Zaubern ohne Gott?

von Hermann Ritter

Vorbemerkung

„Das einzige, was der wahre Mensch aber wirklich besitzen kann, ist sein eigenes Ich. Alles andere ist das Nichts, in das wir eines Tages zurückkehren.“1

Ein Text wie dieser kann keinen allgemeinen Zuspruch erwarten. Das Fragezeichen im Titel impliziert, dass ich eine Frage stelle, die ich – soweit möglich – beantworte. Das heißt aber nicht, dass jeder Mensch, der sich mit dieser Frage beschäftigt, zu den selben Antworten kommen muss wie ich. Ganz im Gegenteil. Es ist unsere Vielfalt, aus der wir Nutzen ziehen sollten, nicht unsere Einförmigkeit.

Ich möchte auch einleitend darauf hinweisen, dass ich „Gott“ im Titel und im Text gerne durch „Göttin“ oder „Göttliches“ ersetzen kann – ich finde „Gott“ als Begriff hier lesbarer und für mich nachvollziehbarer. Man möge Nachsicht mit mir üben.

1. Zur Magie

Zwei Verschiebungen von Begrifflichkeiten sind im Rahmen der Industrialisierung erfolgt – die Verschiebung von weltlichen und die Verschiebung von magischen Begrifflichkeiten. Hierbei verstehe ich die Industrialisierung als den Übergang von einer eher naturnahen Gesellschaft hin zu unserer Industriegesellschaft. Der zeitliche Rahmen dieser Veränderung ist die Zeit zwischen 1650 und 1950, der von mir besprochene räumliche Rahmen umfasst Westeuropa sowie Nordamerika.

Diese Verschiebung von Begrifflichkeiten erfolgte in der Weltsicht des Heiden bzw. magisch Tätigen. Und diese Verschiebungen haben Rückwirkungen auf die Arbeit bzw. den Glauben (wobei ich beide Begriffe von den Verflechtungen her für nicht trennbar halte). Daher will ich auf diese beiden Verschiebungen länger eingehen.

a. Verschiebung von weltlichen Begrifflichkeiten

Die Bedeutung von Schrift und Geschriebenem hat sich in den letzten 500 Jahren in unserer Kultur grundlegend verändert. Angefangen bei den für magische Handlungen benutzten Bildern und Piktogrammen über die Silbenschrift und die Runen bis hin zu unserer Schrift hat sich die gesamte damit verbundene Kultur gewandelt.

Früher waren es nur wenige, die in der Lage waren, die geschriebenen Zeichen zu entziffern. Ihnen war auch Macht gegeben, da sie als Geschichtenerzähler, Barden und Priester benötigt wurden. Im Mittelalter war es so, dass die Klöster die Horte der Schreibkultur waren; die wichtigsten (und schönsten) mittelalterlichen Texte sind religiöser Natur.

Auf einer anderen Ebene hat sich auch das Erzählte vom Inhalt her verändert. Statt Sagas und Gedichten, die mündlich überliefert wurden, gab es später die festgefügten Märchen, die in einer bestimmten, unveränderlichen Form in einem Buch festgeschrieben worden waren.2 Seit der Entwicklung des Fernsehens wird nicht nur die Sprache festgelegt, sondern auch die optische Information (die vorher von der Vorstellungskraft des Zuhörenden ergänzt worden ist) ist festgelegt und damit unveränderbar.

Wenn wir heute Geschichten aus einer Epoche betrachten, in der weite Teile der Bevölkerung Analphabeten waren, dann bedenken wir dieses nicht. In unseren Köpfen ist Analphabetismus die Ausnahme, die Mangelerscheinung. Wir können alle lesen; Bücher und Zeitschriften sind Allgemeingut geworden. Doch wir dürfen nicht den Fehler machen, ähnliche Bilder auf unsere Vorfahren/Vorgänger anzuwenden. Schrift hatte früher einen wesentlich höheren Stellenwert und magische Symbole (wie Siegel etc.) hatten eine wesentlich umfassendere Bedeutung – und sei es nur, weil sie von einer schreibunkundigen Bevölkerung nicht zu reproduzieren waren.

Ein anderer Begriff, der sich – wie der Begriff der Schrift – in den letzten Jahrhunderten in seiner Bedeutung stark verändert hat, ist der des Blutes. Während in mythischen Texten immer noch von Dingen wie Blutsverwandtschaft („Blut ist dicker als Wasser“), Blutschwur3 und Blutsbrüderschaft die Rede ist, so hat heute die Wahlverwandtschaft die Bedeutung der Blutlinie völlig verdrängt. Und statt der matrilinearen Vererbung (über die Mutter) wird heute der Name (und auch die Familie) patrilinear (über den Vater) vererbt.

Seit der Verbreitung von AIDS ist auch unsere Hemmschwelle gegen Blutschwüre höher geworden – es ist nicht nur der ungeschützte Geschlechtsverkehr, der einen infizieren könnte, sondern auch der Austausch von Blut im Rahmen von Ritualen.

Und letztendlich ist es auch die Kommerzialisierung des Blutes und der Blutspende durch die Vermarktung von Blutplasma, das diesen Begriff seiner mythologischen Bedeutung fast entbunden hat. Wer heute ein „klassisches“ Ritual mit Blut oder Blutsbanden liest, wird es sicherlich völlig anders verstehen, als ein Heide/Magier aus dem 13. oder 16. Jahrhundert. Und unsere Hemmschwelle gegen den Einsatz von Blut, immerhin dem „Saft des Lebens“, in Ritualen ist deutlich angestiegen.

Ein paar andere Begriffe möchte ich nur kurz anreißen. Die Bedeutung des Windes für unsere Kultur hat sich in den letzten Jahrhunderten verändert. Es werden keine Häuser mehr vom Sturm abgedeckt, die „wilde Jagd“ zwischen den Jahren ist nicht mehr zu hören, der Fischfang samt Küstenschifffahrt ist unbedeutend geworden (und damit sinkt auch die Gefahr von im Meer ertrinkenden Familienmitgliedern), wir haben sogar den Wind für die Erzeugung von Strom „gezähmt“ und können Stürme mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen. Schon deutsche Gedichte der Romantik, die von den Naturgewalten sprechen, sind für uns heute in ihrer beschworenen Bedrohlichkeit kaum verständlich oder nachvollziehbar.

Auch unser Verhältnis zu Wasserstraßen und Straßen allgemein hat sich völlig verändert. Wir sind es gewöhnt, beim Reisen auch an den Luftverkehr und die Eisenbahn zu denken; die Autobahn stellt eine völlig andere Art der Vorstellung von Transportwegen dar als die Straßen des Mittelalters. Die heutige Streckenplanung kann sich auf stabile Brücken, Fähren und regelmäßige Ozeanüberquerungen verlassen – alles Dinge, die noch vor 100 Jahren eine Ausnahme waren.

Auch unsere räumliche Vorstellung von der Welt (die „Landkarte“, die wir in unserem Kopf mit uns herumtragen) hat sich deutlich verändert. Orte entlang ausgebauter Verkehrswege sind wesentlich leichter zu erreichen als Orte in entlegenen Gebieten. Der Mensch im Mittelalter dachte eher in konzentrischen Kreisen um seinen Wohnort herum, da seine Fortbewegungsgeschwindigkeit kaum zu steigern war, wenn er bestimmte Routen anderen vorgezogen hätte.

Deutlich wird diese Verschiebung auch an der Veränderung der mythologischen Bedeutung von Straßen. So ist der Wandel von Wegen wie den mittelalterlichen Pilgerwegen oder der „Seidenstraße“ hin zu Strecken wie der „Route 66“ oder dem „Orient Express“ neben der Veränderung in der Geschwindigkeit auch ein Wandel im gewählten Verkehrsmittel.

Der Schatz als ökonomische Herausforderung hat in den letzten Jahrhunderten seinen mythischen Charakter verloren (man denke nur an den Kessel voller Gold „am Ende des Regenbogens“). Die wenigen noch mythischen Schätze (Bernsteinzimmer etc.) sind mit eher negativen Erfahrungen verknüpft.

b. Verschiebung von magischen Begrifflichkeiten

Auch bei den magischen Begrifflichkeiten hat sich in den letzten Jahrhunderten einiges am Bedeutungsinhalt verschoben. So hat sich z.B. das „Königsheil“ von Königen/Priestern weg zu „öffentlichen Personen“ (Elvis etc.) hin verschoben. Wo früher noch der König für das Land stand (wie bei den Artus-Sagen), so ist es heute höchstens ein Präsident, der sein Leben für die Unschuld des Landes lassen muss (ich denke hier an Präsident Kennedy, dessen Regierungszentrale nicht umsonst „Camelot“ genannt wurde!).

Auch der Ort der Seele ist im Lauf der Jahrhunderte immer wieder im Körper verlegt worden, ohne dass die Seele irgendwo im Körper wirklich hätte festgelegt werden können. Scheinbar wandert der Ort der Seele – wie der Ort der Utopie – immer „hinter den Horizont“ des gerade Erkennbaren und verbleibt immer genau hinter unserem Horizont.4 Und heute hat sich die Suche nach der Seele hinter den Nahtoderfahrungen etc. versteckt. Die wissenschaftliche Grenze hat sich verschoben, für das „Organ Seele“ bleibt im Körper kein Platz mehr. Aber die Sinnsuche, die sich hinter der Suche nach der Seele verbirgt, braucht weiterhin Raum in unserem Leben.

Auch die Zwerge und Elfen sind nur auf den ersten Blick aus unserer Mythologie verschwunden. Früher stahlen die Hügelvölker oder die Feen Kinder und entführten sie, in ihren Heimen lief die Zeit anders ab als in der realen Welt, und wer für sie arbeitete und ihre Geheimnisse wahrte, der wurde reich belohnt (diese Motive tauchen interessanterweise auch in den Märchen auf, in denen sich jemand für den Teufel verdingt – hier gibt es offensichtlich eine Gleichschaltung Feen/Hügelvolk – Teufel in der christlichen Mythologie). Heute sind es Außerirdische mit schmalen Händen und großen Augen, die unsere Kinder entführen, unsere Frauen schwängern, deren Zeit anders verläuft als unsere und die jene reich belohnen, die mit ihnen zusammenarbeiten. Die Parallelen sind unübersehbar. Aber da wir alle Hügel aufgegraben, alle Wälder abgeholzt haben, musste sich der Mythos halt in kleine Flugscheiben5 zurückziehen, die entweder aus dem Inneren der Erde, von der Rückseite des Mondes oder aus anderen Dimensionen kommen. Eine ähnliche Entwicklung hat nebenbei auch der Hausgeist hinter sich, wobei es einen eigenen Vortrag wert wäre, die Analogien zwischen Schüsseln Milch und Blumen für Hausgeister und Zuwendungen und Eigennamen für Computer herauszuarbeiten …

Eine offensichtliche Veränderung verursachte auch die Entmythologisierung der Drachen nach der Entdeckung der Dinosaurier-Skelette im letzten Jahrhundert. Unsere Drachenmärchen wurden auf einmal als Erinnerungen an eine gemeinsame Koexistenz von Drachen und Menschen gedeutet, viele Darstellungen von Dinosauriern wurden „verdracht“ usw. Ein schönes Beispiel für diese Entwicklung sind Märchenbücher à la „Dinotopia“ oder „Die vergessene Welt“ von Arthur Conan Doyle – beides Bücher, in denen die genannte Koexistenz beschrieben wird.

Die Veränderungen im Weltbild der Astrologie folgen auch wissenschaftlichen Entdeckungen. „Die letzten drei Planeten [des Sonnensystems, HR] wurden erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, lange nach der Entwicklung der traditionellen Analogien der ersten sieben Planeten: Uranus 1781, Neptun 1846 und Pluto 1930. Jedesmal erfanden die Astrologen empirische ‚Deutungen‘, die schließlich als verbindlich akzeptiert wurden.“6 Die Festlegung einer „Definition“ für den Einfluss der Planeten bzw. für ihr Rolle in der Astrologie dauerte unterschiedlich lange. Beim Uranus waren es noch 33 Jahre, beim Neptun sogar 44 Jahre und beim Pluto nur noch 2 (!) Jahre.7

Auch das Bild von Äther und Sphären/Sphärenklänge sowie unser Verständnis der Sternbilder hat sich deutlich gewandelt. Wo früher die Sternbilder noch exakt standen und wir in den „richtigen Häusern“ geboren wurden, so hat die Verschiebung der Sternbilder inzwischen dafür gesorgt, dass niemand mehr in „seinem Haus“ geboren wird. Und der – mehrmals physikalisch „bewiesene“ Äther – musste genauso (wie die Sphären der Planeten) „Federn lassen“ und darf jetzt nur noch als esoterische Analogie sein Leben fristen.

c. Verschiebung von weltlich/magischen Begrifflichkeiten

Mythos und Wissenschaft befruchten sich gegenseitig. Eine Weiterentwicklung des einen ist ohne eine Weiterentwicklung des anderen nicht möglich. Unser Suchen nach Erkenntnis wird von unseren Träumen gespeist, und unsere Träume beziehen ihre realistischen Grundlagen aus unseren Erkenntnissen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass mythologische Begriffe, welche die Jahrhunderte überstanden haben, immer wieder von Mythos und (!) Wissenschaft weiterentwickelt werden. Das klassische Beispiel hierfür ist der Atlantis-Mythos mit seinen starken Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte. Man betrachte nur, welche geographischen Veränderungen Atlantis durchgemacht hat. Vom Mittelmeer über den Atlantik hin zu Grönland und England im Norden, Südamerika im Westen und Westafrika im Süden. Und der Kreis schließt sich, wenn die moderne Forschung Atlantis nach Troja oder Santorin und damit zurück ins Mittelmeer verlegen will.

Ähnliches gilt für Mythen, die – im Gegensatz zum Atlantis-Mythos – in den letzten Jahrzehnten untergegangen sind bzw. massiv an Bedeutung verloren haben, aber vorher einen wilden Wechsel von Bedeutung und Inhalt hinter sich gebracht haben. Das Einhorn wäre ein Beispiel,8 ebenso der Vampir.9 Faszinierend ist auch die Geschichte des roten Planeten Mars und seiner angeblichen Bewohner. Von Kanälen könnte man da sprechen, und von dreibeinigen Todesmaschinen, von Pyramiden und Marsgesichtern …10

d. Probleme, die daraus entstehen

Wir kämpfen mit dem Phänomen, dass ältere Texte und Rituale für uns unverständlich werden, weil uns der kulturelle Hintergrund/Gefühlszusammenhang zu ihrem Verständnis fehlt. Das Weltbild ändert sich, ohne dass der an ein Weltbild gebundene Kult die Änderungen nachvollzieht.

Oftmals haben wir zwar das Gefühl, den Text eines klassischen Rituals begriffen zu haben, aber das Verstehen geschieht auf einer sprachlichen und nicht auf einer inhaltlichen Ebene (wir verstehen die Worte, nicht den Sinn). Die oben genannten Erklärungen sollten ausreichen, um diese Behauptung zu untermauern.

Ich will jetzt kurz ein paar Beispiele weltlicher und magischer Natur für die Bindung von einzelnen Begriffen an Religionen/Kulte oder magische Handlungen anführen. Und ich will zeigen, dass wir diese Begriffe zwar weiterhin verwenden (können), aber ohne die ursprüngliche Bindung zwischen Begriff und Bedeutung rekonstruieren zu können.

Weltliche Beispiele

Hierzu gehören die Bedeutung des Feuers bei den Parsen (Feuer spielt für uns schon lange nicht mehr die Rolle als Wärmespender und Waffe, die es früher gespielt hat), die magische Rolle von einzelnen Schriftzeichen (man denke nur an die Runen; durch die faktische Beseitigung des Analphabetismus in der Bevölkerung hat die Schrift überhaupt ihren magischen Charakter verloren) und Piktogrammen (ich meine nicht die „Notausgang“-Zeichen in öffentlichen Gebäuden, sondern steinzeitliche Jagdzauber an Höhlenwänden), der Verlust des „faszinierenden Gefühls“ für fremde Sprachen in Ritualen (die lateinische Messe hat ihre Ausstrahlung verloren, ebenso aber auch Texte in „unverständlichen Sprachen“ oder der Effekt des „Zungenredens“), die Naturgewalten verlieren an Bedrohlichkeit (die Wind- und Sturmgötter wie die „Wilde Jagd“ verschwinden aus unserem Bewusstsein, weil die Naturgewalten für unsere Häuser nicht mehr bedrohlich sind und daher nicht mehr beschworen und besänftigt werden müssen), bestimmte Arbeiten verschwinden aus unserem Lebenszusammenhang (der Meergott der Fischer verschwindet aus unserem Kulturzusammenhang, da der „Nährstand“ – und damit auch Fischer und Bauern – in unserem Leben nicht mehr direkt vorkommt; Pferdesegen und Schmiedezauber bleiben unverständlich, weil die entsprechenden Berufe aus unserem kulturellen Umfeld verschwunden sind), halbmenschliche/tierische Götter verlieren an Bedeutung, weil das sie inspirierende Wesen aus unserem Leben verschwunden ist (so der gehörnte Gott/Hirsch, die Katze,11 Wolf/Hund etc.) und die Priester/Magier sind nicht länger Wächter des Kalenders (daher verschwinden auch die Großkalender wie die Megalithbauten aus den Erfordernissen unserer Kultur – niemand baut mehr selbst Zeitmessgeräte und niemand wird mit religiöser Verehrung bedacht, weil er Jahreszeiten oder Mondfinsternisse vorhersagen kann!).

Der Begriff ist weiterhin da, und er steht auch weiterhin in unseren Ritualen und Texten. Aber wir verwenden ihn in anderer Bedeutung als der, in der er ursprünglich verwendet worden ist. Und daher sind wir nicht in der Lage, das ursprüngliche Ritual mit den selben Worten zu wiederholen, weil die Worte sich in ihrem Inhalt verändert haben.

Magische Beispiele

Mit „magisch“ meine ich in diesem Zusammenhang Begriffe, die eher nicht der physischen Welt unterworfen sind. Ein typischer Begriff wäre der Begriff der Seele. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat die Seele ihren Platz im Körper verloren. Unsere wissenschaftliche Sichtweise des Körpers lässt keinen Platz mehr für ein unerklärtes Organ, die Seele kann also nicht im Körper materiell existieren. Da wir Menschen aber weiterhin wissen wollen, was hinter der „letzten Grenze“ kommt, verlagern wir unsere Suche nach dem Jenseits in den Bereich der Nahtoderfahrung und verwandeln dadurch die Seele in ein „immaterielles Organ“.12

Das „kleine Volk“ wird von uns entrückt und unserem Lebenszusammenhang entrissen. Wir glauben nicht mehr daran, dass Kobolde in unserem Haus wohnen, Feen in den Büschen nisten oder Zwerge in unseren Hügeln hausen. Die nichtmenschlichen Völker, seit Jahrhunderten mythologische Partner und Freunde der Menschen, werden uns fremd.

Ebenso verschwinden die „Halbmenschen“ (Werwolf, Vampir, Satyr, Kentaur usw.) – entweder werden sie wissenschaftlich gedeutet und damit „entmystifiziert“,13 „entlarvt“14 oder aber lächerlich gemacht.

Und letztendlich bleibt die Frage, was mit jenen magischen Wesen geschah, die wir fast komplett aus unserem Bewusstsein verdrängt haben. Es sind überraschenderweise die alchemistischen Figuren, die unser wissenschaftliches 20. Jahrhundert „ausgemerzt“ hat. Wo verbergen sich Phönix, Basilisk, Greif, Einhorn und Salamander vor unseren Blicken?

e. Alternativen für die Zukunft

Wenn wir einen Verlust der Bindung von alten Bildern an magische Energie postulieren oder einfach behaupten, dass eine Veränderung der gesellschaftlichen Umstände auch in einer Veränderung der für Religion und Kult benutzten Bilder resultieren muss, so ist es unumgänglich, dass wir uns überlegen, welche Alternativen sich im Umgang mit dieser Situation bieten. Es gibt drei unterschiedliche Alternativen, die ich kurz vorstellen will.

1. Wir bleiben stur bei den alten Bildern, obwohl sie an Macht verlieren werden. Ich würde dies die „Vogel-Strauß-Politik“ nennen, weil sie die Veränderung der Umstände einfach ignoriert und die Rückkehr in ein goldenes, mythisches Zeitalter zu postulieren scheint, in dem alles gut war und Magie immer funktioniert hat.

Leider ist es so, dass die hier verwendeten Bilder weiterhin an Macht verlieren werden. Die Bindung zwischen Bild und Bedeutung wird schwächer, das Band zwischen mentaler, magischer Assoziation und weltlicher Bedeutung wird immer dünner werden, bis es eines Tages zerreißt. Und umso mehr Bänder zerreißen, umso dünner und schwächer wird der Strang, der Mythos und Kult, der Glauben und Religionsausübung, Theorie und Praxis miteinander verbindet.

Die Ausbildung von neuen Funktionsträgern ist in dieser Alternative sehr schwierig, da die verwendeten Bilder schwächer sind als „auf der Hand liegende“ Alternativen aus der Gegenwart. Potentielle Schüler werden sich – außer sie sind unheilbar romantisch … – eher für eine der anderen Alternativen entscheiden.

Die Zukunft für diese Alternative ist sehr fraglich, da sie immer in der Gefahr leben wird, konservativ statt konservierend zu arbeiten und in die volkstümelnde (faschistische?) Ecke abzurutschen.

2. Wir suchen uns völlig neue Bilder. Ich nenne dies die „coole Lösung“, weil sie immer versucht, einem magischen Zeitgeist hinterherzuhecheln, der genau einen Schritt vor uns herläuft.

Doch die hier benutzten Bilder haben eventuell nur kurzzeitig Macht; sie gelten zwar für unsere Zeit, aber nicht für die vorgehergehende Epoche und wahrscheinlich auch nicht für die folgende Epoche.

Die Ausbildung von Nachwuchs ist schwierig, da nicht garantiert werden kann, dass die Bilder noch in 50 oder gar 100 Jahren Macht besitzen. Und sicherlich kommt irgendwann im Laufe einer Ausbildung auch die Frage, wie man die Sicherheit solcher Bilder überhaupt garantieren will. Da es neue Bilder sind, deren Bedeutung erst in dieser Generation so signifikant geworden ist, dass sie für Magie eingesetzt werden können, kann man nicht aus ihrer Herkunft auf eine glorreiche Zukunft schließen. Die vom Schüler erwünschte „magische Sicherheit“ ist nicht herzustellen. Überhaupt ist hier die Mystifizierung schwierig. Man vergleiche nur den Mythos hinter klassischen/modernen Alternativen wie Strom und Stecker mit Licht und Fackel, oder Pistole und Macht mit Messer und Macht.

Natürlich ist diese Richtung sehr „hip“, aber es erinnert mich immer ein wenig an moderne Freizeit-Rollenspieler a la „Shadowrun“ oder Film-Freaks, die auch brav „Matrix“ und „Highlander“ sehen, bis sie die Dialoge mitsprechen können.15

Die Zukunft dieser Alternative ist nicht vorhanden, da sie keine Vergangenheit hat und haben will. Doch der, der außerhalb der Zeit rein im Moment leben will, wird die Vergangenheit verlieren und die Zukunft nie kennenlernen.

3. Wir „entschlacken“ die alten Bilder und versuchen herauszubekommen, was wirklich hinter den Bildern steht. Dieses gefundene „wahre Ding“ transferieren wir dann in die Gegenwart und suchen uns ein zeitgerechtes Bild. Passend zu Platons Höhlengleichnis und seiner „wahren Welt“ könnte man dies „Platons Lösung“ nennen.

Ich halte dies von den drei vorgeschlagenen Lösungen für die sinnvollste Lösung. Sie verlangt Interesse an Vergangenheit und (!) Zukunft, eine Einbindung in Traditionen und einen Ausblick in die Zukunft.

Diese Lösung macht Ausbildung möglich, obwohl hier gefundene Bilder im Einzelfall schwächer sein können als neue Bilder (siehe Alternative #2) oder alte Bilder (siehe Alternative #1). Aber im gesamten Überblick wiegen die Vorteile dieser Lösung die Nachteile gegenüber den beiden anderen Alternativen bei Weitem wieder auf.

Ich habe eben bei der Beschreibung der dafür nötigen Technik den Begriff „transferieren“ gebraucht. Ich halte diesen Transfer für einen der wichtigsten Begriffe bei der Diskussion des Zusammenhangs zwischen Magie und Religion. Wir brauchen den Transfer von Bedeutungen und Begrifflichkeiten in die Gegenwart. Aber dieser Transfer wird bei magischen Gegenständen/Gebräuchen schwierig. Er kann eigentlich nur bei Religionen funktionieren, weil hier die Überlieferungslage besser ist und der Glauben einfacher zu erlangen ist als magische Ergebnisse (hier geht es um den Widerspruch zwischen subjektiver und objektiver Erkenntnis). Mit anderen Worten: Ich brauche einen Transfer von Bedeutungen in reale Gegenstände, um für ein Ritual – nein: für Magie allgemein – eine der Gegenwart entsprechende Darstellungsform zu finden. Dieser Transfer fällt mir einfacher, wenn ich einer religiösen Umgebung entstammte, weil Religion und Glauben sowieso den Transfer von Inhalten beinhalten. Wir müssen jetzt „nur noch“ diese Transferleistung auf die Magie übertragen.

2. Zur Religion

a. Das Christentum

Es ist auch unter Heiden inzwischen unkritisch: Das Christentum ist die prägende Religion des Abendlandes, ist der Kulturträger der letzten zweitausend Jahre für Mitteleuropa. Was man auch immer über die Untaten des Christentums oder die eigenen theologischen Probleme mit dem Gotte-hochgenagelt16 haben mag, ohne das Christentum gäbe es unsere abendländische Musik nicht, unsere lateinische Schrift nicht, keine Kathedralen und keine Territorialstaaten.17 Das Christentum erklärt unsere Erziehung, färbt viele der Bilder vor, die wir für Magie und Religion benutzen und wieder für uns mit Beschlag belegen wollen. Schon allein aus diesem Grunde ist die Auseinandersetzung mit dem Christentum für unseren Glauben von Bedeutung. Viele unserer Bilder sind zwar heidnischen Ursprungs, doch christlich verbrämt. Wenn wir nicht in der Lage sind, den christlichen Anteil zu definieren, dann können wir ihn auch nicht aus den Bildern subtrahieren. Und unsere Bilder behalten dadurch einen christlichen Anteil, weil wir es eigentlich ablehnen, uns mit dem Christentum zu beschäftigen.

Das unsere Auseinandersetzung beim Gottbild (und nicht beim Kultus!) anfangen muss, dürfte klar sein. Der Kultus ist nur umgebendes Werk, ist nur Verzierung. Mit unserem Versuch, Bilder zu transzendieren, sollte nachvollziehbar sein, dass wir das hinter dem Kultus liegende Bild zu erfassen trachten. Und da landen wir beim Christentum schnell beim Gottesbild.

Die christliche Religion ist – obwohl monotheistisch – nicht monolithisch angelegt. Es gibt nicht das einzige Gottbild, sondern verschiedene, sich oft widersprechende Gottbilder. Ein Beispiel möchte ich kurz ausführen: „Daß Gott nur der All-Liebende sein kann, folgt einfach aus der Tatsache seines Schöpfertums. Wer schafft, will Leben und wer Leben will, liebt, und wenn sich das Geschöpf die Liebe des Schöpfers bewahrt, indem es sie erwidert, bleibt ihm auch der Wille und die Macht, neues Leben hervorzubringen. Die schöpferische Kausalität ist somit die Kausalität des Lebens und der Liebe.“18 Wäre dieses Bild eines entrückten Schöpfergottes für Heiden akzeptabel? Wahrscheinlich schon. Da es jedoch ein christliches Bild ist, lehnen wir es „instinktiv“ ab.

Wir verbinden viel zu oft Religion und Religionsausübung, Idee und Ausführung miteinander. Da wir als Heiden aber selten bis nie über eigene funktionierende Religionsgemeinschaften verfügen, sind wir auch schlecht auf Grund der allzu verständlichen Fehler der Gläubigen zu kritisieren (und wehe man erinnert einen Asatru ob der christlichen Zerstörungen in Südamerika an die Beutezüge der Wikinger!). Unsere diesbezügliche Kritik am Christentum greift also nicht, weil wir als Heiden selbst keine vergleichbaren Angriffsflächen aufzuweisen haben (obwohl wir sie dringend nötig hätten).

Das zweite Thema für die Auseinandersetzung mit dem Christentum ist die Magiekritik des Christentums. Das Christentum setzt die vom Christentum propagierte Menschwerdung Gottes gegen die von der Magie gelehrte Gottwerdung des Menschen.

„Die Grundhaltung des magischen Denkens ist: ‚Mein Wille geschehe‘, die Grundhaltung des religiösen Menschen aber ist: ‚Dein Wille, Herr, geschehe!‘ Es ist, als werde das Crowleysche ‚Tu, was du willst‘, das ja letztlich nur das ‚Eritis sicut Deus‘ (Ihr werdet sein wie Gott) der Schlange im Paradies rekapituliert, immer mehr zum eigentlichen Losungswort der sich vom Christentum lösenden Zeitströmungen.“19

Leider ist dies für viele (neu-)heidnische Gruppierungen wahr. Begriffe wie „Demut“ und „Glaube“ werden – wenn überhaupt – nur pervertiert wahrgenommen und benutzt. Das es eine dienende Demut geben kann, heißt nicht, dass sie zur einzigen Möglichkeit der Demut werden muss. Wer demütig ist, der ist nicht immer unterwürfig. Und wer demütig ist, der ist nicht auch automatisch schwach. Unsere Magie macht sich oft einmal an der Stärke fest, die wir zu erlangen trachten, und nicht an den Gaben, die wir als Geschenk erhalten haben oder erhalten können. Magie ist ein Geschenk, genauso wie unser Leben, die Natur, der Kosmos überhaupt. Wir müssen uns dies ab und an ins Gedächtnis zurückrufen, wenn wir leichtfertig mit dem umgehen, was uns eigentlich nur geschenkt oder geliehen worden ist!

Auch das Menschenbild des Heiden ist kritikwürdig. Unsere Götter tragen menschliche, oftmals gar allzu menschliche Züge. Sie trinken, sie lieben, sie kämpfen, sie sterben. Natürlich ist es gerade diese Menschlichkeit im Vergleich mit dem entrückten Gottessohn des Christentums, welche die heidnischen Götter interessant macht. Aber es ist nicht so, dass die Götter zu uns „herunterzogen“ werden. Oftmals erscheint es mir, dass durch diesen Kunstgriff eher die Menschen vergöttert werden sollen. „Menschen, Göttern gleich!“ könnte das Schlagwort dieser Bewegung innerhalb des Heidentums sein. Wenn die Göttlichkeit so einfach zu erreichen ist – warum soll man sich dann noch nach ihr strecken? Oder – als Gegenbewegung zur eben angedeuteten Lethargie – man versucht, selbst zum Gott zu werden und die eigene Menschlichkeit zu überwinden. Und wenn wir wirklich „so sein können wie Gott“, nehmen wir dann nicht Gott oder den Göttern seinen/ihren Raum in der Schöpfung und ersetzen ihn/sie durch einen Über-Menschen, der quasi halbgöttliche Rechte erhält? Nehmen wir nicht Gott oder den Göttern sein/ihre Sonderrolle, wenn wir sie nur zu „Menschen mit besonderen Gaben“ machen?

Der christliche Gott ist zu entrückt, doch sind uns die heidnischen Götter nicht vielleicht manchmal zu nahe?

Uns Heiden treibt manchmal eine schon als manisch zu bezeichnende ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum. Meinem Argument von vorher folgend ist es wichtig, die Grundstrukturen des Christentums (oder besser und richtiger: der vom Christentum geprägten Kultur des Abendlandes) zu verstehen. Und sei es nur, um mit Hilfe der Erfassung der Grundstruktur konsequent die christlichen Anteile aus dem heidnischen Glauben zu entfernen. Ob dies möglich ist, ohne dass wir damit auch grundsätzliche Aspekte unseres Glaubens verlieren, sei dahingestellt.

Es muss doch möglich sein, viele der Dinge, die wir als ursächlich christlich betrachten, als angenehm und/oder schön zu akzeptieren, ohne damit gleich die Hexenverfolgung, den Papst in Rom und die Eroberung Südamerikas samt gewaltsamer Missionierung der Indios zu akzeptieren. Positive Elemente des Christentums wären (ohne dass diese Auflistung irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt oder mehr sein kann als eine Liste meiner persönlichen Vorlieben) die Kathedralen, die christlichen (Blei-)Glasbilder, Choräle, Kerzen im Gottesdienst, Weihnachtskekse, der Einsatz von Weihrauch zur Reinigung/Weihung von Gebäuden und die Verwendung von Glocken zur Vertreibung der bösen Geister bzw. zur Einladung zum Gottesdienst.

Ein ganz wichtiges Element des Christentums, das wir unreflektiert übernommen haben, ist die Priestersukzession. Ausgehend von der Idee, dass sich alle Priesterweihen auf die Weihe der Apostel durch Jesus zurückverfolgen lassen, hält das Christentum die Illusion (?) aufrecht, dass alle Priesterweihen in einer ungebrochenen Reihe bis auf den Sohn Gottes selbst zurückgehen. Bei der Weihe eines neuen Priesters wird diese „Original-Salbung“ also direkt von Gott und seinem Sohn an einen neuen Priester weitergegeben.20

Dieser Ansatz ist aber nur in Religionen „interessant“, in der es einen Religionsstifter gibt, der die Religion „geoffenbart“ hat – daher der Begriff Offenbarungsreligionen für Christentum und Islam. Wir sind dieses Element der Legitimation von Priesteramt in unserer Kultur so sehr gewohnt, dass wir es (bewusst oder unbewusst) in viele heidnische Strömungen integriert haben – und das, obwohl wir uns von den Offenbarungsreligionen zu distanzieren suchen. Es scheint manchmal wichtiger zu sein, belegen zu können, welcher obskure irische Druide, welcher legendäre isländische Gode, welcher friesische Schamane oder von Gardners Stiefcousin initiierter Wiccapriester achten Grades (mit Schulterpolstern und bunten Sternen am dreifach geflochtenen Band) einen selbst initiiert und legitimiert hat, als durch Handlungen und Taten zu beweisen, dass man die Befähigung zu Priestertum, Ausbildung und/oder Heilung besitzt.

b. „Heidnische“ Adaptionen

Es ist bekannt, dass sich das Christentum u.a. heidnische, germanische Elemente zu nutze gemacht hat, um seine Verankerung in der Bevölkerung Deutschlands möglich zu machen. Natürlich sind weder unser Osterfest noch Weihnachten (samt Nikolaus) von der Ausgestaltung her christliche Feste. Es sind heidnische Feste, die mit christlichen Themen verknüpft worden sind.

Jedoch ist dieser Prozess keine Entwicklung, die nur für das Christentum typisch wäre. Auch im Heidentum wurden (und werden) Götter auf die Bedürfnisse der Kultur adaptiert:

„Der Kampf zwischen Wanen und Asen ist die Erinnerung an einen uralten, besonders in Schweden ausgefochtenen Kulturkrieg zwischen dem älteren Freysdienste und dem jüngeren, von Deutschland über Dänemark eindringenden Odinskult. Der Wanenkult ist überwiegend eine Naturreligion; die erzeugenden und dem Menschen wohltätigen Kräfte der Natur werden personifiziert und verehrt. Der Odinsdienst und Asenkult ist dagegen eine mehr anthromorphische Religion; die menschlichen Kräfte, die als die höchsten galten, d.h. die imstande waren, Macht zu erwerben, Weltherrschaft, werden hypostatisiert und verehrt.“21

Ebenso adaptieren wir Heiden Naturreligionen wie z.B. den Glauben der Indianer oder das Weltbild (und die Musikinstrumente …) der Aboriginees auf unsere Bedürfnisse. Um diese Religionen und ihr Weltbild für unsere Kultur anwenden zu können, müssen wir sie adaptieren, obwohl diese Religionen von ihrem Selbstverständnis lokal und völkisch22 für einen begrenzten Rahmen – eben den Lebensraum der entsprechenden Kultur – gedacht sind. Meiner Ansicht nach würden wir es als zumindest befremdlich empfinden, wenn Indianer oder australische Ureinwohner Asatru oder Keltoi werden wollten, isländische und irische Lieder singen, Met herstellen und nach einem mythischen Land im westlichen Meer suchen. Doch wenn diese Adaption in die Gegenrichtung stattfindet, und wir uns fremde Kulturen einverleiben, dann ist das alles schon in Ordnung. Mir scheint es so, als wollten wir Europäer uns für Jahrhunderte politischer Hegemonie dafür entschuldigen, dass wir die einst unterdrückten Kulturen „importieren“ und damit psychologische sowie religiöse Wiedergutmachung leisten.

Neben der Adaption von irdischen Mythen fremder Kulturen gibt es noch eine andere Möglichkeit, um zu versuchen, die verlorenen heidnischen Mythen zu ersetzen. Diese Möglichkeit ist die Neuschaffung von Mythen. Neben Einzel-Phänomen wie „Star Wars“ oder „Star Trek“ dürfte hier der Boom der Fantasy-Literatur23 in den letzten zwanzig Jahren gelten (immerhin ist die Zahl von Fantasy-Welten, die durch Romane erschaffen und beschrieben worden sind, inzwischen Legion), aber auch der „Siegeszug“ der Brett- und Live-Rollenspiele.

Ein Teil der literarischen Kunstmythen samt der Erschaffung neuer Welten ist als religiöser Ansatz gedacht. So findet man z.B. bei den Inklings, besonders bei Tolkien und Lewis, immer wieder starke christliche Motive. Lewis schrieb seine „Narnia“-Serie unter der klaren Prämisse, christliche Ideale in Fantasy-Motive zu verpacken. Cleverer – im Bezug auf die Verkäuflichkeit – sind da die Religions- und Kultgründungen, wie der Shaver-Mythos und Scientology/Dianetics.24

Gerade in der Heidenszene spielen moderne Kunstmythen eine große Rolle. Genannt werden könnten „Highlander“, „Star Wars“, der „Herr der Ringe“ und „Star Trek“. Die Verkaufszahlen von Fantasy und Science Fiction dürften belegen, dass ein großes Interesse an Mythen in der Bevölkerung vorhanden ist. Und auch in unserer Gesellschaft, die so viele ihrer „eigenen“ Mythen verloren hat, ist es augenfällig, dass der Wunsch der Menschen nach eben diesen Mythen durch erfundene Mythen substituiert wird.

c. Folgerungen

Im Rahmen der Aufklärung, der „Entzauberung der Welt“, ist die Verbindung zwischen Mensch und Gott zerrissen bzw. zerschnitten worden. Um so mehr Lebensumstände wir uns mit wissenschaftlichen Regeln erklären konnten, desto weniger brauchten wir Gott als erklärenden Umstand. Und das Verständnis der Regeln der Schöpfung dämpfte unser Interesse an dem Sinn der Schöpfung. Zu spät haben wir erkannt, dass wir zwar die Grundlagen der menschlichen Entwicklung wissenschaftlich erklären können, doch nicht den Sinn der Erschaffung von intelligenten Wesen in unserem Sonnensystem. Es ist eben doch noch Raum für den Schöpfer in der wissenschaftlichen Gleichung.

Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten viel gelernt. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, wo das Lernen alleine uns nicht mehr glücklich macht und das Fühlen seinen Platz zurückerhalten muss. Stirn und Hand, das ist das Motto unserer Zeit. Doch das Herz, das ach so schmerzhaft nach Antworten auf uralte Fragen stöhnt, muss auch befriedet werden.

Die Bedeutung von Kult, Gebet, Gottesdienst und Opfer ist verloren. Diese Begriffe sind aus unserem täglichen Leben verschwunden. Aber der Bedarf danach ist noch vorhanden. Wir brauchen Mythen, weil wir zusätzlich zur rationalen Erklärung der Welt einer irrationalen Erklärung bedürfen! Die Magie erfüllt diesen Wunsch nach Irrationalität.

Ich habe aufzuzeigen versucht, dass es die Transzendenz ist, welche uns die Magie ermöglicht, die uns auch wieder an die Religion bindet. Doch das Erkennen dieser Transzendenz ist eine reine Geistesleistung, kein Ergebnis eines religiösen Fühlens und Sehnens, das uns nach Gott verlangen lässt. Doch nicht nur unser Geist bindet uns an Gott – ebenso sind wir mit Gott über Herz und Seele verbunden. Die Wissenschaft beantwortet die Fragen unseres Verstandes, doch bei der Beantwortung der Fragen unserer Seele hat sie kläglich versagt. Wir Heiden sind auch alle Kinder der wissenschaftlichen Aufklärung, doch wir haben uns jenen Zauber erhalten, der uns immer wieder fragen lässt, warum die Sterne am Himmel leuchten und warum uns Gott mit Gefühlen versehen hat. Wir sind Kinder der Wissenschaft, aber Enkel der Magie. Und alles stammt von Gott.

Beenden will ich diesen Text mit den Aussagen über Religion von jemanden, der dies wesentlich schöner formuliert hat, als ich es werde je formulieren können: Thomas Morus.

„Von den religiösen Anschauungen der Utopier. Die religiösen Anschauungen sind nicht nur über die ganze Insel hin, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die einen die Sonne, andere den Mond, die einen diesen, die anderen jenen Planeten als Gottheit verehren. Es gibt Gläubige, denen irgendein Mensch, der in der Vorzeit durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht nur als ein Gott, sondern sogar als die höchste Gottheit gilt. Aber der größte und weitaus vernünftigste Teil des Volkes glaubt an nichts von alledem, sondern nur an einziges, unbekanntes, ewiges, unendliches, unbegreifliches göttliches Wesen, das die Fassungskraft des menschlichen Geistes übersteigt und durch dieses gesamte Weltall ergossen ist, als wirkende Kraft, nicht als materielle Masse; ihn nennen sie Vater. Ihm allein, sagen sie, dient Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ausgang aller Dinge zum Wohlgefallen, und keinem anderen außer ihm erwiesen sie göttliche Ehren.“25

Verwendete Literatur

  • Abret, Helga & Lucian Boia „Das Jahrhundert der Marsianer“, München (Heyne), 1984
  • Ash, Brian „Fringe Cults“ in ders. (Hrsg.) „The Visual Encyclopedia of Science Fiction“, London (Harmony Books), 1977
  • Beer, Rüdiger Robert „Einhorn. Fabelwelt und Wirklichkeit“, München (Verlag Georg D. W. Callwey), 1972
  • Borrmann, Norbert „Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit“, München (Eugen Diederichs Verlag), 1998
  • Derlon, Pierre „Die Gärten der Einweihung“, München (Heyne) 1997
  • Fritsche, Herbert „Der große Holunderbaum“, Göttingen (Burgdorf), 1982
  • Haubold, Dietrich „Phantasie zwischen Schein und Wirklichkeit – aufgezeigt in Bildern aus Religion und Mythologie“ in Gaisbauer, Gustav (Hrsg.) „Der Zweite Kongreß der Phantasie“, Passau (Erster Deutscher Fantasy Club e.V.), 1989
  • Hermann, Paul „Nordische Mythologie“, Berlin (Aufbau Taschenbuch Verlag), 1992
  • Howe, Ellic „Uranias Kinder. Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich“, Weinheim (Beltz Athenäum Verlag), 1995
  • Morus, Thomas „Utopia“, Stuttgart (Reclam), 1964
  • Reisner, Erwin „Der Dämon und sein Bild“, Berlin (Suhrkamp), 1947
  • Ruppert, Hans-Jürgen „Die Hexen kommen“, Wiesbaden (coprint Verlag), 1987
  • Thuja, Aleke „Dem Einhorn auf der Spur“, München (Knaur), 1988
  • Wendorff, Rudolf „Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa“, Opladen (Westdeutscher Verlag), 1985

Endnoten

1 Derlon, S. 148

2 Ein gutes Beispiel sind die Märchen der Gebrüder Grimm.

3 Der Blutschwur (samt Blutdolch) der SS hat diesen Begriff für die nächsten zweihundert Jahre in unserer Arbeit unbenutzbar gemacht.

4 Eine These, die u.a. von Wendorff in Bezug auf die Utopie vehement vertreten wird.

5 Die „fliegenden Untertassen“ verweisen doch sehr schön auf die Untertassen voller Milch, die man früher den Kobolden hinausstellte, oder?

6 Howe, S. 29

7 ebenda

8 Ich verweise auf „Dem Einhorn auf der Spur“ von Thuja mit dem schönen Untertitel „Zur Kulturgeschichte eines Mythos“ und auf „Einhorn“ von Beer.

9 Vgl. „Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit“ von Borrmann.

10 Vgl. „Das Jahrhundert der Marsianer“ von Abret & Boia, eine literaturgeschichtliche Betrachtung der unterschiedlichen Beschreibungen des Mars und seiner möglichen Bewohner.

11 Die Katze hat in der Verbindung mit Wicca und/oder der ägyptischen Gottheit Bast noch in mystischen „Rückzugsgebieten“ überlebt.

12 Und es sind wieder die Mediziner, die uns auf der Suche nach der Seele Antworten geben sollen, nicht die Mystiker …

13 Man denke nur an die Suche nach dem Yeti.

14 Der Vampir-Mythos wurde inzwischen so oft „erklärt“, dass eine Aufzählung müßig ist.

15 Ja, ich gebe zu, dass ich das überspitzt formuliert habe, um eine Diskussion zu erzwingen, die ich für notwendig halte.

16 Ich meine Jesus und nicht Odin.

17 Ich verkneife mir hier den Hinweis auf Römer und Israel, der sich einem – nach dem Studium vieler humoristischer Filme – aufzudrängen scheint.

18 Reisner, S. 94 f.

19 Ruppert „Die Hexen kommen“, S. 71. Identisch in der Argumentation auch Fritsche, S. 41: „Nicht eindringlich genug kann dem Erwachenden gesagt werden, daß er Geschöpf ist. Jeder Gedanke des Gott-Gleichseins stammt vom Fürsten der Finsternis.“

20 Wer einmal eine christliche Priesterweihe miterlebt hat, der weiß, welche Emotionen diese Verbindung im Moment der Weihe bei Teilnehmern und Zuschauern hervorrufen kann!

21 Hermann, S. 169

22 Nein, ich meine das nicht faschistisch!

23 Haubold, S. 77spricht sogar von Fantasy als „protoreligiöser Literatur“.

24 Siehe Ash „Fringe Cults“.

25 Morus, S. 133.

Erschienen 2008 in Herdfeuer 22