Das Primat des Göttlichen

von Hermann Ritter

Der Mensch wird mit der Geburt in die Schöpfung hineingeworfen. Er beginnt sein Leben ohne Anleitung und ohne Regeln zum Umgang mit den Kräften, welche die Welt bestimmen. Im Laufe seines Lebens eignet sich der Mensch die Regeln an, die er zur Bewältigung seiner Existenz braucht.

Zwei Quellen sind es, aus der wir Regeln schöpfen: die eigene Erfahrung und Dinge, die wir lernen. Beide Quellen stehen in Verbindung, doch begreifen wir ihr Wirken oft als getrennt.

Weiter teilen wir diese Regeln in einen materiellen und einen immateriellen Bereich. Der materielle Bereich wird z.B. durch die Naturwissenschaft repräsentiert, der immaterielle Bereich z.B. durch Religion und Magie, aber auch Philosophie und Geschichtswissenschaft.

Erfahrungen im materiellen Bereich Gelerntes im materiellen Bereich
Erfahrungen im immateriellen Bereich Gelerntes im immateriellen Bereich

Noch einmal: Wir beginnen unser Leben ohne die Übergabe eines Regelwerks durch eine höhere Instanz. Auch der Beginn der menschlichen Zivilisation muss ohne eine Erstverkündung durch irgendwelche höheren Wesen auskommen. Stattdessen übernimmt es die Kultur, in der wir aufwachsen, uns Regeln zu vermitteln. Wir übernehmen die Verifizierung dieser Regeln am eigenen Erleben. (So ist die Schwerkraft eine Regel, die wir immer wieder ohne Probleme überprüfen können …)

Die Regeln, denen wir folgen, sind also eine Kombination, eine Mixtur aus kulturellen Vorgaben und eigenem Erleben. Keines von beiden ruht auf objektiven Grundlagen, keines von beiden wird erkennbar aus einer göttlichen Ebene oder ähnlicher Instanz gespeist.

Die Folgerung, die man daraus ziehen sollte, ist einfach: Es darf keine unumstößlichen oder undiskutierbaren Regeln geben, weil es keine objektiven, allgemein vermittelten Regeln gibt.

Trotzdem verfügen wir über Regeln, die unser Leben leiten. Doch was sind das für Regeln? Regeln sind – gerade im Bereich der Naturwissenschaften – Vereinbarungen aufgrund des Versuchs, Effekte, Ereignisse etc. auf einfache Regeln zurückzuführen. Die Erklärung der Phänomene (die Bewegung der Planeten, die Schwerkraft) folgt „Ockham’s Razor“ – das „Rasiermesser“ fordert möglichst einfache Erklärungen.

Diese im materiellen Bereich wirksame Technik wird im immateriellen Bereich genauso angewandt. Bei der Betrachtung dieser immateriellen Seite müssen wir jedoch bedenken, dass das Immaterielle mehr als die klassisch vom Heidentum abgedeckten Bereiche Religion und Magie umfasst. Ich will mich trotzdem auf jene beiden Bereiche beschränken.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Regeln vermittelt zu bekommen: aktiv und passiv. Ich will – unabhängig von möglichen Mischformen – Beispiele für diese aktive und passive Vermittlung aufzeigen.

Die aktive Vermittlung wäre die Schulausbildung, in der Fakten und Regeln zusammen vermittelt werden. Ein Beispiel für die passive Vermittlung ist die gesellschaftliche Weitergabe von Tabus. Tabus erzeugen Regeln, ohne sie zu erklären. Auch das klassische „So etwas tut man nicht!“ ist eine Art Tabu, weil hier eine Regel vorgeführt, aber nicht erklärt wird.

Unser Problem als Heiden ist jedoch nicht die passive Vermittlung. In ihr schwingen – wenn auch oft mystisch verblümt – Erinnerungen an eine heidnisch-mystische Weltsicht mit (Beispiele sind z.B. der Kult um die „heiligen drei Könige“, das Hufeisen als Glücksbringer, das „toi-toi-toi“, die Räucherung von heiligen Stätten mit Weihrauch etc.).

Die Schwierigkeiten tauchen in dem Bereich der aktiven Vermittlung von Regeln auf (z.B. beim Schulfach Religion). Hier sollte unser Wunsch nach Veränderung dahingehend wirken, dass die „unumstößlichen“ oder „undiskutierbaren“ Regeln, welche von den diesen Bereich dominierenden gesellschaftlichen Gruppen stammen, durch Alternativen flankiert werden. Wahlfreiheit und Zensur schließen sich gegenseitig aus!

Aber es macht keinen Sinn, jetzt den Versuch zu unternehmen, dies auf allen Ebenen zugleich zu wiederholen. Durch das Anrennen gegen bestimmte Gruppen von Regeln – jenen Bereich nämlich, welcher das streift, was wir „heilig“ oder „mystisch“ nennen – kommt es dort zu obskuren Bündnissen im Esoterik-Bereich. Freunde freier Energien, UFO-Kontaktler, Revisionisten, Atlanter, Magier und Heiden treffen sich in einem Topf wieder, in den zumindest die Heiden so weiß Gott nicht wollen.

Unter anderem deswegen sollte man sich auf Bereiche konzentrieren, in denen man als Heide bessere Alternativen anbieten kann. Dieser Bereich umfasst meiner Ansicht nach Religion (Kult) und Magie. Die Erstellung daraus folgender Regeln resultiert in den beiden Hauptaufgaben dieser Themen: Der Vermittlung (und Suche) nach Sinn und der Vermittlung (und Suche) nach Beziehungen zwischen den Dingen.

Sinnstiftung geschieht durch Religion. Die Verantwortung der heidnischen Religion steht hier in Konkurrenz zur staatlichen (mit-)organisierten Sinnvermittlung der christlichen Kirche. Heiden müssen Sinn stiften und Alternativen bieten. Dabei muss man sich – die geringen gesellschaftlichen Kräfte des Heidentums in Deutschland eingedenk – auf Bereiche konzentrieren, in denen ein Engagement nötig (!) ist.

Sinnvermittlung, ja Sinnstiftung ist nötig zu heiligen Terminen (Geburt, Volljährigkeit [„Geschlechtsreife“, „Mannbarkeit“], Ehe, Tod; zur Priesterweihe und zu den Festterminen im Jahreslauf), aber auch zu existentiellen Fragen (Tod und Krankheit, aber auch Familienplanung und Beruf) und kultischen Fragen („Leben im Mythos“).

Aber Vorsicht: Im Gegensatz zum Kultischen, das bei den christlichen Kirchen sehr ausgearbeitet ist, steht bei Heiden meiner Ansicht nach das Primat des Göttlichen im Vordergrund. Die (Wieder-)Belebung heidnischer Religionen muss zuerst das Wesen der Gottheiten, ihren anderen „Charakter“ klar machen. Der „Boom“ des Heidentums im 20. Jahrhundert begann nicht in einem vom Christentum unterschiedenen Kultus, sondern in der Erarbeitung bzw. Wiederbelebung anderer religiöser Grundlagen, die wiederum ein anderes Menschen- und Naturverständnis als die christlichen Kirchen propagierten. Der Aufbau dieser neuen Religion erfolgte von oben, nicht von unten her – obwohl in diesem Fall das Fundament des Glaubens jener Teil ist, der eigentlich am höchsten angesiedelt ist (im „innersten Bezirk“ der Heiligkeit …).

Magie steht für die Erfassung und Nutzung der (Ver-)Bindungen zwischen den Dingen. Die Kräfte, welche alles verbinden, will der Magier nutzen. Um sie zu nutzen, muss er zwischen sich als Wirkendem und dem zu bezaubernden Wesen oder Ding eine Verbindung schaffen. Verbindung verlangt Bindung, Bindung bedingt Verbindung. Bindungen schaffen auch Muster und stiften Sinn.

Das Weben, das Knüpfen sind klassische Bilder der Magie – nicht nur das Schicksal wird gewoben, bildet einen Teppich, sondern der Zaubernde verknüpft unterschiedliche Fäden zu einem Bild, das vorher nur in seiner Phantasie existiert hat.

Während die heidnische Religion mit den christlichen Kirchen um Gelände kämpft, streitet sich die Magie meist mit den Sozial- und Geisteswissenschaften um das selbe Terrain.

Aus der Situation als „unterlegene Richtung“ kann das Heidentum Fehler der großen Religionen aufzeigen, selbst vermeiden und Alternativen anbieten. Doch auch hier gilt, dass Macht korrumpiert – wenn das Heidentum die gesellschaftlich bestimmende Religion wäre, dann wären die Rollen in Bezug auf die „blinden Flecken“ wahrscheinlich anders verteilt. Die Gestaltungsmöglichkeiten, welche sich aus „Sinn“ und „Glauben“ ergeben, müssen durch unsere Möglichkeiten (Zeit, Personal, Ressourcen) auf das Mögliche und Gewünschte eingeschränkt werden.

Zwei Fragen sind es, die klären helfen sollen, welche Gestaltungsmöglichkeiten man ergreift.

1. Man sollte Themen gestalten, die einem als Heide wichtig sind.

2. Man sollte Themen gestalten, in denen nach dem Abwiegen der eigenen Ressourcen und der zu erwartenden Widerstandes eine Alternative Sinn macht.

Nur wenn beide Fragen mit „ja“ beantwortet werden, macht es Sinn, Energie einzusetzen.

Zu 1. Was ist wichtig? Das entscheidende Element ist für mich erneut die Frage nach dem Mythos (unter Berücksichtigung der Grundannahme eines „Primats des Göttlichen“). Ich muss mir überlegen, was ich glaube, muss den Dingen im Himmel und unter der Erde Namen und Titel geben, um mit ihnen kommunizieren zu können (der händeringende Ruf an die namenlosen Götter ist uns Menschen weniger nahe als das Gebet an den namenstragenden Gott).

Handelt es sich um ein bekanntes Pantheon (z.B. den nordischen oder griechischen Götterhimmel)? Ist es der Mythos von Göttin und Gott im Jahreslauf? Gibt es eine Vorhersage für die Zukunft, einen Zeithorizont (z.B. den Untergang der Welt in einem Ragnarök oder ein kommendes Zeitalter?). Welche Punkte des Mythos sind wichtig, welche sind weniger wichtig? Wie korrespondieren Punkte des Mythos mit möglichen Festen und Festterminen?

Ein Mythos muss kein zusammenhängendes Relikt sein, er kann auch aus einem Sagen- und Märchen-Konvulat bestehen (als Quellen sind hier z.B. Tolkien, Andersen, die Gebrüder Grimm, aber auch Hauff denkbar – wobei man sich die Frage stellen könnte, ob sich manche modernen Hexentraditionen nicht sowieso aus einem Fantasy-Phantastik-Mix „nähren“).

Die im Heidnischen geschilderte Göttlichkeit ist von den monotheistischen Religionen geschieden. Es gibt im Heidentum keine einzelne (Erst-)Vermittlung von Religion durch Einzelne (Religionsstifter), keinen Alleinvertretungsanspruch, dafür eine Koppelung des Mythos an einen lebendigen und beeinflussbaren Kult(us). Der veränderliche Kultus als „Inneres“ der Religion muss aber auch durch eine flexible Gestaltung des „Äußeren“ flankiert werden. Um es etwas plump auszudrücken: Wenn ich den Mythos verändere, muss ich auch die Feste verändern.

Zu 2. Man sollte Alternativen nicht mit kleinen Entwürfen zeichnen, sondern mit großen, kraftvollen Strichen einen Rahmen vorgeben, in dem die Veränderung stattfinden soll. Es macht nichts, wenn dieses Bild unfertig erscheint – weil das ist es ja auch. Aber es ist einfacher, erst mit groben Strichen Glauben und Mythos zu skizzieren, bevor man an die Ausarbeitung der Details geht. Es macht wenig Sinn, erst die Farbe der Zotteln am Mantel der Priester zu definieren, bevor man sich über Charakter, Namen und Hintergrund der verehrten Gottheit einig ist. Wir wachsen als Heiden nicht in einer heidnischen Gesellschaft auf, sondern wir wählen als Erwachsene. Wir sollten diese Wahlfreiheit auch nutzen, um mit Verstand zu wählen und zu entscheiden.

Ich glaube weiterhin, dass die richtige Kombination der Entwurf des Göttlichen samt einer Anknüpfung an die heiligen Termine, existentiellen und kultischen Fragen ist. Bei diesen Punkten dürfte klar sein, dass sie von eigener, persönlicher Bedeutung sind. Ich hoffe darauf, dass durch das Anbieten von Alternativen in lebenswichtigen Fragen die verändernden, heilsamen Kräfte des Heidentums, der Magie am ehesten zum Einsatz kommen.

Und noch etwas: Auch wenn die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um alles zu gestalten – Bündnisse machen nicht immer Sinn. Der Heide sollte aufhören, um jeden Preis Bündnisse zu schließen und sich auf das konzentrieren, was realistisch zu erreichen ist. Das Unmögliche zu fordern bleibt weiterhin Programm, aber das Unmögliche beginnt mit dem ersten Schritt.

Erschienen 2007 in Herdfeuer 18