Der Mythos der Friesen

von Gunivortus Goos

Aus archäologischen Forschungen in den letzten Jahren, z.B. bei Wijnaldum in der niederländischen Provinz Friesland, ergibt sich, dass die heutigen Friesen gar keine Friesen sind. Viele Friesen heutzutage meinen, sie seien Nachkommen jener Friesen, die vor über zweitausend Jahren die Warften entlang der Nordseeküste aufwarfen. Welche fremden Herrscher, wie viele Angriffe von außen und Völkerwanderungen es in den letzten Jahrtausenden auch gegeben hätte, die Friesen seien stur auf ihren Warften geblieben, von der Frühgeschichte bis heute, und hätten für ihre Freiheit gekämpft. Weder das Meer noch fremde Eroberer hätten das dauerhaft ändern können.

Diese romantische Idee wird oftmals „Das Dogma des unberührten Fortbestehens des Friesenstammes“ genannt. Sie hat sich in den vergangenen Jahrhunderten aufgrund der archäologischen Funde in den Warften und den Erwähnungen der Friesen in historischen Schriften, wie denen des römischen Historikers Tacitus, gebildet.

Aber vor etwa einem Jahrhundert wurde diese Suppe versalzen. Der friesische Archäologe und Jurist Pieter Boeles behauptete schon 1906 aufgrund von Warftfunden, dass es nach der Römerzeit eine sächsisch-jütische Invasion in Friesland gegeben habe. Er geriet dadurch unter schweren Beschuss. Dieser nahm auch nicht ab, als er seine Behauptung etwas anpasste und meinte, die jütischen und sächsischen Fremdherrscher hätten sich mit den wenigen verbliebenen Friesen vermischt und der Mischstamm habe sich dann auch Friesen genannt. Viele friesische Forscher haben seitdem vergeblich versucht zu beweisen, dass Boelens Auffassung falsch war, stellt der niederländische Forscher Jos Bazelmans fest.

Bis heute halten die Friesen an der Idee fest, dass seit der Frühgeschichte ununterbrochen Friesen auf und bei den Warften wohnten. Sowohl Bazelmans als auch Archäologie-Kollegen machen kurzen Prozess mit dieser Auffassung: Sogar in einer homöopathischen Verdünnung (wie noch 1996 in einer Doktorarbeit behauptet) haben die ursprünglichen Friesen die Völkerwanderung nicht überlebt, jedenfalls nicht in Friesland. 

Aufgrund neuer Forschungen meinen Archäologen jetzt, dass das Warftengebiet während der großen Völkerwanderung (4. und 5. Jahrhundert) entvölkert wurde. Etwa hundert Jahre später bevölkerten neue Bewohner Friesland, aber diese frühmitteralterlichen Friesen waren Angeln und Jüten. Dass sie ab dem 7. Jahrhundert doch wieder als Friesen bezeichnet wurden – nachdem es etwa drei Jahrhunderte lang keine schriftlichen Zeugnisse über Friesen gab – kommt nach Bazelmans daher, dass die Franken, die ihre Klassiker kannten, das Gebiet an der Nordsee nach römischem Beispiel Frisia nannten; die Menschen – eine Mischung aus verschiedenen Stämmen – die dort wohnten, wurden dadurch zu Friesen.

Nachtrag:

Inzwischen gibt es die Annahme, dass es keine völlige Entvölkerung gegeben haben soll, und während und nach der sächsisch-jütischen Invasion (es wird hier auch von Angelsachsen gesprochen) sollen Nachkommen zuvor weggezogener Friesen zurückgekehrt sein. Das könnte auf eine sächsisch-jütisch-friesische Mischbevölkerung hinweisen.

Quelle:

‚Het laat-romeinse bewoningshiaat in het Nederlandse kustgebied en het voortbestaan van de Friezennaam‘ van dr. J.G.A. Bazelmans in: De jaarverslagen van de terpenvereniging.