ich es nicht nennen) von Heidenseite geschürt wird?

Der Antifaschismus ist ein gesellschaftlich gestütztes Phänomen, welches aus verschiedenen Gründen gewollt wird – und sei es nur, um durch Diskussionen über Faschismus und Antifaschismus von den Schwächen der kapitalistischen Gesellschaft und der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung abzulenken. Wer Antifaschisten kritisiert, der wird sofort als Faschist kritisiert, denn wer Antifaschisten nicht in ihrem Tun unterstützt, der unterstützt – so folgert man vorschnell und falsch – damit die Nazis.

Sich zum Antifaschisten zu erklären, sich als Nazi-Gegner zu „outen“ bringt nicht nur positive Resonanz, nein, man macht sich auch unangreifbar, weil Kritik am Antifaschisten gleich Unterstützung für den (in diesem Streit überhaupt nicht präsenten) Faschisten ist. Niemand spricht direkt in diesem Streit mit Faschisten, man spricht nur über Menschen, die angeblich Faschisten sein sollen. Und wer sich nicht gleich auf den Boden wirft und ruft „Es tut mir leid! Es tut mir leid!“, der ist eben ein versteckter und geheimer Nazi, weil er weiterhin leugnet, was doch dem Antifaschisten längst offenbar geworden ist.

Auswege? Zwei kann ich bieten.

Erstens: Wer jetzt die selbsterklärten weißen Ritter auf dem Schimmel sieht, ausgezogen, den Faschismus zu bekämpfen, der sollte sich fragen: Wer ist dieser Mann? Warum sagt er, dass er in meinem Namen kämpft? Wer überprüft ob alle, die vor seiner Lanze enden, wirklich Faschisten sind?

Zweitens: In einer demokratischen Gesellschaft haben auch Faschisten Rechte. So weh dieser Satz tut – er ist wahr. Und ein Beschuldigter bleibt unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. Das gilt auch für Faschisten. „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!“

Erschienen 2006 in Herdfeuer 9