Geschichte der Runen

von Christian Bartel

Die Runen sind Schriftzeichen, unserem Alphabet nicht unähnlich, die in Nordeuropa vom 1. Jahrhundert bis weit ins Mittelalter hinein benutzt wurden.

Neben ihrer Funktion als reine Schrift dienten die Runen auch als ein System von Symbolen zur Magie und Wahrsagerei (Divination). Als allgemeines Schriftsystem verschwanden die Runen im heutigen Deutschland mit der Christianisierung, und es setzte sich mehr und mehr die lateinische Schrift durch. Die Bedeutung der Runen und ihre Formen blieben uns aber in Inschriften und Manuskripten erhalten.

Die wesentliche Charakteristik, die die Runen von dem lateinischen Alphabet unterscheidet, ist die, dass jede Rune nicht nur einen phonetischen Wert hat, sondern auch eine Bedeutung. So steht die Rune Fehu nicht nur für den Laut F, sondern auch für das Wort „Vieh“. An diesen Benennungen wird ihre magische und divinatorische Bedeutung festgemacht. So kann Fehu im übertragenen Sinne dann für Reichtum stehen.

Heute sind die Runen als symbolisches System wieder entdeckt worden und als Orakel sehr populär. Sie sind aber wesentlich mehr als eine außergewöhnliche Version der Tarotkarten. Sie sind ein Schlüssel zum Leben und Glauben der Menschen zur damaligen Zeit und lehren uns viel über die Lebensweise der Menschen, die sie geschaffen haben. Menschen, deren Leben direkter mit der Natur und ihren Geistern verbunden waren, als wir es heute sind.

Geschichte und Herkunft der Runen

Wir wissen heute, dass die Runen zwei verschiedene Quellen haben, eine „magische“ und eine „schriftliche“. Prä-runische Symbole (hällristningar) aus der Bronzezeit sind sind als Steininschriften vor allem in Schweden gefunden worden. Einige dieser Symbole kann man ohne weiteres als spätere Runen erkennen, während andere nur das Konzept oder die Idee einer späteren Rune wiedergeben. Die genaue Bedeutung dieser alten Zeichen ist uns nicht mehr bekannt, ebenso wenig wie ihr Zweck. Man geht aber davon aus, dass sie zum Orakel und zur Magie genutzt wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie zur magischen Funktion der Runen beigetragen haben.

Über die genaue Herkunft der Runen gibt es unterschiedliche fachliche Meinungen (und Diskussionen). Es gibt die Ansicht, dass die Runen auf den griechisch/lateinischen Buchstaben beruhen, aber historische sowie archäologische Erwägungen setzen den Ursprung in norditalischen Schriftsystemen an. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Alphabeten, ihre Ausrichtung und Form ist zu groß, um ignoriert zu werden. Dieser Ursprung würde auch erklären, wieso die Runen dem lateinischen Alphabet ähneln, da beide Schriften ihren Ursprung im Etrusikischen haben. Die Theorie würde das Futhark (das runische Alphabet) vor dem ersten Jahrhundert ansetzen. Aus linguisitischer und phonetischer Sicht ergibt sich ein etwas früheres Datum: ca. 200 vor Christus.

In der Zeit, als die nordischen Völker die Schriftzeichen übernahmen und sie zu ihrem System umformten, gaben sie den Zeichen Namen, die sich auf Aspekte ihres täglichen Lebens bezogen. Dadurch transformierten sie die einfachen Piktogramme in ein magisches Alphabet, welches zur Magie und Divination benutzt werden konnte.

Der Name „Futhark“ ist ähnlich aufgebaut wie „Alphabet“, er besteht aus den ersten Buchstaben der Schriftreihe, die sich erheblich von der lateinischen unterscheidet. Das Futhark bestand ursprünglich aus 24 Zeichen, die mit dem F begannen und mit O endeten. Diese Runen sind als das „Ältere Futhark“ bekannt.

Etwa im fünten Jahrhundert n. Chr. änderten sich die Runen – zuerst in Friesland. Zu dieser Zeit fielen die Angelsachsen in Britannien ein und ähnliche Runen traten zum ersten Mal auf der Insel auf. Die Formen einiger Runen änderten sich, besonders A/O, C/K, H, J, S, Ng. Eine Änderung der Sprache fügte zwischen fünf und neun zusätzliche Zeichen ein, damit das Alphabet die neuen Laute darstellen konnte. Dieses Alphabet wird „Anglo-Saxon Futhark“ genannt.

In Skandinavien blieb das ältere Futhark bis ins 8. Jahrhundert in Gebrauch. Zu der Zeit änderte sich die Sprache und auch hier wurden die Runen angepasst, um die neuen Laute darzustellen. Allerdings reduzierte das „Jüngere Futhark“ die Runen von 24 auf 16 und einige Runen standen nun für mehrere Laute. Die Form der Runen wurde ebenso geändert und vereinfacht. Dieses Alphabet brachte mehrere Variationen hervor, meistens länderspezifisch. Dieses Alphabet kam dann auch nach Island und Grönland.

Die Wiederauferstehung

Die Runen – in erster Linie die jüngere Form – blieben in Skandinavien bis weit in die Neuzeit hinein in Gebrauch. Dabei fanden sie vielfältige Verwendung, von Münzen bis hin zu Sargverzierungen, in einigen Fällen waren sie sogar durch die Kirche sanktioniert. Vielfach kannte auch das normale Volk einfache Runensprüche und die Runen wurden bei bestimmten Fragen zur Hilfe gezogen. 1639 verbot die Kirche in Skandinavien jedwede magische Kunst, um „das Böse aus Europa zu treiben“. Das Wissen der Runenkundigen ging verloren. Ende des 19. Jahrhunderts kam es nicht nur zur Entwicklung der wissenschaftlichen Runenkunde, sondern sie wurden auch von der völkischen Bewegung wiederentdeckt, hier vor allem durch Guido List. Die von ihm in einer Vision „erschauten“ 18 Symbole haben allerdings nichts mit den historischen Runen gemeinsam, sondern waren ein reines Phantasieprodukt, das keinerlei historische Grundlage aufweisen kann und zudem ganz der rassistischen Ausrichtung seiner „Ariosophie“ verbunden war. Diese fälschlich als Runen bezeichnete Symbolreihe wird heute nur noch von zweifelhaften Gruppen und esoterischen Scharlatanen verwendet.

Nach dem zweiten Weltkrieg war zunächst alles „Germanische“ tabuisiert, erst mit dem Aufkommen der New-Age-Bewegung und des Esoterik-Booms seit Beginn der 1980er Jahre gab es eine abermalige Wiederauferstehung der Runen, nachdem sie zuvor so pervertiert worden waren.